Titelbild izpb "Regieren jenseits des Nationalstaats"
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Finanzen


15.4.2015
Finanzmärkte sind heute der Inbegriff der Globalisierung und haben – wenn sie funktionieren – eine wichtige Rolle für die internationale Wirtschaft. Gleichzeitig verstärkt die enge Vernetzung des Finanzsektors die Anfälligkeit für Krisen von globaler Auswirkung. Allgemein gültige Regeln aufzustellen erweist sich aber als schwierig, da die Länder im Wettbewerb um die Kapitalzuflüsse stehen.

Eng vernetzt reagieren Finanzmärkte äußerst empfindlich auf wechselnde Nachrichten und beeinflussen sich gegenseitig. Die Erleichterung grenzüberschreitender Finanzgeschäfte ist eine Folge politischer Entscheidungen. Parkettraum der weltweit wichtigsten Wertpapierbörse, der New York Stock Exchange 2014Eng vernetzt reagieren Finanzmärkte äußerst empfindlich auf wechselnde Nachrichten und beeinflussen sich gegenseitig. Die Erleichterung grenzüberschreitender Finanzgeschäfte ist eine Folge politischer Entscheidungen. Parkettraum der weltweit wichtigsten Wertpapierbörse, der New York Stock Exchange 2014 (© Spencer Platt / Getty Images)

Gut funktionierende Finanzmärkte erfüllen wichtige Aufgaben für eine Gesellschaft: So wollen manche Menschen für die Zukunft sparen, während andere jetzt Geld brauchen, um etwas für die Zukunft aufzubauen – wie etwa ein Unternehmer, der in neue Maschinen investiert. Finanzmärkte sollen Ersparnis und Investitionsbedarf zusammenbringen. Zudem erbringen sie wichtige Aufgaben bei der Informationsverarbeitung: So kann zum Beispiel eine Bank meist besser beurteilen als ein einzelner Sparer, welches Unternehmen einen Kredit in Zukunft auch zurückzahlen kann. Und Finanzmärkte ermöglichen es, Risiken zu übertragen – etwa, wenn eine Lebensversicherung das Risiko eines frühzeitigen Todes absichert, weil eine Versicherung mit sehr vielen Verträgen darauf setzen kann, dass sich zufällige Unterschiede ausgleichen.

In einer immer stärker vernetzten Welt gibt es für all diese Aufgaben auch einen grenzüberschreitenden Bedarf: Schwellenländer, die wirtschaftlich gerade erst aufholen, benötigen viele Investitionen; Industrieländer, die einer alternden Bevölkerung gegenüberstehen, haben ein Interesse daran zu sparen. Und Privatpersonen wie Unternehmen können davon profitieren, wenn sich gegenläufige Risiken auf der ganzen Welt ausgleichen – so sind zum Beispiel Aktienfonds, die weltweit investieren, oft weniger schwankungsanfällig als Fonds, die nur in einem Land anlegen, weil sie weniger stark von einzelnen lokalen oder regionalen Krisen getroffen werden.

Tatsächlich sind die Finanzmärkte inzwischen geradezu ein Inbegriff der Globalisierung geworden: Aktien, Anleihen, Währungen und Rohstoffe werden weltweit rund um die Uhr gehandelt. Große Finanzunternehmen – wie die US-amerikanische Bank JPMorgan Chase, die Deutsche Bank oder der Versicherungskonzern Allianz – sind weltweit präsent. Nachrichten aus irgendeinem Teil der Erde können sofort die Kurse an allen wichtigen globalen Handelsplätzen beeinflussen. Und deutsche Anleger kaufen ganz selbstverständlich zum Beispiel amerikanische Fonds, die dann in Korea oder Südafrika investieren. Das Volumen der weltweiten Finanzgeschäfte ist kaum noch überschaubar und übertrifft den Welthandel um ein Vielfaches.

Integration der Finanzmärkte als politisches Projekt



Diese Entwicklung ist jedoch keineswegs selbstverständlich – und auch nicht einfach nur eine Folge der technologischen Neuerungen, die den weltweiten Informationsfluss stark beschleunigt haben. Staaten können grenzüberschreitende Finanzgeschäfte sehr stark einschränken, wenn sie das wollen – und tun dies zum Teil auch noch. So war es in vielen Ländern lange Zeit überhaupt nicht selbstverständlich, dass man sein Geld einfach in die Währung eines anderen Landes umtauschen durfte (Konvertibilität), und etwa in China ist das noch heute nur beschränkt möglich. Ebenso haben Staaten oft die Möglichkeit eingeschränkt, Geld ins Ausland zu übertragen oder dort einen Kredit aufzunehmen. Finanzinstitute können nur deshalb heute als globale Akteure auftreten, weil eine Vielzahl von Regeln, die ihnen Geschäfte in anderen Staaten verboten oder behindert haben, nach und nach abgebaut wurden. Die heutige globale Finanzwelt basiert also auch auf politischen Entscheidungen zugunsten einer Integration der Finanzmärkte.

Dabei haben sich viele Staaten jedoch weiterhin einen erheblichen Handlungsspielraum gesichert: Die Entscheidungen zur Globalisierung des Finanzsektors sind in vielen Bereichen deutlich weniger verbindlich abgesichert als etwa im Bereich des Handels. Es gibt im Finanzbereich keine mit der Welthandelsorganisation vergleichbare zentrale internationale Institution, die ein umfassendes Regelwerk aufgestellt hat und ein Streitschlichtungssystem zur Durchsetzung bereitstellt. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat die Aufgabe, bestimmte grundlegende Regelungen in den Finanzbeziehungen zwischen seinen Mitgliedern zu überwachen. Er kann aber keine Vorgaben etwa zu dem Ausmaß an grenzüberschreitenden Bankgeschäften machen, die ein Staat zulässt. Dennoch haben die vergangenen Jahrzehnte gezeigt, dass viele Staaten das Ziel integrierter globaler Finanzmärkte recht konsequent verfolgt haben.

Quellentext

Die Öffnung der Finanzmärkte

Die Entfesselung der Kapitalmärkte begann ausgerechnet mit einer Suada gegen die Spekulanten. "Diese Leute", schimpfte der amerikanische Präsident Richard M. Nixon am 15. August 1971 in einer Fernsehansprache, "leben von der Krise, und deswegen helfen sie dabei, dass solche Krisen entstehen." Nixon war wütend, weil die Spekulanten seit Monaten munter gegen den Dollar wetteten, gegen die Leitwährung der Welt. Und da er das Spiel nicht länger hinnehmen wollte, kappte er an diesem Tag die starre Bindung des Dollar an die anderen Währungen der Welt.

Nixon zerstörte damit das System fester Wechselkurse, das seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Weltwirtschaft stabilisiert und die Finanzmärkte vor allzu großen Übertreibungen bewahrt hatte: das System von Bretton Woods. Doch er leitete, ohne es zu ahnen, zugleich auch eine Entwicklung ein, die ein noch viel größeres Kasino entstehen ließ. Denn mit dem Ende der festen Wechselkurse verloren die Finanzmärkte auch ihren festen Rahmen.

Es begann eine Ära, in der fast alles möglich war: das Zeitalter der Deregulierung und Globalisierung. In den folgenden drei Jahrzehnten beseitigten die Industrienationen die Schutzwälle, die sie nach der Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren um die Wirtschaft errichtet hatten. Sie öffneten sich für fremde Unternehmen und fremdes Kapital. Der Staat trat den Rückzug an, der Markt bekam mehr Raum, so wie es Milton Friedman und andere neoliberale Ökonomen gefordert hatten.

Und nirgends waren die Veränderungen so drastisch wie an den Kapitalmärkten. […]

Bis Ende der sechziger Jahre wurde auch dort die Wirtschaft von der Industrie beherrscht, während die Banken nur eine dienende Funktion hatten. Sie versorgten die Produktionsbetriebe mit Geld, das sie sich bei ihren Sparern beschafften. Zugleich unterwarf der Staat die Banken einer strengen Aufsicht. Selbst die Zinshöhe durften die Banken nicht nach Belieben bestimmen: In den USA, aber auch in Deutschland gab die Regierung die Konditionen vor.

All dies veränderte sich. Als Erstes lockerten die USA die Regeln für die Finanzmärkte – noch unter Nixon, später auch unter Jimmy Carter und Ronald Reagan. 1986 verordnete die britische Premierministerin Margaret Thatcher ebenfalls den "Big Bang", sie rüttelte die Banken in der City of London wach und holte ausländische Geldinstitute ins Land. […]

Die angelsächsischen Banken […] schufen neue Produkte, für die es keine ausreichende Regulierung gab. […] So tauchten in den siebziger Jahren die ersten Derivate auf, also Finanzprodukte, deren Wert sich von anderen Wertpapieren ableitet. Die ersten Derivate waren noch simpel, es handelte sich um Termingeschäfte. Doch von den achtziger Jahren an kamen immer komplexere Produkte hinzu.

Mitte der Neunziger begannen amerikanische und britische Banken zudem damit, jene Derivate zu entwickeln, durch die die Finanzkrise mit ausgelöst wurde: Sie verpackten zweitklassige Kredite in Wertpapieren, darunter auch die berüchtigten Subprime-Kredite für Immobilienbesitzer, und verkauften diese als angeblich erstklassige Anlagen weiter. Diese Kreditpakete wanderten rund um den Globus, von Investor zu Investor – und entpuppten sich schließlich als Zeitbomben auf Reisen.

Es entstanden zudem immer mehr Hedgefonds, also hochriskante Fonds, die vor allem auf Pump spekulieren. Die Finanzindustrie siedelte, um jegliche Regulierung zu vermeiden, diese Fonds zumeist in Steueroasen an, ebenso wie später auch jene Gesellschaften, über die Kreditpakete und andere Derivate verkauft wurden. […]

[1999] […] hob Präsident Bill Clinton […] den Glass-Steagall-Act auf und beseitigte die Trennung zwischen Geschäfts- und Investmentbanken. Diese Trennung war nach der Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren geschaffen worden; […].

Seit der Entscheidung von Clinton darf wieder jede Bank im Investmentbanking mitmischen, und so erwarben die großen Geschäftsbanken bald selbst eine Investmentbank […] Die etablierten Investmentbanken konterten dies damit, dass sie Abteilungen für den Eigenhandel einrichteten. Das heißt: Sie spekulierten nicht mehr nur mit dem Geld ihrer Kunden, sondern wie die Hedgefonds auch in hohem Maße auf Pump […].

Damals, in der Euphorie der New Economy, scherte dies jedoch niemanden. Und so verabschiedete der US-Kongress in dieser Zeit noch ein anderes Gesetz, vielleicht das entscheidende: Am 15. Dezember 2000 genehmigten die Abgeordneten den "Commodity Futures Modernization Act", […] [und erlaubten] so den unregulierten Handel mit Credit Default Swaps, also mit jenen Kreditausfallversicherungen, die der Investor Warren Buffett als "finanzielle Massenvernichtungswaffen" bezeichnet hat. Bis heute wetten Spekulanten damit unkontrolliert auf die Pleite ganzer Unternehmen oder […] Staaten […].

Die Öffnung der Finanzmärkte hat also nicht nur dazu beigetragen, dass man leichter an Geld gelangen kann; Staaten und Unternehmen sind zugleich neuen, viel ernsteren Bedrohungen ausgesetzt. Arthur F. Burns, der US-Notenbankchef unter Nixon, sah diese Gefahr schon vor vier Jahrzehnten. Die Liberalisierung der Finanzmärkte, warnte er damals, "werde mit Sicherheit viel Elend über die Menschheit bringen".

Ulrich Schäfer, "Startschuss für Casino Royale", in: Süddeutsche Zeitung vom 28./29. Juli 2012