Demonstration am 1.12.2013 auf dem Kiewer Majdan für die Unterzeichnung eines Assoziierungsabkommens mit der EU

3.8.2015

Geschichte der Ukraine im Überblick

Die Westukraine in der Zwischenkriegszeit



Während nach dem Ersten Weltkrieg der größte Teil der Ukraine sowjetisch wurde, fielen die Bukowina an Rumänien, Transkarpatien an die Tschechoslowakei und Galizien, das größte und wichtigste Gebiet, sowie das westliche Wolhynien an Polen. Im polnischen Nationalstaat wurden die Ukrainer nicht als eigenständige Nation anerkannt und unterlagen einer Politik der Polonisierung. Die Ukrainer Galiziens, die in österreichischer Zeit politische Erfahrungen gesammelt hatten, suchten sich mit Hilfe ihrer Parteien, Vereine und der griechisch-katholischen Nationalkirche der polnischen Politik mit friedlichen Mitteln zu widersetzen.

Andere Gruppen wie die Ukrainische Militärorganisation (UVO) und die aus ihr hervorgegangene Organisation ukrainischer Nationalisten (OUN) wählten den gewaltsamen Widerstand und verübten Attentate auf führende polnische Politiker. Die polnische Regierung antwortete mit Repressalien und verhaftete die regionalen Anführer der OUN, unter ihnen den jungen Stepan Bandera (1909–1959). Die OUN vertrat einen extrem aggressiven, exklusiven Nationalismus, wie er damals in den meisten Ländern Mittel- und Osteuropas verbreitet war, und gewann unter der ukrainischen Jugend in Galizien eine große Anhängerschaft
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Die Ukraine im Zweiten Weltkrieg



Die Ukraine war einer der Hauptschauplätze des Zweiten Weltkriegs, der unermessliches Leid mit sich brachte. Im Ganzen kamen zwischen 6,5 und 7,5 Millionen ihrer Bewohnerinnen und Bewohner, mehr als ein Fünftel der Gesamtbevölkerung, ums Leben, wobei die Opfer unter der Zivilbevölkerung fast doppelt so hoch waren wie unter den Armeeangehörigen.

Infolge des Hitler-Stalin-Paktes besetzten sowjetische Truppen im Herbst 1939 den Osten Polens, darunter das östliche Galizien und West-Wolhynien. Im Sommer 1940 wurde Rumänien von der Sowjetunion gezwungen, die nördliche Bukowina an die UdSSR abzutreten. Man begann, die neuen Gebiete in die Sowjetunion zu integrieren. Die alten (in Galizien vorwiegend polnischen) Eliten wurden deportiert.

Kollaboration in der Westukraine

Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion führte dazu, dass bis zum November 1941 die gesamte Ukraine von deutschen und (im Südwesten) rumänischen Truppen besetzt wurde. Teile der westukrainischen Bevölkerung hofften nun auf eine Verbesserung ihrer Situation. Die OUN suchte die Stunde zu nutzen, um im Bündnis mit NS-Deutschland einen unabhängigen ukrainischen Staat zu errichten. Dieser Versuch hatte angesichts der deutschen Pläne für den "Ostraum" und der "Herrenmenschen"-Ideologie gegenüber den Slawen nie eine Chance. Dennoch arbeiteten Gruppen der OUN in der Westukraine mit der Besatzungsmacht zusammen und waren auch an der Ermordung von Juden beteiligt. Später kämpfte die Waffen-SS-Division "Galizien" auf der Seite der Wehrmacht. Während des Kriegs gründeten Angehörige der OUN die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA), die einen bewaffneten Kampf gegen die Sowjetunion führte, aber auch gewaltsam gegen polnische Siedler in West-Wolhynien und Galizien vorging. Dabei wurden zehntausende Menschen getötet. Die UPA führte noch bis in die frühen 1950er-Jahre einen Partisanenkrieg gegen die Sowjetmacht.

Deutsche Besatzungspolitik und Judenvernichtung

Die deutsche Besatzungspolitik ließ die Hoffnungen auf eine ukrainische Staatsgründung rasch schwinden. Der Ukraine war die Rolle einer Kolonie zugedacht, die zugunsten der deutschen Kriegswirtschaft ausgebeutet wurde. So meinte Erich Koch, Reichskommissar in der Ukraine, im August 1942: "Es gibt keine freie Ukraine. Das Ziel unserer Arbeit muss sein, dass die Ukrainer für Deutschland arbeiten, und nicht, dass wir das Volk hier beglücken. Die Ukraine hat das zu liefern, was Deutschland fehlt. Diese Aufgabe muss ohne Rücksicht auf Verluste durchgeführt werden […]. Für die Haltung der Deutschen im Reichskommissariat ist der Standpunkt maßgebend, dass wir es mit einem Volk zu tun haben, das in jeder Hinsicht minderwertig ist […]. Das Bildungsniveau der Ukrainer muss niedrig gehalten werden […]. Es muss ferner alles getan werden, um die Geburtenrate dieses Raumes zu zerschlagen. Der Führer hat besondere Maßnahmen hierfür vorgesehen." Weit über zwei Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer wurden zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich deportiert. Hunderttausende Ukrainer kamen in deutscher Kriegsgefangenschaft ums Leben. Fast alle Juden der Ukraine, die nicht ins Innere der Sowjetunion hatten flüchten können, wurden von den Einsatzgruppen der SS und anderen Mordkommandos planmäßig getötet. Zu einem Symbol wurde die Ermordung von über 30.000 Juden in der Schlucht Babyn Jar in Kiew am 29. und 30. September 1941. Die überwiegende Mehrheit der ukrainischen Bevölkerung arbeitete nicht mit der Besatzungsmacht zusammen, sondern hatte unter ihr schwer zu leiden. Millionen von Ukrainern kämpften in den Reihen der Roten Armee gegen Deutschland.

Nachdem die sowjetischen Streitkräfte zwischen August 1943 (Charkiw) und Oktober 1944 (Transkarpatien) die gesamte Ukraine (zurück-)erobert hatten, waren alle von Ukrainern bewohnten Gebiete in einem Staat, der Ukrainischen Sowjetrepublik, vereinigt. Die westukrainischen Gebiete wurden damit erstmals Teile eines russisch dominierten Staates. Dies wurde offiziell als "Wiedervereinigung" des ukrainischen Volkes gefeiert. Im Rahmen von "ethnischen Säuberungen" wurden die meisten Polen nach Polen und 500.000 Ukrainer aus Polen in die Ukraine umgesiedelt. Gegen 200.000 als politisch unzuverlässig geltende Westukrainer wurden nach Sibirien deportiert.

Großer Vaterländischer Krieg oder antisowjetischer Befreiungskrieg?

Der Zweite Weltkrieg gehört heute zu den Schlachtfeldern der Erinnerungspolitik. Der "Große Vaterländische Krieg", der sowjetische Sieg über das nationalsozialistische Deutschland, ist in Russland der wichtigste nationale Mythos, der fast die gesamte Bevölkerung integriert. Teile der westukrainischen Bevölkerung betrachten den Zweiten Weltkrieg dagegen als antisowjetischen Befreiungskrieg und seine Anführer wie Bandera als Helden. Dies diente der russischen Propaganda als Anlass, die 2014 eingesetzte ukrainische Regierung als "Faschisten" zu diffamieren. Diese Auffassung ist aber unter der ukrainischen Bevölkerung nicht mehrheitsfähig, sondern es überwiegt die Erinnerung an die Befreiung der Ukrainer, Russen und anderen Sowjetvölker von der nationalsozialistischen Herrschaft.

Vom Spätstalinismus zur Unabhängigkeit: die Sowjetukraine 1945-1991



Die Ukraine war im Jahre 1945 weitgehend zerstört. Die wichtigste Aufgabe war der Wiederaufbau der Städte und der Schwerindustrie, während die Konsumgüterproduktion und die Landwirtschaft zurückblieben. Die vom Krieg ausgeblutete Bevölkerung lebte weiter in bitterer Armut. Jetzt wurde in den westukrainischen Gebieten endgültig die sowjetische Ordnung eingeführt. Die Landwirtschaft wurde auch dort kollektiviert, eine Industrie und ein ukrainischsprachiges Schulwesen aufgebaut. Im Jahre 1946 wurde die Griechisch-Katholische Kirche gewaltsam aufgelöst, sie lebte nur im Untergrund und in der Emigration fort.

Entstalinisierung und erneute "Säuberungen"

Nach Stalins Tod knüpfte der neue Parteichef Nikita Chruschtschow (1894–1971), der fast zehn Jahre Erster Sekretär der ukrainischen KP gewesen war, an die Politik der 1920er-Jahre an. Ukrainer waren nun in den Staats- und Parteigremien stärker vertreten und rückten auch in Führungspositionen auf. Die partielle Entstalinisierung brachte eine Verminderung des politischen Drucks und die Freilassung der meisten Gefangenen. Der Ausbau des Wohlfahrtsstaates, die Förderung der Konsumgüterindustrie und Konzessionen an die Kolchosbauern führten allmählich zu einem höheren Lebensstandard.

Auch der kulturelle Spielraum wurde größer, und Intellektuelle setzten sich vermehrt für eine Aufwertung der ukrainischen Sprache ein. Diese Bestrebungen wurden in den 1960er-Jahren intensiviert und sogar vom damaligen ukrainischen Parteichef Petro Schelest (1908–1996) unterstützt. Zu Beginn der 1970er-Jahre wurde er deswegen öffentlich gerügt und abgesetzt. Unter seinem Nachfolger Wolodymyr Schtscherbyzkyj (1918–1990) setzte eine "Säuberung" unter Parteimitgliedern und Intellektuellen ein. Gleichzeitig verstärkten sich wieder die Tendenzen der Russifizierung in Schulen und Publikationen. Die Menschen in den ukrainischen Städten sprachen nun vorwiegend russisch, und nur auf dem Land und in der Westukraine konnte sich das Ukrainische behaupten.

Die fortschreitende Russifizierung war ein wichtiges Motiv für die Opposition, die in der Ukraine seit den 1960er-Jahren ihre Stimme erhob. Es waren Mitglieder der städtischen Intelligenz, die besonders unter dem Druck der Russifizierung standen, die für eine Verbesserung des Status des Ukrainischen und gegen das dominante russozentrische Geschichtsbild eintraten. Diese kulturellen Anliegen verbanden sich zusehends mit politischen Forderungen nach Demokratie und Menschenrechten. Obwohl es sich nur um kleine Gruppen handelte, ging die Staatsmacht mit Härte gegen die Opposition vor, zahlreiche ihrer Mitglieder wurden verhaftet und zu Lagerhaft verurteilt.

Perestrojka und Unabhängigkeitsbewegung

Nachdem Michail Gorbatschow im Jahre 1985 den Umbau (Perestrojka) der Sowjetunion eingeleitet hatte, änderte sich in der Ukraine vorerst wenig. Parteichef Schtscherbytzkyj blieb bis 1989 im Amt. Die Katastrophe im nördlich von Kiew gelegenen Kernkraftwerk von Tschernobyl hatte allerdings schon 1986 vorübergehend breitere Kreise mobilisiert. Erst als am Ende der 1980er-Jahre der Kollaps des Sowjetsystems einsetzte, traten politische Oppositionsbewegungen an die Öffentlichkeit. Sie gingen zunächst von der Westukraine aus, wo die Wiederzulassung der Griechisch-Katholischen Kirche erreicht wurde. Im Jahre 1989 schlossen sich verschiedene oppositionelle Gruppen in einer "Volksbewegung" (Ruch) zusammen, die vom ehemaligen politischen Häftling Wjatscheslaw Tschornowil (1937–1999) präsidiert wurde. Ruch organisierte im folgenden Jahr eine Menschenkette von über 400.000 Personen von Kiew nach Lemberg. In den ersten freien Wahlen im März 1990 erreichte eine von der Volksbewegung angeführte Allianz etwa ein Viertel der Stimmen gegenüber 70 Prozent für die Kommunisten.

Die Oppositionsbewegung wandelte sich nun allmählich in eine nationale Unabhängigkeitsbewegung. An ihre Spitze stellten sich Vertreter der KP unter Führung von Leonid Krawtschuk, der zum Parlamentspräsidenten gewählt wurde. Im Gleichschritt mit den meisten anderen Sowjetrepubliken erklärte die Ukrainische Republik im Juli 1990 ihre Souveränität und am 24. August 1991, nach dem gescheiterten Putsch reaktionärer Kräfte in Moskau, ihre Unabhängigkeit und den Austritt aus der Sowjetunion. Am 1. Dezember 1991 stimmten in einem Referendum 90 Prozent der Bevölkerung dafür und wählten gleichzeitig Krawtschuk mit 61 Prozent zum Präsidenten der Ukraine; sein Gegenkandidat Tschornowil erhielt 23 Prozent. Wenige Tage später trafen sich die Präsidenten Russlands, Boris Jelzin, Belarus, Stanislau Schuschkewitsch, und der Ukraine und beschlossen die Auflösung der Sowjetunion. Es war Krawtschuk, der den Ausschlag für diesen welthistorischen Akt gab.


Dossier Ukraine

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