Berlin, Alexanderplatz, Rotes Rathaus, 1900

Editorial

13.4.2016
Christine HesseChristine Hesse (© bpb)
Lange Zeit wurde das Deutsche Kaiserreich vornehmlich von seinem Ende her gedeutet und von den Entwicklungen, die ihm folgten: als Vorbelastung für die Weimarer Republik und als Wegbereiter des Nationalsozialismus. Zuschreibungen wie Autoritarismus, Obrigkeitsdenken und gesellschaftlich verbreitete Militarisierung galten als Charakteristika der zeitgenössischen deutschen Gesellschaft und ihrer politischen Eliten.

Viele Anhaltspunkte scheinen diese These zu stützen, darunter besonders der seit den 1870er-Jahren aufkommende Antisemitismus und der sich seit etwa 1900 radikalisierende Nationalismus. Auch die innerparlamentarischen Blockaden des politischen Systems setzten verhängnisvolle Maßstäbe.

Doch eine nur vom Ende her gedachte Interpretation wird der Vielgestaltigkeit der Epoche nicht gerecht. Denn bei näherer Betrachtung offenbart sie auch eine ausgeprägte Modernität, in der sich Parallelen zur Gegenwart entdecken lassen.

Um diese Komplexität der Epoche zu veranschaulichen, legt Benjamin Ziemann, der Autor dieses Heftes, eine Geschichte des Kaiserreichs vor, die einen politischen Schwerpunkt setzt und ihn um Themenfelder der Sozial-, Wirtschafts- und (politischen) Kulturgeschichte ergänzt, die geeignet sind, die Umbrüche zwischen 1871 und 1918 zu verdeutlichen.

In acht Kapiteln, die chronologische und thematische Gliederungsprinzipien verknüpfen, wird zunächst die Reichsgründung geschildert und die Struktur des neuen Nationalstaates in der Spannung zwischen liberalen Zielen und Reichsgründung "von oben" analysiert.

Die Folgekapitel widmen sich der Innenpolitik unter Bismarck, der zentralen Rolle von Religion und Wissenschaft in Gesellschaft und politischer Kultur des Kaiserreichs und dem Übergang in die Phase der Hochindustrialisierung.

Es wird anschaulich, wie unter dem Druck der Veränderungen die alten Klassenstrukturen in Bewegung geraten. In den Konflikten um die Arbeiterbewegung, um die Sozialdemokratie sowie um die Emanzipation der Juden und den Wunsch der Frauen nach Gleichberechtigung bündelt sich gesellschaftlicher Zündstoff.

Nach einer Betrachtung des deutschen Kolonialismus und der weltwirtschaftlichen Verflechtung des Kaiserreichs seit den 1880er-Jahren kehrt die Darstellung zu den innenpolitischen Entwicklungen der Zeit um 1900 zurück. Es erweist sich, dass autoritäres "Durchregieren" zunehmend durch eine fundamental politisierte und sich demokratisierende Öffentlichkeit erschwert wird.

Während die Politik im Ersten Weltkrieg zunächst noch einmal erfolgreich eine nationale Gemeinschaft inszenieren kann, endet sie in den Streiks der Jahre 1917/18 und den revolutionären Massenbewegungen im Herbst und Winter 1918/19 mit der völligen Delegitimierung und Auflösung der überkommenen politischen Ordnung.

Abschließend greift die Darstellung Fragen der Kontinuität über 1918 hinaus auf und entwickelt Thesen zur Stellung des Kaiserreichs in der modernen deutschen Geschichte. Insgesamt ist sie eine Einladung, den ersten Nationalstaat in der deutschen Geschichte neu zu entdecken.