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Das Kaiserreich als Nationalstaat


13.4.2016
Nicht nur die drei Einigungskriege Preußens gegen Dänemark, Österreich und Frankreich, sondern auch eine bürgerliche Einheitsbewegung unter liberaler Führung ermöglichen es, dass in der Mitte Europas zum ersten Mal in der Geschichte ein deutscher Nationalstaat entsteht. Die Einheitsbewegung "von unten" beeinflusst auch maßgeblich die Gestaltung des neuen Staatswesens als konstitutionelle Monarchie mit Verfassung und Parlament.

Anton von Werner, Kaiserproklamation, Deutsches Kaiserreich, 1871Der Maler Anton von Werner fertigt von der Kaiserproklamation in Versailles 1871, an der er teilgenommen hat, insgesamt drei Gemälde, die starke Unterschiede aufweisen. Die erste Fassung von 1877 ist ein Geschenk deutscher Fürsten an den Kaiser, die zweite wird 1882 für das Berliner Zeughaus, die spätere Ruhmeshalle preußisch-deutscher Geschichte, fertiggestellt. Die dritte, sogenannte Friedrichsruher Fassung, erhält Bismarck als Geschenk der Hohenzollernfamilie zu seinem 70. Geburtstag 1885. Auf ihr trägt er – anders als auf der vorherigen Version – eine weiße Paradeuniform und den Orden Pour le Mérite, den er erst 1884 verliehen bekam, und steht im Zentrum des Geschehens. (© bpk/Hermann Buresch)

Am 18. Januar 1871 wurde der preußische König Wilhelm I. im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles vor den Toren von Paris zum deutschen Kaiser proklamiert. Truppen Preußens und seiner süddeutschen Verbündeten hatten zuvor das Reich des französischen Kaisers Napoleon III. militärisch besiegt. Der Historienmaler Anton von Werner hat diesen Moment in mehreren Gemälden festgehalten. Seine dritte Version des Motivs aus dem Jahr 1885 rückt den preußischen Ministerpräsidenten und künftigen Reichskanzler Otto von Bismarck (1815–1898) in das Zentrum des Geschehens. Dargestellt ist Bismarck in der weißen Offiziersuniform seines Kürassierregiments (gepanzerte Reiterei) – die er tatsächlich 1871 nicht trug. So steht er links neben Helmuth von Moltke, dem preußischen Generalstabschef, der als militärischer Architekt des Sieges über Frankreich im Krieg von 1870/71 eine prominente Position einnimmt. Das Gemälde war ein Geschenk der Hohenzollernfamilie zum 70. Geburtstag Bismarcks und würdigte den Beschenkten, in dem es bewusst jene Lesart repräsentierte, nach der die Reichsgründung in erster Linie Bismarcks zielbewusster Politik und der Macht des preußischen Militärs zu verdanken war.

Liberalismus und Reichsgründung "von oben"



Doch die auf Bismarck zulaufende Zentralperspektive des Gemäldes täuscht. Die Reichsgründung "von oben", so wie sie 1871 erfolgte, wäre nicht möglich gewesen ohne einen machtvollen Prozess der Nationsbildung "von unten". Dieser hatte bereits in der Revolution von 1848/49 einen ersten Höhepunkt erreicht. Doch das Hauptziel der liberalen Mehrheit der Frankfurter Nationalversammlung von 1848/49, die Schaffung eines deutschen Nationalstaates, ließ sich zu diesem Zeitpunkt nicht realisieren. Ein wesentliches Hindernis dafür war der Dualismus zwischen Preußen und Österreich, den beiden Vormächten im Deutschen Bund. Dies war ein 1815 geschaffener Zusammenschluss souveräner Staaten, der die politische Ordnung Mitteleuropas nach dem Untergang des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation garantieren sollte.

Eine Nationsbildung in Gestalt einer "großdeutschen Lösung" hätte Deutschland unter Einschluss der zum Deutschen Bund gehörenden Gebiete Österreichs vereinigt und zwar unter dem Kaisertum der Habsburger. Doch diese Lösung hätte die außerhalb des Deutschen Bundes liegenden Kronlande der Habs­burger – vor allem Ungarn, aber auch Teile des heutigen Nord­italien wie etwa Triest sowie Kroatien – außen vor gelassen. Die "kleindeutsche Lösung", unter Ausschluss Österreichs und mit preußischer Hegemonie, ließ sich 1848/49 ebenso wenig realisieren. Sie scheiterte nicht zuletzt, weil sich der preußische König Friedrich Wilhelm IV. weigerte, die ihm von der Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche angetragene Kaiserkrone anzunehmen. Die Olmützer Punktuation (oder Olmützer Vertrag) zwischen Preußen, Österreich und Russland, in der Preußen 1850 auf einen Führungsanspruch im Deutschen Bund verzichtete, vertiefte den Dualismus, das Spannungsverhältnis zwischen Preußen und Österreich, weiter.

Dennoch gingen von 1848/49 nachhaltige Impulse für die deutsche Nationsbildung aus. Zu diesen zählt – erstens – das von den meisten Liberalen favorisierte politische Modell des Verfassungsstaates, einer konstitutionell gebundenen und begrenzten und damit nicht mehr "absoluten" Monarchie. In Preußen entsprach Friedrich Wilhelm IV. im Dezember 1848 diesem liberalen Anliegen und oktroyierte eine Verfassung mit einem Katalog von Grundrechten und zwei indirekt gewählten und an der Legislative beteiligten Kammern, die mit geringen Änderungen bis 1918 in Kraft war. Damit blieben im Deutschen Bund nur noch zwei Staaten ohne Verfassung. Der eine war Mecklenburg, in dessen zwei Herzogtümern bis 1918 eine auf das Jahr 1755 zurückgehende landständische und damit feudale Ordnung galt. Der andere war Österreich, das erst mit dem sogenannten Februarpatent des Jahres 1861 eine Verfassung erhielt. Doch dieser Schritt kam zu spät, um die deutschen Liberalen noch positiv zu beeinflussen.

In den beiden Jahrzehnten nach 1848 veränderte sich – zweitens – die politische Orientierung und organisatorische Basis der liberalen Nationalbewegung. Nachdem die rigide politische Reaktion des monarchischen Staates ab 1849 die Hoffnungen der Liberalen zerschlagen hatte, wandten sie sich zunehmend dem Modell der "Realpolitik" zu, das der Publizist und Politiker Ludwig August von Rochau (1810–1873) mit seinem 1853 erschienenen Buch "Grundsätze der Realpolitik" einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machte. Danach sollten die Liberalen die Bedeutung Preußens und seiner Großmachtambitionen für die nationale Einigung der Deutschen anerkennen. Dies erforderte zugleich, eine neue Balance zwischen zwei liberalen Zielen zu finden: zwischen dem der Freiheit – das sich gegen die autoritäre Politik der Fürsten und ihrer Regierungen richtete – und dem der nationalen Einheit.

Zudem verabschiedeten sich die Liberalen unter dem für viele von ihnen verstörenden Eindruck der sozialen Arbeiterproteste von 1848 von egalitären Idealen. Gleichzeitig verdichtete sich das Netz der Vereine, vor allem der Sänger und Turner, welche die soziale Basis der Nationalbewegung bildeten. Als sich ab 1859 die nationale Einigung Italiens anbahnte – und damit die Machtposition Österreichs weiter schwächte –, gab dies auch dem deutschen Nationalismus Auftrieb. Nun schien es offenkundig, dass die Schaffung eines neuen Nationalstaates in der Mitte Europas möglich war. Im selben Jahr gründeten bürgerliche Liberale den Deutschen Nationalverein, der sich in der Öffentlichkeit für eine nationale Einigung im Sinne der kleindeutschen Lösung einsetzte.

Nach 1848 intensivierte sich – drittens – die Nationsbildung im sozioökonomischen und kulturellen Bereich. Es entwickelte sich schrittweise ein nationaler Kommunikations- und Verkehrsraum, der über die inneren Grenzen der ursprünglich 38 Mitgliedstaaten des Deutschen Bundes hinauswies. Damit war zwar noch keine Vorentscheidung über die Form eines künftigen Nationalstaates gefallen oder dessen Gründung unausweichlich geworden. Aber die Verdichtung von Netzwerken, die Österreich außen vor ließen, ergänzte im sozialen Bereich die politischen Ereignisse der Jahre 1864 bis 1871.

Quellentext

Kulturelle Nationsbildung vor 1871

Mit der Kaiserproklamation im Spiegelsaal des Schlosses in Versailles am 18. Januar 1871 kam es zur Gründung eines deutschen Nationalstaates. Für viele Angehörige der deutschen Nationalbewegung erfüllte sich damit ihr wichtigstes politisches Ziel. Der Historiker Heinrich von Sybel (1817–1895) verlieh seinen Emotionen überschwänglich Ausdruck, als er am 27. Januar 1871 an einen Freund schrieb: "Wodurch hat man die Gnade Gottes verdient, so große und mächtige Dinge erleben zu dürfen? Und wie wird man nachher leben? Was zwanzig Jahre der Inhalt alles Wünschens und Strebens gewesen, das ist nun in so unendlich herrlicher Weise erfüllt!"

Sybel und andere Historiker der sogenannten borussischen Schule der Geschichtsschreibung hatten schon vor 1871 damit begonnen, die Gründung des Nationalstaates als ein notwendiges Ergebnis der historischen Mission des preußischen Machtstaates darzustellen. Demnach sei es Preußens "Beruf" gewesen, nach der Zerschlagung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation durch Napoleon 1806 die staatliche Ordnung und Einheit in Deutschland wieder herzustellen. Neben Sybel waren es Historiker wie Johann Gustav Droysen (1808–1884) und Heinrich von Treitschke (1834–1896), die in ihren Büchern und Aufsätzen die deutsche Geschichte seit 1800 als eine geradlinige und zielstrebige Entwicklung hin zur kleindeutschen Version des deutschen Nationalstaates unter preußischer Führung interpretierten.

Doch in der borussischen Geschichtslegende ging nicht nur jene Vielfalt an Zielvorstellungen verloren, welche die deutsche Nationalbewegung vor 1871 auszeichnete. Die Legende unterstellte der Nationalbewegung zudem das Streben nach einem einheitlichen Nationalstaat, das so nicht bestand. Einen Hinweis darauf bietet bereits der sprachgeschichtliche Befund. Die Verwendung des Wortes "Nationalstaat" ist erstmals in einem politischen Pamphlet aus dem Jahr 1842 belegt. In den weiteren Sprachgebrauch drang der Begriff erst während der Revolution von 1848/49 ein, als es erste Versuche gab, einen deutschen Nationalstaat zu begründen. Doch die deutsche Nationalbewegung war bis 1871 nicht auf die Schaffung eines Einheitsstaates fixiert. Sie verstand die deutsche Nation in einem viel weiteren, sozialen und kulturellen Sinn, als die Einübung von nationalen Werten und die Schaffung von gemeinsamen Symbolen.

Die Staatsvorstellung der Nationalbewegung war föderativ. Sie zielte auf die Schaffung einer Nation, in der die bestehenden Einzelstaaten ihren Platz finden sollten. Diese Haltung lässt sich als "föderatives Nationalbewusstsein" (Dieter Langewiesche) bezeichnen. Erst nachdem die Nationalstaatsgründung 1871 vollbracht war, belegte die borussische Legende diese Haltung mit dem abwertenden Begriff "partikularistisch", der als Gegensatz zur nationalen Einheit gemeint war. Doch ein solcher Gegensatz entsprach nicht dem Erwartungshorizont der Nationalbewegung vor 1871.

Entgegen der borussischen Legende trat der Einheitsstaat erst in das Zentrum der Nationalbewegung, nachdem er im Gefolge der drei Kriege 1864, 1866 und 1870/71 entstanden war. Die organisierte Nationalbewegung vor 1871 verstand ihre Arbeit deshalb in erster Linie als einen Beitrag zur kulturellen Nationsbildung, welche die überregionale Zusammengehörigkeit der Deutschen durch Symbole und rituelle Praktiken anschaulich und sinnlich erfahrbar machte. Die wichtigsten von ihnen waren das Turnen, das den männlichen Körper für die Nation ertüchtigte, und der vierstimmige Männergesang, der volkstümliche und patriotische Lieder anstimmte. So bildeten die Turner und Sänger den Kern des organisierten Nationalismus. Beide Gruppen schlossen sich in Vereinen zusammen, die sich bereits vor 1848 zu einer Massenbewegung entwickelten. Die Zeit der politischen "Reaktion" von 1849 bis 1858 war eine tiefe Zäsur, viele Vereine wurden verboten. Von 300 Turnvereinen mit circa 80.000 Mitgliedern überdauerten nur 100 die Repression nach 1849. Doch mit dem Aufschwung der Nationalbewegung nach 1859 gab es bereits 1864 rund 1900 Turnvereine mit 167.000 Mitgliedern.

Turner und Sänger benutzten öffentliche Feste als wichtige Foren für die Darstellung ihrer Werte und Ziele. Die Schillerfeiern des Jahres 1859 rückten die sprachlich-kulturellen Grundlagen der deutschen Nation in den Mittelpunkt. In den frühen 1860er-Jahren fanden dann die großen Nationalfeste der Sänger, Turner und Schützen statt. Hier zelebrierten die zumeist bürgerlichen und kleinbürgerlichen Mitglieder der nationalen Vereine ihre Leitwerte: Einheit und Freiheit. Nationale Einheit verstand sich dabei nicht in Abgrenzung zu anderen Völkern, sondern schloss die Vorstellung einer "Völkersolidarität" ein. Unter den schwarz-rot-goldenen Fahnen der Nationalbewegung und jenen der Einzelstaaten beschwor man das föderative Ziel, "ein einzig Volk von Brüdern zu sein". Turner und Sänger forderten die "Eintracht" aller Deutschen und damit ein harmonisches Gesellschaftsideal, das in einer gegliederten Ordnung soziale Konflikte vermeiden sollte.




Die wichtigste Institution der ökonomischen Vereinheitlichung war der 1834 gegründete Deutsche Zollverein. Er schuf einen durch gemeinsame Zollgrenzen markierten Binnenmarkt, dem außer Österreich und einigen norddeutschen Staaten nach und nach fast alle Glieder des 1871 gegründeten Reiches angehörten. Durch die Normierung von Gewichten und Währungen und durch die Erleichterung ökonomischer Transaktionen trug der Zollverein zu einer stärkeren wirtschaftlichen Vernetzung bei. Parallel dazu verdichtete sich im kulturellen Bereich die schriftliche Kommunikation durch gesteigerte Titel- und Auflagenzahlen von Zeitungen und Buchtiteln im Zuge der Leserevolution des 19. Jahrhunderts. In dem imaginären Raum der gedruckten Texte ließen sich die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Deutschen reflektieren und geografisch weit voneinander entfernte Orte als Teil einer gemeinsamen nationalen Kultur begreifen.

Ohne diesen Vorlauf in Gestalt der Bildung von Verfassungsstaaten, der ökonomischen und kulturellen Verdichtung eines nationalen Kommunikationsraumes sowie des von "Realpolitik" geprägten Einsatzes der Liberalen für einen kleindeutschen Nationalstaat wäre es 1871 kaum zu dessen Gründung gekommen. Zwar reichten diese Faktoren allein noch nicht aus, um einen deutschen Staat zu bilden. Die Entwicklungen in all diesen Feldern machten eine großdeutsche Lösung unter Einschluss Österreichs allerdings immer unwahrscheinlicher. Zudem setzte sich im Zentrum der preußischen Politik die Auffassung durch, dass ein Bündnis mit der liberalen Nationalbewegung den Großmachtambitionen Preußens dienlich sei. Damit wurde zugleich der Widerstand der preußischen Konservativen überwunden, für die der Nationalstaat gleichbedeutend mit dem Untergang der Souveränität einzelstaatlicher Fürsten und der Entfesselung partizipatorischer Leidenschaften war.

Die Verankerung dieser Politik in Preußen war das Werk Otto von Bismarcks. Seine Ernennung zum preußischen Ministerpräsidenten erfolgte 1862, als der Verfassungskonflikt auf seinem Höhepunkt war. In diesem Konflikt zwischen Krone und liberaler Partei ging es neben der Heeresreform (Vergrößerung des Heeres, Verlängerung der Dienstpflicht, stehendes Heer statt Landwehr), der sich die Liberalen verweigerten, im Kern um das parlamentarische Budgetrecht des Landtages. Bismarck nutzte eine angebliche "Lücke" in der Verfassung für den Fall eines Konflikts, um die Rechte des Königs durchzusetzen.

Zugleich nutzte er die Deutschlandpolitik, um in einem informellen Bündnis mit den Liberalen die preußische Hegemonie in Deutschland durchzusetzen. Dem dienten zunächst die beiden erfolgreichen Kriege gegen Dänemark 1864 – über die Frage der Einbindung von Schleswig-Holstein in den Deutschen Bund – und dann 1866 gegen Österreich. Dabei war 1866 das eigentliche Epochenjahr. Denn durch den militärischen Sieg Preußens über Österreich wurde der Deutsche Bund zerstört und die nationale Frage im Sinne der kleindeutschen Lösung entschieden. Während der 1871 gegründete Staat den Namen "Reich" annahm, basierte er doch gerade auf dem Ausschluss der traditionellen Vormacht des bis 1806 bestehenden Alten Reiches, dem habsburgischen Österreich. Ein Reich ohne die Habsburger hatte es zuvor nie gegeben. Noch in einem zweiten Sinn markiert die Reichsgründung 1871 einen tiefen Bruch. Denn sie ist "gegen eine Hauptlinie deutscher Geschichte" erfolgt, in der seit der Frühen Neuzeit Einheit nur durch eine lockere, föderative "Verbindung von Staaten" verkörpert worden war. (Dieter Langewiesche)

Bismarck nutzte den Sieg über Österreich, um die außen- und innenpolitische Situation zu bereinigen. Im Krieg von 1866 hatte die Mehrheit der deutschen Staaten – darunter alle südlich des Mains sowie Sachsen und Hannover – und ihrer Bevölkerungen sich noch gegen Preußen und seine norddeutschen Verbündeten gestellt. Nun annektierte Preußen Schleswig-Holstein ebenso wie Hessen-Nassau, Frankfurt und das welfische Königtum Hannover. Der Norddeutsche Bund, 1867 gegründet, umfasste alle Staaten nördlich des Mains. In seiner Verfassung nahm er die 1871 geschaffene politische Ordnung weitgehend vorweg.

Innenpolitisch suchte Bismarck mit dem "Indemnitätsgesetz" (Indemnität verschafft eine nachträgliche Legitimation) 1866 vom preußischen Landtag eine nachträgliche Billigung seines Vorgehens im Verfassungskonflikt und der seit 1862 getätigten Staatsausgaben zu erreichen. Die Gesetzesvorlage war auch ein Angebot zur Einigung mit den Liberalen, die sich in dieser Frage spalteten. Sie führte zum Zerbrechen der Deutschen Fortschrittspartei, als die Befürworter einer Verbindung von Liberalismus und Kooperation mit Bismarck in der nationalen Frage 1867 die Nationalliberale Partei gründeten. Die mit ihrer Hilfe durchgesetzte Annahme der Indemnitätsvorlage war keine Kapitulation der Liberalen vor Bismarck. Sie war vielmehr die realistische Anerkennung der Tatsache, dass sich das Ziel der nationalen Einigung nur durch eine Kooperation mit der preußischen Regierung erzielen ließ.

Die Liberalen konnten zudem mit Stolz auf ihre führende Rolle bei der Modernisierung von Gesellschaft und Wirtschaft blicken, die der Reichstag des Norddeutschen Bundes zwischen 1867 und 1870 in rund 80 Reformgesetzen in Angriff nahm. Damit wurde die Freizügigkeit und Niederlassungsfreiheit durchgesetzt, eine polizeiliche Beschränkung der Eheschließung aufgehoben, die in der Praxis die Familiengründung bei den Unterschichten kontrolliert hatte, und das korporativ-ständische Heimatrecht beseitigt. Das Handelsgesetzbuch des Jahres 1869 und eine Reform des Gewerbe- und Aktienrechts waren Eckpfeiler einer umfassenden Liberalisierung der ökonomischen Nutzung von Arbeit und Kapital. Eine Neuordnung der Kreisverwaltung und der Verwaltungsgerichtsbarkeit in Preußen rundete das Reformwerk ab. Binnen weniger Jahre wurden so die Grundlagen für eine umfassende Freisetzung der modernen kapitalistischen Wirtschaft und für ein inklusives, also auf Rechtsgleichheit basierendes Staatsbürgerrecht geschaffen. Das war eine "bürgerliche Reichsgründung" (Hans-Ulrich Wehler) mit langfristigen sozialen Folgen, die der militärischen Reichsgründung "von oben" an die Seite zu stellen ist.

Die militärische Reichsgründung durch drei Einigungskriege fand ihren Abschluss mit dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Mit viel machtpolitischem Geschick nutzte Bismarck die Kandidatur eines katholischen Hohenzollernprinzen für den seit 1868 vakanten spanischen Thron, um das französische Kaiserreich Napoleons III. "in eine ungünstige Ausgangsposition hineinzumanövrieren" (Lothar Gall) und letztlich in einen Krieg gegen Preußen zu treiben. Die Kriegserklärung Frankreichs schürte das Nationalgefühl der Deutschen. Die militärische Niederlage Frankreichs, am 2. September 1870 in der Schlacht von Sedan besiegelt, machte den Weg für einen Beitritt der süddeutschen Staaten zum Norddeutschen Bund frei. Die unter Ausschluss der liberalen Bewegung geführten Verhandlungen führten im November 1870 zum Abschluss entsprechender Verträge.

Die Gründung des Deutschen ReichesDie Gründung des Deutschen Reiches (© mr-kartographie, Gotha 2016)



Die auf dieser Grundlage geschaffene Reichsverfassung trat am 1. Januar 1871, also noch vor der Kaiserproklamation in Versailles, in Kraft. Als Bildung einer Union von Staaten durch deren jeweilige Regierungen – und damit unter Ausschluss der Parlamente und Verzicht auf eine verfassunggebende Versammlung – war dies der Weg einer "Revolution von oben", welcher neben die liberale Nationsbildung von unten trat. Eine Revolution war es, da die Bildung des Natio­nalstaates die traditionelle Legitimität der Könige, Großherzöge, Herzöge und Fürsten in den Bundesstaaten des Reiches unterminierte.