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Das Ende des Kaiserreichs: Weltkrieg und Revolution


13.4.2016
Der "Burgfriede", den die Reichsleitung und die im Reichstag vertretenen Parteien zu Beginn des Krieges schließen, wird schnell brüchig. Das sinnlose Massensterben und die Not der Bevölkerung münden in die Revolution und besiegeln das Ende des Kaiserreichs.

Simplicissimus, 1914, Burgfrieden, BismarckDer Simplicissimus vom 25. August 1914 symbolisiert den "Burgfrieden" zwischen Reichsleitung und Sozialdemokratie durch Bismarck und Bebel. (© bpk/Thomas Heine)

1914: die Inszenierung nationaler Einheit



Mit dem Beginn des Krieges im August 1914 kämpften das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn im Bund mit der Türkei gegen Großbritannien, Frankreich und Russland sowie deren Verbündete auf dem Balkan. Der Vormarsch der deutschen Truppen in Frankreich lief sich rasch fest. Im Westen kam es so ab Oktober zu einer Erstarrung der Front im Stellungskrieg, die bis Frühjahr 1918 andauerte. Im Osten dagegen blieb die Kriegführung mobil. Hier führten die deutschen Truppen im Frühjahr und Sommer 1915 Offensiven durch, die große Geländegewinne erzielten und die russischen Armeen zum Rückzug zwangen. Doch einer politischen Lösung des Konflikts kam das Deutsche Reich damit nicht näher.

Die Politik im Weltkrieg stand im Zeichen der Inszenierung nationaler Einheit. In allen kriegführenden Ländern kam es bei Kriegsbeginn zu einer zeitweiligen Aufhebung innenpolitischer Konflikte. In Frankreich wurde sie als Union Sacrée gar mit einer religiösen Aura versehen. Angesichts der Stärke der sozialistischen Arbeiterbewegung in Deutschland war hier die entscheidende Frage, ob die SPD ihre Fundamentalopposition aufgeben und die Kriegspolitik der Reichsleitung unterstützen würde. Im Reichstag erklärte Wilhelm II. am 4. August 1914, dass er "keine Parteien mehr" kenne, sondern "nur noch Deutsche". Damit erfolgte die Kriegserklärung im Zeichen des "Burgfriedens", also des Versprechens, die Ausgrenzung der bis dahin sogenannten Reichsfeinde aufzugeben. Die Reichstagsfraktion der SPD unterstützte an diesem Tag einstimmig die Kriegskredite. Sie stimmte ebenso für ein Gesetz, das dem Bundesrat für die Dauer des Krieges die Ermächtigung zum Erlass wirtschaftlicher Notverordnungen gab und damit die Rechte des Parlaments de facto aussetzte.

Die Zustimmung der SPD zum Burgfrieden war überraschend. Immerhin hatten noch in den Tagen vor dem 31. Juli, als mit Ausrufung des Belagerungszustandes innenpolitische Rechte aufgehoben wurden und die Presse unter Vorzensur gestellt wurde, rund 750.000 SPD-Anhänger im ganzen Reich auf den Straßen gegen den Krieg demonstriert. Bereits am 2. August hatten sich allerdings die sozialdemokratischen "Freien Gewerkschaften" für eine Unterstützung der Kriegspolitik und einen Verzicht auf Streiks entschieden. Genau wie kurz darauf die Spitze der SPD rechtfertigten sich die Gewerkschaftsführer damit, dass Deutschland einen Verteidigungskrieg führe, und dass es die bis dahin erzielten Erfolge der Arbeiterbewegung gegen das diktatorische Regime des Zaren zu beschützen gelte. Damit konnte man an den tief verwurzelten Antizarismus der sozialdemokratischen Arbeiter appellieren. Das war allerdings mehr eine Schutzbehauptung als das tatsächlich handlungsleitende Motiv. Im Kern ging es der SPD-Spitze darum, nach Jahrzehnten der Ausgrenzung als "Reichsfeinde" ihre kulturell weit vorangeschrittene Integration in die Gesellschaft des Kaiserreichs nun auch in der Politik symbolisch zu beglaubigen. Damit stellten sich Parteivorstand und Reichstagsfraktion zugleich in einen Gegensatz zur Mehrheit der Mitglieder an der Parteibasis, die an der Front wie in der Heimat unmittelbar von den Entbehrungen des Krieges betroffen waren. An der Basis traten bald auch kriegskritische Stimmen hervor. Bereits 1914 zeichneten sich damit jene Konflikte ab, die bis 1917 zur Spaltung der SPD führen sollten.

Viele rasch publizierte Artikel und Pamphlete feierten die Inszenierung nationaler Einheit im Zeichen des Burgfriedens und entwickelten damit die "Ideen von 1914". Dies war die Formel für die Suche nach einer neuen politischen Ordnung, die sich auf das Gefühl nationaler Einheit bei Kriegsbeginn berief. Eines der dabei entwickelten Modelle war der "Volksstaat", eine freiheitlich-liberale Ordnung, die auf der Mitwirkung der Bürger basierte. Stärker sozial-harmonisch war die Idee einer "Volksgemeinschaft" angelegt, die abweichende Interessen durch korporative Arrangements regulierte und Konflikte neutralisierte. Das Konzept der "Volksgemeinschaft", das die Nationalsozialisten später für sich reklamierten, war so bereits ab 1914 als konservative Vision einer harmonischen Gesellschaft in Gebrauch. Sowohl im "Volksstaat" wie in der "Volksgemeinschaft" war allerdings kein Platz für den Kaiser vorgesehen. Auf der Ebene der politischen Ideen hat sich das Ende des Kaiserreichs damit bereits 1914 angekündigt. Der Kriegsbeginn 1914 stand schließlich auch im Zeichen eines religiösen Aufbruchs. Vor der Reichstagssitzung am 4. August predigte der evangelische Hofprediger Ernst Dryander. Katholische wie protestantische Geistliche rechtfertigten den Krieg aus deutscher Sicht in zahlreichen Ansprachen und Predigten. Auch der Burgfrieden hatte eine religiöse Dimension, denn der konfessionelle Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken trat im Krieg in den Hintergrund.