Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Georg Elser, Gedenkstätte Deutscher Widerstand
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Widerstand als Reaktion auf NS-Machtübernahme und NS-Herrschaftspraxis


17.8.2016

Widerstand aus der Arbeiterbewegung



Schon vor 1933 hatten sich Kommunisten, Sozialisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftsmitglieder gegen die Ideen und Ziele Hitlers zur Wehr gesetzt. Eine gemeinsame Abwehrfront der Arbeiterbewegung war jedoch nicht zustande gekommen, weil die Kommunisten in den Sozialdemokraten ihren "Hauptfeind" sahen und die Gegensätze innerhalb der Arbeiterbewegung unüberbrückbar blieben. Die Mehrheit der Gewerkschaftsführer suchte schließlich sogar nach einem Kompromiss mit der neuen NS-Regierung.
Eiserne Front, Demonstration, Berlin, Deutscher WiderstandKundgebung der Eisernen Front vor dem Berliner Schloss, 19. Februar 1933
Im Dezember 1931 schließen sich Sozialdemokraten, Freie Gewerkschaften, Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und Arbeitersportvereine zur Eisernen Front zusammen. Ihr Ziel ist die "Überwindung der faschistischen Gefahr". Noch am 19. Februar 1933 demonstrieren mehrere zehntausend Menschen gegen die Nationalsozialisten. (© Barch, R58/3258 b)

In der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 brannte das Reichstagsgebäude in Berlin. Die Täterschaft konnte nie zweifelsfrei geklärt werden, doch die Nationalsozialisten werteten den Brandanschlag als Fanal für einen kommunistischen Umsturzversuch und nutzten ihn als Vorwand, um die Grundrechte außer Kraft setzen zu lassen. Viele Kommunisten und Sozialdemokraten wurden in aller Öffentlichkeit verfolgt und inhaftiert. Einigen gelang die Flucht ins Ausland, wo sie den Kampf gegen die NS-Diktatur fortsetzten und versuchten, vom Exil aus Verbindung zu ihren Freunden in Deutschland zu halten, Nachrichten zu sammeln oder Flugschriften weiterzugeben. In die Illegalität gedrängt, bildeten sich in Deutschland lokale Gruppen und oppositionelle Gesinnungsgemeinschaften.

Einzelne Regimegegner bemühten sich in dieser Situation, die Spaltung der Arbeiterbewegung zu überwinden. Sozialisten und Anhänger von Einheitsbestrebungen fanden sich vor allem in der Gruppe "Neu Beginnen", im "Roten Stoßtrupp" und in den "Roten Kämpfern" zusammen oder suchten die Verbindung zu Gruppen der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) und der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD), der wichtigsten anarcho-syndikalistischen Organisation in Deutschland. Im Vordergrund ihrer Bemühungen standen die Ziele, sich nicht von den Nationalsozialisten vereinnahmen zu lassen sowie den organisatorischen Zusammenhalt und einen intensiven Informationsaustausch aufrechtzuerhalten.

Neben der Selbstbehauptung überwog allerdings auch in der Arbeiterschaft die Bereitschaft zur Anpassung an das NS-Regime. Die Nationalsozialisten wollten durch scheinbare Zugeständnisse die Unterstützung der Arbeiterschaft gewinnen und erklärten 1933 den 1. Mai, einen traditionsreichen Kampftag der Arbeiterbewegung, zum Staatsfeiertag. Schon einen Tag später jedoch wurden die Gewerkschaften verboten. Bis 1935 wurde der Zugriff von Polizei und Justiz immer fester. Massenprozesse und Konzentrationslager sollten abschreckende Wirkung entfalten.

Quellentext

Rede gegen das Ermächtigungsgesetz

[…] Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht. (Lebh. Beifall bei den Soz.) Nach den Verfolgungen, die die Sozialdemokratische Partei in der letzten Zeit erfahren hat, wird billigerweise niemand von ihr verlangen oder erwarten können, dass sie für das hier eingebrachte Ermächtigungsgesetz stimmt. Die Wahlen vom 5. März haben den Regierungsparteien die Mehrheit gebracht und damit die Möglichkeit gegeben, streng nach Wortlaut und Sinn der Verfassung zu regieren. Wo diese Möglichkeit besteht, besteht auch die Pflicht. (Sehr richtig! bei den Soz.) Kritik ist heilsam und notwendig. Noch niemals, seit es einen deutschen Reichstag gibt, ist die Kontrolle der öffentlichen Angelegenheiten durch die gewählten Vertreter des Volkes in solchem Maße ausgeschaltet worden, wie es jetzt geschieht (sehr wahr! bei den Soz.), und wie es durch das neue Ermächtigungsgesetz noch mehr geschehen soll. Eine solche Allmacht der Regierung muss sich umso schwerer auswirken, als auch die Presse jeder Bewegungsfreiheit entbehrt. […]

Vergeblich wird der Versuch bleiben, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Wir Sozialdemokraten wissen, dass man machtpolitische Tatsachen durch bloße Rechtsverwahrungen nicht beseitigen kann. Wir sehen die machtpolitische Tatsache Ihrer augenblicklichen Herrschaft. Aber auch das Rechtsbewusstsein des Volkes ist eine politische Macht, und wir werden nicht aufhören, an dieses Rechtsbewusstsein zu appellieren.

Die Verfassung von Weimar ist keine sozialistische Verfassung. Aber wir stehen zu den Grundsätzen des Rechtsstaates, der Gleichberechtigung, des sozialen Rechtes, die in ihr festgelegt sind. Wir deutschen Sozialdemokraten bekennen uns in dieser geschichtlichen Stunde feierlich zu den Grundsätzen der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Sozialismus. (Lebh. Zustimmung bei den Soz.)

Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen, die ewig und unzerstörbar sind, zu vernichten. Sie selbst haben sich ja zum Sozialismus bekannt. Das Sozialistengesetz hat die Sozialdemokratie nicht vernichtet. Auch aus neuen Verfolgungen kann die deutsche Sozialdemokratie neue Kraft schöpfen.

Wir grüßen die Verfolgten und Bedrängten. Wir grüßen unsere Freunde im Reich. Ihre Standhaftigkeit und Treue verdienen Bewunderung. Ihr Bekennermut, ihre ungebrochene Zuversicht – (Lachen bei den Nsoz. – Bravo! bei den Soz.) verbürgen eine hellere Zukunft.

Rede von Otto Wels im Reichstag am 23. März 1933 gegen das Gesetz, das die Regierung ermächtigen sollte, ohne parlamentarische Zustimmung Gesetze zu erlassen



Dennoch leisteten Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter weiterhin auf vielfältige Weise Gegenwehr: durch Kritik in Betrieb und Nachbarschaft an der nationalsozialistischen Herrschaft, durch geheime Zusammenkünfte, Kurierdienste und Nachrichtenübermittlung, durch die Verteilung von Flugblättern und illegalem Material sowie durch Hilfe für die Angehörigen inhaftierter Parteifreunde.

Die emigrierte Leitungsgruppe der KPD hatte nach Prag und Paris schließlich ihren Sitz in Moskau genommen. Dort vertrat sie unter der Leitung von Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck die politische Linie Stalins und strebte nach der Führung in der Arbeiterbewegung. Während die Sozialdemokraten stärker darauf aus waren, Gesinnungsfreunde zu sammeln, war es den Kommunisten wichtig, öffentliche Wirkung zu erzielen. Dieser öffentlichkeitswirksame Protest führte aber auch zur verstärkten Verfolgung von KPD-Funktionären. Schon in den ersten vier Jahren der NS-Diktatur wurden die kommunistischen Widerstandsgruppen weitgehend zerschlagen. Ihre Mitglieder wurden häufig durch V-Leute der Gestapo, die heimlich in die Gruppen eingeschleust worden waren, verraten und in politischen Massenprozessen verurteilt.

KPD, Deutscher Widerstand, Ernst ThälmannKPD-Demonstration in Berlin, 25. Januar 1933
Vier Stunden lang ziehen am 25. Januar 1933 mehrere zehntausend KPD-Anhänger auf dieser letzten Großdemonstration der KPD an der Parteiführung vorbei. V. l.: Franz Dahlem, Wilhelm Hein, Willy Leow, Walter Ulbricht, Wilhelm Florin (verdeckt), Artur Golke, John Schehr, Ernst Thälmann (© Landesarchiv Berlin, F Rep. 290 Nr. 0081608 / Fotograf: k. A.)

Zweifel an der Fähigkeit der Auslandsleitung, von außen den Widerstand zu koordinieren, bewogen seit der Mitte der 1930er-Jahre Gruppen kommunistischer Regimegegner, unabhängig von der Führung der Exil-KPD zu handeln. Hinzu kam die Kenntnis der stalinistischen Säuberungen in der Sowjetunion. Schließlich offenbarte der deutsch-sowjetischeNichtangriffspakt vom 23. August 1939, der Hitler den Überfall auf Polen erleichterte, die Zusammenarbeit der beiden Diktatoren bei der Aufteilung Ostmitteleuropas. Stalin ließ zu dieser Zeit sogar kommunistische Regimegegner an die Gestapo ausliefern. Diese Umstände bewirkten in ihrer Gesamtheit bis zum Kriegsbeginn eine weitgehende Lähmung des kommunistischen Widerstands.

Quellentext

Warnung vor der Kriegsgefahr

Am 2. Februar 1936 haben 118 Mitglieder aller Arbeiterparteien Deutschlands und Vertreter seines freiheitlichen Bürgertums in einer Kundgebung an das deutsche Volk eindringlich darauf hingewiesen, dass der von Hitler vorbereitete Vernichtungs- und Eroberungskrieg täglich näher rückt. […]

Die Unterzeichneten, Angehörige sämtlicher deutscher Arbeiterparteien und Organisationen, die in Deutschland einen Heldenkampf gegen das Hitlerregime führen, erklären gemeinsam mit Vertretern des freiheitlichen deutschen Bürgertums: Die deutschen Volksmassen wollen nicht Krieg, sondern Frieden. Die Kriegspolitik Hitlers widerspricht dem Willen der überwältigenden Mehrheit des deutschen Volkes. Es ist unwahr, dass hinter Hitler 99 Prozent des deutschen Volkes stehen. Die Zahlen der Wahlen sind teils durch einen unerhörten Terror erpresst, teils sind sie erreicht vermittels nachgewiesener beispielloser Fälschungen.

Die große Masse des deutschen Volkes, besonders die Werktätigen Deutschlands haben im Zusammenleben mit anderen Nationen nur ein Ziel, in einem freiheitlichen, von Naziterror erlösten Deutschland mit allen Völkern in Frieden zu leben und alle strittigen Fragen durch friedliche Verständigung zu lösen.

[…] Angesichts der gesteigerten Kriegsgefahr und drohenden Katastrophe ist dieser Zusammenschluss notwendiger denn je, um die Machenschaften Hitlers bloßzustellen, um die chauvinistische Demagogie, die ideologische Vorbereitung des Krieges zunichte zu machen.

Unser Ruf ergeht an alle deutschen Arbeiter, an alle Frauen und Männer, die Deutschland und die Welt vor einem neuen Krieg bewahren wollen. Vereinigt Euch! Kämpft gemeinsam für den Sturz der Hitlerdiktatur! Sie ist das Unglück unseres Volkes und wird zum Unglück für die ganze Welt, wenn w i r es nicht verhindern.

Unser Ruf ergeht gleichzeitig an die Arbeiter und ihre Organisationen in der ganzen Welt, an die Männer und Frauen in allen Ländern, durch einheitliches Handeln, durch Verhinderung jeder finanziellen Unterstützung Hitlerdeutschlands, durch Kampf für die Amnestierung der eingekerkerten Gegner des Naziregimes, die freiheitlichen und friedliebenden Kräfte des deutschen Volkes in ihrem heroischen Ringen zu unterstützen.[…]

Aufruf zur Bildung einer Einheitsfront vom 2. Februar 1936, abgedruckt in: Die Rote Fahne, Jahrgang 1936, Nr. 4



Lilo Herrmann

Die 1909 geborene Lilo (Liselotte) Herrmann studierte von 1929 bis 1931 an der Technischen Hochschule in Stuttgart Chemie und ab 1931 Biologie in Berlin. 1928 trat sie in den Kommunistischen Jugendverband ein, wurde Mitglied des Roten Studentenbundes und im November 1931 KPD-Mitglied.

Wegen ihrer politischen Tätigkeit im Juli 1933 von der Universität verwiesen, arbeitete sie anschließend als Kindermädchen. Lilo Herrmann war in jener Zeit bereits Mitarbeiterin des geheimen Nachrichtendienstes der KPD.

Nach der Geburt ihres Sohnes Walter kehrte sie im September 1934 nach Stuttgart zurück und war zunächst im Ingenieurbüro ihres Vaters als Stenotypistin beschäftigt. Ab Ende 1934 arbeitete sie als technische Mitarbeiterin für Stefan Lovasz, den Leiter der illegalen KPD Württemberg, und übernahm Schreib- und Kurierarbeiten für den geheimen Militärapparat der KPD.

Von dem in den Dornier-Werken in Friedrichshafen beschäftigten Artur Göritz erhielt sie militärische Informationen über die Produktion von Rüstungsgütern und über den Bau einer unterirdischen Munitionsfabrik bei Celle. Dieses Material wurde einem Instrukteur des Zentralkomitees (ZK) der KPD in der Schweiz übergeben.

Von Agenten verraten, wurde Liselotte Herrmann am 7. Dezember 1935 festgenommen und am 12. Juni 1937 vom "Volksgerichtshof" wegen "Landesverrats und Vorbereitung zum Hochverrat" zum Tode verurteilt. Ihre Enthauptung erfolgte am 20. Juni 1938 in Berlin-Plötzensee, obwohl sich viele Menschen aus verschiedenen Ländern für die junge Frau und Mutter einsetzten.

Willi Münzenberg

Willi Münzenberg, 1889 geboren, trat 1919 der KPD bei und war von 1919 bis 1921 Sekretär der Kommunistischen Jugendinternationale. 1921 organisierte er Hilfsmaßnahmen für das hungernde Russland und stand bis 1933 der Internationalen Arbeiterhilfe vor.

Er baute mit Hilfe der Kommunistischen Internationalen (kurz: Komintern) ein breitgefächertes kommunistisches Medienunternehmen auf. Im Zentralkomitee der KPD gehörte er bis 1932 zu den Vertretern einer ultralinken Politik.

Nach dem Reichstagsbrand floh Münzenberg nach Frankreich und erhielt dort durch Vermittlung des französischen Politikers und Schriftstellers Henri Barbusse politisches Asyl. Er gründete einen Verlag und veröffentlichte von Paris aus Aufsehen erregende "Braunbücher" über den Reichstagsbrand und den Terror im nationalsozialistischen Deutschland.

1935 ergriff Münzenberg die entscheidende Initiative zur Gründung einer deutschen "Volksfront" gegen den Nationalsozialismus, der Vertreter unterschiedlicher Parteien angehörten.

Meinungsverschiedenheiten mit der KPD-Führung in Moskau und Auseinandersetzungen mit Walter Ulbricht führten 1938 zum Bruch mit der KPD. Münzenberg trat für gemäßigte, sozialdemokratische Positionen ein und lehnte die Diktatur des Proletariats ab. Er war Gegner des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes.

Als deutscher Staatsangehöriger in einem französischen Internierungslager festgehalten, floh Münzenberg im Juni 1940 beim Vorrücken der deutschen Truppen. Sein Tod im Sommer 1940 auf dem Weg in die Schweiz ist bis heute ungeklärt.

Robert Stamm

Der 1900 geborene Robert Stamm besuchte nach einer Werkzeugschlosserlehre die Fachschule für Werkzeug- und Maschinenbau. Noch im Frühjahr 1918 wurde er zum Militärdienst einberufen.

Stamm trat bald nach ihrer Gründung der KPD bei, beteiligte sich 1920 an Aktionen gegen die Kapp-Putschisten und 1923 gegen die separatistischen Gruppen im Rheinland. Von 1924 bis 1930 übte Robert Stamm verschiedene Funktionen in der KPD im Rhein-Ruhr-Gebiet aus.

Er war zunächst als Volontär, später als Gewerkschafts- und Wirtschaftsredakteur bei der KPD-Zeitung "Freiheit" in Düsseldorf beschäftigt. 1930 schickte ihn die KPD-Führung als Bezirksleiter nach Bremen. 1932 wurde er als Abgeordneter in den Reichstag gewählt.

Nach dem Reichstagsbrand arbeitete er illegal weiter, verließ Anfang April 1933 Bremen und ging nach Berlin. Von Mai 1933 bis Frühjahr 1934 war er als Politischer Sekretär der KPD-Bezirksleitung Niedersachsen tätig, anschließend leitete er die Berlin-Brandenburger Organisation der KPD bis Oktober 1934.

Im November 1934 verließ er Deutschland und nahm in Moskau an den Vorbereitungen des VII. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale teil. Auf Beschluss der KPD-Führung kehrte er Anfang März 1935 nach Berlin zurück.

Zusammen mit Adolf Rembte, Käte Lübeck und Max Maddalena wurde Stamm am 27. März 1935 von der Gestapo festgenommen. Trotz einer großen internationalen Protest- und Solidaritätsbewegung wurden Stamm und Rembte am 4. Juni 1937 vom "Volksgerichtshof" zum Tode verurteilt und am 4. November 1937 in Berlin-Plötzensee enthauptet.

Otto Wels

Ab 1919 war der 1873 geborene Otto Wels Reichstagsabgeordneter und entschiedener Anhänger der Republik. Als SPD-Parteivorsitzender griff er die Nationalsozialisten in Reden und Artikeln unerschrocken an. Bis zuletzt versuchte Wels, die Republik und ihre Verfassungsordnung zu verteidigen.

Im März 1933 wollte sich Hitler vom Parlament unabhängig machen und forderte deshalb das Recht der Gesetzgebung für seine Regierung. Dieses "Ermächtigungsgesetz" sollte vorgeblich auf vier Jahre begrenzt sein. Es bedeutete tatsächlich die völlige Entmachtung des Reichstages und die Zerstörung der verfassungsmäßigen Gewaltenteilung.

Durch die Festnahme der meisten kommunistischen Abgeordneten, die Aberkennung ihrer Mandate sowie die absehbare Zustimmung des Zentrums und der Liberalen, die Hitlers Zusicherungen glaubten, stand die SPD-Reichstagsfraktion alleine vor der Aufgabe, Hitlers Pläne abzulehnen.

Otto Wels wandte sich entschieden gegen die Entmachtung des Parlaments. Er bekannte sich zu den Grundsätzen des Rechtsstaats, des Parlamentarismus, der Menschlichkeit, der Freiheit und des Sozialismus. Nach seiner Rede gegen das "Ermächtigungsgesetz", die als letzte freie Rede im Reichstag gilt, wurde Wels auf der letzten SPD-Reichskonferenz am 27. April 1933 noch einmal zum Parteivorsitzenden gewählt.

Die Zerschlagung der Gewerkschaften Anfang Mai bewies ihm, dass es keinerlei Möglichkeit der legalen Opposition gegen Hitlers Regierung geben konnte. Wels emigrierte nach Prag und wurde einer der Vorsitzenden der Exil-SPD (SOPADE). 1938 floh er nach Paris, wo er ein Jahr später starb.

Werner Blumenberg

Als Sohn eines Pastors 1900 geboren, studierte Werner Blumenberg ab 1919 Theologie, Religionsgeschichte sowie orientalische Sprachen und befasste sich mit philosophischen und sozialistischen Schriften.

Er konnte sein Studium aus finanziellen Gründen nicht beenden und arbeitete danach in einem Kalibergwerk. Daneben schrieb er Artikel für die in Hannover erscheinende sozialdemokratische Tageszeitung "Volkswille", deren Lokalredakteur er 1928 wurde.

Ab 1932 bereitete er die Hannoveraner SPD auf die Illegalität vor, organisierte einige Waffen und leitete die Flugblattproduktion in die Wege. Zwischen März und Mai 1933 kritisierte er in mehreren Flugblättern die "Stillhaltetaktik" der SPD, die auf das bloße Überleben der Partei abzielen sollte.

Unterstützt von den sozialdemokratischen Funktionären Franz Nause und Willy Wendt baute Werner Blumenberg eine Widerstandsgruppe nach konspirativen Regeln auf. Seit Ende 1933 trug diese Gruppe den Namen "Sozialistische Front". Sie verteilte alle vier bis sechs Wochen die zehnseitige Flugschrift "Sozialistische Blätter" an einen zeitweilig bis zu 1000 Leser umfassenden Kreis.

Im Sommer 1936 gelang es der Gestapo, einen Spitzel in die Sozialistische Front einzuschleusen. Blumenberg konnte in der Nacht vom 16. zum 17. August 1936 in die Niederlande fliehen. Nach 1945 kehrte er nicht mehr nach Deutschland zurück und starb 1965 in Amsterdam.

Hilde Ephraim

Die 1905 geborene Fürsorgerin Hilde Ephraim arbeitete in Brandenburg an der Havel und trat dort 1931 der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) bei.

1933 wurde sie wegen ihres politischen Engagements und wegen ihrer jüdischen Herkunft aus dem Staatsdienst entlassen. Sie zog nach Berlin und war hier für die SAP illegal tätig.

Nach ausgedehnten Verhaftungswellen in der Berliner Organisation gab es nur noch circa 200 SAP-Mitglieder, die in Fünfer- bzw. Dreiergruppen organisiert waren und sich kaum mehr untereinander kannten. Nur je ein Mitglied durfte die Verbindung zur nächsten Ebene halten. Treffen dienten dem Austausch von Informationen oder der Vorbereitung von Hilfen für Verfolgte.

Aufgrund ihrer Kontakte zu jüdischen Hilfsorganisationen unterstützte auch Hilde Ephraim Gefährdete und Familien von Inhaftierten. Im Frühjahr 1936 wurde sie festgenommen und bei den Verhören von Gestapobeamten schwer misshandelt. Der "Volksgerichtshof" verurteilte Hilde Ephraim am 25. Juni 1937 zu vier Jahren Zuchthaus, die sie in Lübeck und im bayerischen Amberg verbüßte. 1939 befand sie sich in der Frauenstraf- und Verwahranstalt in Aichach, wo sie die Nahrung verweigerte und schwer erkrankte.

Am 24. Juni 1940 wurde sie in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar registriert; am 20. September 1940 erfolgte im Rahmen der "Aktion T4", bei der systematisch Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung ermordet wurden, ihre Überstellung in die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz. Hier wurde sie noch am Tag der Ankunft ermordet.