Dossierbild Informationen zur politischen Bildung: Polen
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1000 Jahre wechselvoller Geschichte


2.8.2011
Unter Herzog Miesko I. beginnt im 10. Jahrhundert die Geschichte Polens als nordöstlichster Vorposten der abendländischen Staatengemeinschaft. Dieter Bingen zeichnet die Geschichte Polens bis 1918 in Grundzügen nach.

Lech Wałęsa bei einem Konzert in Danzig am 4. Juni 2009. Das Konzert war Teil der Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag der historischen Wahlen in Polen im Juni 1989.Lech Wałęsa bei einem Konzert in Danzig am 4. Juni 2009. Das Konzert war Teil der Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag der historischen Wahlen in Polen im Juni 1989. (© AP)

Von der Staatswerdung bis zum 1. Weltkrieg



Das zehnte Jahrhundert umfasst für Polen wie für andere europäische Nationen die Jahrzehnte erster Staatswerdung. Im Jahr 966 nahm Herzog Mieszko (um 960–992) aus dem Herrschergeschlecht der Piasten das lateinische Christentum an und machte Gnesen (Gniezno) in Großpolen (lat. Polonia Maior, poln. Wielkopolska) zur ersten Hauptstadt. Das Jahr 1000 markierte mit der Wallfahrt des römisch-deutschen Kaisers Otto III. zum Grab des heiligen Adalbert den Beginn deutsch-polnischer Beziehungen. Otto stimmte der Errichtung eines direkt dem Papst unterstehenden Erzbistums mit drei Bistümern (Krakau, Breslau, Kolberg) zu und erhob den Gastgeber Herzog Boleslaw den Tapferen (Chrobry) zum "Bruder und Mitarbeiter des Reiches".

Aufstieg zur Großmacht

Boleslaw I. Chrobry erwarb 1025 als erster polnischer Herrscher mit päpstlicher Billigung die Königswürde über ein Königtum, dessen wichtigste Nachbarn im Westen das römisch-deutsche Reich, im Norden Dänemark, im Süden Böhmen und im Osten die Kiever Rus waren. In den folgenden Jahrzehnten schwächten Erbfolgestreitigkeiten und Teilungen das gesamtstaatliche Verantwortungsgefühl, was auch die Abwehr des zentralasiatischen Reitervolkes der Mongolen erschwerte, das innerhalb weniger Jahrzehnte das größte Landreich der Geschichte errichtet hatte. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts bedrohten die Mongolen nach der Niederringung des Großfürstentums Kiev die mitteleuropäischen Reiche, darunter Polen. Die Niederlage eines polnisch-deutschen Heeres unter dem Piastenherzog Heinrich II. bei Liegnitz im April 1241 ging in polnische und deutsche Geschichtsbücher ein. Das piastisch regierte Schlesien schied 1339/53 aus dem polnischen Staatsverband aus und wurde als Teil Böhmens mittelbar Bestandteil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. 1320 erfolgte die dauerhafte Erhebung Polens zum Königreich.

Verheerende Einfälle der seit altersher an der nördlichen Grenze Polens (ungefähr im Raum des späteren Ostpreußen) siedelnden heidnischen Pruzzen veranlassten Konrad I. von Masowien (Mazowiecki, 1194–1247) zu einem Hilferuf an den 1198 im Heiligen Land gegründeten Deutschen Ritterorden, dem er 1230 das Kulmer Land versprach. Der Orden entwickelte sich schnell zu einer völlig eigenständigen Militärmacht und zu einer Gefahr für die piastischen Fürsten in den nördlichen Provinzen Polens. Er konnte erst in der Schlacht bei Grunwald (Tannenberg) im Juli 1410 durch ein vereintes polnisch-litauisches Heer bezwungen werden.

Quellentext

Die lange Geschichte der Schlacht von Grunwald

[Am] 15. Juli 1410 stehen [zwei] Armeen in zwei fast drei Kilometer langen Linien etwa 200 Meter voneinander entfernt. Sie sind bereit zu einer der größten Schlachten des späten Mittelalters, die für fast vier Jahrhunderte das Machtgefüge in Ostmitteleuropa vorentscheiden sollte: zur Schlacht von Grunwald (deutsch: Grünfelde), die in Deutschland seit preußischer Zeit die Schlacht bei Tannenberg (polnisch: Stebark) heißt, beides Orte in der Nähe des Geschehens südwestlich von Allenstein in Masuren. [...]
Die große Schlacht hatte eine fast 200-jährige Vorgeschichte. Sie begann, wie es der englische Historiker Robert Bartlett nannte, mit der "Geburt des christlichen Europa aus dem Geist der Gewalt": mit den Kreuzzügen gegen die Muslime am Mittelmeer und die Heiden an der Ostsee.
Die Kreuzfahrerstaaten im Nahen Osten taumelten ihrem Untergang entgegen, als der polnische Herzog Konrad von Masowien 1226 die bereits aus Palästina nach Ungarn vertriebenen Deutschordensbrüder an die Weichsel holte. [...] Ihr Hochmeister Hermann von Salza war ein Freund des Stauferkaisers Friedrich II. und spielte den polnischen Provinzler linkerhand aus, indem er sich vom Kaiser und vom Papst die Souveränität über die eroberten Gebiete zusichern ließ. So entstand innerhalb weniger Jahrzehnte östlich der unteren Weichsel ein effizienter Ordensstaat, der – gestützt auf moderne Wehrkloster-Residenzen wie die machtvolle Marienburg bei Danzig – den in Palästina geschlagenen westeuropäischen Rittern Ersatzkreuzzüge und Aufstiegschancen bot. Zunächst ging es gegen die heidnischen Pruzzen und die teils heidnischen, teils orthodoxen Litauer. Doch dann auch gegen die eigenen Glaubensbrüder: das katholische Polen. [...]
Am 24. Juni erklärten Polen und Litauer dem Hochmeister den Krieg. [...…] Am 15. Juli war bei Grunwald und Tannenberg die Stunde der Entscheidung gekommen. [...…] 1525 schließlich legte der letzte Hochmeister, Albrecht von Hohenzollern (auch Albrecht von Brandenburg-Ansbach, Anm. d. Red), in Krakau den Lehnseid auf den polnischen König ab. Zugleich schloss sich Albrecht dem Protestantismus an und wandelte den verbliebenen Ordensstaat in das Herzogtum Preußen um. Dieses wurde, vereint mit Brandenburg, zum Nukleus jenes Staates, der 250 Jahre später im Zusammenspiel mit Russland und Habsburg Polen-Litauen den Garaus machen sollte. [...]
Für die preußisch-deutschen Nationalisten blieb die "Schmach von Tannenberg" […...] ein Stachel im Fleisch, der mit dem Mythos von der Marienburg als deutschem Vorposten gegen die Barbarei kompensiert werden sollte. Später stilisierte man den Sieg über die russischen Armeen in Ostpreußen im September 1914 zur zweiten Tannenberg-Schlacht, zur Revanche für Grunwald.
Auch die Nazis wollten die Erinnerung tilgen. Sie zerstörten nach der Besetzung Polens 1939 das Krakauer Denkmal Jagielos und überführten die Kopien der 1410 eroberten Standarten feierlich in die Marienburg; die Originale waren bereits 1797 von den Habsburgern entwendet worden und sind seitdem verschollen – wie heute auch die Kopien.
Just in jenen Tagen der deutschen Schreckensherrschaft diente der Grunwald-Mythos den Polen zur "Ertüchtigung der Herzen". [...]
Auch die Kommunisten zitierten gern die Grunwald-Symbolik, weil man daraus irgendwie auch eine "polnisch-sowjetische Waffenbrüderschaft" ableiten konnte. [...]
Diese exklusiven Debatten interessieren die Neuritter wenig, die jedes Jahr in den Auen von Grunwald die Schlacht nachstellen. [...…] Ansonsten aber ist es still geworden über dem Schlachtfeld.

Adam Krzeminski, "Die mythische Schlacht", in: Die Zeit Nr. 27 vom 1. Juli 2010




Diese Auseinandersetzungen wurden in Polen lange zum Sinnbild eines dauerhaften deutsch-polnischen Gegensatzes stilisiert, während eine parallel zum Aufstieg des Deutschen Ritterordens stattfindende positive deutsch-polnische Begegnung im allgemeinen Bewusstsein zurückgedrängt wurde: Bereits seit dem 12. Jahrhundert vollzog sich der sogenannte Landesausbau, die "deutsche Ostsiedlung", auf Einladung der polnischen Herren, die das Ziel verfolgten, die agrarische Produktion in bisher siedlungsarmen Landschaften zu intensivieren und das Städtenetz auszubauen. Die angeworbenen Siedler wurden mit rechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Privilegien ausgestattet, die ihnen breitere Handlungsspielräume eröffneten, als sie in den deutschen Herkunftsgebieten und im herkömmlichen polnischen Recht gegeben waren. Diese deutsche Siedlung war keine aggressive Bewegung, sondern eine ökonomische, rechtliche und kulturelle Leistung, von der Deutsche, Polen und andere im Königreich siedelnde Ethnien profitierten und die bis ins 14. Jahrhundert andauerte.

Polnisch-Litauische Personalunion

Unter Kazimierz III. dem Großen (Wielki, Reg. 1333–70) erreichten der Landesausbau und der Verwaltungsaufbau sowie der geistig-kulturelle Aufschwung (Gründung der Universität Krakau 1364) einen Höhepunkt. Da sein Sohn Ludwik I. der Große (Wielki, 1326–1382, ab 1370 König von Polen) ohne männlichen Erben geblieben war, musste die Zustimmung des polnischen Adels zur Nachfolge der Töchter mit weitreichenden Konzessionen erkauft werden, die diesem eine fast völlige Steuerfreiheit, den politischen Alleinvertretungsanspruch und die Mitwirkung an der Königswahl garantierten.

Die Eheschließung Jadwigas, der Tochter Ludwiks I, mit dem bis dahin heidnischen Großfürsten von Litauen, Jagielo (Reg. 1386–1434), begründete eine – mehrfach unterbrochene – polnisch-litauische Personalunion, die erst 1569 in Lublin in eine Realunion umgewandelt wurde. Die Taufe Jagielos und der heidnischen Mehrheit des litauischen Volkes schloss die Christianisierung Europas ab.

Erfolge im Konflikt mit dem Deutschen Orden führten 1466 zu Gebietsgewinnen: das sogenannte königliche (= polnische) Preußen, das heißt Pommerellen mit Danzig, das Kulmer und Michelauer Land, Elbing und die Marienburg, fiel den Jagiellonen zu. Das östliche (seit 1525 "herzogliche") Preußen mit Königsberg verblieb zunächst Deutschordensstaat. 1525 leistete der für die Reformation gewonnene letzte Ordenshochmeister Albrecht von Brandenburg-Ansbach dem polnischen König den Lehenseid und erhielt als weltlicher Herzog das bisherige Deutschordensgebiet, das nunmehrige Herzogtum Preußen, zum Lehen; 1618 fiel es an Brandenburg und musste 1657 im Vertrag von Wehlau von Polen ganz aufgegeben werden. Für die nächsten Jahrhunderte wurde Brandenburg-Preußen dem Königreich Polen zu einer schicksalhaften Herausforderung. Im Osten und Südosten fanden sich die Jagiellonen der zunehmend ernster werdenden Bedrohung durch das aufstrebende Großfürstentum Moskau und durch die Osmanen ausgesetzt.

Der zu einer Einheit zusammenwachsende polnisch-litauische Adel nutzte die häufigen außenpolitischen Verwicklungen dazu, dem jeweiligen Herrscher weitergehende Rechte abzuringen. Nach einer Habeas-Corpus-Akte (Schutz der persönlichen Freiheit, 1430/33) wurde dem regionalen Kleinadel 1454 eine Mitwirkung an der Landesregierung zugestanden, die 1493 zur Einrichtung eines Reichstages (Sejm) mit zwei Kammern führte, dem aus höchsten königlichen Beamten bestehenden Senat und der Landbotenstube, besetzt mit adligen Vertretern der Landtage der Provinzen (Woiwodschaften).

Die bereits 1454 vom Adel durchgesetzte rechtliche Benachteiligung von Stadtbürgern und Bauern schritt weiter fort. Der Handel der Städte wurde durch Reichstagsbeschlüsse stark eingeschränkt. So war im Vergleich zu den deutschen Territorien die geringe ökonomische und politische Bedeutung der Städte in Polen auffallend, deren Oberschicht wiederum den Anschluss an den Adel suchte. Um genügend Arbeitskräfte zu haben, banden die Grundherren die Bauern immer stärker an die Scholle. Seit 1496 war es den Bauern polnischen Rechts verboten, sich bei Streitigkeiten mit ihren Herren an ein königliches Gericht zu wenden. Das 1538 verschärfte Monopol des adligen Grundbesitzes und die privilegierte soziale und politische Stellung des Kleinadels ebneten den Weg zum Niedergang der Städte sowie zur weiteren Entrechtung und lang andauernden Verelendung der Bauern. Dagegen erlebte Polen insbesondere auf literarisch-künstlerischem Gebiet unter den letzten Jagiellonen im 16. Jahrhundert sein "Goldenes Zeitalter". Die städtische Bevölkerung wurde früh von der lutherisch, Teile des Adels von der calvinistisch geprägten Reformation erfasst. Trotz der katholischen Gegenreformation herrschte seit dem Konfessionsfrieden von 1573 (Warschauer Konföderation) für zwei Generationen eine beispielhafte religiöse Toleranz. Aber bereits mit der Berufung des Jesuitenordens nach Polen (1564) und dem Aufbau seines Erziehungssystems kündigte sich eine schleichende Rekatholisierung an; unter Zygmunt III. Waza (Reg.1587–1632) betrieben die Bischöfe offen die Rücknahme der Warschauer Konföderation von 1573.

Niedergang und staatlicher Zerfall

Da die Jagellionen keinen männlichen Thronfolger aufbieten konnten, wurde 1572 eine Wahlmonarchie eingerichtet. Der gesamte Adel war zur Wahl zugelassen. Dies bewirkte eine weitere Schwächung der königlichen Macht, festigte den Einfluss der Magnaten (Adlige mit teilweise riesigem Großgrundbesitz, hohen Ämtern und eigenen Truppen) und beschleunigte die Ausprägung einer extrem adelsrepublikanischen Staatsform. Das seit 1652 respektierte Recht jedes Landboten (Abgeordneten des Adels), mit seinem Einspruch (Liberum veto) den Reichstag beschlussunfähig zu machen, erleichterte den an einer Schwächung Polens interessierten Nachbarmächten die Einflussnahme.

Die Auseinandersetzungen mit den ukrainischen Kosaken (1654 Anschluss des Kosakenstaates an Moskau) und mit Russland im Osten, die nordischen Kriege gegen Schweden (1655–1660, 1700–1721) und die häufigen Kämpfe mit dem Osmanischen Reich im Süden, aus denen Polen geschwächt hervorging, ließen das Land immer mehr zum Spielball der Politik der benachbarten Großmächte werden. Innere Auseinandersetzungen um Staatsreformen, die die Macht des Adels zurückdrängen sollten, boten Russland und Preußen Gelegenheit zur Einmischung. Bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts verfolgte Preußen das Ziel territorialer Erwerbungen auf Kosten Polens. Unter geeigneten Umständen sollte Russland für Teilungspläne gewonnen werden. Als Russland 1768 in einen Krieg gegen das Osmanische Reich verwickelt wurde und sich gleichzeitig in Polen bewaffneter Widerstand gegen Russlands Einmischung in innerpolnische Verfassungsfragen erhob, war dieser Moment eingetreten: Die russische Zarin Katharina II. ließ sich von der preußischen Diplomatie dazu bewegen, 1771 eine Teilungsvereinbarung mit Preußen zu treffen und 1772 Österreich in diese einzubeziehen. Das innenpolitisch zerrissene und militärisch wehrlose Polen verlor 1772 über ein Viertel seines Staatsgebietes und ein Drittel seiner Bevölkerung an die drei Teilungsmächte.

Die andauernde Bedrohung von außen und der Schock der Teilung setzten Polen unter noch größeren Reformdruck. Ein "Vierjähriger Sejm" (1788–92) verabschiedete am 3. Mai 1791 die erste geschriebene Verfassung Europas. Sie sah eine konstitutionelle Monarchie mit einer Erbdynastie, die Teilung der Gewalten in Legislative, Exekutive, Judikative, die Abschaffung des Liberum veto, einen nach Mehrheitsprinzip entscheidenden Reichstag sowie eine aus Kronrat und Ministern gebildete Regierung vor.

Katharina II. von Russland (Reg. 1762–1796) unterstützte die Reaktion des Adels gegen die Mai-Verfassung, der seine Privilegien beschnitten sah, und intervenierte mit einer 100.000 Mann starken Armee. Berlin verhandelte mit dem Petersburger Hof über eigene Gebietsansprüche. Ein preußisch-russischer Teilungsvertrag besiegelte die zweite Teilung Polens 1793 (Verlust von 286.000 Quadratkilometern mit 3,5 Millionen Einwohnern). Ein von Tadeusz Kosciuszko (1746–1817) geführter allgemeiner Volksaufstand gegen die Teilung brach im Oktober 1794 zusammen und wurde von den drei Nachbarn zum Anlass genommen, den kaum noch lebensfähigen polnischen Rumpfstaat endgültig zu zerschlagen. Das restliche Polen mit 240.000 Quadratkilometern und 3,5 Millionen Einwohnern wurde in der dritten Teilung 1795 Russland, Preußen und Österreich zugeschlagen und verschwand von der politischen Landkarte Europas.

Für Polen begann der Aufbruch Europas in das Zeitalter der Nationalstaatsbildung mit der schmerzhaften Erfahrung des Verlustes staatlicher Selbstständigkeit. "Dieses Paradox kann gar nicht deutlich genug hervorgehoben werden, liefert es doch den Schlüssel für ein besseres Verständnis vieler Eigenheiten der neueren und neuesten Geschichte. Das sogenannte Teilungstrauma sollte in diesem Land weit über das 19. Jahrhundert hinaus zum alles bestimmenden Ausgangspunkt politischen Denkens und Handelns werden. Auch der daraus resultierende Gegensatz von Staat und Gesellschaft in Polen hat hier seinen Ursprung [...]. Das 19. Jahrhundert dauerte in Polen eigentlich bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, als ein souveräner polnischer Staat wiedergegründet werden konnte." (Rudolf Jaworski, in: Eine kleine Geschichte Polens, Frankfurt/Main 2000, S. 249)

Der Wiener Kongress 1814/15, auf dem nach dem Ende der Revolutionskriege und dem Sturz Napoleons eine europäische Nachkriegsordnung etabliert werden sollte, hob ein aus den polnischen Zentralgebieten gebildetes "Königreich Polen" (Kongresspolen) aus der Taufe, dem neben einer eigenen Verfassung, die es durch eine Personalunion mit Russland verband, und einer Verwaltung auch eine kleine Armee zugestanden wurde. Der russische Zar war jetzt zugleich König von Polen.

Die nun folgende russische Willkürherrschaft löste in Kongresspolen im Laufe des 19. Jahrhunderts (1830/31, 1863) Aufstände aus. Die Besatzungsmacht reagierte mit rigorosen Strafmaßnahmen und mit einer brutalen Russifizierungspolitik. Der Name "Königreich Polen" verschwand, ab 1874 residierte in Warschau ein russischer Generalgouverneur, alle polnischen Verwaltungsinstanzen wurden aufgelöst. Die preußischen Behörden verschärften nach der Reichsgründung 1871 den Kulturkampf gegen das Polentum in Posen/Westpreußen.

Die Konfrontation der Teilungsmächte im Ersten Weltkrieg und die bolschewistische Revolution in Russland 1917 setzten die „polnische Frage“, die Wiedererrichtung eines polnischen Staatswesens, auf die Tagesordnung der europäischen Politik. Am 5. November 1916 ließen die Kaiser Deutschlands und Österreich-Ungarns in Warschau die Errichtung eines Regentschaftskönigreichs Polen bekanntgeben. Sein Territorium blieb nach dem Willen der Mittelmächte beschränkt auf das russische Teilungsgebiet („Kongresspolen“). Anstelle eines Königs fungierte auf dem nichtsouveränen Gebiet ein dreiköpfiger Regentschaftsrat. Während US-Präsident Woodrow Wilson am 22. Januar 1917 vor dem US-Senat für ein geeinigtes, unabhängiges und selbstständiges Polen plädierte, verweigerte Russland unter Führung der Bolschewiki der neuen Regentschaftsmonarchie die Anerkennung mit der Begründung, der polnische Staat sei nicht selbstständig und seine Regierung nicht rechtmäßig. Die Niederlage des deutschen Kaiserreichs und des Habsburgerreiches ebnete schließlich den Weg zu einem unabhängigen polnischen Staat. Nach der deutschen Kapitulation dankte der Regentschaftsrat zugunsten von Józef Piłsudski (1867-1935) ab. Der Führer der gemäßigten Sozialisten konnte am 11. November 1918, zugleich politisch unterstützt von den Westmächten, als "Vorläufiger Staatschef" die vollziehende Gewalt in dem bis dahin von deutschen Truppen besetzten Warschau übernehmen. Polen hatte nach 123 Jahren Fremdherrschaft wieder die Selbstständigkeit errungen.




 

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