Dossierbild Informationen zur politischen Bildung: Polen
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Gesellschaftliche Strukturen


2.8.2011
Die Rolle der katholischen Kirche, das Erbe der Solidarnos´c´- Bewegung, die Integration nationaler Minderheiten und der Umgang mit ökologischen Problemen – Polens Gesellschaft steht einer Vielzahl aktueller Herausforderungen gegenüber.

Deputy Prime Minister and Education Minister Roman Giertych (R) takes part in the March of Living organized by the League of Polish Families (LPR) and the ultra-Catholic Radio Maryja in Warsaw, Wednesday, 28 March 2007. The demonstrators ask for a provision to be included in the constitution stating that life is legally protected since conception.Der damalige Bildungsministers Roman Giertych nimmt am "Marsch des Lebens" des ultra-katholischen Bündnisses polnischer Familien (LPR) teil. (© picture-alliance/dpa)

Demographie und sozialer Wandel



Nach den Bevölkerungsverlusten und den dramatischen Veränderungen in der ethnischen Zusammensetzung durch den Zweiten Weltkrieg (1939–1945) und die Ereignisse unmittelbar danach hatte Polen in seinen Nachkriegsgrenzen im Jahre 1946 nur noch 23,9 Millionen Einwohner. Namentlich die Ermordung von 85 bis 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung und der Verlust von zwölf Prozent der ethnisch-polnischen Bevölkerung, darunter besonders Vertreter der polnischen Intelligenz (in den Grenzen Polens von 1939, ohne Berücksichtigung der Bevölkerungsverluste unter den Ukrainern, Weißrussen und Deutschen innerhalb der Vorkriegsgrenzen Polens), dezimierten die Bevölkerung Polens. Hinzu kamen die Grenzverschiebung nach Westen und die durch Flucht und Vertreibung verursachten Migrationen. Millionen Deutsche in den bisherigen deutschen Ostprovinzen mussten ihre Heimat verlassen. Ein Teil der im Südosten lebenden Ukrainer wurde bei Kriegsende in die sowjetische Ukraine ausgesiedelt. Polen wandelte sich zu einem ethnisch weitgehend homogenen Staat. Vor dem Krieg waren von den 35 Millionen Staatsbürgern der amtlichen Sprachenstatistik von 1931 zufolge nur 69 Prozent Polen. Rund 14 Prozent der Bevölkerung waren Ukrainer, 8,6 Prozent Juden, 3,1 Prozent Weißrussen, 2,3 Prozent Deutsche.

Kinderzahl in ausgewählten LändernKinderzahl in ausgewählten Ländern
Die Bevölkerung Polens zählte nach dem Zweiten Weltkrieg zu den mobilsten Europas. Das lag einerseits an den Außen- und Binnenwanderungen im Zuge der Westverschiebung und ande-rerseits an der Industrialisierung und Verstädterung. In der Zeit von 1945 bis 1964 zogen über drei Millionen Beschäftigte vom Land in die Städte. Die konzentrierte Ansiedlung der industriellen Produktion in den Städten – vergleichbar mit der Entwicklung in anderen vor 1939 stark agrarisch geprägten Staaten Ostmittel- und Südeuropas – ließ den Anteil der städtischen Bevölkerung von 31,8 Prozent im Jahr 1946 auf 61 Prozent im Jahr 2009 wachsen. Statistisch gesehen hat jeder Einwohner Polens nach 1945 etwa dreimal seinen Wohnsitz gewechselt.

Europa wird grauEuropa wird grau
Zu der kriegsbedingten Entvölkerung und anschließenden Wiederbesiedlung der vormals deutschen Gebiete kamen als weitere Elemente des demographischen Wandels eine höhere Lebenserwartung und eine sinkende Säuglingssterblichkeit hinzu. Vor allem seit Mitte der 1960er Jahre war ein vergleichsweise hoher natürlicher Bevölkerungszuwachs zu verzeichnen. Im Vergleich zu Deutschland ist die polnische Bevölkerung wegen der bis in die 1980er Jahre hohen Geburtenraten deutlich jünger. Seit Mitte der 1980er Jahre geht die Geburtenrate jedoch fast kontinuierlich zurück (1980: 19,5 Geburten pro 1.000 Einwohner; 1998: 10,2; 2009: 11,2; zum Vergleich Deutschland 2009: 7,9).

Quellentext

Drei Generationen

Tereza Sawerska sitzt mit ihrer Tochter Monika und ihrer Enkelin Marta in einem der elegantesten Warschauer Cafés und erinnert sich an das 20. Jahrhundert in Polen. In den frühen vierziger Jahren stapfte sie als Kind mit ihrem Vater auf der Suche nach einem Stück Brot über die Feldwege, als die Massaker der Nazi-Besatzung Polen verschlangen, und stahl von den Feldern Mohrrüben und Kartoffeln. In den Sechzigern marschierte sie als junge Mutter kilometerweit durch Warschau. Während die Bereitschaftspolizei revoltierende Studenten einkesselte, kämpfte sich Tereza durch Tränengas und Straßensperren, um ihre Tochter vom Kindergarten abzuholen. […]
Marta, ihre 24-jährige Enkelin, seufzt ungeduldig. Sie hat das alles schon oft gehört. "Ich kenne dieses Polen nicht. Das ist alles Geschichte und vorbei." [...]
Martas Großmutter Tereza hat die autoritäre Republik zwischen den Weltkriegen, 45 Jahre Sozialismus und 20 Jahre Demokratie erlebt. Ihre Tochter Monika, 48 Jahre alt, von Beruf Bankangestellte, meint, die Jahre der Volksrepublik erschienen ihr heute wie ein ferner Traum.
[...] 20 Jahre nach Solidarnosc, Walesa und Wende sind Marta und ihre Generation zu karrierebewusst, zu beschäftigt, zu sehr vom Willen zum Aufstieg in Anspruch genommen, um darüber nachzudenken, wie sie dorthin kamen, wo sie heute sind. "Ich weiß, dass Polen sich unglaublich verändert hat. Aber ich erfahre das über neue Technologien, durch Mobiltelefone und das Internet. Solidarnosc? Ich weiß noch nicht einmal, wer und was den Wandel damals eingeleitet hat." [...]
Die vermeintlich größte Segnung der ge-wonnenen Liberalität, die Reisefreiheit, habe sich (der Meinungsforscherin Malgorzata Falkowska-Warska zufolge – Anm. d. R.) durch das Fernweh einer ganzen Generation paradoxer Weise als einer der beunruhigendsten Umstände erwiesen. Es sei zur größten Abwanderung aus Polen seit Jahrhunderten gekommen.
[...] "Keiner hat damit gerechnet, dass der Abwanderungssog so viele Menschen mitreißt, obwohl doch augenscheinlich keine Notwendigkeit mehr bestand, aus Polen weg zu gehen. Sie verließen ein freies Land", meint Krystyna Iglicka, eine der Galionsfi-guren der polnischen Demographie. Ihre Statistiken belegen, dass nach 2004 jeder Fünfte aus der Altersgruppe der 21- bis 35-Jährigen das Ausland dem "freien Polen" vorzog.

Übersetzung: Christine KäppelerIan Traynor, "Auf der Flucht", in: der Freitag Nr. 47 vom 19. Novem- ber 2009




Umweltprobleme und Umweltstandards



Dieter Bingen / Dariusz Kieczewski

Die hohen Umweltbelastungen beziehen sich auf alle Bereiche: Luft, Wasser, Boden und Wald. Besonders betroffen sind die Industriezentren und die großen Ballungsgebiete. In den ausgewiesenen "Gebieten der ökologischen Bedrohung", die elf Prozent der Gesamtfläche Polens ausmachen, lebt ein Drittel der Bevölkerung. Darunter befinden sich vier "Katastrophengebiete": das oberschlesische Industrierevier, Krakau, das Kupferbecken Liegnitz-Glogau und die Danziger Bucht. Teilweise stehen die Gebiete vor dem ökologischen Kollaps, auch wenn seit den 1990er Jahren die Schadstoffemission wegen der Schließung von Betrieben oder durch Umrüstung um über 50 Prozent zurückgegangen ist. Dennoch ist der Zustand der Luft immer noch schlechter als im Durchschnitt der Europäischen Union; die Situation ist allerdings besser als in den meisten der neu in die EU aufgenommenen Länder. Während die industrielle Umweltverschmutzung nachgelassen hat, ist die Verschmutzung aufgrund des enorm angestiegenen Kraftfahrzeugverkehrs angewachsen.

Auch die Reinheit der Gewässer liegt in Polen unter dem EU-Durchschnittswert, obwohl in diesem Bereich Fortschritte zu verzeichnen sind. Besondere Erfolge hat Polen dabei erzielt, hohe Standards beim Bau von Kläranlagen und Wasserleitungen zu setzen. Die Qualität des Trinkwassers für die privaten Haushalte ist jedoch immer noch nicht ausreichend. Die Qualitätsprobleme der Wasserwirtschaft werden vor allem durch den hohen Anteil der ungeklärten, teilweise durch Schwermetalle und Stickstoffverbindungen verunreinigten Abwässer verursacht. Die unzureichende Abwasserreinigung ist für die sehr hohe Verschmutzung der polnischen Flüsse verantwortlich – auch eine Hinterlassenschaft der planwirtschaftlichen Modernisierung, die kaum Rücksicht auf die Folgen für die natürliche Umwelt nahm.

Das Waldsterben in vielen Regionen Polens ist eine unmittelbare Konsequenz der hohen Luftbelastung und konzentriert sich stark in den Gebirgsregionen. Die Ausmaße und die Geschwindigkeit des Hochwassers in Schlesien und in Kleinpolen im Juli 1997 und im Mai 2010 wurden nicht zuletzt durch die Bodenerosion in den Sudeten (Riesengebirge u.a.) und in den Beskiden infolge des Waldsterbens verursacht.

Einen positiven Effekt hatte allerdings der wirtschaftliche Entwicklungsrückstand Polens zur Zeit der Volksrepublik: Vielerorts konnte sich eine große Artenvielfalt erhalten. In Polen befinden sich die letzten natürlichen oder naturnahen Ökosysteme Europas, und die Anzahl der Pflanzen- und Tierarten ist europaweit die höchste. Hier ist die größte Anzahl endemischer (auf einen spezifischen Lebensraum beschränkter) bzw. bedrohter Arten ansässig. Der größte Reichtum an unberührter Natur ist im Nordosten des Landes zu finden. Dennoch werden in Polen nur begrenzte Naturschutzziele verfolgt. Dies bezeugt der Umstand, dass für das Programm NATURA 2000 nur vier Prozent des Staatsgebiets vorgesehen wurden, und zwar ausschließlich Flächen mit den wertvollsten Biotopen. Dieser Wert liegt sogar unter dem EU-Durchschnitt, obwohl die zu bewahrende Artenvielfalt in Polen bedeutend größer ist.

Die Schwierigkeiten bei der Umsetzung von Natur- und Umweltschutzzielen liegen darin, dass die polnische Gesellschaft einen Nachholbedarf im Hinblick auf einen hohen Lebensstandard hat und auf Einschränkungen zugunsten der Umwelt häufig skeptisch bis negativ reagiert. Zivilgesellschaftliche Werte und ein Verantwortungsbewusstsein für den Zustand der natürlichen Umwelt haben sich erst spät entwickelt. Noch überwiegt die Überzeugung, dass der Staat für den Schutz der Umwelt verantwortlich sei, während das individuelle Verhalten keine besondere Rolle spiele. Das macht es schwierig, die Konsumenten zu einem umweltbewussten Verhalten anzuleiten.

Zu den Negativtrends in Sachen Umweltschutz gehören die wachsende Menge an Abfällen, während zugleich ein einheitliches System der Müllbewirtschaftung fehlt, die wachsende Abgasbelastung durch den Kraftfahrzeugverkehr, der wachsende Materialverbrauch der Wirtschaft und die mangelnde Berücksichtigung der Erfordernisse des Umweltschutzes bei vielen Privatisierungen. Hinzu tritt eine nachlassende Unterstützung für den Umweltschutz in der Gesellschaft: Zwar war in den 1980er Jahren die Sensibilität für die Umweltproblematik angesichts der in bestimmten Regionen (Niederschlesien, Oberschlesien) dramatischen Luft- und Wasserverschmutzung gewachsen, doch sind daraus niemals starke Ökobewegungen entstanden, wie sie beispielsweise in Bulgarien Ende der 1980er Jahre zur Demokratisierungsbewegung beitrugen.

Auch der Beitritt zur EU hat sich als Herausforderung für den Umweltschutz in Polen erwiesen. Die meisten polnischen Standards waren vor dem Beitritt mit den europäischen Standards nicht zu vereinbaren. Das macht es notwendig, die polnischen Normen in vielen Bereichen zu verschärfen. Die Prinzipien der neuen Umweltschutzgesetzgebung sind in dem 1999 verabschiedeten Regierungsdokument "Die Zweite Umweltpolitik des Staates" niedergelegt. Dazu gehört, umweltpolitische Prinzipien in allen politischen Bereichen zu berücksichtigen; der Bevölkerung unabhängig vom Wohnort den Zugang zur natürlichen Umwelt zu ermöglichen; die Verantwortung für die Einhaltung umweltpolitischer Prinzipien zu dezentralisieren; das Verursacherprinzip durchzusetzen (d. h.: Wer die natürliche Umwelt belastet, muss auch für den Schadensausgleich sorgen); das Präventionsprinzip; das Prinzip der Umsicht; das Prinzip der Anwendung der besten zur Verfügung stehenden Techniken und Technologien und das Subsidiaritätsprinzip. Diese Prinzipien des Umweltschutzrechts spiegeln sich in der polnischen Gesetzgebung der letzten 15 Jahre wider.

Müllerzeugung pro KopfMüllerzeugung pro Kopf
Bei der Abfallwirtschaft etwa stützt sich die polnische Gesetzgebung auf EU-weite Regelungen. Allerdings sind die polnischen Normen weniger streng als diejenigen der Europäischen Union, da Polen Übergangsfristen ausgehandelt hat. Kritiker bemängeln zudem, dass es eine gewisse Überregulierung gebe, die auf dem übermäßigen Gewicht bürokratischer Instrumente gegenüber ökonomischen Anreizen beruhe. Der Gesetzgeber vertraut mehr auf Gesetze und Verbote als auf Anreize und Märkte. Ein Nebeneffekt dieser Herangehensweise an den Umweltschutz ist seine instrumentelle Behandlung: Die Veränderung von gesellschaftlichen Einstellungen und Verhaltensweisen, die Druck "von unten" erzeugen und eine offensive Umweltschutzpolitik des Staates einfordern würden, spielen eine untergeordnete Rolle. Bis heute ist der aktive Einsatz für die Erhaltung der natürlichen Umwelt die Sache kleiner NGOs geblieben, die in der Regel auf keine breite gesellschaftliche Resonanz und mediale Öffentlichkeit hoffen dürfen, sieht man einmal auf die landesweit wahrgenommenen Aktionen gegen die Durchschneidung des Rospuda-Tals im Nordosten Polens durch eine Schnellstraße ab. Seinerzeit bezog sogar die Gattin des Staatspräsidenten Lech Kaczynski zugunsten der Umweltaktivisten Stellung.




 

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