Dossierbild Informationen zur politischen Bildung: Polen

2.8.2011 | Von:
Dieter Bingen

Gesellschaftliche Strukturen

Religionsgemeinschaften

Schon in der Zwischenkriegszeit (1919–1939) hatte die römisch-katholische Kirche aufgrund ihrer Bedeutung für die nationale und kulturelle Identität in der Zeit der Teilungen eine privilegierte Stellung inne. Aber damals waren nur zwei Drittel der Bevölkerung Polens katholisch. Aufgrund der nationalen Zusammensetzung gab es ein Nebeneinander zahlreicher Glaubensgemeinschaften. Heute sind nach Verfassung und Recht alle Kirchen und Religionsgemeinschaften grundsätzlich gleichgestellt.

Quellentext

Politik und Katholizismus

Als Danzig 1980 streikte, rief Kardinal Wyszynski bekanntlich dazu auf, innezuhalten. Die Streikenden hörten jedoch nicht auf ihn. Sie veranstalteten vielmehr tagtäglich Messen auf dem Gelände der Werft, die von Priestern zelebriert wurden. Ein Streikender berichtete später: "An den Messen nahmen wir mit Tränen in den Augen teil, denn uns war klar, dass es so etwas in unserem Land bisher noch nicht gegeben hat: Während eines Streiks findet eine heilige Messe statt, aber es zeigte sich, dass es möglich ist, was uns viel gab, um trotz vieler Gerüchte, die wir vernahmen, auszuharren."

Am Eingangstor zur Werft hingen mit Blumen geschmückte Bilder der Mutter Gottes und des Papstes. Man konnte sich an einen Altar zu den Fronleichnamsfeierlichkeiten erinnert fühlen. Über dem Verhandlungstisch in der Werft hing ein großes Kreuz. Lech Walesa, der davor saß, hatte sich ein kleines Bild der Mutter Gottes an sein Revers geheftet. Das Abkommen mit der Regierungsdelegation, das zur Gründung von Solidarnosc führte, unterzeichnete er mit einem großen Stift, auf dem das Bildnis von Johannes Paul II. zu sehen war.
Im Ausland stieß das religiöse Moment der Streikbewegung im Allgemeinen auf Unverständnis, denn man sah darin lediglich Rückwärtsgewandtheit. In Wirklichkeit stellte es die einzige Möglichkeit dar, sich auf der symbolischen Ebene vom herrschenden Regime zu distanzieren und Eigenständigkeit zu demonstrieren. Mit dem Kreuz, der Mutter Gottes und dem Papst wurde eindeutig darauf hingewiesen, dass es Dinge gibt, die dem Machtbereich der Kommunistischen Partei entzogen waren.
Welche Macht die Kirche in Volkspolen auszuüben begann, hatte man bereits im Frühjahr 1978 erkennen können. Am 29. April 1978 hatte der gerade erst in Danzig gegründete Freie Gewerkschaftsbund (WZZ) [...] eine Deklaration veröffentlicht, in der es unter anderem hieß, dass es seit dreißig Jahren keine Gewerkschaften gäbe, die die Interessen der Arbeitnehmer verträten. Es sei notwendig, wieder zu einer demokratischen Ordnung zurückzukehren.
Die polnische Stasi schlug sehr schnell zu. Am 28. Mai verhaftete sie mehrere Mitglieder dieser Vereinigung, unter ihnen auch Blazej Wyszkowski, der kurz darauf in Hungerstreik trat. Viele Menschen standen auf seiner Seite, Tausende von illegal gedruckten Flugblättern wurden vor den Kirchen und Toren der Großbetriebe verteilt. Und vom 3. Juni an wurde jeden Tag in der Danziger Marienkirche laut für die Freilassung von Wyszkowski gebetet. Damit war eine neue Form des Protests der Arbeitnehmer gegen die Willkür der staatlichen Organe gefunden: das gemeinschaftliche laute Gebet. Diese Protestform sollte später immer wieder angewandt werden. [...]
Angesichts all dessen sollte man sich über die enge Verbindung von Katholizismus und politischem Leben in Polen nicht wundern, die bis in die Gegenwart anhält.

Karol Sauerland, "Die Verhaftung der Schwarzen Madonna", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. August 2010

Römisch-katholische Kirche

Vom Sommer 1980 bis zur Verhängung des Kriegsrechts im Dezember 1981 fungierte die katholische Kirche als eine von der politischen Macht und von der oppositionellen Solidarnosc angerufene vermittelnde dritte Kraft. Bei den Gesprächen am "Runden Tisch" (Februar bis April 1989) nahmen zwei Bischöfe als Beobachter teil. Ein Gesetz über das Verhältnis des Staates zur katholischen Kirche wurde am 17. Mai 1989 im Sejm verabschiedet. Im Juli erfolgte die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen dem Heiligen (Apostolischen) Stuhl und der Volksrepublik Polen, die seit der Aufkündigung des Konkordats durch die polnische Regierung im September 1945 unterbrochen waren; im August folgte die Ernennung eines Nuntius in Warschau. Damit hatte die katholische Kirche in Polen ein Höchstmaß an Rechtssicherheit und an Wirkungsmöglichkeit erreicht.

Seit der demokratischen Wende 1989 kämpft die katholische Kirche um ihren Platz in der polnischen Demokratie. Sie machte vor allem in der ersten Hälfte der 1990er Jahre ihren Einfluss in der Tagespolitik geltend und lässt bis heute nicht davon ab, in das politische Geschehen einzugreifen. Ein prägnantes Beispiel dafür waren die erbitterten Auseinandersetzungen um die politische Instrumentalisierung eines Gedenkkreuzes vor dem Amtssitz des polnischen Präsidenten nach dem Absturz der Präsidentenmaschine bei Smolensk (10. April 2010) durch den Vorsitzenden der PiS, Jaroslaw Kaczynski, und seine Anhänger.

Die Auseinandersetzungen drehten sich seit 1990 insbesondere um den schulischen Religionsunterricht, die Abtreibungsgesetzgebung, das 1993 unterzeichnete und erst 1998 ratifizierte Konkordat, das die Rechtsstellung der katholischen Kirche in Polen regelt, um christliche Werte in den Massenmedien und in der Verfassung, aber auch um steuerliche Privilegien und die Rückerstattung von nach 1945 verstaatlichtem kirchlichem Eigentum. In allen diesen Kontroversen ging es um die Durchsetzung christlicher Werte in der staatlichen Gesetzgebung und gegen das liberale Paradigma der "Trennung von Staat und Kirche". Dabei spricht sich eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung jedoch gegen die Einflussnahme der katholischen Kirche in Politik und öffentlichem Leben aus und richtet sich oftmals nicht nach kirchlichen Empfehlungen.

Ein Grundproblem im Verhältnis zwischen Staat und Kirche in Polen liegt nach den Erfahrungen mit der kommunistischen Herrschaft darin, gegenseitig zu akzeptieren und zu verinnerlichen, dass die demokratische und pluralistische Ordnung und die Kirche keine Gegnerinnen sind. Die katholische Kirche hatte zu lernen, dass sie den Staat nicht als einen Verfügungsbereich beanspruchen durfte, sondern als einen Rahmen, in dem sie sich frei bewegt und um die Einhaltung bestimmter Werte wirbt. Die Säkularisierungsdebatte tritt verschärft auf, weil die Trennung von Kirche und Staat – Prozesse, die in den west- und südeuropäischen Staaten über viele Jahrzehnte in demokratischen Systemen verliefen – die stark traditionalistisch orientierte katholische Kirche in Polen nach der raschen Demokratisierung schockartig vor eine für sie völlig neue Situation der Pluralisierung des gesellschaftlichen Lebens stellte. Dagegen hatte sie im Sozialismus – wie paradox das auch klingen mag – auf die vom westlichen Werterelativismus noch wenig "infizierten" Gläubigen einen großen Einfluss ausüben können.

Inzwischen lässt auch in Polen die kirchliche Bindung der Katholiken nach, insbesondere in den großen Städten, in der jungen Generation und bei höheren Bildungsschichten. Freilich vollzieht sich der Säkularisierungsprozess in Polen bisher langsamer, als es von den einen sehnsüchtig erwartet und den anderen befürchtet worden war. Aber gerade diejenigen, die ein Sinken von Einfluss und Ansehen der Kirche besonders befürchteten, die Bischöfe und der Klerus, haben durch eine Negativauswahl ihres Personals, vor allem auch in Bischofsämtern, durch zunehmende innere Zerrissenheit und wachsende Auseinandersetzungen um den Kurs der Kirche dazu beigetragen, dass sich nunmehr immer mehr Menschen von ihr enttäuscht und befremdet abwenden.

Die römisch-katholische Kirche ist in 14 Erzdiözesen und 27 Diözesen untergliedert. Die Polnische Bischofskonferenz umfasst 132 Bischöfe (2007). 29 854 Geistliche (2008) betreuen 33,69 Millionen (2008) getaufte Gläubige, also rund 90 Prozent der Bevölkerung, in 10.108 Pfarreien (2008).

Quellentext

Die Jungen wenden sich von der Kirche ab

Verwestlichung und Säkularisierung der Gesellschaft sind nicht aufzuhalten. Die Kirche gehört also zu den großen Verlierern der Wende, die an der Weichsel vor zwanzig Jahren einsetzte. Nach dem Untergang des Parteiregimes hatten sich die Bischöfe zunächst auf der Siegerseite gesehen. Sie hatten gehofft, auf die Politik unmittelbar Einfluss nehmen zu können und klare Forderungen gestellt. Sie hatten geglaubt, sich dabei auf das Volk stützen zu können. Denn mehr als 80 Prozent der Polen hatten in den Jahren vor der Wende an der Sonntagsmesse teilgenommen.

Zwei Jahrzehnte später aber müssen die Bischöfe nun zur Kenntnis nehmen, dass sich im Landesdurchschnitt die Zahl der Gottesdienstbesucher halbiert hat. [...]
Bei der jungen Generation zwischen 20 und 32 Jahren sind diese Zahlen noch niedriger. Nur noch jeder Dritte geht jeden Sonntag zur Kirche, in den großen Zentren wie Warschau, Krakau, Breslau oder Danzig ist es gar nur jeder Fünfte. Eine Umfrage für die Warschauer Zeitung Metro zeigt, wonach die jungen Städter streben: die Hälfte hofft auf ein erfülltes Liebesleben, ein Drittel möchte in Wohlstand leben, aber nur drei Prozent setzen ein Leben streng nach den Regeln der katholischen Kirche ganz oben auf ihre Prioritätenliste. [...]
Der Soziologe Tomasz Karon, Autor einer Studie über die Religiosität der Polen, erklärte, es fehle heute der Kirche an einer unbestritten Autorität, so wie sie Johannes Paul II. ausgestrahlt habe. [...]
So gehen von den Bischöfen nur wenige Impulse aus, Brücken zwischen dem katholischen Reformlager um die Krakauer Wochenzeitung "Tygodnik Powszechny" und den Nationalkatholiken um "Radio Maryja" zu bauen.
e Kirche heute nicht mehr, wie in den Zeiten der Fremdherrschaft und Besatzung, in ihrer traditionellen Rolle als Garant des Polentums wahrgenommen wird. Denn seit der demokratischen Wende von 1989 [...] ist die Zahl derjenigen drastisch zurückgegangen, die den Bestand der Nation bedroht sehen.
Die Folge dieser veränderten Einstellung schlagen sich laut den Untersuchungen besonders deutlich in der heutigen Schülergeneration nieder.
[...] Der Krakauer Soziologe Zbigniew Necki vertritt die Ansicht, dass die junge Generation keineswegs antireligiös sei. "Doch glauben immer mehr junge Leute, sie könnten Gott nicht in der Kirche finden", sagt Necki. [...] Der Kirche wird generell vorgeworfen, sich immer mehr von der Lebenswirklichkeit zu entfernen, den Suchenden zu wenig Antworten zu geben und stattdessen das Leben der Gläubigen mit zu vielen Verboten und Geboten regeln zu wollen.

Thomas Urban, "Der Glaube schwindet", in: Süddeutsche Zeitung vom 14. April 2009

Andere christliche Gemeinschaften

Ein großer Teil der Ukrainer griechisch-katholischen Bekenntnisses wurde nach der Vertreibung aus ihren ursprünglichen Wohngebieten im Südosten Polens vor allem in den ehemaligen deutschen Ostgebieten angesiedelt. Die Lage der Unierten wurde noch dadurch erschwert, dass die römisch-katholische Kirche sie zwar nicht offiziell, aber faktisch katholisieren und polonisieren wollte. Erst 1991 wurde Iwan Martyniak als erster Diözesanbischof für die griechisch-katholische Kirche berufen. Die Zahl der unierten Gläubigen wird mit 55.000 (2008) angegeben, die von 74 Geistlichen in 134 Pfarreien und kirchlichen Gebäuden betreut werden. Im Zuge der Neustrukturierung der römisch-katholischen Kirche Anfang 1992 wurde das unierte Bistum Przemysl dem römisch-katholischen Primas in Warschau unterstellt, was wiederum zahlreiche Proteste der Unierten hervorrief. Schließlich wurden vom Heiligen Stuhl dem Wunsch der Unierten entsprechend zwei eigene griechisch-katholische Diözesen eingerichtet, die Diözese Przemysl-Warschau und die Diözese Breslau-Danzig.

Die autokephale orthodoxe Kirche ist nach der römisch-katholischen Kirche die zweitstärkste Glaubensgemeinschaft (504.150) in Polen, obwohl sich durch die Westverschiebung des Staates die Bevölkerung weißrussischer und ukrainischer Nationalität und damit die Anhängerschaft dieser Konfession stark verringerte. Der Sitz des Metropoliten der orthodoxen Kirche ist Warschau. Erst mit dem Gesetz vom 4. Juli 1991 über die Beziehungen des Staates zur orthodoxen Kirche erhielt diese den Status einer rechtlichen Person, vergleichbar mit der römisch-katholischen Kirche. Die polnische Kirchenprovinz ist in sechs Eparchien (Diözesen) eingeteilt. Die Gläubigen werden von 404 (2008) Geistlichen in 232 Pfarreien seelsorgerisch betreut.

Die Gedanken der Reformation erreichten Polen sehr früh. Das erste evangelische Bistum wurde 1565 in Großpolen gegründet. Im 16. Jahrhundert trat die schlesische Bevölkerung in der Region von Teschen (Cieszyn) zum Protestantismus über. Bis heute leben in diesem Gebiet die meisten polnischen Protestanten. In den letzten zwei Jahrhunderten erschwerte die ungerechtfertigte Gleichsetzung des Protestantismus mit der deutschen Nationalität das Leben der Evangelischen in Polen. Das Verhältnis zwischen dem Staat und der evangelisch-augsburgischen Kirche regelt ein am 13. Mai 1994 verabschiedetes Gesetz. Diese Kirche zählt 75.000 Mitglieder (2008) und gliedert sich in sechs Diözesen. Den 134 (2008) Gemeinden dienen 186 Geistliche als Seelsorger.

Die relativ geringe Bereitschaft der katholischen Kirche zu einem wirklich intensiven Dialog und zur Anerkennung der Rolle der nicht-römisch-katholischen christlichen Konfessionen in Polen, die sich im Polnischen Ökumenischen Rat (außer den genannten noch die polnisch-katholische Kirche 2008 mit 18.804 Gläubigen, die altkatholische Kirche der Mariaviten mit 23.662, die evangelisch-reformierte Kirche/Calvinisten mit 3.506, die evangelisch-methodistische Kirche mit 4.481, Christen-Baptisten mit 4.818 Gläubigen) zusammengetan haben, ist durch das erdrückende Übergewicht der Katholiken in der Gesellschaft bedingt.

Juden

Nach der Wiedergeburt des polnischen Staates 1918 konnten sich die polnischen Staatsbürger jüdischen Glaubens politisch relativ frei entfalten. Sie hatten eigene politische Parteien, und Abgeordnete dieser Parteien (sozialistische, nationale, zionistische) waren in fast allen Parlamentsperioden im Sejm vertreten. In der Wirtschaftskrise seit Ende der 1920er Jahre verschärfte sich der Antisemitismus. In den 1930er Jahren wurde in Parteien und in der römisch-katholischen Kirche über die "jüdische Frage", über die "Schuld der Juden" an der Krise geraunt. In der Mitte des Jahrzehnts kam es zu mehr als 100 lokalen antijüdischen Tumulten, in denen bis zu 20 Menschen (darunter sechs Polen) starben und bis zu 2.000 verletzt wurden. Besonders in der rechten und rechtsextremen Presse häuften sich Vorschläge, wie man Juden zur Emigration drängen könne. Für jüdische Studenten wurde ein Numerus clausus eingeführt, der dazu führte, dass der Anteil der Juden an den Studierenden von über 20 Prozent Mitte der 1920er Jahre auf zehn Prozent unmittelbar vor dem Kriegsausbruch fiel. 1937 wurden jüdische Studenten auf separate Sitzbänke ("Ghetto-Bänke") gezwungen.

Die Tragödie der Juden in Europa unter der Herrschaft des Nationalsozialismus spielte sich vorwiegend auf polnischem Boden ab, wo die Nazis seit 1941 ihre Vernichtungsmaschinerie aufgebaut hatten. Von den insgesamt 3,3 Millionen Juden, die 1939 auf polnischem Boden lebten, überlebten nur zehn Prozent den Holocaust.

"Nachbarn" (Salsiedzi), die Buchveröffentlichung des polnisch-jüdisch-amerikanischen Historikers Jan Tomasz Gross, stellt die Instrumentalisierung antijüdischer Einstellungen vieler Polen durch die deutsche Besatzungsherrschaft am Beispiel von Jedwabne dar. In der nordöstlich von Warschau gelegenen Ortschaft ermordeten Polen ihre jüdischen Nachbarn am 10. Juli 1941 unter den Augen der deutschen Uniformierten. Die Veröffentlichung führte 2001 zu einem lebhaften und wichtigen "Historikerstreit" sowie öffentlichen Diskussionen in Polen, die mit entsprechenden deutschen historischen Debatten der letzten Jahrzehnte verglichen wurden und von denen viele Teilnehmer sich eine selbstkritische Reflexion des Selbstbildes der polnischen Gesellschaft erhofften. Die Thematisierung der Beteiligung nicht-jüdischer Polen an der Judenverfolgung stößt in Polen immer wieder auf Ablehnung – wegen der Befürchtung, dass dadurch die polnische Opfergeschichte in den Hintergrund gedrängt würde. Jedoch ändern auch die Enthüllungen um das Massaker von Jedwabne nichts an der ungeteilten Verantwortung der deutschen Besatzer für den industriellen Massenmord, der auf polnischem Boden begangen wurde.

Derzeit bestehen 15 jüdische Gemeinden, die zur "Kongregation mosaischen Glaubens" zusammengeschlossen sind und 1.220 Mitglieder haben. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre begannen eine Wiederentdeckung des jüdischen Erbes in Polen und eine verstärkte Pflege der jüdischen Kultur (Synagogen, Friedhöfe). Im akademischen Milieu führte in der jüngsten Zeit die Rückbesinnung von Polen der jüngeren Generation auf ihre jüdische Herkunft zu einer zarten Wiederbelebung jüdischer Traditionen, ohne dass die jüdischen Gemeinden dadurch sichtbar gestärkt wurden.

Quellentext

Geschichtsmythen, Antisemitismus und späte Aufarbeitung

Schon zweimal entlarvte (der Historiker Jan T., Anm. d. R.) Gross in den letzten Jah-ren einige Geschichtsmythen Polens als Legenden, die mit der Realität nicht allzu viel zu tun haben.

Sein schmales Buch "Die Nachbarn" löste 2001 die größte historische Debatte aus, die Polen jemals geführt haben. In der nord-ostpolnischen Kleinstadt Jedwabne hatten 1941, direkt nach dem Abzug der sowje- tischen Besatzer, katholische Polen ihre jüdischen Nachbarn ermordet. "Entweder ihr macht das oder wir", hatte zuvor ein Deutscher in SS-Uniform erklärt. In ein paar Tagen sei man wieder da. Tatsächlich trieben die polnischen Einwohner die jüdischen Nachbarn in eine Holzscheune, verbrannten sie und teilten das Eigentum der Opfer unter sich auf. Die offizielle Version, die auch auf einem Gedenkstein verewigt war, sprach davon, dass 1600 Juden einem Nazimassaker zum Opfer gefallen wären. Erst Jahrzehnte später kam durch Jan T. Gross die Wahrheit ans Licht. Insgesamt gab es in der Gegend etwa dreißig Pogrome.
2006 löste das Buch "Die Angst" von Gross erneut eine heftige Debatte aus. Denn auch bei dem Pogrom von Kielce direkt nach dem Krieg ging es letztendlich um das Eigentum der Juden. Als die Überlebenden des Holocaust in ihre Heimatstadt zurückkehrten, fanden sie ihre Wohnungen besetzt vor. Sie wurden in das Haus an der Plantystraße 7 einquartiert. Als dann ein kleiner Junge zu Hause erzählte, dass ihn Juden im Keller dieses Hauses festgehalten hätten, um Matzenbrot aus ihm zu backen, stürmten die Kielcer los und ermordeten 42 ihrer früheren jüdischen Nachbarn.
Dabei sieht Gross die Polen durchaus in erster Linie als Opfer der deutschen und sowjetischen Besetzung. Er erkennt auch die Rettung vieler Juden durch katholische Polen an. [...] Gross lässt keinen Zweifel daran, dass die Haupttäter die Nazideutschen waren und es ohne sie die Schoah nicht gegeben hätte. Dennoch dürfe man nicht die Augen davor verschließen, dass es Mittäter und Nutznießer des Massenmords an den Juden gegeben habe.
[…] Nach der Liquidierung der Lager und dem Abzug der Deutschen hätten sich viele regelrechte Claims abgesteckt und in Asche, Schlamm und Leichenresten nach Ringen, Goldklümpchen und anderen wertvollen Dingen gesucht. Das Wort "Grabschändung" schien kaum jemandem in den Sinn gekommen zu sein. [...]
Kurz vor dem Überfall Polens durch die Deutschen hatte selbst die katholische Kirche Polens den Boykott jüdischer Läden befürwortet. "Die Juden" wurden im Vorkriegspolen als unliebsame Konkurrenz wahrgenommen. Aus den Berufsvereinigungen und Handwerkskammern wurden Juden ausgeschlossen. Als die deutschen Besatzer 1940 die Arisierung des jüdischen Eigentums anordneten, stiegen Polen zunächst zu Verwaltern der jüdischen Wohnungen, Häuser, Läden, Werkstätten, Restaurants, Hotels und Fabriken auf, schließlich zu deren neuen Besitzern. Es gab viel zu verteilen: das Eigentum von 3,5 Millionen polnischen Juden. [...]
Viele Polen wollen diese Tatsachen, die durch Zeugenaussagen und Dokumente vielfach belegt sind, nicht wahrhaben.

Gabriele Lesser, "Goldrausch in Treblinka", in: taz vom 17. Januar 2011



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