Ausdruck von Stolz und Hoffnung: Eine Wandmalerei im libyschen Tripolis, aufgenommen am 16. März 2012, zeigt Läufer mit den Flaggen Libyens, Ägyptens und Tunesiens. Sie bringen die „Flamme der Freiheit“ auf ausgestreckte Arme zu, die nach der Beschriftung Syrien und den Jemen versinnbildlichen.
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Kulturen und Religionen


13.12.2016
Der Nahe Osten ist geprägt von kultureller und religiöser Vielfalt. Der Islam, die Mehrheitsreligion, bestimmt in unterschiedlicher Weise den Alltag, aber auch gesellschaftliche und politische Verhältnisse. Besondere Aufmerksamkeit erwecken heute Islamisten als politische Akteure.

Jerusalem ist eine heilige Stätte für die drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. Der Tempelberg in der Altstadt mit der Klagemauer, der
 al-Aqsa-Moschee und dem Felsendom ist unter Juden und Muslimen politisch umstritten.Jerusalem ist eine heilige Stätte für die drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. Der Tempelberg in der Altstadt mit der Klagemauer, der al-Aqsa-Moschee und dem Felsendom ist unter Juden und Muslimen politisch umstritten. (© Markus Kirchgessner / laif)

Wenn vom "Nahen Osten" oder kulturgeografisch vom "Vorderen Orient" die Rede ist, denkt man hierzulande meist an Länder, in denen Arabisch gesprochen wird und der Islam die kulturprägende Mehrheitsreligion ist. Doch gehören zum Nahen Osten im weiteren Sinne auch die nicht arabischen Staaten Iran, Israel und die Türkei sowie viele andere Ethnien wie etwa Kurden, Berber und Tscherkessen. Neben den Muslimen gibt es größere christliche und jüdische Gemeinden sowie Anhänger kleinerer Religionsgemeinschaften wie Zoroastrier, Jesiden und Bahai. Die drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam entstanden im Gebiet des heutigen Nahen Ostens und beziehen sich auf Abraham als ihren gemeinsamen Stammvater. Sie sind bis in die Gegenwart mit zahlreichen Konfessionen, Rechtsschulen, Kirchengemeinschaften und Sekten anzutreffen.

Quellentext

Religiöse Vielfalt

Im Westen wird der Nahe und Mittlere Osten als weitestgehend islamisch wahrgenommen. Das trifft auch zu, wenn man die demografische Verteilung der Konfessionen betrachtet. Aber auch wenn der Islam heute dominierend sein mag: Die Region ist ein religiöses Mosaik. Neben etwa zwei Dutzend christlichen Denominationen, die sich im Laufe der Jahrhunderte herausgebildet haben, leben dort unter anderem Juden, Jesiden, Drusen, Bahai, Zoroastrier und Mandäer (Sabier) – ganz zu schweigen von am Rande des islamischen Spektrums befindlichen Gruppen wie den arabischen Alawiten (zur Unterscheidung von den Aleviten manchmal auch Nusairier genannt), den türkischen Aleviten oder den kurdischen Schabak.

Das Miteinander von Muslimen und Nichtmuslimen ist von vielerlei Regeln geprägt, manche ausgesprochen, andere unausgesprochen. In den meisten Ländern etwa gilt – Ausnahmen sind etwa der Libanon und Teile Palästinas –, dass Nichtmuslime sich in der öffentlichen Zurschaustellung ihrer Religion zurückhalten. Interreligiöse Beziehungen sind zumeist verpönt. Und oft können Nichtmuslime nicht bis in die obersten Ränge von Politik und Verwaltung aufsteigen – hier greift wie in manchen anderen Lebensbereichen eine religiöse Diskriminierung.

Dessen ungeachtet war die Situation derjenigen religiösen Minderheiten, die von islamischer Seite akzeptiert werden – nach gängiger Meinung mindestens Juden, Christen, Mandäer, Zoroastrier und Hindus –, über weite Strecken der Geschichte nicht schlecht. Im Osmanischen Reich konnten größere Religionsgemeinschaften ihre Familienstandsangelegenheiten selbst regeln, dies setzt sich im Recht mancher Staaten bis heute fort […]. Nicht anerkannte Gruppen wie die iranischen Bahai hingegen leiden oft unter Verfolgung. […]

Gerät das System aus dem Gleichgewicht, sind es in der Regel die Minderheiten, die dies als Erste zu spüren bekommen. Politische, wirtschaftliche oder religiöse Umwälzungen stellen für sie grundsätzlich Bedrohungen dar, da sie leichter als andere zu Sündenböcken gemacht werden können. […]

Obwohl der Arabische Frühling – die größte nahöstliche Umwälzung der letzten Dekaden – religiösen Minderheiten daher nicht nur Positives verhieß, unterstützte eine große Anzahl Nichtmuslime den Wunsch nach Veränderung. Angesichts der Wahlerfolge islamistischer Parteien in manchen und der Militarisierung der Aufstände in anderen Ländern wurden jedoch auch die Stimmen derjenigen laut, die vor negativen Folgen für Minderheiten warnten oder die Vorzüge der alten Regime priesen: Traditionell gehört es zu den Überlebensstrategien von Minderheiten, die Nähe zu den Herrschenden zu suchen; und die eher säkular orientierte Ideologie des arabischen Nationalismus – aus der die meisten dieser Regime hervorgegangen waren –, besaß für Nichtmuslime besondere Attraktivität.

Zugleich hat sich ihre Emigration seit 2011 noch einmal verstärkt. Vielen fällt die Auswanderung leichter als Muslimen: Im Durchschnitt zählen Christen in der Region zu den wirtschaftlich erfolgreicheren Schichten; darüber hinaus haben Missionsschulen und christliche Universitäten ihnen einen Bildungsvorsprung verschafft sowie Kontakte in westliche Länder etabliert. Manche glauben deshalb, dass der endgültige Exodus der Nichtmuslime aus dem Nahen und Mittleren Osten – der Wiege dreier Weltreligionen – unabwendbar sei.

Christian Meier, Religiöse Minderheiten, Zurückhaltung empfohlen. in: Atlas des Arabischen Frühlings. Eine Weltregion im Umbruch, Bonn 2016, S. 28


Diese Ethnien, Kulturen und Religionen weisen weiterhin regionale und lokale Besonderheiten auf. Bewohner von Städten und Dörfern, sesshafte Bauern oder nomadische Beduinen haben besondere, an ihre Umwelt angepasste Lebensweisen entwickelt und teils seit Jahrhunderten bewahrt. All dies macht den Nahen Osten zu einem bunten Mosaik unterschiedlicher religiöser und kultureller Lebensformen. Die Kenntnis seiner Geschichte ist unerlässlich, um die heutigen Kulturen und Religionen, aber auch die Politik der Region zu verstehen.

Kulturgeschichte des Vorderen Orients



Der Vordere Orient gehört mit China, Indien und Mittelamerika (Azteken, Maya) zu den Wiegen der menschlichen Zivilisation. In der heutigen Südtürkei und in Mesopotamien reichen ihre Spuren bis ins neolithische Altertum vor 12.000 Jahren zurück. Die altorientalischen Reiche der Sumerer, Ägypter, Babylonier, Assyrer, Hethiter und Perser formten die Region zu einem Kulturraum, der durch Handelswege wie die Seidenstraße oder das Mittelmeer verbunden wurde und einen Austausch von Wissen und Technik ermöglichte. Wechselseitige Beeinflussungen in Religion, Philosophie, Architektur und Kunst prägten die Region. Einige ihrer frühen Kulturen sind bis in die Gegenwart in der kollektiven Erinnerung der Völker lebendig und Bestandteile der modernen nationalen Geschichtsschreibungen. Manche zeitgenössische Diktatoren versuchten, dies für die Legitimierung ihrer Herrschaft zu nutzen, und inszenierten sich als Erben antiker Herrscher.

Auf dem Gebiet des heutigen Irak entwickelten sich einst die Zivilisationen Mesopotamiens, des um die Flüsse Euphrat und Tigris gelegenen Zweistromlandes. Hier entstanden im siebten vorchristlichen Jahrtausend die ersten Siedlungen und städtischen Kulturen der Menschheit, die bedeutende Erfindungen wie Keramik, Werkzeuge und Waffen sowie gesellschaftspolitische Neuerungen der staatlichen Verwaltung hervorbrachten. So schuf der babylonische König Hammurabi (1792–1750 v. Chr.) eines der ersten Gesetzbücher. In ihm schrieb er das Strafprinzip der gleichmäßigen Vergeltung (Talio) fest, das an die Stelle ungezügelter Rache trat und das uns im Alten Testament in dem Prinzip "Auge um Auge, Zahn um Zahn" wiederbegegnet.

Die syrische Geschichtsschreibung bezieht sich auf die namensgebenden Assyrer (1500–626 v. Chr.), die im heutigen Nordirak und in Nordsyrien herrschten. In Ägypten sind die pharaonischen Reiche nicht nur architektonisch mit den Pyramiden und anderen Monumentalbauten gegenwärtig. Ihre Spuren finden sich in Bräuchen wie etwa dem volkstümlichen Zar-Kult, einem Ritual der Geisteraustreibung, sowie in der Liturgie des koptischen Christentums. Diese altorientalische Kirche führt sich auf den Evangelisten Markus zurück, in dessen Nachfolge ihr eigener Papst steht. Schließlich leiten Ägypter – wie auch Iraker – ihren Anspruch auf eine arabische Führungsrolle unter anderem aus dem Glanz ihrer antiken Kulturen ab.

Nicht minder stolz auf ihre Frühgeschichte sind die Libanesen, von deren Küstenstädten Tyros, Sidon und Byblos einst die Phönizier, ein Seefahrervolk (~1200–146 v. Chr.), als Erste Afrika umsegelten. Das Mittelmeer war ihr Handelsraum, an dessen Küsten sie Kolonien gründeten wie die Stadt Karthago nahe dem heutigen Tunis. Anders als für die Großreiche dieser Zeit üblich dehnten die Phönizier ihren Einflussbereich vorwiegend als Handelsmacht und über Verträge und nur nachrangig durch kriegerische Eroberung und Besatzung aus. Sie erfanden eine aus 22 Konsonanten bestehende Buchstabenschrift, die zur Grundlage für das hebräische, das griechische, das lateinische und das arabische Alphabet wurde. Später eroberten die Griechen (~750–146 v. Chr.) und das Römische Reich (509 v. Chr.–395 n. Chr.) große Teile des Nahen Ostens und nutzten das Mittelmeer ebenfalls als Handels- und Kulturraum.

Iran sieht sich in Kontinuität zum Reich der Perser (550 v. Chr.–651 n. Chr.), dessen straff organisierte Bürokratie von den islamischen Kalifaten übernommen wurde. Viele kulturelle Besonderheiten sind trotz der arabischen Eroberung und Islamisierung des Landes erhalten geblieben. So gilt in Iran eine Mischung aus dem vorislamischen Sonnenkalender (mit dem Neujahr zur Sonnenwende am 20. oder 21. März) und dem islamischen Hidschra-Kalender. Dieser beginnt mit der Auswanderung des Propheten Mohammed und seiner muslimischen Gemeinde von Mekka nach Medina im Jahre 622 n. Chr. Er orientiert sich am Mondverlauf, weshalb seine zwölf Monate und somit auch das Jahr kürzer sind als das dem Sonnenlauf folgende Jahr unserer Zeitrechnung.

Nach der Teilung des Römischen Reiches 395 n. Chr. kontrollierte das oströmische Byzantinische Reich (395–1453) den östlichen Bereich des Mittelmeers. In ihm war das orthodoxe Christentum Staatsreligion, aus dem verschiedene, im Nahen Osten bestehende Kirchen wie die Griechisch-, die Syrisch- und die Armenisch-Orthodoxe Kirche hervorgingen. Byzanz grenzte an das arabisch-islamische Reich, das sich seit der Religionsstiftung durch Mohammed (570–632) stetig ausweitete und schließlich 1453 das gesamte Territorium des Byzantinischen Reiches eroberte. Die Islamisierung und Arabisierung des Nahen Ostens wurde auch von den christlichen Kreuzrittern nicht aufgehalten, die zwischen 1095 und 1270 zeitweise die den drei abrahamitischen Religionen heilige Stadt Jerusalem und angrenzende Territorien kontrollierten.

Nach der türkisch-islamischen Eroberung Konstantinopels benannten die muslimischen Sieger 1453 die Stadt in Istanbul um und machten sie zur Hauptstadt des Osmanischen Reiches (~1300–1922/23). Der osmanische Sultan (arab.; dt.: Herrscher) übernahm 1517 zusätzlich den islamischen Herrschertitel des Kalifen und brachte damit seinen Anspruch als Oberhaupt aller Muslime zum Ausdruck. Sein Herrschaftsbereich verkleinerte sich besonders im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts im Zuge des Ersten Weltkrieges, als Nationalitäten wie die Griechen und verschiedene Völker des Balkans die staatliche Unabhängigkeit erlangten und europäische Kolonialmächte fast alle arabischen Staaten als Kolonien oder Mandatsgebiete unter ihre Kontrolle brachten. Aus dem verbliebenen Rumpfstaat ging 1923 die Türkei hervor. Frankreich und Großbritannien sowie ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zusätzlich die USA und die Sowjetunion bzw. Russland üben seitdem bedeutenden Einfluss auf die Region aus.

Im Mittelalter übernahm Europa kulturelle und wissenschaftliche Errungenschaften des Vorderen Orients, beispielsweise medizinische Erkenntnisse wie die Entdeckung des Blutkreislaufs oder Navigationsinstrumente der Seefahrt. In dieser Epoche gelangten auch viele arabische Lehnwörter wie Algebra, Alkohol, Matratze, Ziffer und Zucker nach Europa. Der Islam war in dieser Zeit in vielem fortschrittlicher und offener als das Christentum, etwa im Bereich medizinischer Forschung oder in der Verrechtlichung diplomatischer Beziehungen zu Andersgläubigen. Arabische Philosophen wie Avicenna (980–1037) und Averroes (1126–1198) beeinflussten mit ihren Kommentaren des Aristoteles nachhaltig die Philosophiegeschichte Europas, die christliche Scholastik, den Humanismus und die Aufklärung.

Doch kehrte sich dieses Verhältnis zunehmend um. Schon im 15. Jahrhundert wechselte Europa vom Importeur zum Exporteur von Fertigprodukten wie Papier, Nägeln, Textilien und Glas. Mit dem europäischen Kolonialismus und der sich ausweitenden Vernetzung der Welt durch Handel und Kommunikation, Wirtschaft und Kultur unterlagen lokale, traditionelle Gemeinschaften im Nahen Osten zunehmend den Einflüssen des Weltmarkts sowie der kulturellen und ideologischen Dominanz des Westens. Diese beeinflusste Stadtplanung und Architektur, die Infrastruktur und die Medien, das Bildungswesen, die Gesundheitsversorgung, die Staatsverwaltung und die Konsumgewohnheiten. Westliche Dominanz trat nicht zuletzt in politischen Ideologien wie dem Nationalismus, Sozialismus, Liberalismus und Kommunismus zutage.

Menschen aus dem Nahen Osten, die sich im Westen aufhalten, um zu studieren, zu arbeiten oder sich vor dem Krieg in ihren Heimatländern zu retten, lernen hier westliche Verhaltensweisen und Werte kennen und spiegeln sie über Familienbesuche oder als Rückkehrende in ihre Herkunftsländer zurück.
Im Prozess der Globalisierung sind Kulturen und Religionen zu weltweiten Austauschgemeinschaften verschmolzen: Der "Orient" ist in Europa unter anderem in Migrantengemeinden und Spezialitätenrestaurants präsent. New Yorks Skyline erhält Konkurrenz von den Hochhäusern in Dubai, der saudischen Hauptstadt Riad oder von Doha, der Hauptstadt Katars. Nur im Bereich der Säkularisierung scheint der Nahe Osten einer westlich dominierten Modernisierung zu widerstehen: Religion prägt hier nach wie vor den Alltag, die Gesellschaften und teilweise auch die Politik der Region. Das gilt insbesondere für den Islam als die Mehrheitsreligion, die in jüngerer Zeit von vielen Gläubigen in die politisierte Form des Islamismus umgedeutet wird.