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Ausdruck von Stolz und Hoffnung: Eine Wandmalerei im libyschen Tripolis, aufgenommen am 16. März 2012, zeigt Läufer mit den Flaggen Libyens, Ägyptens und Tunesiens. Sie bringen die „Flamme der Freiheit“ auf ausgestreckte Arme zu, die nach der Beschriftung Syrien und den Jemen versinnbildlichen.

13.12.2016 | Von:
Henner Fürtig

Zwischen Kolonialismus und Nationenbildung

Antizionismus als Identitätsstifter

Für die 1897 in Basel gegründete "Zionistische Weltorganisation" bedeutete die Balfour-Deklaration von 1917 einen großen Erfolg. Denn die Deklaration unterstützte deren zentrales Projekt, einen jüdischen Staat in Palästina zu gründen. Dieser Erfolg war lange ungewiss: Politisch gehörte das spätere Mandatsgebiet Palästina 1917 noch zum Osmanischen Reich, das dem zionistischen Ansinnen ablehnend gegenüberstand. In den europäischen Hauptstädten stieß der Zionismus bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges ebenfalls auf geringes Interesse; zwar fand er bei den Juden Osteuropas und Russlands, die unter Pogromen litten, einen gewissen Widerhall, aber die jüdische Bevölkerung Mittel- und Westeuropas verfolgte die Bewegung eher mit Desinteresse.

Das Eingehen der britischen Regierung auf die Ziele der "Zionistischen Weltorganisation" lässt sich im Wesentlichen auf zwei Gründe zurückführen. Zum einen motivierte die ungünstige Kriegsentwicklung die britische Regierung schon seit 1916 zu verstärkten Anstrengungen, die USA zu einem Kriegseintritt auf Seiten der Entente zu bewegen. Die Balfour-Deklaration sollte die starke jüdische Gemeinde in den USA veranlassen, sich mit ihrem politischen Gewicht für diesen britischen Wunsch einzusetzen. Zum anderen und vor allem war die Deklaration aber dem strategischen Stellenwert des Nahen Ostens geschuldet. Als geografische Verbindung zwischen den ausgedehnten Besitzungen des Empires bis nach Indien und als Erdöllagerstätte war seine Bedeutung seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts stetig gewachsen, und daher hatte man sich bekanntlich bereits ein Jahr zuvor im Sykes-Picot-Abkommen mit Frankreich über die Aufteilung des Nahen Ostens nach dem Sieg über die Osmanen geeinigt. In diesem Zusammenhang erfuhr die zionistische Bewegung eine strategische Neubewertung. Sie sollte nunmehr als "natürliche Verbündete" bei der Durchsetzung britischer Interessen in der zukünftigen Einflusszone helfen. Die arabisch-muslimische Mehrheitsbevölkerung im britischen Mandatsgebiet Palästina befürchtete deshalb von Beginn an eine einseitige Bevorzugung der jüdischen Mitbewohner durch die Mandatsmacht. Die Befürchtungen wurden seit Ende der 1920er-Jahre vor allem durch zwei Entwicklungen verstärkt:

Erstens hatte die Mandatsverwaltung ehemalige osmanische Staatsländereien großzügig an jüdische Siedler verteilt bzw. preisgünstig verkauft. Dadurch verringerte sich das Angebot an frei verfügbarem Ackerland, und die Bodenpreise stiegen an. Dies veranlasste zahlreiche arabische Grundbesitzer zum Verkauf an jüdische Siedler und verringerte damit das Angebot an landwirtschaftlich nutzbarer Fläche für arabische Kleinbauern und -pächter. Zweitens stiegen infolge der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland die jüdischen Einwanderungszahlen. Zwischen 1933 und 1939 wanderten offiziell 176.000 Juden nach Palästina ein, davon 50.000 allein aus Deutschland. Damit verschob sich die Zusammensetzung der Bevölkerung im Mandatsgebiet weiter zu Ungunsten der Araber. Hatte ihr Anteil 1922 noch bei 90 Prozent gelegen, so betrug er 1936 nur noch 70 Prozent.

Angesichts dieser Entwicklungen wurde Hadsch Amin al-Husseini, der Großmufti (also der oberste islamische Rechtsgelehrte) von Jerusalem zum radikalsten antizionistischen Führer in Palästina. Er stellte den Konflikt zwischen Juden und Arabern als religiösen Kampf dar und konnte so eine für die Zwischenkriegszeit eher ungewöhnliche Liaison zwischen Islamisten und Nationalisten bewirken. Bereits in den 1920er-Jahren kam es zu ersten blutigen Ausschreitungen und zunehmenden Übergriffen auf jüdische Siedlungen sowie auf zivile und militärische Einrichtungen der Briten.

Im November 1935 forderte al-Husseini von der britischen Mandatsmacht, sowohl die weitere jüdische Immigration als auch den Landverkauf an jüdische Siedler zu verbieten. Mitte April 1936 fügte er die Forderung nach nationaler Unabhängigkeit hinzu und rief am 19. April einen sechsmonatigen Generalstreik aus. Die Streikleitung übernahm ein am 25. April 1936 gegründetes "Arabisches Hochkomitee" unter al-Husseinis Führung. In der Folgezeit wandelte sich der Streik in einen Aufstand, arabische Freischärler verübten Anschläge gegen jüdische und britische Einrichtungen, britische Sicherheitskräfte und jüdische paramilitärische Verbände schlugen zurück. Am 30. Juli 1936 erklärten die Briten das Kriegsrecht. Aufständische wurden inhaftiert, teilweise hingerichtet, ihr Besitz beschlagnahmt oder zerstört.

Als verschiedene Vermittlungsversuche scheiterten, eskalierte Mitte 1937 der Aufstand erneut. Im September 1937 verboten die Mandatsbehörden das "Arabische Hochkomitee", al-Husseini floh in den Libanon. Trotzdem hielten die Kämpfe an. Obwohl 20.000 zusätzliche britische Truppen und knapp 15.000 jüdische paramilitärische Kämpfer im Einsatz waren, dauerte es bis zum Herbst 1938, ehe die britische Kontrolle über das Mandatsgebiet weitgehend wiederhergestellt war.

Die britische Palästinapolitik und der "Arabische Aufstand" radikalisierten die gesamte arabische Unabhängigkeitsbewegung. Die jungen arabischen Nationen, die sich gerade eigene Flaggen als Symbol ihres Selbstverständnisses zulegten, fanden in der Unterstützung der arabischen Palästinenser und in der Ablehnung des zionistischen Staatsprojekts einen gemeinsamen Nenner. Je konturloser das Projekt eines gemeinsamen arabischen Staates wurde, desto stärker entfaltete sich die Wirkung von Symbolen und Parolen: Darunter war der Antizionismus die wirkmächtigste.

Der Zweite Weltkrieg als Wegscheide


Nicht zuletzt aus Kostengründen und angesichts begrenzter personeller Ressourcen hatte vor allem die britische Kolonialmacht schon seit dem Ende des Ersten Weltkrieges in vielen ihrer Einflussgebiete eine indirekte Herrschaft bevorzugt, die ihre Macht kaum schmälerte, aber eine einheimische abhängige Elite als "Puffer" zur Masse der unterdrückten Bevölkerung installierte. Diese Elite war an der Fortdauer des externen Einflusses interessiert und stand deshalb auch für Szenarien einer rein formalen Unabhängigkeit zur Verfügung. Obwohl die Kampfhandlungen des Zweiten Weltkrieges große Teile Nordafrikas und des Nahen Ostens in Mitleidenschaft gezogen hatten, zeigten sich die längerfristigen Wirkungen des Krieges insbesondere in einer Schwächung der Kolonialmächte. Großbritannien und Frankreich konzentrierten sich nach 1945 auf ihre wirtschaftlich und strategisch wichtigsten Kolonien, Italiens Kolonialzeit in Libyen war bereits 1943 mit der Niederlage gegen die Briten zu Ende gegangen.

Die Arabische LigaDie Arabische Liga (© picture-alliance, dpa-Grafik 10477, Quelle: Auswärtiges Amt, Arabische Liga; Stand: August 2015)
So waren es bereits sechs formal selbstständige Staaten (Ägypten, Irak, Transjordanien, Libanon, Saudi-Arabien, Syrien), die am 22. März 1945 in Kairo die "Liga der Arabischen Staaten" oder auch "Arabische Liga" gründeten. Jemen trat im Mai 1945 bei. Die Charta der Liga sprach von einem Konsultations- und Nichtangriffspakt, der die einzelstaatliche Souveränität aller Mitglieder achtete. Damit bekräftigte sie den Trend der vergangenen beiden Jahrzehnte zu einer arabischen Staatenvielfalt. Lediglich am Rande wurde auf das Fernziel eines gesamtarabischen Staates verwiesen. Es war einmal mehr der Palästinakonflikt, der für einen starken inneren Zusammenhalt sorgte, denn ein kaum verheimlichter Zweck der Ligagründung bestand darin, die Gründung eines Staates Israel auf dem Boden des britischen Mandatsgebiets Palästina zu verhindern.

Nachdem die Briten unmittelbar nach Kriegsende zunächst versucht hatten, den USA das Mandat zu überantworten, delegierten sie es nach deren Absage an die Vereinten Nationen (United Nations=UN), die 1945 entstandene Nachfolgeorganisation des Völkerbunds. Am 29. November 1947 nahm die UN-Vollversammlung mit der Resolution 181 einen Plan für Palästina an, der Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat aufteilte. Der Großraum Jerusalem sollte unter internationale Kontrolle gestellt werden. Während die Mehrheit der jüdischen Bewohner den Plan akzeptierte, lehnte die arabische Seite ihn vehement ab. Daraufhin schuf Israel am 14. Mai 1948 mit seiner Staatsgründung durch Israels ersten Premierminister David Ben Gurion vollendete Tatsachen. Die Arabische Liga erklärte dem neuen Staat einen Tag später den Krieg.

Unmittelbar danach begann der Einmarsch ägyptischer, syrischer, jordanischer, libanesischer und irakischer Truppen in Israel. Ihr unkoordiniertes Handeln, ihr Interesse, sich gegenseitig an der Besetzung Palästinas und damit am Machtzuwachs zu hindern, sowie die veralteten Strukturen ihrer Armeen ließen den Angriff jedoch schnell versanden.

Am 1. Juni 1948 trat ein auf Druck der UN vereinbarter Waffenstillstand in Kraft. Die Atempause nutzte insbesondere Israel, um sich für eine weitere Kriegsphase besser vorzubereiten. Schon in den Anfangstagen des Ersten Nahostkrieges hatten sich die israelischen Truppen als besser ausgebildet und bewaffnet erwiesen. Außerdem kam dem jungen Staat zugute, dass er trotz eines Waffenembargos der UN gegen die Kriegführenden mit Zustimmung der Sowjetunion Waffen aus Beständen von deren osteuropäischen Satellitenstaaten kaufen konnte.

Zwischen Oktober 1948 und Januar 1949 führten mehrere israelische Offensiven zu einer katastrophalen Niederlage der arabischen Angreifer. Am 24. Februar 1949 schloss Ägypten einen Waffenstillstand, dem sich die anderen kriegführenden arabischen Staaten bis Juli anschlossen. So kontrollierte Israel am Ende des Krieges ein weitaus größeres Gebiet, als es durch den UN-Teilungsplan von 1947 zugesprochen bekommen hatte. Im Ergebnis der Waffenstillstandsverhandlungen und unter Vermittlung der UN wurden die Westbank der Verwaltung Jordaniens und der Gazastreifen Ägypten unterstellt. Die arabische Seite erkannte die neuen Grenzen zwar nicht an, doch die USA, Frankreich und Großbritannien traten als Garantiemächte zugunsten Israels auf.

Im kollektiven Gedächtnis der Kriegführenden hat der Erste Nahostkrieg einen völlig entgegengesetzten Stellenwert. Während die arabische Welt Israels Staatsgründung, die Vertreibung großer Teile der palästinensischen Bevölkerung und die Niederlage im Krieg als "Nakba", als Katastrophe wertet, wird der Waffengang von 1948/49 in Israel als "Unabhängigkeitskrieg" überliefert.

Der Ausgang des Ersten Nahostkrieges verschärfte die Ausrichtung der arabischen Unabhängigkeitsbewegung. Die als einseitige Parteinahme zugunsten Israels wahrgenommene Politik der Westmächte führte zu einer erneuten Zuspitzung des Kampfes gegen die Kolonialherrschaft Großbritanniens und Frankreichs. Das katastrophale Versagen der einheimischen Eliten im Nahostkrieg untergrub deren Legitimität. Sie wurden als unfähige Handlanger der Kolonialmächte und nunmehr auch Israels angesehen und folglich zu Feinden der Nationalbewegung erklärt.