Ausdruck von Stolz und Hoffnung: Eine Wandmalerei im libyschen Tripolis, aufgenommen am 16. März 2012, zeigt Läufer mit den Flaggen Libyens, Ägyptens und Tunesiens. Sie bringen die „Flamme der Freiheit“ auf ausgestreckte Arme zu, die nach der Beschriftung Syrien und den Jemen versinnbildlichen.
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Regionales System und Machtbalance


13.12.2016
Das regionalpolitische System des Nahen Ostens hat seit 1945 mehrere grundlegende Transformationen erfahren. Vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zum Arabischen Frühling lassen sich vier Phasen unterscheiden. Heute ist die regionale Ordnung durch eine komplexe Multipolarität gekennzeichnet.

Motorisierte israelische Einheiten während des Sechstagekrieges (Dritter Nahostkrieg) 1967: Bis heute beeinflusst der Ausgang dieser militärischen Auseinandersetzung die
geopolitischen Machtverhältnisse in der Region.Motorisierte israelische Einheiten während des Sechstagekrieges (Dritter Nahostkrieg) 1967: Bis heute beeinflusst der Ausgang dieser militärischen Auseinandersetzung die geopolitischen Machtverhältnisse in der Region. (© ullstein bild – AP)

Der Arabische Kalte Krieg 1945 bis 1967



Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 wandelte sich die internationale Politik. Anstelle der Multipolarität, also der Konkurrenz einer Vielzahl von Großmächten, trat die Bipolarität der beiden neuen Supermächte USA und Sowjetunion. Die vormaligen Großmächte Großbritannien und Frankreich verloren an Einfluss. Das bedeutete leicht zeitversetzt auch das Ende des "britischen" und "französischen Moments" in der nahöstlichen Regionalpolitik.

In dieser Übergangsperiode veränderte insbesondere der israelisch-arabische Krieg von 1948/49, der als Reaktion auf die Staatsgründung Israels im Mai 1948 begonnen hatte, das regionale System des Nahen Ostens. Die arabische Niederlage im Ersten Nahostkrieg stärkte den neuen jüdischen Staat und bedeutete gleichzeitig eine "Katastrophe" (arab.: nakba) für die palästinensische Bevölkerung. Die Palästinenser hatten auf einen eigenen Staat gehofft, und mussten nun Besatzung und Vertreibung erdulden.

Als Folge des Krieges erweiterte sich das 1946 unabhängig gewordene Transjordanien, unterstützt durch die noch britisch kontrollierte, jordanische Armee, die sogenannte Arabische Legion, um das Westjordanland und Ostjerusalem und wurde so zum neuen, bevölkerungsmäßig fast doppelt so großen Haschemitischen Königreich Jordanien. Die Niederlage der ägyptischen Armee 1948 schwächte die bereits angeschlagene ägyptische Monarchie und ebnete den Weg für die Machtübernahme der "Freien Offiziere" 1952.

Gamal Abdel Nasser, der 1954 neuer Präsident Ägyptens wurde, gab der nahöstlichen Regionalpolitik neue Impulse: Der Antikolonialismus und der Panarabismus, also die politische Einheit der arabischen Nation unter ägyptischer Führung Nassers, rückten ins Zentrum seiner Außenpolitik. Der politische Erfolg in der Suezkrise 1956 (Zweiter Nahostkrieg), als er sich mit der Nationalisierung des Suezkanals politisch gegen Großbritannien, Frankreich und Israel durchsetzte, machte Ägypten zur führenden arabischen Macht im Nahen Osten. Mit dem ägyptischen Radiosender "Stimme der Araber" (arab.: Saut al-Arab), dem zentralen Sprachrohr der Regierung in Kairo, gelang es, die arabischen Bevölkerungen des gesamten Nahen Ostens zu mobilisieren. Mehr noch als die militärische hard power ermöglichte die soft power ideologischer Überzeugung Ägypten in dieser Phase den Aufstieg zur Regionalmacht.

Die konservativen Regierungen in Saudi-Arabien, Jordanien, im Libanon und im Irak wollten sich Ägyptens Führungsanspruch jedoch nicht unterwerfen. Es bildete sich die regionale Machtkonstellation des "Arabischen Kalten Krieges" heraus.

Dieser glich in seiner Zwei-Lager-Bildung zwar äußerlich der Konstellation der Ost-West-Konfrontation. Doch in der arabischen Variante der 1950er- und 1960er-Jahre ging es weniger um die Systemkonkurrenz zwischen Kapitalismus und Kommunismus als vielmehr um die Fragen, worin genau die "arabischen Interessen" bestanden und wer sie in der Region repräsentieren sollte.

In den konservativ regierten Staaten entstanden um diese Fragen massive innenpolitische Kontroversen, denn die städtischen, gebildeten Schichten sowie weite Teile der politisierten Armeen hegten große Sympathien für panarabische Vorstellungen und die Führungsfigur Nasser. Im Irak trug dies zum gewaltsamen Ende der Monarchie und zur Ausrufung der Republik im Juli 1958 bei. In Jordanien 1957 und im Libanon 1958 wurden ähnliche Umsturzversuche nur durch die militärische Unterstützung der USA verhindert. Washingtons Nahostpolitik war in dieser Zeit geleitet durch die im Januar 1957 erlassene Eisenhower-Doktrin, die allen von der Sowjetunion "bedrohten" Regierungen (Ägypten, Syrien, Irak, Jordanien 1956/57 und Libanon bis 1958), jegliche Form des Beistands zusicherte, auch den Einsatz von Atomwaffen.

Trotz der zahlreichen Konflikte im Nahen Osten eskalierte in den 1950er- und 1960er-Jahren lediglich die Situation im Jemen. Dort standen sich 1962 bis 1967 in einem innerarabischen Krieg ägyptische und saudi-arabische Truppen als externe Bündnispartner lokaler Akteure gegenüber. Im Sechstagekrieg vom Juni 1967 (Dritter Nahostkrieg) erreichte der von Nasser geprägte Panarabismus dann allerdings seinen Höhe- und Wendepunkt: Ab Mitte der 1960er-Jahre hatten sich Ägypten und die seit 1963 in Syrien herrschende Ba’th-Partei (arab.; dt.: Wiedergeburt, Erweckung), die eine gegenüber Nasser radikalere Form des arabischen Nationalismus vertrat, einen ideologischen "Überbietungswettbewerb" in Drohungen gegen Israel geliefert. Israel reagierte auf diese Drohungen mit einem Überraschungsangriff: Binnen kürzester Zeit eroberte es die Sinai-Halbinsel und den Gazastreifen von Ägypten, das Westjordanland und Ostjerusalem von Jordanien und die Golanhöhen von Syrien.

Vom Sechstagekrieg bis zum Ende des Kalten Krieges 1989/90



Der Sechstagekrieg 1967 war ein Debakel für die arabischen Regierungen, da sie sich Israel wiederum militärisch geschlagen geben mussten. Noch schwerer als 1948 wog im Bewusstsein vieler Araber jedoch, dass die nationalistischen Hoffnungsträger versagt hatten und Israel dadurch große arabische Gebiete erobern konnte, die es mit Ausnahme des Sinai, des Gazastreifens sowie Teilen des Golan bis in die Gegenwart besetzt hält. Regionalpolitisch bedeutete der Krieg von 1967 den Aufstieg Israels zur überlegenen Militärmacht des Nahen Ostens – ein Status, der mit massiver militärischer und wirtschaftlicher Unterstützung der USA und später auch der EU bis in die Gegenwart besteht.

Der Panarabismus unter Nasser erlitt durch die Niederlage von 1967 einen deutlichen Ansehensverlust, und auch König Hussein von Jordanien sowie die Ba’th-Regierung in Syrien gerieten innenpolitisch unter Druck. An ihrer Stelle entwickelte sich die 1964 gegründete, ab 1969 von Jassir Arafat geführte Palästinensische Befreiungsbewegung (PLO) zur einflussreichsten Vertreterin des palästinensischen Nationalismus. Sie rief zum Kampf gegen Israel auf und wandte sich auch gegen die konservative Regierung in Jordanien, die sie vor allem für den Verlust Ostjerusalems und des Westjordanlands an Israel verantwortlich machte.

In Jordanien eskalierte der Konflikt im "Schwarzen September" 1970 in einem Bürgerkrieg, nachdem PLO-Kämpfer Teile des Landes besetzt und die Monarchie politisch und militärisch herausgefordert hatten. König Hussein konnte sich letztlich durchsetzen, weil die neue syrische Ba’th-Regierung unter Präsident Hafiz al-Assad (seit September 1970) nicht auf Seiten der PLO eingriff und die Konfliktvermittlung Nassers misslang. Dieser starb überraschend Ende September 1970. Ihm folgte noch im selben Jahr Mohammed Anwar al-Sadat ins ägyptische Präsidentenamt nach, der bis 1981 regierte.

Im Oktober 1973 wurde Israel erneut von Ägypten und Syrien angegriffen. Der Zeitpunkt dieses Angriffes trug dem nun folgenden Vierten Nahostkrieg in Israel den Namen Jom-Kippur-Krieg (Jom Kippur=Versöhnungstag, höchster jüdischer Feiertag) ein, während er auf arabischer Seite als Ramadan-Krieg (Ramadan = islamischer Fastenmonat) bekannt ist. Dieser Krieg führte zwar militärisch nicht zum Rückgewinn aller besetzten Gebiete, brachte aber den neuen Präsidenten al-Assad in Syrien und al-Sadat in Ägypten sowie dem ägyptischen Luftwaffengeneral und späteren Präsidenten Mohammed Hosni Mubarak (reg. 1981–2011) einen regionalpolitischen Legitimitätsgewinn.

Fast zeitgleich begann sich das regionale Schwergewicht von Ägypten nach Osten zu verschieben: Die Erdölpreisrevolution von 1973/74 verzehnfachte die Weltmarktpreise und spülte binnen kürzester Zeit immense Einnahmen in die Staatskassen der Erdöl produzierenden Länder, vor allem am Persischen Golf. Infolgedessen stieg Saudi-Arabien, das erdölreichste Land der Region, in den 1970er-Jahren zur neuen Wirtschaftsmacht des Nahen Ostens auf. Aber auch die Staaten ohne Erdölvorkommen profitierten von den Erdöleinnahmen. Sie entsandten Arbeitskräfte an den Golf und erhielten von dort finanzielle Unterstützung. Dieses regionale Verteilungssystem der Erdölgelder – "Petrolismus" genannt – stabilisierte die Anfang der 1970er-Jahre autoritär herrschenden Regierungen im Nahen Osten und bewirkte eine grenzüberschreitende Mobilisierung der arabischen Gesellschaften, wie sie bis zum Arabischen Frühling nicht mehr stattfand.

Regionalpolitische Sogwirkung entfaltete noch der grundlegende Positionswechsel Ägyptens unter Sadat: Nach dem Prestigegewinn von 1973 näherte sich Ägypten den USA unter Jimmy Carter (reg. 1977-1981) an und unterzeichnete 1978/79 in Camp David einen bilateralen Friedensvertrag mit Israel unter Ministerpräsident Menachem Begin. Der Friedensvertrag sicherte Ägypten zwar die Rückgabe des Sinai. Doch die Anerkennung Israels und die fehlende Rücksprache mit den arabischen Nachbarn isolierten das Land im nahöstlichen Regionalsystem und führten zum zeitweiligen Ausschluss Ägyptens aus der Arabischen Liga, der 1945 gegründeten Regionalorganisation der arabischen Staaten.

Am 6. Juni 1982 intervenierte Israel im Libanon (Fünfter Nahostkrieg) mit dem Ziel, die dort residierende PLO zu zerschlagen und den syrischen Einfluss im Libanon zu schwächen. Diese Intervention und die Massaker von Sabra und Schatila radikalisierten den bereits seit 1975 andauernden libanesischen Bürgerkrieg. In Sabra und Schatila, zwei hauptsächlich von Palästinensern bewohnten Beiruter Stadtteilen, tötete die christliche Phalange-Miliz vom 16. bis 18. September 1982 vor den Augen des israelischen Militärs nach Schätzungen 800 bis 3300 Menschen, vor allem Zivilisten. Die libanesische Hisbollah (arab.; dt.: Partei Gottes), die 1982 als schiitisch-islamistische Untergrundbewegung gegründet wurde, leistete bis zum israelischen Truppenabzug im Mai 2000 erbitterten militärischen Widerstand gegen die israelische Besatzung des Südlibanons, die sogenannte Sicherheitszone, in die sich die israelische Armee nach der Libanon-Invasion von 1985 bis 2000 zurückgezogen hatte.

Ein weiteres Ereignis, das die regionalpolitische Machtbalance im Nahen Osten nachhaltig erschütterte, war die iranische Revolution von 1978/79. Das Ende der prowestlichen Herrschaft des Pahlavi-Schahs weckte bei vielen arabischen Regierungen Befürchtungen vor einer revolutionären, diesmal islamistischen Dynamik in der Region. Deshalb unterstützten mit Ausnahme Syriens alle arabischen Regierungen den Angriff des Irak auf Iran im September 1980. Dieser Angriff leitete den acht Jahre andauernden Ersten Golfkrieg ein, der bis 1988 hunderttausende Todesopfer kostete und massive Verwerfungen auf beiden Seiten nach sich zog. Als Sicherheitsbündnis gegen den revolutionären Iran unter Ajatollah Khomeini, aber auch gegen die Expansionsbestrebungen des Irak unter Saddam Hussein gründeten 1981 unter der Führung Saudi-Arabiens die arabischen Golfmonarchien den Golfkooperationsrat (Gulf Cooperation Council=GCC).

Ende der 1980er-Jahre war das regionale System des Nahen Ostens stark zersplittert: Israel war zwar die eindeutig stärkste Militärmacht, blieb aber trotz des Friedenvertrags mit Ägypten regionalpolitisch isoliert; auch zu Jordanien und dem späteren militärischen Kooperationspartner Türkei blieben die israelischen Beziehungen distanziert. Ägypten gelang es unter dem neuen Präsidenten Husni Mubarak, der dem 1981 von radikalen Islamisten getöteten Sadat nachgefolgt war, nur langsam, wieder im Nahen Osten akzeptiert zu werden. Die Erdölmacht Saudi-Arabien blieb in erster Linie konservativ an der Bewahrung des politischen Status quo interessiert. Die Islamische Republik Iran schließlich überstand ihren postrevolutionären Überlebenskampf nur deutlich geschwächt.