Ausdruck von Stolz und Hoffnung: Eine Wandmalerei im libyschen Tripolis, aufgenommen am 16. März 2012, zeigt Läufer mit den Flaggen Libyens, Ägyptens und Tunesiens. Sie bringen die „Flamme der Freiheit“ auf ausgestreckte Arme zu, die nach der Beschriftung Syrien und den Jemen versinnbildlichen.

13.12.2016 | Von:
André Bank

Regionales System und Machtbalance

Regionale Dynamik

Die Wandlungsprozesse des regionalen Systems im Nahen Osten seit 1945 lassen sich anhand der vier, zu unterschiedlichen Zeitpunkten einflussreichsten regionalen Staaten Ägypten, Saudi-Arabien, Iran und Israel veranschaulichen. Denn sie weisen Potenziale und Defizite auf, die dem jeweiligen Land zu einem bestimmten Zeitpunkt einen Status als Regionalmacht im Nahen Osten ermöglichten oder zu anderen Zeiten verwehrten.

Ägypten

Lange Zeit strebte Ägypten nach einer regionalen Führungsrolle im Nahen Osten: In den 1950er- und 1960er-Jahren war das Land der Repräsentant des Panarabismus, in den 1980er-Jahren und danach präsentierte es sich als Anführer des prowestlichen "Friedenslagers". Ägyptens Führungsanspruch stützt sich darauf, das mit Abstand bevölkerungsreichste arabische Land zu sein und über eine große und gut ausgestattete Armee zu verfügen. Die lange Geschichte eines zentralisierten, relativ effektiven Staatswesens und einer starken nationalen Identität verhinderten bislang Versuche externer Staaten und politischer Bewegungen, das Land "von außen" zu destabilisieren. Die zentrale Lage in der Region sowie seine Nähe zu Israel unterstreichen Ägyptens geostrategische Bedeutung.

Ägyptens regionaler Einfluss schwand jedoch de facto mit der Niederlage im Sechstagekrieg gegen Israel 1967 sowie der Verlagerung des regionalpolitischen Gravitationszentrums hin zu den Golfstaaten als Folge der Erdölpreisrevolution 1973/74. Ägyptens Allianzwechsel unter Präsident Sadat hin zu den USA, der im bilateralen Friedensvertrag mit Israel 1978/79 seinen Ausdruck fand, resultierte auch aus der dringenden Suche nach einer neuen Finanzquelle für die geschwächte Wirtschaft. Der weitere ökonomische Niedergang Ägyptens unter Präsident Mubarak sowie seine Haltung als US-Alliierter und "Friedenspartner" Israels, die ihn in den Augen der arabischen Welt delegitimierte, unterstrich den zunehmenden regionalen Bedeutungsverlust des Landes seit Ende der 1990er- und während der 2000er-Jahre.

Saudi-Arabien

Saudi-Arabiens Aufstieg als regionale Führungsmacht geht auf seine immensen ökonomischen Ressourcen zurück. Es setzte seinen mit keinem anderen Flächenstaat in der Region vergleichbaren Wohlstand dazu ein, hochentwickelte Waffensysteme zu erwerben, nicht zuletzt von Deutschland, und – im Sinne einer wahrhaften Scheckbuchdiplomatie – eine Vielzahl von politisch einflussreichen Akteuren direkt oder indirekt zu unterstützen. Spätestens ab den 1970er-Jahren entwickelte sich Saudi-Arabien so vom payer immer mehr zum regionalpolitischen player. Außerdem setzten die saudische Regierung und die Vielzahl religiöser Stiftungen, die sie finanzierte, ihren Reichtum auch ein, um ihre besonders konservative Version des Islam zu propagieren. Zu diesem Zweck finanzierten sie im Nahen Osten und darüber hinaus in West- und Zentralasien, dem Balkan, Europa und Ostafrika Moscheen, islamistische Vereine sowie Veröffentlichungen des Koran und anderer religiöser Schriften. Saudi-Arabien leitet seinen Führungsanspruch auch aus seiner Rolle als Hüterin der heiligen Stätten von Mekka und Medina ab.

Doch gibt es eine Reihe von Defiziten, die Saudi-Arabien eine Führungsrolle als Regionalmacht erschweren. Das saudische politische System ist in hohem Maße autoritär; es basiert auf einer strengen Kontrolle der Gesellschaft, bei der dem religiös-wahhabitischen Establishment eine zentrale Rolle zukommt. Sein umfassendes System der Patronage und der sozialen Wohlfahrt, das saudischen Staatsbürgern eine freie Gesundheitsversorgung und Bildungszugang verspricht, setzt einen kontinuierlich hohen Erdölpreis voraus. Wenn der Ölpreis fällt, bedeutet dies eine potenzielle innenpolitische Destabilisierung.

Saudi-Arabien sah und sieht sich beständig ideologisch herausgefordert, da seine außenpolitische Allianz mit den USA und säkularen arabischen Regierungen immer wieder der selbst propagierten, puristisch-konservativen Islam-Interpretation widerspricht. Innerhalb Saudi-Arabiens fanden im Laufe der vergangenen Jahrzehnte wiederholt radikale, systemoppositionelle Ideologien Gehör und Unterstützung: In den 1950er-Jahren stellte der säkulare Panarabismus Nassers den "Feudalismus" und "religiösen Traditionalismus" des Königshauses infrage. Bereits seit 1979 und dann vermehrt ab den 1990er-Jahren warfen ihm radikal-islamistische Gruppierungen seinen "Abfall" vom Islam vor. Schließlich blieb Saudi-Arabien trotz seiner hohen Ausgaben aufgrund der mangelhaften Ausbildung seiner Truppen lange Zeit ein militärisches "Leichtgewicht", wie sich besonders deutlich im Kontext der irakischen Invasion Kuwaits 1990 zeigte. Damals musste die Regierung in Riad Washington um militärische Unterstützung bitten, und US-Truppen operierten von 1990 bis 2003 von saudischem Territorium aus.

Iran

Iran gilt aufgrund seiner räumlichen Ausdehnung, seiner Bevölkerungsgröße, seiner militärischen Fähigkeiten sowie seiner ökonomischen Kapazitäten als weltweit drittgrößter Erdöl- und zweitgrößter Erdgasexporteur als potenzielle Regionalmacht im Nahen Osten. Nichtsdestotrotz hat es das Land bislang nicht geschafft, seine Machtpotenziale in tatsächliche regionalpolitische Dominanz zu verwandeln. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass Iran von den arabischen Regierungen und der Öffentlichkeit gleichermaßen als nicht-arabische, gewissermaßen "fremde Macht" angesehen wird.

In den arabischen Ländern, die über eine große schiitische Gemeinschaft verfügen, aber von sunnitisch dominierten Regierungen geführt werden – wie Bahrain, Irak bis 2003, Kuwait und Saudi-Arabien –, wird Iran vielmehr als Bedrohung wahrgenommen. Dies war sowohl vor als auch nach der Islamischen Revolution von 1979 in Iran der Fall. Vor der Revolution war der iranische Pahlavi-Schah ein wichtiger Alliierter der USA und Israels sowie eine der zentralen Stützen der US-Strategie im Kalten Krieg. Sein Bündnis mit den konservativen Kräften im "Arabischen Kalten Krieg" schränkte die Einflussmöglichkeiten Irans in weiten Teilen der arabischen Staaten ein. Nach der Revolution 1979 fürchteten vor allem die autoritären Regime in den arabischen Staaten, von Iran könne eine islamistische Mobilisierung und der Export der Revolution ausgehen. Im Kontext des Ersten Golfkrieges in den 1980er-Jahren betrieb der Irak unter Saddam Hussein eine von den konservativen Golfmonarchien unterstützte antiiranische und antischiitische Kampagne gegen Iran.

Quellentext

Iran: Gottessouveränität versus Volkssouveränität

Mit dem Sieg der Revolution von 1979 schickte sich die aus ihr hervorgegangene Islamische Republik Iran an, in der Gegenwart ein Gesellschaftsmodell umzusetzen, das sich an der idealisierten Herrschaftszeit des Propheten Mohammed und des vierten Kalifen Ali orientiert. Da dieser Modellversuch mit einer aggressiven, antiwestlichen und antiisraelischen Außenpolitik einherging, war ihm die dauerhafte Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit sicher.

Allerdings begleitet die Islamische Republik Iran seit ihrer Gründung ein Grundwiderspruch, der schon im Staatsnamen zum Ausdruck kommt. Der Mehrzahl ihrer zahlreichen Konflikte und Richtungskämpfe liegt der bisher unüberbrückbare Gegensatz zwischen "islamischem" und "republikanischem" Staatsverständnis zugrunde. Gottessouveränität steht gegen Volkssouveränität. Auf der einen Seite befindet sich ein Staat, dessen höchste Institution der "Oberste Rechtsgelehrte" ist, ein Theologe, der laut Verfassung auch als Oberbefehlshaber aller Streitkräfte fungiert und der alle gewählten Instanzen, einschließlich des Präsidenten, entlassen kann. Er stützt seine Macht auf spezifische Institutionen, wie die einflussreichen Freitagsprediger, die wirtschaftsmächtigen islamischen Stiftungen und – nicht zuletzt – die Revolutionsgarden (Pasdaran).

Auf der anderen Seite besteht eine republikanische Staatsform mit einem gewählten Präsidenten, einem gewählten Parlament, einer dem Parlament rechenschaftspflichtigen Regierung und allen nachgeordneten staatlichen Organisationsebenen. Da in Iran keine modernen Parteien existieren, werden Kandidaten für Wahlfunktionen von Interessengruppen benannt oder stellen sich individuell zur Wahl. Ein "Wächterrat" kontrolliert die Kandidaten auf ihre "revolutionäre, islamische Gesinnung". Das schränkt die tatsächliche Auswahl an alternativen Programmangeboten und deren Vertretern naturgemäß stark ein.

Den Revolutionären von 1979 war der experimentelle Charakter ihres Staatsbildungsversuchs bewusst. Wie soll ein islamischer Staat in der Gegenwart aussehen, wenn über dessen konkretes Wesen anhand der historischen Quellen nur gemutmaßt werden kann? Andererseits ist die Islamische Republik Iran ein souveräner Staat, Mitglied der Vereinten Nationen und zahlreicher anderer internationaler Organisationen, mithin also dem jetzt geltenden Völkerrecht verpflichtet. In der Folgezeit ergab sich daraus ein ständiger Widerstreit zwischen "islamischen" und "republikanischen" Maßgaben. Je nach Vorherrschen der einen oder der anderen Maxime erklärt dieser Grundwiderspruch die klar voneinander unterscheidbaren Entwicklungsetappen, die die Islamische Republik Iran seit 1979 durchlaufen hat.

So folgte auf eine sich unmittelbar an die Revolution anschließende visionäre Phase, in der die Revolution – auch mit Hilfe ihres charismatischen Führers, Ajatollah Chomeini (1902–1989) – in alle Welt exportiert werden sollte, ein eher pragmatischer Entwicklungsabschnitt, der nach den verheerenden Schäden des achtjährigen Krieges mit Irak (1980–1988) die Fortexistenz des revolutionären Staates als solchen gewährleisten sollte.

Der Machteinfluss der pragmatischen "Republikaner" um Präsident Rafsandschāni (reg. 1989–1997) schwand aber, sobald die unmittelbare Existenzbedrohung Irans gebannt schien. Sie befanden sich bald auf dem stetigen Rückzug vor der "islamischen" Seite in Gestalt von Chomeinis Nachfolger als Revolutionsführer, Ajatollah Chamene’i (seit 1989). Dieser blockierte alle Regierungsentscheidungen, die ihm als "Verrat" an den Idealen der Revolution galten. Die Lähmung bereitete 1997 den Weg für den zweimaligen Erfolg Mohammed Chātamis (reg. 1997–2005) bei Präsidentschaftswahlen, weil er – vor anderen im Regime – unmittelbaren Reformbedarf erkannt hatte. Besonderen Zuspruch fand Chātami bei jugendlichen und weiblichen Wählern mit seinem Versprechen, Menschen- und Frauenrechte zu achten sowie den Menschen mehr und bessere Möglichkeiten der Mitbestimmung zu verschaffen.

Allerdings musste auch Chātami, der exemplarisch für die Reformphase stand, ähnliche Erfahrungen machen wie Rafsandschāni: Jede einzelne Maßnahme musste gegen den Widerstand der geistlichen Führung durchgesetzt werden, zumal die Öffnung bald auch Kritik an der "Herrschaft des Rechtsgelehrten" ermutigte. Weil auch Chātami das Prinzip nicht in Frage stellte, verlor er seinen Status als politischer Hoffnungsträger und machte den Weg frei für eine Restaurationsphase unter Mahmud Ahmadinedschad, der zwei Amtsperioden (2005–2013) regierte. Nun herrschten wieder, wie in den frühen 1980er-Jahren, egalitärer Populismus im Inneren und missionarisches Sendungsbewusstsein in den Außenbeziehungen, vor allem hinsichtlich der USA und Israels.

Ahmadinedschads unberechenbare Politik führte innenpolitisch zu schweren Zerwürfnissen. Die Inflationsrate "explodierte", die Arbeitslosigkeit verdoppelte sich. Das leitete die bisher schwerste Legitimitätskrise der Republik ein, die in den Protesten nach den Präsidentschaftswahlen von 2009 ihren Ausdruck fand. Große Teile der Wählerschaft bezweifelten den erneuten Wahlsieg Ahmadinedschads und protestierten gegen das Wahlergebnis. Aus den Protesten erwuchs mit der "Grünen Bewegung" ein breiter Widerstand. Mit dieser Bewegung musste sich das Regime 30 Jahre nach dem Sturz des Schahs zum ersten Mal wieder auf einen Gegner einstellen, der seine Macht grundsätzlich in Zweifel zog. Es reagierte mit massiver Unterdrückung. Tausende Oppositionelle wurden verhaftet, viele gefoltert und getötet.

Außenpolitisch stand die Präsidentschaft Ahmadinedschads im Zeichen der Abwehr eines immer härter werdenden internationalen Sanktionsregimes, das sich gegen den Verdacht richtete, Iran betreibe ein militärisches Nuklearprogramm.
Die durch den internationalen Handelsboykott verschärfte ökonomische Krise erleichterte 2013 den Sieg des Reformers Hassan Rohani bei den Präsidentschaftswahlen. Getragen durch ein starkes Mandat der Bevölkerung und ermutigt von Revolutionsführer Chamene’i gelang Rohanis Verhandlungsführern am 14. Juli 2015 die Unterzeichnung eines Atomabkommens (Joint Comprehensive Plan of Action – JCPOA) mit der von den ständigen UNO-Sicherheitsratsmitgliedern und Deutschland repräsentierten internationalen Gemeinschaft. Es beendete das Sanktionsregime stufenweise und wurde deshalb von der iranischen Bevölkerung enthusiastisch gefeiert. Die Zustimmung zum Reformkurs bestätigte sich bei den Parlamentswahlen vom Februar 2016, bei der die Reformkandidaten die Stimmenmehrheit erzielten. Für viele Beobachter befindet sich die Islamische Republik Iran damit an der Schwelle von der "Revolution" zum "Staat".

Henner Fürtig

Israel

Seit seiner Staatsgründung 1948 bestimmt die ideologische Auseinandersetzung über Identität und Legitimität Israels Position im Nahen Osten. Ebenso wie Iran gelang es auch Israel nicht, seine immense militärische und wirtschaftliche Überlegenheit gegenüber seinen arabischen Nachbarn in eine nachhaltige und anerkannte regionale Führungsrolle umzumünzen. Seine militärischen Fähigkeiten sind unzweifelhaft; sie reichen vom Besitz modernster Waffensysteme bis hin zu Atomwaffen, auch wenn deren Besitz offiziell nie bestätigt wurde. Israels Wirtschaft ist hoch entwickelt, und es besitzt unter allen nahöstlichen Staaten die bei weitem engsten Beziehungen zu den USA, die Israel fast immer unterstützen. Allerdings bestärkten die Kriege, die es in der Region geführt hat, und die Besetzung der palästinensischen Gebiete in Ostjerusalem, im Westjordanland und im Gazastreifen sowie der syrischen Golanhöhen die Einstellung weiter Teile der arabischen Öffentlichkeit und die Mehrzahl arabischer Regierungen, Israel nicht als legitimen Staat anzuerkennen.

Quellentext

Der palästinensische Kampf um Selbstbestimmung

Die verheerende arabische Niederlage im Junikrieg 1967 zerstörte die Vision einer panarabischen "Lösung" des Nahostkonflikts, ermöglichte aber zugleich die Emanzipation der 1964 unter Gamal Abdel Nassers Vormundschaft gegründeten Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO). Unter ihrem Vorsitzenden Jassir Arafat gelang es der PLO 1974, von der Arabischen Liga als "einzige legitime Vertretung des palästinensischen Volkes" anerkannt zu werden und über einen Beobachterstatus Aufnahme in die Vereinten Nationen zu finden. Zwar hatte die PLO keine Chance, auf israelischem Territorium Fuß zu fassen, sie verstand es aber, Schwächen der Regime in den besetzten Gebieten und den Nachbarstaaten Jordanien und Libanon zu nutzen.

Bei Lokalwahlen in den besetzten Gebieten hatten die mit Israel kooperierenden Mitglieder der Oberschicht (Notablen) 1976 keine Chance gegen Vertreter eines modernen Nationalismus, die sich zur PLO bekannten. Gestützt auf legitimatorischen Rückhalt bei palästinensischen Flüchtlingen schuf die PLO in Jordanien (bis 1970) und im Libanon (bis 1982) Herrschaftssysteme, die als Staat im Staate wirkten. Vor allem im Globalen Süden, teilweise aber auch in Europa erwarb sich die PLO hohes Ansehen. Obwohl keine der in der PLO agierenden Organisationen je militärische Bedeutung erlangte, vermochten sie unter anderem durch Flugzeugentführungen und Geiselnahmen international sicherheitspolitische Aufmerksamkeit zu erregen.

Der auf eine Zerschlagung der PLO zielende israelische Libanonfeldzug 1982 zwang die PLO-Führung ins Exil nach Tunis. Auf diese existenzielle Krise reagierte die PLO offensiv: Sie vertiefte ihre organisatorische Verankerung in den besetzten Gebieten und konnte die dortige Bevölkerung dergestalt organisieren, dass ein spontaner Aufstand im Dezember 1987 sich in wenigen Wochen als Intifada ("Abschüttelung") institutionalisierte. Dabei erwuchs der PLO-Führung allerdings Konkurrenz durch lokale PLO-Eliten und die Hamas.

Zudem setzte Arafat gegen erhebliche Widerstände innerhalb seiner Organisation 1988 eine Staatsproklamation durch, in deren Rahmen Israel in den Grenzen von 1949 anerkannt wurde. So wurde der Weg für von den USA unterstützte israelisch-palästinensische Verhandlungen in Madrid 1991 geebnet. Da die palästinensische Delegation aus Repräsentantinnen und Repräsentanten der besetzten Gebiete bestand, drohte der Exil-PLO allerdings ein Kontrollverlust.

Doch in den Osloer Geheimverhandlungen 1993 und dem aus ihnen resultierenden Verhandlungsprozess übernahm Arafat wieder klar die politische Führung der Palästinenserinnen und Palästinenser, die davon aber kaum profitierten. Die Osloer Vereinbarungen verpflichteten Israel lediglich, sein Militär aus den palästinensischen Bevölkerungszentren abzuziehen. Jenseits dieses Zugeständnisses wurde die israelische Besatzung keinen wesentlichen Einschränkungen unterworfen, sodass die jüdische Besiedlung des Westjordanlandes und Ostjerusalems, das vollständig unter staatlicher Kontrolle Israels verblieb, fortgeführt werden konnte. Darüber hinaus kontrollierte Israel die Mobilität von Menschen und Waren innerhalb der besetzten Gebiete und an deren Außengrenzen.

Als sich die sozioökonomischen und politischen Lebensbedingungen in den besetzten Gebieten kontinuierlich verschlechterten, schwand die ursprünglich hohe Legitimität Arafats, während die wichtigste Oppositionspartei, die Hamas, an Rückhalt gewann. Schließlich wurde der Osloer Prozess "von unten" durch die al-Aqsa-Intifada im Jahre 2000 aufgekündigt. Um seinen innenpolitischen Niedergang zu bremsen, ließ Arafat die Teilnahme der von ihm geführten PLO-Fraktion Fatah an der Intifada teilweise zu und setzte die im Osloer Vertragswerk geschaffenen Institutionen der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) nur halbherzig ein, um den Aufstand niederzuschlagen. Damit verlor er aus israelischer und amerikanischer Sicht jedoch seine Funktion und wurde durch israelische Militäroperationen und die Belagerung seines Amtssitzes weitgehend entmachtet.

Erst nach seinem Tod 2004 erlebte die PA eine Renaissance: Arafats Nachfolger Mahmud Abbas akzeptierte die Rolle eines Juniorpartners der Besatzung. Er dämmte die Hamas ein, die seit der "Schlacht von Gaza" 2007 den Gazastreifen innenpolitisch beherrscht, und verfuhr ebenso mit anderen Gruppierungen im Westjordanland, die keinen einseitigen Gewaltverzicht gegenüber Israel mitzutragen bereit waren.

In einigen Politikfeldern erzielte Abbas’ Ansatz Vorteile für die Bevölkerung des Westjordanlandes: Während Israel eine sozioökonomische Entwicklung des Gazastreifens durch eine kompromisslose Abriegelung blockierte und Gewaltakten mit massiven Kampagnen begegnete, wurden die Mobilitätsbeschränkungen im Westjordanland ungeachtet der Errichtung einer Sperranlage flexibler gehandhabt und ließen begrenzte ökonomische und politische Entwicklungen zu. Die Grundstrukturen der Besatzung – Kontrolle der Außengrenzen, Besiedlung des besetzten Landes und konsequente Verweigerung einer strukturellen Transformation des Besatzungsregimes zugunsten höherer Selbstbestimmung der palästinensischen Bevölkerung – blieben allerdings unberührt.

Alle von den USA im 21. Jahrhundert initiierten israelisch-palästinensischen Verhandlungen waren zum Scheitern verurteilt: Israel ließ sich von der in bilateralen Verhandlungen hoffnungslos unterlegenen PLO keine innenpolitisch unpopulären Kompromisse abringen. Die von Abbas seit 2011 verfolgte Strategie einer unilateralen Staatsbildung brachte der PLO zwar Verbesserungen ihres diplomatischen Status im internationalen System ein, von der virtuellen Staatlichkeit profitierte aber nur die politische und diplomatische Klasse. Die Chancen, dass das palästinensische Volk in absehbarer Zeit das Recht auf Selbstbestimmung erhält, stehen hingegen schlecht.

Israel hat seine Macht effektiv eingesetzt, um ein Besatzungsregime zu konsolidieren. Die Fatah und die PA unter Führung Mahmud Abbas’, andere PLO-Fraktionen und die Hamas haben es angesichts der Machtfülle Israels nicht vermocht, realistische Alternativen zu entwickeln. Gleichzeitig erscheinen die Erfolgschancen gesellschaftlichen Widerstandes gering: Die von Exilpalästinensern und -palästinenserinnen getragene und von Teilen der globalen Linken unterstützte BDS-Bewegung (Boycott, Divestment, Sanctions) ist dem mit den USA und weiten Teilen Europas gut vernetzten Israel machtpolitisch ebenso unterlegen wie die durch den "Arabischen Frühling" inspirierten, sporadisch aktiven sozialen Bewegungen im Westjordanland. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Bewegungen sich der Gegnerschaft der etablierten palästinensischen Organisationen ausgesetzt sehen. Ein halbes Jahrhundert nach Beginn der Besatzung verwehrt diese den Palästinenserinnen und Palästinensern das Recht auf Selbstbestimmung effektiver als zu Beginn.

Martin Beck

Martin Beck ist Professor am Centre for Contemporary Middle East Studies der Süddänischen Universität Odense.

Fazit:

Abschließend lässt sich festhalten, dass es nach 1945 keinem einzigen nahöstlichen Staat gelang, das regionale System allein zu dominieren. Vielmehr haben sich in den vier Phasen bis zum Beginn des Arabischen Frühlings 2011 immer wieder neue Machtkonstellationen ergeben: Ägypten hatte die Führung im Arabischen Kalten Krieg der 1950er- und frühen 1960er-Jahre inne. Israel dominiert die Region seit 1967 militärisch, Saudi-Arabien seit der Erdölpreisrevolution 1973/74 wirtschaftlich. Wie in den vorherigen Epochen blieb auch Irans Aufstieg seit 2003 regionalpolitisch höchst umstritten. Als wichtigster Gradmesser des regionalpolitischen Einflusses hat sich der israelisch-palästinensische "Zentralkonflikt" seit dem ersten Krieg 1948/49 gehalten. Wer im regionalen System des Nahen Ostens eine dominante Rolle spielen möchte, muss deshalb auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine klare Haltung zur "Palästinafrage" entwickeln.