Kaukasus-Region

Der Kaukasus als politische Parzellenlandschaft


15.1.2004
Der Kaukasus nimmt eine Brückenfunktion zwischen Europa und Asien ein. Während Nordkaukasien politisch zu Russland gehört, haben sich in Südkaukasien seit 1991 drei unabhängige Staaten gebildet.

Der armenische Präsident Serge Sargsyan spricht im März 2012 auf einer Pressekonferenz in Brüssel.Der armenische Präsident Serge Sargsyan spricht im März 2012 auf einer Pressekonferenz in Brüssel. (© picture-alliance/AP)

Einleitung



Die Medien haben in den vergangenen Jahren vielfach über den Kaukasus berichtet, der als regionale Konfliktquelle zunehmend auch Gegenstand internationaler Politik wurde. Nach den Unruhen in Karabach, Ossetien und Abchasien lenkte zuletzt der Krieg in Tschetschenien den Blick wieder in Richtung Kaukasien. Vor dem Hintergrund der dortigen tragischen Ereignisse wächst das Interesse an dieser Region. Hinzu kommt, dass die politischen Selbstfindungsprozesse der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 entstandenen drei südkaukasischen Staaten bis heute andauern und zur Krisenanfälligkeit des Kaukasus beitragen. Neben der aktuellen Konflikterforschung soll es im Folgenden deshalb auch darum gehen, die Kaukasus-Region sowohl mit ihren Problemen als auch mit ihrem Potenzial politischer, wirtschaftlicher, sozialer und auch kultureller Transformation besser verstehen zu lernen.

Nahtstelle zwischen Europa und Asien



Die sich an die osteuropäische Ebene anschließende breite Landenge zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer gliedert sich in fünf Naturräume: das nördliche Kaukasusvorland, den Großen Kaukasus und den Kleinen Kaukasus, die zwischen diesen beiden Gebirgszügen liegende Transkaukasische Senke sowie das Hochland von Armenien. Die spezifische geopolitische Lage und die äußerst wechselvolle Geschichte der Region an den Randlagen mehrerer Großreiche hat Kaukasien, das zwei Prozent des Territoriums mit circa 30 Millionen Menschen der ehemaligen Sowjetunion umfasste, kulturräumlich zu einer ebenso interessanten wie auch komplizierten Nahtstelle zwischen Europa und Asien werden lassen.

Kaukasien, dessen hochentwickelte Kulturen (Kura-Arax-Kultur, Trialeti-Kultur) seit dem dritten Jahrtausend vor Christus belegt sind, war Durchzugs- und Herkunftsgebiet indogermanischer/arischer Stämme und gehörte zum östlichen Einflussbereich mediterraner Kulturkreise. Seit dem vierten Jahrhundert war die Region Missionsgebiet des Christentums und seit dem achten Jahrhundert nördliche Peripherie der islamischen Welt unter arabischer, persischer und osmanischer Herrschaft. Seit dem 18. Jahrhundert führte die Eroberung durch Russland zu einer neuzeitlichen Überprägung der orientalisch-kaukasischen Lebenswelten.

Allerdings stand der Übernahme unterschiedlicher äußerer Einflüsse aufgrund der Randlage der Region ein spezifisches Beharrungsvermögen der eigenen Kulturen gegenüber. In Südkaukasien kam es sogar zu eigenen Staatsbildungen und dynastischen Gründungen mit Blütezeiten wie der Herrschaft der georgischen Bagratiden unter König David und Königin Tamar (11. bis 13. Jahrhundert) oder dem Reich der Schirwanschahs in Aserbaidschan (9. bis 16. Jahrhundert).

Eingriffe in die regionalen Lebensverhältnisse durch den russischen Kolonialismus und die Sowjetisierung hinterließen tiefe Spuren. Der über Jahrhunderte gewachsenen sprachlichen, religiösen, kulturellen und sozialökonomischen Heterogenität wurden Züge tiefgreifender gesellschaftlicher Transformation, teilweise auch Deformation hinzugefügt. Massenexodus durch die kaukasischen Kriege im 19. Jahrhundert, Eingriffe in traditionelle Rechtssysteme und Sozialbeziehungen (einschließlich Konfliktlösungsregeln), willkürliche Grenzziehungen und künstliche Nationalitätenschöpfung, Umsiedlungen und Zwangsansiedlungen bis hin zu Deportationen ganzer Völker sind ebenso wie politische Massenverfolgungen und intensive Ressourcenausbeutung durch industrielle Großprojekte Bestandteil eines Erbes, welches nicht nur Russland in Nordkaukasien, sondern auch die drei Republiken Armenien, Aserbaidschan und Georgien bewältigen müssen.

Südperipherie der Russischen Föderation

Die Nordkaukasus genannte Region erstreckt sich am Südrand der Russischen Föderation (RF) zwischen der kaukasischen Schwarzmeerküste im Westen und der Küste des Kaspischen Meeres im Osten. In Süd-Nordrichtung umfasst sie Hochgebirgsregionen am Nordhang des Großen Kaukasus, das Kaukasusvorland und Tieflandzonen (Kuban-Ebene, Stawropoler Plateau, Kaspisches Tiefland). Politisch gehört die Nordhälfte Kaukasiens zu Russland und bildet im Unterschied zu Südkaukasien in dieser Hinsicht eine Einheit. Der Sezessionskonflikt mit Tschetschenien zeigt aber, dass diese Einheit nicht gefestigt ist.

Mit ihrer komplizierten ethnisch-territorialen Gliederung aus kaukasischen Teilrepubliken und überwiegend russischen Gebietseinheiten (Regionen/russ.: Kraj und Gebiete/russ.: Oblastj) bildet der Nordkaukasus die kritische Südperipherie der Russischen Förderation. Ihre Staatsgrenze zu den unmittelbaren Nachbarn in Südkaukasien, Georgien und Aserbaidschan, folgt weitgehend dem Hauptkamm des Großen Kaukasus. Die geografisch deutlich markierte Grenze zwischen Nord- und Südkaukasien bildet allerdings keine Trennlinie bei der Entwicklung regionaler Konflikte.

Situation der neuen unabhängigen Staaten

In direkter Verflechtung mit Nordkaukasien erstreckt sich das Gebiet, das in Russland als Za-Kavkazom, das heißt hinter dem Kauskasus liegend, bezeichnet wird. Transkaukasien oder Südkaukasien umfasst im Gegensatz zum Norden politisch zunächst einmal die drei unabhängigen und völkerrechtlich anerkannten Republiken Armenien, Aserbaidschan und Georgien. Zugleich wird diese Dreiteilung den gegenwärtigen Realitäten aber nicht gerecht, da die Region durch Sezessionskriege und Autonomiebestrebungen politisch und wirtschaftlich zerstückelt wurde.

So gehören zum Staatsterritorium Georgiens zwar offiziell die autonomen Gebietskörperschaften Abchasien, Adscharien und Südossetien. Die Gebiete gelten jedoch als "abtrünnig", das heißt, sie werden nicht mehr (Abchasien, Südossetien) oder nur noch begrenzt (Adscharien) zentral regiert. Dies hat zur Folge, dass insgesamt bis zu 300000 Flüchtlinge die politische und soziale Lage im Landesinnern und vor allem in der Hauptstadt Tiflis (Tbilissi) belasten.

Ähnlich verhält es sich mit Aserbaidschan, zu dessen Staatsterritorium offiziell als Exklave die Autonome Republik (AR) Nachitschewan und als Enklave das Autonome Gebiet (AG) Berg (russ.: Nagorny)-Karabach gehören. In bewaffneten Kämpfen verlor Aserbaidschan bis zum Frühjahr 1994 nicht nur die Oberhoheit über das zu zwei Dritteln von armenischer Bevölkerung bewohnte Berg-Karabach, sondern zusätzlich auch über knapp 10000 Quadratkilometer der benachbarten Bezirke (siehe auch S. 13). Damit sind rund 20 Prozent des aserbaidschanischen Staatsterritoriums von armenischen Truppen besetzt. Die von dort vertriebene Bevölkerung lebt hauptsächlich in Zeltstädten und Flüchtlingslagern, ein Großteil der armenischen Bevölkerung emigrierte nach Russland oder Armenien. Die Verbindungen zwischen den Republiken Armenien und Aserbaidschan sind seit über zehn Jahren auf allen Ebenen unterbrochen.

So setzt sich das mosaikhafte Bild einer politischen Parzellenlandschaft vom Nord- bis zum Südkaukasus zwar fort, aber es gibt zugleich eine Reihe von Unterschieden. Überwölbt Nordkaukasien immer noch die russische Zentralmacht, treffen wir im Süden auf drei international anerkannte Staaten mit ihren Sezessionsgebieten, deren Status ungeklärt ist. Georgien und Aserbaidschan sind gegenwärtig nicht in der Lage, ihre Souveränität auf ihrem gesamten Staatsterritorium auszuüben. Zugleich sind die beiden Staaten als eigenständige Völkerrechtssubjekte und gleichberechtigte Mitglieder europäischer (Europarat, OSZE), asiatischer, postsowjetischer (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, GUS) sowie internationaler Organisationen und Bündnisse in die internationale Politik eingebunden und damit auch ausländischen Einflüssen direkt ausgesetzt. In der Nachbarschaft von Georgien, Armenien und Aserbaidschan liegen zum einen der NATO-Mitgliedstaat Türkei, zum andern aber auch Krisengebiete im Nahen und Mittleren Osten wie Irak, Iran und Afghanistan.