Kirche in Deutschland

Kirche in Deutschland


4.8.2009
Wer heute auf der Suche nach geistlicher Literatur eine deutsche Buchhandlung betritt, findet häufig kein Regal mit der Überschrift "Theologie" oder "Christentum" mehr. Stattdessen gibt es ein Regal "Religion" oder ein Regal "Esoterik" mit allen möglichen Sinndeutungsangeboten, von einfachen Zehn-Punkte-Ratgebern bis hin zu preiswerten Ausgaben klassischer religiöser Literatur.

Gottesdienst in Ulm anlässlich der Eröffnung der 11. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland im Oktober 2009.Gottesdienst in Ulm anlässlich der Eröffnung der 11. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland im Oktober 2009. (© picture-alliance/AP)

Komplexe Realität

Wer heute auf der Suche nach geistlicher Literatur eine deutsche Buchhandlung betritt, findet häufig kein Regal mit der Überschrift "Theologie" oder "Christentum" mehr. Stattdessen gibt es ein Regal "Religion" oder ein Regal "Esoterik" mit allen möglichen Sinndeutungsangeboten, von einfachen Zehn-Punkte-Ratgebern bis hin zu preiswerten Ausgaben klassischer religiöser Literatur wie etwa des I Ging, einem Werk zur altchinesischen Philosophie. Der Übergang von den Weisheiten des Dalai Lama zu den fernöstlichen Entspannungsübungen der "Fünf Tibeter" gelingt scheinbar bruchlos. Das Angebot kommt dem Wunsch der modernen Wohlstandsgesellschaft nach Exotismus und Abwechslung entgegen.

Doch der erste Augenschein täuscht. Deutschland ist unverändert ein christlich geprägtes Land: 74 Prozent der insgesamt 82,3 Millionen Bundesbürgerinnen und -bürger gehören einer Religionsgemeinschaft an oder bezeichnen sich als einer solchen zugehörig.

Dabei handelt es sich in der überwältigenden Mehrheit (50,8 Millionen = 61,7 Prozent) um Mitglieder einer der beiden großen christlichen Konfessionskirchen, die sich relativ gleichmäßig auf Protestanten (25,1 Millionen = 30,5 Prozent) und Katholiken (25,7 Millionen = 31,2 Prozent) verteilen (im Vergleichszeitraum betrug die Mitgliederzahl der Orthodoxen 1,3 Millionen = 1,6 Prozent; die der evangelischen Freikirchen 0,3 Millionen = 0,4 Prozent).

Unter den nichtchristlichen Religionsgemeinschaften ist der Anteil der Muslime mit etwa 3,2 Millionen (geschätzt = 3,9 Prozent) bei weitem der höchste, gefolgt von den Juden (106 000 = 0,1 Prozent). (Jahr der Erhebung: 2006)

Auch wenn die religiöse Heimat der meisten Deutschen also - statistisch gesehen - das Christentum ist, hat sich dieses Christentum in den letzten Jahrzehnten verändert. Es ist komplizierter geworden. Das lässt sich schon daran erkennen, dass sich - trotz der relativ hohen Kirchenmitgliedschaft - nur 21 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung überhaupt für religiös und gläubig halten. Was ist mit den übrigen rund 40 Prozent, die einer Kirche angehören?

Kirchenferne wie Kirchentreue denken individualistischer als früher und lassen sich in ihrer Mehrheit nicht länger dogmatisch bevormunden. Stattdessen pflegen sie religiöse Vorstellungen, die mit den theologischen Lehren der Großkirchen teilweise kaum in Übereinstimmung zu bringen sind: So glauben nur knapp zwei Drittel der Deutschen überhaupt an Gott. Nur 54 Prozent nehmen an, dass es so etwas wie Sünde gibt, und nur jede/r dritte rechnet mit einer Auferstehung von den Toten - die immerhin im Glaubensbekenntnis in den meisten Kirchen Sonntag für Sonntag bekannt wird.

Auch sind die Ansichten über Gott selbst recht vage: Zwar geht etwa die Hälfte der Deutschen mehr oder weniger fest davon aus, dass Gott eine Person sei, zu der man sprechen könne, aber 57 Prozent identifizieren Gott mit der Natur, und auch die Vorstellung, Gott sei ein höchster Wert oder ein "Gesetz, das ewig gilt", ist mit 46 bzw. 42 Prozent nicht unpopulär.

Der Gott der Deutschen scheint also eine relativ diffuse Größe zu sein. Insbesondere ist Religiosität nicht mehr notwendig an die Kirchen als Institutionen gekoppelt, und es gibt umgekehrt innerhalb der Kirchen eine unorthodoxe Religiosität beträchtlichen Ausmaßes.

In der Vergangenheit hat man das Verhältnis von Religion und Gesellschaft in Deutschland gerne beschrieben als das Verhältnis von Kirche und Staat. Demgegenüber hat die neuere Religionsforschung mit ihren verfeinerten sozialempirischen Methoden deutlich gemacht, dass wir es, wollen wir die Rolle der Religionen im Deutschland des 21. Jahrhunderts richtig verstehen, in Wahrheit mit einer hoch komplexen Problemkonstellation zu tun haben: Sie umfasst nicht nur die rechtlichen und politischen Beziehungen zwischen christlichen Institutionen und staatlichen Einrichtungen, sondern auch geistige und kulturelle, soziale und wirtschaftliche Dimensionen in der Interaktion und der Auseinandersetzung zwischen Christentum, Islam, Judentum und der Gesellschaft. Religion ist ein Teil unserer Gesellschaft, fordert diese aber auch heraus, indem sie Alternativen der Lebenseinstellung und Lebensführung anbietet, die Chancen, aber auch Risiken für das Gemeinwesen mit sich bringen können.

Derzeit ist das religiöse Leben in Deutschland in einer noch näher zu beschreibenden Form primär durch das Christentum bestimmt, während andere Religionen - vor allem der Islam und das Judentum - (noch) eher eine untergeordnete Rolle spielen. Dementsprechend liegt das Augenmerk im Folgenden auf dem Christentum, wobei allerdings immer die Frage mit im Blick ist, wie sich die Situation durch Zuwanderung nach Deutschland verändert und in der Zukunft weiter verändern könnte.

Um zu verstehen, warum das Christentum diese dominante Rolle einnimmt, ist ein Blick in die Geschichte hilfreich (siehe S. 4 ff.). Sodann ist die gegenwärtige Rolle des Christentums in der deutschen Gesellschaft zu beschreiben (siehe S. 7 ff.). Abschließend soll versucht werden, die weitere Entwicklung thesenartig zu prognostizieren (siehe S. 18 ff.).



 
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