IzpB 335/2018: Indien

19.1.2018 | Von:
Joachim Betz

Politische Entwicklung seit 1947

Seit der Unabhängigkeit hat sich Indien zu einer wirtschaftlichen und militärischen Großmacht in Südasien entwickelt. Das demokratisch regierte, bevölkerungsreiche Land ist ein wichtiger Partner bei der Lösung globaler Herausforderungen. Doch innen- und außenpolitische Spannungen bergen dauerhafte Konfliktpotenziale.

1947 verhandelt Lord Mountbatten (2. v. re.) mit Jawaharlal Nehru (2. v. li.) und Muhammad Ali Jinnah (re.) über die Unabhängigkeit Britisch-Indiens. Das Ergebnis ist eine
Teilung in die Staaten Indien und Pakistan. In den folgenden ethnisch-religiösen Auseinandersetzungen sterben eine Million Menschen und mehrere Millionen
werden aus ihrer bisherigen Heimat vertrieben.1947 verhandelt Lord Mountbatten (2. v. re.) mit Jawaharlal Nehru (2. v. li.) und Muhammad Ali Jinnah (re.) über die Unabhängigkeit Britisch-Indiens. Das Ergebnis ist eine Teilung in die Staaten Indien und Pakistan. In den folgenden ethnisch-religiösen Auseinandersetzungen sterben eine Million Menschen und mehrere Millionen werden aus ihrer bisherigen Heimat vertrieben. (© akg-images/ AP)

Die indische Union ist mit einer Bevölkerung von derzeit (2016) 1,3 Milliarden der zweitgrößte Staat der Erde und wird trotz sich abschwächender Bevölkerungszunahme bald China überholt haben. Das Land ist damit die größte Demokratie der Welt und hat diesen Charakter über 70 Jahre nach der Unabhängigkeit aufrechterhalten, auch wenn kleine bis mittlere demokratische Schönheitsfehler nicht zu übersehen sind. Das ist allein schon wegen der ausgeprägten Vielfalt der indischen Gesellschaft bemerkenswert, die weltweit kaum eine Parallele hat.

Indien ist in den vergangenen Jahren auch die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft unter den großen Entwicklungsländern geworden. Sie verfügt über international konkurrenzfähige Unternehmen und integriert sich zunehmend in die Weltwirtschaft. Die Mittelschicht ist zwar noch relativ klein, wächst aber rasch, während die absolute Armut durchaus noch vorhanden ist, aber eine stark abnehmende Tendenz aufweist. Das Wirtschaftswachstum schlägt sich allerdings nieder in einem steigenden Umweltverbrauch und in einem erheblichen Beitrag zum Ausstoß von Klimagasen in die Atmosphäre.

Nach Jahrzehnten der militärischen Zurückhaltung ist Indien seit 1998 auch faktische Atommacht, weist einen großen, technologisch anspruchsvollen Militärapparat auf und definiert seine Einflusszonen recht großzügig. Das Land ist aufgrund der geschilderten Eigenschaften ein unverzichtbarer Partner bei der Lösung der globalen sicherheits-, umwelt- und wirtschaftspolitischen Herausforderungen.

Übergang in die Unabhängigkeit

Gesamtindien wurde am 15. August 1947 vergleichsweise überstürzt in die Unabhängigkeit entlassen, dabei allerdings in Indien und Pakistan geteilt. Versuche der britischen Kolonialregierung, zumindest noch eine lockere Einheit zu wahren, hatten nicht gefruchtet. Zu sehr hatten sich die Kongresspartei, die führende Bewegung des indischen Unabhängigkeitskampfes, und die auf einen eigenen Staat hinarbeitende Muslimliga bereits auseinanderentwickelt. Der Teilungsplan des britischen Vizekönigs Lord Mountbatten sah vor, die überwiegend muslimischen Distrikte Pakistan zuzuschlagen, die anderen sollten an Indien fallen. Die bislang halbautonomen Fürstenstaaten, darunter auch Kaschmir, sollten sich für die Zugehörigkeit zu einem der beiden Länder entscheiden.

Der Haken bei dieser Lösung war freilich, dass wegen der Durchmischung der Bevölkerung im vormalig britischen Indien beachtliche religiöse Minderheiten im hinduistisch dominierten Indien bzw. muslimisch dominierten Pakistan verblieben. Entsprechend wurde die faktische Teilung zu einer menschlichen Tragödie: Minderheiten in beiden neuen Staaten wurden zu Hunderttausenden Opfer einer Gewaltorgie; auf beiden Seiten fanden Vertreibungen statt, von denen insgesamt zwölf Millionen Menschen betroffen waren. Der politische und geistige Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, Mahatma Gandhi, der sich für eine faire Teilung der materiellen britischen Hinterlassenschaft eingesetzt hatte, wurde am 30. Januar 1948 von einem Hindu-Fanatiker erschossen.

Indien wurde aber nicht nur mit Problemen in die Unabhängigkeit entlassen: Anders als viele Entwicklungsländer erbte es von der scheidenden Kolonialmacht einen effizienten Beamtenapparat, eine professionelle Armee, eine unabhängige Justiz und nicht zuletzt ein repräsentatives demokratisches Regierungssystem.

Ein unmittelbares Problem nach der Teilung war die Integration der Fürstenstaaten. Besonders schwierige Fälle stellten Hyderabad und Kaschmir dar. In Hyderabad hoffte der muslimische Herrscher auf internationale Anerkennung seines Territoriums als unabhängiger Staat, brachte aber die Unruhen seiner weitgehend hinduistischen Bevölkerung nicht unter Kontrolle. Indische Truppen marschierten im August 1948 ein.

In Kaschmir regierte ein hinduistischer Maharadscha eine überwiegend muslimische Bevölkerung. Der autoritäre Herrscher suchte trotz gegenläufiger Interessen der Nationalkonferenz, der politisch dominanten Partei in Kaschmir, die Unabhängigkeit und handelte mit Pakistan und Indien ein Stillhalteabkommen aus. Pakistan nutzte die anschließenden internen Unruhen zur Einschleusung von "Freiwilligen", die später von regulären Truppeneinheiten abgelöst wurden. Der Fürst erbat indische Unterstützung und unterzeichnete ein Beitrittsabkommen. Indien intervenierte daraufhin (erfolgreich) militärisch; die Kämpfe mit Pakistan dauerten jedoch an, bis ihnen 1949 ein von den Vereinten Nationen vermittelter Waffenstillstand ein Ende setzte. Der Waffenstillstand brachte faktisch eine Zweiteilung Kaschmirs. Indien stimmte der Abhaltung eines Referendums zu, bei dem die Bevölkerung später über ihre Zugehörigkeit entscheiden sollte.

Die noch nach der alten Verfassung gewählte Konstituierende Versammlung entwarf nach der Unabhängigkeit die neue Verfassung der indischen Republik. Diese trat 1950 in Kraft und schuf einen föderalen Staat mit starken zentralistischen Elementen. Die neuen Bundesstaaten fassten zunächst Bevölkerungen unterschiedlicher Muttersprachen und kultureller Identität zusammen. Als in den 1950er-Jahren das Begehren nach Schaffung homogener Einheiten wuchs, setzte die Regierung einen Reorganisationsausschuss ein, der die Neubestimmung der Grenzen auf Grundlage der Muttersprache der Bewohner vornahm. 1952 fanden in Indien die ersten freien Wahlen statt, aus denen die Kongresspartei als weitaus stärkste politische Kraft hervorging.