IzpB 335/2018: Indien

19.1.2018 | Von:
Joachim Betz

Gesellschaftliche Strukturen

Ethnische, religiöse und sprachliche Vielfalt prägen die indische Gesellschaft und verhindern, dass sich lokale Konflikte landesweit ausbreiten. Der Anteil der absolut Armen sinkt. Das Kastenwesen, Defizite in Gesundheit und Bildung sowie die Diskriminierung von Frauen und Minderheiten verursachen allerdings soziale Probleme.

Gegensätze, hier nur durch eine Bahnlinie getrennt: Mumbai, die Hauptstadt des Bundesstaates Maharashtra ist mit 12,5 Millionen Einwohnern die größte Stadt Indiens und
ein wichtiges Wirtschafts- und Finanzzentrum mit luxuriösen Hotels, Theatern und Galerien. Gleichzeitig leben dort Millionen Menschen am Rande des Existenzminimums.Gegensätze, hier nur durch eine Bahnlinie getrennt: Mumbai, die Hauptstadt des Bundesstaates Maharashtra ist mit 12,5 Millionen Einwohnern die größte Stadt Indiens und ein wichtiges Wirtschafts- und Finanzzentrum mit luxuriösen Hotels, Theatern und Galerien. Gleichzeitig leben dort Millionen Menschen am Rande des Existenzminimums. (© AP Photo/ Rajanish Kakade)

Bevölkerung und gesellschaftliche Pluralität

Indien weist mit knapp 1,3 Milliarden Einwohnern (Stand: 2016) die höchste Einwohnerzahl weltweit nach China auf, wird Letzteres aber binnen Kurzem ein- und überholen; es verfügt über eine enorme, vergleichsweise junge und damit beschäftigungsfähige Bevölkerung. Diese potenzielle demografische Dividende (also der hohe Anteil Arbeitsfähiger an der Bevölkerung) ist gleichzeitig Segen und Fluch. Segen, weil der Reichtum an vergleichsweise billigen und jungen Arbeitskräften Indien Konkurrenzvorteile auf dem Weltmarkt verschafft und die Lasten für die Älteren tragbar macht, Fluch, weil jährlich mehr als zwölf Millionen zusätzliche Arbeitskräfte in Lohn und Brot gebracht werden sowie zuvor ausgebildet und gesundheitlich versorgt werden müssen.

Dazu kommen noch diejenigen Arbeitskräfte, die zwangsläufig die überbesetzte Landwirtschaft verlassen werden. Letztere diente lange Zeit als Auffangbecken, was sich an der vergleichsweise geringen Verstädterungsrate des Landes (nach der letzten Volkszählung 2011 nur 31 Prozent) und der mäßigen Land-Stadt-Wanderung zeigt, sie kann diese Funktion bei abnehmenden Betriebsgrößen aber kaum noch erfüllen. Die Schaffung ausreichender Arbeitsplätze ist daher zwangsläufig zu einem Kernanliegen indischer Politik geworden. Dass dies gelingt, ist nicht sichergestellt und wird durch den bislang recht geringen Umfang des warenproduzierenden Gewerbes am Bruttoinlandsprodukt (BIP) und die geringe Beschäftigungsintensität der wirtschaftlichen Wachstumsbranchen nicht erleichtert.

Faktoren für den gesellschaftlichen Zusammenhalt

Indien wird nicht zu Unrecht als Staat immenser gesellschaftlicher Pluralität betrachtet. Mit Blick auf andere, auseinandergebrochene Vielvölkerstaaten stellt sich die Frage, wie diese enorme Vielfalt gebändigt oder zusammengehalten werden konnte. Erklären lässt sich dies durch das auch vor den wirtschaftlichen Reformen bestehende Wirtschaftswachstum, aber auch durch die traditionell eher geringe Einkommenskonzentration (die sich in der vergangenen Dekade allerdings deutlich erhöht hat).
Stabilisierend wirkten aber vor allem die demokratische Ordnung und die föderalen Strukturen. Man kann mit Recht sagen, dass ein Land mit der ethnischen, religiösen und sprachlichen Vielfalt sowie den vorhandenen sozialen Zerklüftungen auf Dauer nur in einem demokratischen Gemeinwesen mit gewisser Autonomie der homogeneren Teilstaaten und garantierter Rechte der Minderheiten zusammengehalten werden kann.

Zudem ist diese Vielfalt auch an sich stabilisierend: In Indien verfügt keine Ethnie, keine sprachliche oder religiöse Gruppe und auch keine Kastengruppe über landesweit dominanten Einfluss: Der Hinduismus, der Glaube von mehr als 80 Prozent der Bevölkerung, ist kein einheitliches Glaubenssystem mit festen Dogmen etwa im christlichen Sinn. Er kennt eine enorme Vielzahl, aber keine für alle verbindlichen Gottheiten. Er ist mehr eine Lebensform und dient als solche auch der Begründung und Rechtfertigung des Kastensystems. Gerade aber wegen der Spaltung der Hindus in Kasten und dem recht hohen Bevölkerungsanteil der sogenannten Kastenlosen (besser: Dalits), der Adivasi und der Muslime konnte der Hinduismus lange Zeit keine politisch einheitsstiftende Kraft entfalten. Überdies gibt es auch kein Indien übergreifendes, einheitliches Kastensystem, zudem ist die soziale Lage der Angehörigen gleicher Kasten und Kastengruppen recht unterschiedlich. Eine gesamtindische politische Mobilisierungsstrategie entlang der Kastengrenzen würde daher an enge Grenzen stoßen, was allerdings heftige, zumeist lokal ausgetragene Kastenkonflikte nicht verhindert hat.

Auch sprachliche Zerklüftungen eignen sich kaum noch als Konfliktvehikel. Jeder Unionsstaat weist zwar eine dominante enthnolinguistische Gruppe auf, diese unterscheiden sich aber nach Religion, Sekten, Kasten und einer Vielzahl sozio-ökonomischer Merkmale. Seit von Mitte der 1950er-Jahre an Unionsstaaten nach sprachlichen Grenzen neu zugeschnitten wurden, seitdem der Versuch, Englisch durch Hindi als alleinige Amtssprache zu ersetzen, faktisch aufgegeben wurde und die Examinierung der Bewerber für den Staatsdienst in den anerkannten Regionalsprachen erfolgt, hat sich die frühere Aufregung deutlich gelegt.
Heftige Klassenkonflikte wie im Europa des 19. Jahrhunderts gibt es in Indien nicht. Dies hat zu tun mit dem lange Zeit dominanten staatlichen Einfluss auf den modernen Wirtschaftssektor und der Privilegierung der staatlich beschäftigten Arbeitskräfte, der Zersplitterung der Gewerkschaften und Unternehmerverbände (nach Parteianbindung bzw. Unternehmenscharakter) und – nicht zuletzt – mit dem recht geringen Bevölkerungsanteil der Industriearbeiter.
Die dominante Berufsgruppe sind bis heute die Bauern, die sich zwar zu teils militanten Verbänden, zeitweise auch zu Protestbewegungen zusammenschlossen. Wegen ihres wahlpolitischen Gewichts konnten ihre Interessen aber von keiner Partei vernachlässigt werden. So wurden ihnen vergleichsweise attraktive staatliche Ankaufpreise für ihre Produkte und Schutz vor ausländischer Konkurrenz gewährt. Freilich konnten die Landlosen und marginalisierten Bauern für einige Zeit flächendeckend von militanten "Naxaliten" bzw. deren politischer Führung mobilisiert werden und stellten eine Gefahr für die gesellschaftliche Stabilität dar. Diese Gefahr konnte durch ein neues Landrecht, Mittelzuweisungen an die betroffenen Landesteile und Unterdrückung der Rebellen einigermaßen gebannt werden.
In politischer Hinsicht ging von der starken gesellschaftlichen Zerklüftung Indiens und den sich überlappenden sozialen Gruppenzugehörigkeiten ein starker Zwang zum Kompromiss aus, zur Politik des föderalen und sozialen Ausgleichs und zum Schutz der Minderheiten. Genau diese Politik haben – mit Abstrichen – die lange Zeit dominante Kongresspartei und später selbst die heute regierende hindu-nationalistische BJP verfolgt.

Die Kongresspartei war zur Sicherung ihrer Herrschaft auf die Loyalität der Minderheiten angewiesen; diese wiederum bedurften in einer vergleichsweise feindlichen Umwelt der Unterstützung und Hilfe durch lokale Kongresspolitiker. Dieser wechselseitigen Abhängigkeit verdanken sich (nicht immer sonderlich erfolgreiche) Bemühungen zum Schutz der Adivasi vor Landverlust, die Reservierungsquoten für diese, die Dalits und später auch die Angehörigen niedriger Kasten sowie die Beibehaltung der familienrechtlichen Regelungen für die Muslime. Wie bereits erwähnt, beugte sich auch die hindu-nationalistische BJP diesem Zwang zum Kompromiss, die in der Regierung ab 1998 (und auch seit 2014) unerwartet rasch ihre umstrittenen Zielsetzungen (z. B. Abschaffung der relativen Autonomie Kaschmirs, Einführung eines einheitlichen Zivilrechts) aufgab, den Föderalismus stärkte sowie die Reservierungsquoten und die Sozialprogramme für die Minderprivilegierten nicht antastete. Militante Hindu-Nationalisten toben sich daher vor allem im kulturellen Bereich aus.
Man übertriebe sicher, würde man Indien als Insel des Friedens und absoluter gesellschaftlicher Stabilität kennzeichnen, dafür ist das Ausmaß lokaler Konflikte zwischen konkurrierenden Parteien, Hoch- und Niedrigkastigen, Religionsgruppen, ethnischen Gruppen, die Gewalt gegen Frauen, Unterprivilegierte und Minderheiten einfach zu virulent. Entscheidend ist aber, dass sich lokale Gewalt bislang nie in einen das ganze Land erschütternden gesellschaftlichen Konflikt umgesetzt hat, so unerfreulich auch zahlreiche Einzelprobleme waren bzw. sind.

Das muss nicht für alle Zeit so bleiben; langfristig gefährlich ist vermutlich nicht die gesellschaftliche Vielfalt als solche, sondern ihre modernisierungsbedingte Zuspitzung in Richtung weniger, aber leicht zu mobilisierender Konfliktlinien (etwa zwischen Hindus und Muslimen). Dies lässt sich bereits unter der jetzigen Regierung beobachten: Sie betreibt zum einen eine stramme Hinduisierung des Bildungswesens, indem sie Curricula umschreibt und wichtige Positionen mit hindunationalistischen Anhängern besetzt. Zum anderen setzt sie hinduistische Reinheitsvorstellungen (etwa das Verbot der Kuhschlachtung) in jenen Unionsstaaten durch, die von ihr beherrscht werden. Die Ausgrenzung der Muslime, immerhin 14 Prozent der Bevölkerung, wird dabei bewusst in Kauf genommen.