IzpB 335/2018: Indien

19.1.2018 | Von:
Joachim Betz

Gesellschaftliche Strukturen

Armut und Einkommensverteilung

Bislang gängige Vorstellungen zur krassen, gleichbleibenden Armut in Indien und staatlichem Desinteresse an einer Änderung dieser Situation bedürfen deutlicher Revision. Zwar leben gegenwärtig noch ca. 200 Millionen Menschen in absoluter Armut – das heißt, sie hatten ein Pro-Kopf-Einkommen von 1,25 US-Dollar oder weniger pro Tag zur Verfügung –, jedoch ist ihr Anteil an der Bevölkerung, der 1972/73 noch 51,5 Prozent betrug, bis 2011 auf 21,9 Prozent gesunken. Setzt sich diese Entwicklung fort, wird dieser Anteil bis 2030 auf unter drei Prozent sinken. Das ist ohne Zweifel ein großer Fortschritt, auch wenn man argumentieren kann, dass die indische Armutslinie etwas niedrig angesetzt ist. Auch hätte es mit der Armutsminderung durchaus schneller gehen können, wenn das Wirtschaftswachstum früher die besonders armen Bundesstaaten erreicht hätte (die aber nun zum Teil schnellere Fortschritte machen), wenn dies wiederum mit einer rascheren Schaffung neuer Arbeitsplätze und einem stärkeren Einbezug der Landwirtschaft in den wirtschaftlichen Aufschwung verbunden gewesen wäre und nicht zu einer leichten Verschlechterung der Einkommensverteilung geführt hätte.

Absolute Armut konzentriert sich auf die Bundesstaaten im Zentrum und im Osten, geht dort aber seit Kurzem schneller zurück als im indischen Durchschnitt; kaum von Armut betroffen sind Goa, Kerala und Himachal Pradesh. Die Kluft zwischen den reichen und armen Unionsstaaten hatte sich nach 1991 zunächst geweitet. Letztere wiesen ein niedrigeres Wachstum auf und konnten es auch schlechter in Armutsreduktion umsetzen. Begründen lässt sich dies unter anderem damit, dass die reichen Staaten zu Beginn der Liberalisierung bessere Startvoraussetzungen mitbrachten. Private Investitionen aus dem In- und Ausland flossen in jene Staaten, die über eine angemessene Infrastruktur, einen akzeptablen Bildungsstand und eine stabile Regierungsführung verfügten sowie Recht und Ordnung einigermaßen gewährleisteten – die also Eigenschaften aufwiesen, die durchaus veränderungsfähig sind.

Arme Bevölkerungsgruppen leben noch zu 70 Prozent auf dem Land und setzen sich dort aus Landarbeitern sowie Kleinbauern mit sehr geringen Betriebsgrößen zusammen. Landlosigkeit und Kleinstbetriebe haben seit den 1960er-Jahren wegen des Bevölkerungswachstums und einer verbreiteten Tendenz zur Realteilung ererbten Besitzes deutlich zugenommen, lange Zeit auch mangels Beschäftigungsalternativen auf dem Land. Das hat sich in den vergangenen Jahren deutlich geändert; beigetragen dazu haben die rege Bautätigkeit in Indien, das neue ländliche Beschäftigungsprogramm, Bildungsfortschritte auf dem Land und Überweisungen der im Wesentlichen in den Golfstaaten beschäftigten Migranten an die zu Hause Gebliebenen. Absolute Armut gibt es natürlich auch in der Stadt, vor allem bei den "Selbstständigen" im Dienstleistungsgewerbe (Typus: Kleinverkäufer), die auch keinerlei staatliche soziale Absicherung genießen.

Quellentext

NRIs – Auslandsinder

Heute sind die USA weltweit das Land mit der größten Zahl von Auslandsindern (Non-Resident Indians oder kurz NRIs) und indischstämmigen US-Bürgern. Diese 3,1 Millionen Indian Americans (nicht zu verwechseln mit der Urbevölkerung der American Indians) bilden die ethnische Gruppe mit dem höchsten jährlichen Pro-Kopf-Einkommen (rund 100.000 Dollar), höher als das der traditionellen Elite der angelsächsischen Weißen und der chinesischen Diaspora. Sie weisen eine überdurchschnittliche Zahl von Anwälten, Richtern, Ärzten, Professoren, Managern und Unternehmern auf. Schon tauchen die ersten Politiker indischer Herkunft im amerikanischen Kongress auf, und in der Fernsehserie The Simpsons gibt es eine indische Figur namens Apu Nahasapeemapetilon. […]
[…] [Ö]konomisch wird […] [die indoamerikanische Diaspora der Reichen] […] von der mittelöstlichen Diaspora der Armen in den Schatten gestellt. Die rund vier Millionen Inder in der Golfregion – eine große Mehrheit von ihnen sind unter unwürdigsten Bedingungen schuftende Arbeitskulis und nicht Intelligenzarbeiter – senden jeden Monat große Teile ihres Lohns in ihr Heimatland. Die Hälfte von ihnen stammt aus Kerala. Lohn- und Goldtransfers haben einen reichen Bundesstaat aus ihm gemacht. Kerala kommt heute praktisch ohne eine verarbeitende Industrie aus und vermittelt dem Besucher trotzdem das Bild eines Wohlfahrtsstaats.

Die sozialen Folgen sind allerdings nicht so rosig. Das Fehlen heiratsfähiger Männer und verheirateter Väter hat ein akutes sozialpsychologisches Spannungsfeld geschaffen. Junge Mütter haben oft Mühe, den Anforderungen einer vaterlosen Familie gerecht zu werden. Viele sind sexuellem Missbrauch ausgesetzt, da in den halbleeren Dörfern die soziale Kohäsion bröckelt. Trotz einer vorbildlichen Schul- und Berufsbildung wird den meisten Frauen durch die Bürden von Haus und Kindern eine Berufsausübung erschwert. Ein drastischer Hinweis auf dieses Stresssymptom ist die hohe Selbstmordrate unter jungen Keralerinnen zwischen 20 und 40 Jahren – die höchste in ganz Indien.

Mit einem jährlichen Rückfluss von 70 Milliarden Dollar steht Indien heute an der Spitze der Länder mit einer großen Diaspora, weit vor China. Die indische Regierung hat ihr Misstrauen bezüglich des Absaugens ihrer besten Hirne begraben. Stattdessen wurden Gesetze verabschiedet, die neue Kategorien von Indern schaffen: Zu den NRIs gesellen sich die "PIOs" und "OCIs", "persons of indian origin" und "overseas citizens of India". Sie haben zwar keinen indischen Pass, aber ein hybrider PIO-OCI-Ausweis hilft ihnen mit mehreren Vorrechten darüber hinweg, dass ihr Heimatland keine formelle Doppelbürgerschaft anerkennt.
Europa, und namentlich Kontinentaleuropa, ist die Weltregion, in der Inder im letzten halben Jahrhundert am wenigsten Fuß gefasst haben. Die Geschichten der Sikhs in Italien und der Palanpuri-Gujaraten in Antwerpen beschreiben eher Ausnahmen als die Regel. Ähnlich ist es in Großbritannien […]. Nur knapp 700.000 der weltweit vier Millionen indischen Auslandsbürger leben dort. […] Nach dem Vereinigten Königreich liegt Italien mit 116.000 indischen Bewohnern bereits an zweiter Stelle und viel weiter dahinter kommt das drittplatzierte Finnland mit 4.300 NRIs.

Die Landessprachen sind zweifellos ein wichtiger Grund dafür. Viele Mittelklasseinder verfügen über recht gute passive Kenntnisse des Englischen. Fragt man Inder nach der geringen Beliebtheit Kontinentaleuropas, wird aber die Immigrationspolitik der EU verantwortlich gemacht. Sie sei eine Mischung von Ängstlichkeit und Überheblichkeit, schrieb der Politologe Devesh Kapur in einer Kolumne: "Viele westeuropäische Eliten – in den Universitäten, Parlamenten oder Medien – leben in einem kognitiven Universum, in dem europäische Hegemonie immer noch ein unumstößlicher Fakt ist. Indien wird immer noch gegängelt und exotisiert und der unterschwellige Rassismus ist deutlich stärker als etwa in den USA."

Bernd Imhasly, Indien. Ein Länderporträt, 2. aktualisierte Auflage. Ch. Links Verlag, Berlin 2016, S. 140 und 144 ff.

Falsch ist die lange Zeit auch in Indien gehörte Behauptung, die wirtschaftliche Liberalisierung nach 1991 hätte zu stagnierender Armutsreduktion, dem Zurückbleiben der Unterprivilegierten und einer dramatischen Verschlechterung der Einkommensverteilung geführt. Die Armut ging im Gegenteil rascher als vorher zurück, alle Schichten und religiösen Gruppen haben davon nahezu gleichermaßen profitiert (am wenigsten jedoch die Adivasi). Wohlhabender sind meist immer noch die Angehörigen der religiösen Minderheiten (mit Ausnahme der Muslime), also zum Beispiel Christen, Jains, Sikhs und Buddhisten, ärmer vor allem neben den Muslimen die Dalits und insbesondere die Adivasi. Die genannten wohlhabenderen religiösen Minderheiten kommen nur auf einen sehr kleinen Bevölkerungsanteil (jeweils 1–2 Prozent) und eignen sich daher nur begrenzt für eine Neiddebatte. Problematischer ist das relative Zurückbleiben der Muslime in Bezug auf Einkommen und Bildungsstand, hier könnten sich für die Zukunft aus politischer und wirtschaftlicher Diskriminierung Zündstoff ansammeln.

Die Einkommensverteilung hat sich in Indien seit den Reformen tatsächlich verschlechtert; die Werte sind, gemessen am Konsum, jedoch immer noch im grünen Bereich, nähern sich aber beim Einkommen und vor allem beim Vermögen langsam lateinamerikanischen Werten. Der Gini-Index (Maß zur Darstellung von Ungleichheiten) beträgt beim Konsum auf dem Land etwa gleichbleibend 0,31, ist im städtischen Bereich aber mittlerweile auf 0,41 gestiegen; beim Vermögen liegt der geschätzte Index bei über 0,5. Ursächlich für die wachsende Lohnspreizung ist, dass das indische Wirtschaftswachstum vornehmlich in kapitalintensiven Branchen generiert wird und überwiegend nur qualifizierte Arbeitskräfte nachgefragt werden. Enorm ist das gar nicht leicht zu erfassende Vermögen der Superreichen gestiegen (es gibt zahlreiche indische Dollarmilliardäre), was sich vor allem an der steigenden Anzahl von Luxusimmobilien und teuren Importautos zeigt.
Unzutreffend wäre auch die Unterstellung, der indische Staat habe zur Beseitigung der Armut nichts getan und die aus dem Ausland einströmenden Mittel zur Armutsbekämpfung gänzlich zweckentfremdet. Das wäre schon am demokratischen Charakter des Staates gescheitert, also am Stimmgewicht der Armen. Bereits der Unabhängigkeitskampf war eine Massenbewegung, die Ideologie der lange Zeit dominierenden Kongresspartei war egalitär ausgerichtet, sie und andere Parteien maßen der Armutsbekämpfung hohe Priorität zu, auch wenn bei der konkreten Umsetzung der zahlreichen Programme erhebliche Defizite sichtbar wurden und diese daher nur einen insgesamt bescheidenen Beitrag zur Armutslinderung brachten. Wirtschaftlicher Fortschritt und begrenzte staatliche Umverteilung haben aber zweifelsohne zur Dämpfung gesellschaftlicher Konflikte beigetragen.

Es muss allerdings auch erwähnt werden, dass die Verringerung der absoluten Armut nicht bedeutet, alle anderen lebten nun im Wohlstand. Über ein Einkommen von zehn US-Dollar und mehr pro Tag verfügen ca. fünf Prozent der Bevölkerung; damit hält sich auch der Anteil der viel zitierten "riesigen" indischen Mittelschicht durchaus noch im Rahmen. Zu ihr werden derzeit ca. 24 Millionen Menschen gerechnet, also etwa drei Prozent der Bevölkerung. Diese Gruppe, einschließlich der Reichen, verfügt aber über 62 Prozent des privaten Gesamtvermögens und wächst rasch.

Quellentext

Opfer des Menschenhandels – Schicksale verschwundener Kinder

Es ist eine unfassbare Zahl: 14.671 Kinder sind zuletzt innerhalb eines Jahres verschwunden – allein im ostindischen Bundesstaat Westbengalen. Auf dem ganzen Subkontinent soll die Zahl bei fast 63.000 im Jahr 2015 gelegen haben, schätzt die Hilfsorganisation "Child Rights and You" auf Grundlage von Daten des Innenministeriums. Damit verschwinden Tag für Tag 173 Kinder in Indien. Hinter jedem einzelnen verbirgt sich ein trauriges Schicksal. Gestern noch hatten die Kinder ein Zuhause und eine Familie, heute fehlt von ihnen jede Spur, oft weil sie in die Fänge skrupelloser Menschenhändler geraten sind. Die haben nur ein Ziel: mit den geraubten Existenzen gutes Geld verdienen. […]
Indien will das ändern. Bei der breit angelegten "Operation Smile" durchkämmten Polizisten und Sozialarbeiter Anfang des Jahres verdächtige Betriebe. Sie kommen Schritt für Schritt vorwärts: So fanden Polizisten rund 200 Kinder, die meisten jünger als vierzehn Jahre, in einer Ziegelei in der Nähe der südindischen Großstadt Hyderabad. Sie stammten aus dem nordöstlichen Bundesstaat Odisha. In der Ziegelei lebten sie mit Erwachsenen – von denen viele aber nicht ihre Eltern waren, wie die Polizei vermutet. "Die Retter haben Mädchen im Alter von sieben, acht Jahren gesehen, die Ziegel auf ihrem Kopf trugen. Manche waren gerade mal vier Jahre alt", berichtet Mahesh Bhagwat, der örtliche Polizeichef. […]

Viele der Kinder befreien die Retter in Ziegeleien, aber auch in Fabriken, die die Kinder nutzen, um dank ihrer kleinen Finger und scharfen Augen Billigarmbänder aus Plastik mit Glitzersteinen zu bekleben. Auch in privaten Haushalten wurden die Fahnder fündig. Dort werden Kinder als Helfer oder Sexsklaven ausgebeutet. […]

Manchmal fängt es vergleichsweise harmlos an und endet für die Kinder in der Katastrophe. Auch weil die Eltern auf Geld angewiesen sind: "Die Mittelsmänner, die die Kinder für die Ziegeleien anwerben, bezahlen deren Eltern im Voraus", berichtet einer der Aufklärer. Viele zögen dann für eine Saison in den südindischen Staat Telangana. "Wenn sie dann aber hierhergekommen sind, müssen sie oft weiterarbeiten und haben keine Chance mehr, zu fliehen und zurückzukehren. Dann wird ihnen auch oft kein Lohn mehr bezahlt", sagt der Mann. Die Kinder würden zu Sklaven.

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) schätzt, dass in Indien fast sechs Millionen Kinder zwischen fünf und siebzehn Jahren arbeiten müssen. Nicht alle von ihnen sind entführt – viele werden mit Versprechen von guter Kleidung, Kosmetik oder Mobiltelefonen etwa in Spinnereien gelockt oder auch von ihren armen Eltern verkauft. Rund die Hälfte der Kinderarbeiter schuftet unter härtesten Bedingungen in der Landwirtschaft, mehr als ein Viertel in Betrieben, schätzen die Fachleute der ILO. Menschenhandel in Indien gilt als das drittgrößte illegale Geschäft – nach dem Verschieben von Waffen und Drogen.

Das Schockierende: Die Verbrechen laufen ab wie ein ganz normaler Handel. Der Preis für ein Mädchen, das in einem der Bordelle in Südindien zur Prostitution gezwungen wird, liege bei rund 200.000 Rupien (2727 Euro) berichtet ein Menschenhändler. "Ist sie Jungfrau, groß gewachsen und mit heller Haut, ist sie ideal. Interessant sind Mädchen zwischen elf und vierzehn Jahren", gibt der Mann im Gespräch mit dem indischen Magazin "The Week" wie selbstverständlich zu Protokoll. Rund 100.000 Rupien Gewinn fielen für ihn dabei ab.

Die Geschäfte laufen professionell organisiert ab. Drahtzieher arbeiten im Hintergrund, sie beschäftigen Männer, die die Mädchen aussuchen, wieder andere werben die Opfer an, überreden sie zum Weglaufen oder kaufen sie ihren Eltern ab. Transporteure sorgen für eine problemlose und unerkannte Reise der Mädchen, indem sie sich oft als deren Vater ausgeben. Die Tour der Opfer dauert Monate, um Spuren zu verwischen, bis sie schließlich eines der Bordelle in den Metropolen Chennai oder Bangalore erreichen. Dort bleiben sie dann Jahre, kaum noch auffindbar. […]

Christoph Hein, "Geraubte Leben" in: Frankfurter Allgemeine Woche 15/2017 vom 7. April 2017 ©Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GbmH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

Mit dem steigenden Wohlstand in Indien war auch eine Verbesserung der Sozialindikatoren verbunden. Die Kindersterblichkeit ist deutlich gesunken (in Teilen Indiens auf osteuropäische Werte), die durchschnittliche Lebenserwartung auf immerhin 68 Jahre gestiegen, die Einschulungsraten liegen bei etwa 97 Prozent, dabei haben sich auch die Unterschiede zwischen den Geschlechtern fast eingeebnet. Ein wesentlicher Schwachpunkt der Entwicklung ist die massenhafte Unterernährung von Kindern und Frauen, bei der Indien das Schlusslicht in Südasien bleibt. Auch bei der Müttersterblichkeit erreicht Indien noch sehr hohe Werte.