IzpB 335/2018: Indien

19.1.2018 | Von:
Joachim Betz

Gesellschaftliche Strukturen

Gesellschaftliche Konfliktbereiche

Das Kastenwesen

Quellentext

Das Kastenwesen in Indien

Bis heute ist das gesellschaftliche Leben in Indien durch das Kastenwesen geprägt. Dessen Grundlagen entstanden vor Jahrtausenden, in einer Zeit, als Nomadenvölker aus Zentralasien, die sich selbst Aryas ("Edle") nannten, in Nordindien einwanderten und dort ab etwa 1000 v. Chr. sesshaft wurden. Ihre herrschende Priesterklasse entwarf damals jene Kategorien, die heute mit dem Begriff der "Kaste" bezeichnet werden.
Der Begriff selbst ist allerdings eine Fremdzuschreibung durch Europäer, abgeleitet von dem portugiesischen Wort casta für "rein". Die "Kasten"-Hierarchie besteht eigentlich aus zwei Kategorien, die sich gegenseitig ergänzen: Die erste Kategorie der Varna (sanskritisch für "Farbe") unterteilt die Gesellschaft grob in soziale Schichten bzw. Stände. Im Rigveda, der ältesten heiligen Schrift des Hinduismus, werden sie mythologisch begründet: Bei der Opferung des Urwesens Purusha seien aus seinem Mund die Brahmanen (Priester) entstanden, aus seinen Armen die Kshatriyas (Krieger), aus den Schenkeln die Vaishyas (Händler) und aus den Füßen die Shudras (Bedienstete). Später wurden in einer fünften Schicht verschiedene Gruppen außerhalb des Varna-Systems (Avarna) zusammengefasst: die "Unberührbaren", die "unreine" Arbeiten verrichten – wie das Töten von Tieren oder das Reinigen von Latrinen –, und die Stämme der Ureinwohner, die nicht in das Kastensystem integriert wurden. Nach und nach wurde in die Varna-Ordnung die wesentlich differenziertere Kategorie der  Jati ("Geburt") eingewoben. Sie bezeichnet eine fiktive Abstammungslinie mit meist beruflichem Bezug, z.B. die Jati der Zimmerer, der Töpfer oder der Wäscher. Der Zensus von 1881 im damaligen Britisch-Indien zählte rund 2000 solcher Jatis. Jatis sind, zumindest vom Prinzip her, endogam, geheiratet wird also nur innerhalb der Jati.

In den Städten des modernen Indiens weichen solche Kastengrenzen allmählich auf, doch vor allem auf dem Land spielen sie noch eine wichtige Rolle. Darunter leiden besonders die untersten Schichten. Sie gelten als "unrein", werden von Angehörigen höherer Kasten in vielerlei Hinsicht ausgegrenzt und haben kaum eine Chance auf sozialen Aufstieg. Die indische Verfassung erkennt ihre Schutzbedürftigkeit an und führt die "Unberührbaren", die sich selbst Dalits ("Unterdrückte") nennen, als "gelistete Kasten" (scheduled castes). Diese stellten im Zensus 2011 mit 167 Mio. Menschen rund 16 % der Bevölkerung. Hinzu kamen 84 Mio. Stammesangehörige (8 %), die sogenannten scheduled tribes, die sich selbst oft als Adivasi ("Ureinwohner") bezeichnen. Beiden Bevölkerungsgruppen werden im Rahmen der Politik der "positiven Diskriminierung" Privilegien in Bildung und Beruf eingeräumt und Parlamentssitze reserviert. Diese Politik ist aber umstritten, da sie aus Sicht der Kritiker zur Zementierung der Kastengrenzen beiträgt.


© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 874.581, Stand: 10/16

Das KastensystemDas Kastensystem (© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 874.581, Stand: 10/16)
Das indische Kastenwesen wird vielfach als entscheidende Entwicklungsbremse angesehen. Dem widerspricht jedoch schon die wirtschaftliche und gesellschaftliche Dynamik Indiens während der vergangenen Jahrzehnte. Diese Dynamik, die zunehmende Verstädterung, der relative Bedeutungsverlust der Landwirtschaft, die Bildungsfortschritte auch ärmerer Bevölkerungsgruppen und ihr Gewicht bei Wahlen haben die gesamtgesellschaftliche Relevanz der Kastenordnung deutlich geschwächt. Sie beruht nicht in erster Linie auf den vier Kastengruppen (ind.: Varnas) der Priester, Krieger, Händler und Bauern, die gar keine gemeinsamen Organisationen kennen, sondern auf Tausenden von Jatis (Geburtsgruppen) mit ursprünglich gemeinsamer Zugehörigkeit durch Geburt, strikte Berufsbezogenheit, Vorschriften zur Reinerhaltung der Kaste und insbesondere Beschränkung der Partnerwahl auf Kastenzugehörige.

Diese Beschränkungen haben sich vor allem in der Stadt und im modernen Wirtschaftssektor deutlich gelockert, die Vorstellung, man könne einem niedrigkastigen Vorgesetzten in Indien den nötigen Respekt versagen, wäre völlig absurd. Dominante Kasten, selbst die Kastenhierarchie, unterscheiden sich überdies nach indischen Regionen und Bundesstaaten teilweise erheblich, sodass eine gesamtindische politische Mobilisierung nach Kastenkriterien schwer vorstellbar ist. Das heißt nun freilich nicht, dass die Angehörigen höherer Kasten im Durchschnitt nicht über höhere Bildungsabschlüsse, Landbesitz, Einkommen, Vermögen und vor allem kulturell-soziales Prestige verfügten. Das ist mit leicht abnehmender Tendenz immer noch so.

Unrichtig ist auch die Vorstellung, das Kastenwesen unterbinde jegliche gesellschaftliche Mobilität. Schon seit Langem gibt es immer wieder erfolgreiche kollektive Versuche einzelner Kasten, etwa durch den Erwerb von politischen Ämtern oder Landerwerb, die soziale Leiter emporzusteigen und die rituellen Vorschriften der Oberkastigen zu übernehmen – sich, wie es heißt, zu sanskritisieren. Die individuelle Mobilität ist durch höhere Bildung und Ausbrechen aus den tradierten Berufen der Kastengruppen deutlich gestiegen, verbleibende Benachteiligungen sind eher einkommensbezogen.
Allerdings gibt es nach wie vor kastenbezogene Diskriminierung, selbst etwa bei Einstellungen und Beförderungen in der Privatwirtschaft. Rituelle Reinheitsgebote werden heute weniger strikt beachtet, getrennte Sitzordnungen nach Kasten (etwa bei Festessen auf dem Dorf) werden seltener, Heiraten über Kastengrenzen hinweg sind noch relativ selten, nehmen aber in den wohlhabenden und gebildeten Schichten zu.
Sozial ist das Kastenwesen zwar geschwächt worden, seine politische Relevanz hat im demokratischen Prozess aber eher zugenommen. Bedeutsam hierfür waren die Reservierungen von Ausbildungsplätzen in den Hochschulen und von Stellen im öffentlichen Dienst zugunsten der Unterkastigen (scheduled castes) und der Adivasi (scheduled tribes), später der übrigen niederen Kasten (other backward castes).

Um die Bedeutung dieser Maßnahmen zu ermessen, muss man wissen, dass Arbeitsplätze im formellen Wirtschaftssektor in Indien rar und privilegiert sind, die Hälfte davon auf den staatlichen Bereich entfallen, Reservierungen also bedeutsame Startvorteile für bessere Lebenschancen verschaffen. Ein nachteiliger Effekt der als Überbrückungsmaßnahme gedachten (jedoch ständig verlängerten) Reservierungen ist bis heute, dass viele potenziell Begünstigte gar nicht über die Qualifikationen verfügen, um diese Stellen zu besetzen, vor allem nicht in den höheren Rängen. Sie haben aber einer Elite innerhalb der niederen Kasten nicht gekannte Aufstiegschancen verschafft. Im Jahr 1990 wurde unter heftigen Protesten der oberen Kasten eine Reservierung von 27,5 Prozent der Stellen im öffentlichen Dienst und der Ausbildungsplätze an den Hochschulen für die übrigen niederen Kasten angekündigt. Diese Quote wurde durch ein Urteil des Obersten Gerichts bestätigt – die Reservierungen aber auf insgesamt die Hälfte der zur Verfügung stehenden Stellen begrenzt.
Diese Reservierungspolitik ist zu einem mächtigen Mittel der Umverteilung von Lebenschancen geworden. Konsequenterweise kämpfen neuerdings einige traditionell eher nicht niedrig stehende Kasten um den Einbezug in die Liste. Die Reservierung ist in einigen Unionsstaaten mittlerweile auf die Muslime ausgedehnt worden und wird informell auch von privaten Bildungsinstitutionen und größeren Privatunternehmen praktiziert, sodass sie also fast flächendeckenden Charakter angenommen hat.

Ein zweiter Grund für die politisch eher steigende Bedeutung der Kasten ist, dass die politischen Parteien Kandidaten für die Volksvertretungen oder Führungspositionen besonders auch nach Kastenkriterien auswählen. Das hat damit zu tun, dass die Kastenzugehörigkeit ein leichtes Erkennungsmerkmal (meist schon anhand des Nachnamens) und politisches Mobilisierungsinstrument darstellt und sich nach der Wahl zur Verteilung gruppenbezogener Vorteile anbietet. Daher achten alle Parteien auf eine ausgewogene Repräsentanz nach Kasten, wenn sie nicht schlicht simple Kastenallianzen sind.
Die am stärksten unterprivilegierte Minderheit in Indien bilden die "Unberührbaren", heute üblicherweise Dalits (die "Unterdrückten") genannt, bei uns oft unsinnigerweise "Kastenlose" (unsinnig deshalb, weil man als Hindu gar nicht aus dem Kastensystem herausfallen kann). Nach dem Zensus von 2011 entfielen 16,6 Prozent der Bevölkerung auf die sogenannten scheduled castes, die sich in zahlreiche (über 1000) Unterkasten gliedern und sich deshalb nicht zwangsläufig miteinander solidarisch fühlen.

Dalits waren und sind typischerweise in der Landwirtschaft beschäftigt (als Landarbeiter, auch als Kleinbauern), wobei ihr Anteil am Landbesitz und noch mehr am Besitz von bewässertem Land unterproportional ist. Andere typische Dalit-Berufe auf dem Land und in der Stadt sind die Reinigung von Straßen, Gebäuden und Latrinen (wobei ihre Beschäftigung bei Letzterem eigentlich untersagt ist, das Verbot aber nicht umfassend durchgesetzt wird), die Ledergerbung und die Schuhmacherei. Es gibt aber auch eine größer werdende Schicht von Wohlhabenden unter den Dalits. Ihre eigene Handelskammer weist bereits über 3000 Mitgliedsmillionäre auf, der Anteil der Dalits mit Stein- statt Lehmhäusern ist beachtlich gestiegen, ihr Anteil an denjenigen, die unter der Armutsschwelle leben, ist deutlich gesunken. Dazu haben die wirtschaftlichen Reformen und die Liberalisierung, die zunehmende Beschäftigung außerhalb der Landwirtschaft sowie steigende Überweisungen von Dalit-Arbeitsmigranten an ihre Familien beigetragen. Die zahlreichen staatlichen Programme zu ihrer Besserstellung hatten allerdings nur begrenzte Wirkung.

Artikel 17 der indischen Verfassung erklärt die Unberührbarkeit für abgeschafft, gewaltsame Übergriffe gegenüber Dalits wurden strafrechtlicher Verfolgung unterworfen. Das milde gefasste Ausführungsgesetz ließ allerdings fünf Jahre auf sich warten und musste schon 1976 nachgebessert werden. Doch bis heute führen die Prozesse gegen gewalttätige Übergriffe auf Dalits (über 20.000 pro Jahr) in den meisten Fällen zum Freispruch der Angeklagten. Zuletzt wurde wenigstens die Anzahl mobiler Gerichte erhöht, um diese Verstöße schneller zu ahnden. Umgekehrt ist die hohe Anzahl dieser Vorfälle auch ein Zeichen dafür, dass sich Dalits nicht mehr alles gefallen lassen, worauf Oberkastige dann mit Gewalt reagieren.

Eine jahrhundertelang währende Diskriminierung einer zahlenmäßig doch recht bedeutenden Minderheit müsste unter demokratischen Vorzeichen eigentlich deren politische Mobilisierung fördern. Tatsächlich trat 1972 mit den Dalit Panthers erstmals eine militante politische Partei als Vertreterin dieser Gruppe auf, die allerdings unstrukturiert blieb, sich im Wesentlichen auf Mumbai und Umgebung beschränkte und sich nach zwei Jahren auflöste. Zwölf Jahre später wurde sie durch die wesentlich erfolgreichere Bahujan Samaj Party (BSP) abgelöst. Diese war ab 1993 mehrmals an der Landesregierung von Uttar Pradesh beteiligt und konnte nach ihrem Wahlsieg 2007 erstmals allein die Regierung bilden, wurde aber 2012 wegen schwacher Leistung abgestraft. Die erwähnten Erfolge konnte sie nur durch Aufstellung auch oberkastiger Kandidaten und durch Koalitionsbildung mit der hindu-nationalistischen BJP erringen. Entsprechend durchwachsen war ihre Regierungsführung.
Kastendenken wird in Indien mit Sicherheit nicht über Nacht verschwinden; dazu ist es kulturell zu stark verwurzelt. Es wird durch die faktische Endogamie bei der Verehelichung (also die Wahl der Partner aus der gleichen oder nahestehenden Kaste) auf Dauer gestellt. Befördert wird es auch durch die staatlich verordneten Reservierungen, die die Konkurrenz zwischen den Kasten anheizen und entsprechende politische Strategien der Parteien fördern. Reservierungen sind ein vergleichsweise preiswertes Mittel, um den Anschein sozialer Gerechtigkeit zu erzeugen; sinnvoller, aber auch kostspieliger wäre eine inklusive Sozial- und Wirtschaftspolitik. Gesellschaftlich würde eine Überwindung eine deutliche Zunahme kastenübergreifender Ehen erfordern; Anzeichen dafür sind schon zu erkennen.

Adivasi

Indien ist das Land mit der weltweit größten indigenen Bevölkerung (ca. 8,2 %). Die Adivasi (Selbstbezeichnung, dt.: erste Siedler, in Indien offiziell mit dem englischen Begriff scheduled tribes bezeichnet) bilden ca. 600 verschiedene Gruppierungen, die ihre Zugehörigkeit jeweils auf gemeinsame familiäre Abstammung zurückführen. Sie sind vermutlich die Reste der Urbevölkerung, die sich bei der indoarischen Einwanderung in die unwegsamen Berg- und Waldregionen zurückzogen. Dort konzentrieren sie sich auch heute noch hauptsächlich auf die nordöstliche Himalaya-Region und das zentralindische Berg- und Waldland. Sie besiedelten dort die Hänge, betrieben neben Sammeln und Jagen in den Wäldern Brandrodung, kannten meist kein individuelles Landeigentum und waren egalitär organisiert. Viele Stämme haben mit der Zeit ihre Muttersprache verloren, den hinduistischen oder christlichen Glauben angenommen und sich sozial differenziert. In Mischgebieten haben sie auch die gängigen landwirtschaftlichen Anbaupraktiken übernommen. Heute verdingt sich der größere Teil als Landarbeiter oder Kleinbauern.
Schon zur Kolonialzeit wurde ein großer Teil ihres Landes von Fremden in Beschlag genommen. Auf diese Praxis reagierte die Kolonialregierung viel zu spät mit speziellen Schutzgesetzen, die die Gebiete der Adivasi aus der allgemein geltenden Rechtsprechung ausnahmen und Landverkäufe verboten. Diese Regelungen wurden vielfach umgangen und im unabhängigen Indien ohne große Begeisterung übernommen.
Die zugunsten der Adivasi praktizierte positive Diskriminierung und spezielle Maßnahmen zum Schutz ihrer kulturellen Identität hatten gemischte Ergebnisse. Die Ausbildung fand entgegen den Bestimmungen häufig in der Regionalsprache statt, die den Adivasi fremd war, die Rekrutierung von Lehrern für die entlegenen Gebiete erwies sich als Problem. Die Adivasi blieben am Ende der Bildungs- und Wohlstandsskala und – am wichtigsten – die Einführung privaten Landrechts statt Gemeinschaftsbesitz führte dazu, dass Adivasi-Land in andere Hände kam.

Eine weitere wesentliche Quelle des Landverlustes ist bis heute die staatliche Entwicklungs- und Industrialisierungspolitik. In Adivasi-Gebieten wurden schwerindustrielle Komplexe angesiedelt (unter anderem das mit deutscher Hilfe erstellte Stahlwerk Rourkela), riesige Staudämme (Narmada) gebaut, Erz geschürft oder auch nur schlicht Wald zum Holz- und Bambuseinschlag verpachtet. Dies unterminierte die traditionellen Lebensgrundlagen der Stämme, deren Angehörige überdies zu Hunderttausenden im Gefolge dieser Projekte umgesiedelt wurden. Besonders verbitterte sie die staatliche Forstpolitik, die die Brandrodung und den individuellen Holzeinschlag untersagte, gleichzeitig aber Papiermühlen die preiswerte Holzverwertung gestattete.
Kein Wunder, dass diese Entwicklungen Teile der Adivasi radikalisierten; im Nordosten des Landes verstärkten sie den Zulauf zu sezessionistischen Gruppen, im Rest des Landes zusammen mit landlosen Unterkastigen den Zulauf zu den Naxaliten, gewaltbereiten Landbesetzern, die von der radikalen Communist Party of India (Marxist Leninist) organisiert wurden. Die Naxaliten liefern sich immer noch blutige Auseinandersetzungen mit privaten Armeen von Grundbesitzern sowie den Sicherheitskräften, haben aber zuletzt deutliche Rückschläge erlitten.

Quellentext

Guerillakampf nach Vorbild Maos – die Naxaliten

Im ländlichen Indien kann es passieren, dass Begleiter vor Rebellen warnen, die in den umliegenden Bergen und Wäldern ihr Unwesen treiben sollen. Bei diesen Rebellen handelt es sich um sogenannte Naxaliten, maoistische Aufständische.
[…] Die Naxaliten kämpfen ihrer eigenen Vorstellung zufolge für ein kommunistisches Gesellschaftssystem, für die Armen und Unterdrückten ihres Landes. Sie haben sich vor allem den Einsatz für die indischen Stammesvölker auf die Fahnen geschrieben, die sogenannten Adivasi, die im strengen Kastensystem Indiens besonders benachteiligt werden. Aus diesen marginalisierten Gruppen rekrutieren sie die meisten ihrer Kämpfer. Deren Gesamtzahl wird landesweit auf mehrere zehntausend Personen geschätzt.

Die Wurzeln der Maoisten liegen in den sechziger Jahren im Ort Naxalbari im Bundestaat Westbengalen. Von ihm haben sie auch ihren Namen. Dort hatten sich die Kommunisten zum ersten Mal zu einem Aufstand zusammengerottet, nachdem ein Bauer daran gehindert worden war, sein eigenes Land zu bestellen. Der Aufstand wurde nach 72 Tagen niedergeschlagen. Danach beriefen sich andere auf diesen Aufstand, als sie an verschiedenen Orten bewaffnete Gruppen gründeten. Militärstrategisch folgten sie der Guerrillataktik des chinesischen Revolutionärs und Staatsgründers Mao Tse-tung.

Innenminister Rajnath Singh sprach […] von 12.000 Toten durch den Konflikt in zwei Jahrzehnten. Nahrung bekommt er durch Landnahmen, Minenarbeiten und die schlechte Versorgung in den Gebieten der Adivasi. Viele von ihnen sind arme Bauern oder sie leben von den Erzeugnissen der Wälder buchstäblich von der Hand in den Mund. Aber immer mehr Wald und Ackerfläche werden beschlagnahmt und durch den Bergbau zerstört. Viele Adivasi wurden vertrieben, ihre Wasserquellen verschmutzt. Sie leiden an Krankheiten und unsicheren Arbeitsbedingungen. Die Sicherheitskräfte gehen hart gegen die Rebellen vor, aber auch gegen die Bevölkerung, die sie ihrer Unterstützung beschuldigen. Es gibt Berichte über Menschenrechtsverletzungen. Zusammen mit dem Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, entsteht der ideale Nährboden für die Ausbreitung des Aufstands. Die Maoisten sind heute in einem "roten Korridor" von Jharkhand, Bihar, Odisha, Uttar Pradesh und Westbengalen im Nordosten bis nach Chhattisgarh, Telangana, Madhya Pradesh und Andhra Pradesh weiter im Süden aktiv. Mit der Zeit haben sie sich auch in andere Regionen ausgebreitet, bis in den Westen und in den Süden des Landes. In Bundesstaaten wie Maharashtra, wo die Metropole Bombay liegt, sind sie in kleineren "Nestern" zu finden. […]

[…] Die Regierung will nun ihr Vorgehen gegen die Naxaliten ändern. Innenminister Rajnath Singh traf sich Anfang [Mai 2017] mit den Landeschefs der zehn am stärksten betroffenen Bundesstaaten. Dabei wurden die Sicherheitsvorkehrungen hinterfragt und gezielte Schläge gegen die Führung der Maoisten geplant. […]

Es sollen aber auch neue Wege gefunden werden, um die wirtschaftliche Entwicklung in den Stammesgebieten zu verbessern. Ein Hauptbestandteil der neuen Strategie soll sein, die Rebellen von ihren Finanzquellen abzuschneiden. Auch diese Idee ist nicht ganz neu. Schließlich hatte Regierungschef Modi schon seine große Bargeldreform Ende des vergangenen Jahres unter anderem damit begründet, dass diese auch den Naxaliten und islamistischen Extremisten die Geldhähne zudrehen würde. Dies hatte allerdings offenbar nicht wie erwartet gewirkt. So ist auch unwahrscheinlich, dass die neuen Maßnahmen tatsächlich schon das Ende dieses lange währenden Aufstands bringen werden.

Till Fähnders, "In Indiens ‚rotem Korridor‘", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12. Mai 2017 © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GbmH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

Sehr spät hat der indische Staat auf diese Entwicklungen auch auf nicht militärischem Wege reagiert und 2006 ein neues Forstgesetz, eine neue Adivasi- und Rehabilitierungspolitik verabschiedet. Ziele dieser Initiativen waren die Rückerstattung von Land an die Adivasi durch spezielle Gerichte, die Beschränkung von Umsiedlungen und die Anerkennung ihrer traditionellen Rechte an den Produkten des Waldes. In jüngster Zeit wurden auch illegale Kohle- und Erzminen im Adivasi-Gebiet geschlossen, ebenso wurde ein von der Regierung genehmigtes, großes privates Minenprojekt einer britischen Firma nach Protesten der Adivasi gestoppt.