IzpB 335/2018: Indien

19.1.2018 | Von:
Joachim Betz

Gesellschaftliche Strukturen

Situation der Frauen

Diskriminiert sind immer noch die indischen Frauen. Sie sind entgegen der biologischen Norm eine Minderheit im Lande. Nach dem Zensus von 2011 kamen auf 1000 indische Männer 943 Frauen, zehn mehr als zehn Jahre zuvor. Bei den Kindern (0–6 Jahre) hat sich das Verhältnis weiter verschlechtert (auf 1000 zu 919). Traurige Spitzenreiter beim Männerüberschuss sind die agrarisch und patriarchal geprägten Bundesstaaten im Zentrum und im Norden Indiens, wo ca. 850 Mädchen auf 1000 Jungen kommen, deutlich besser sieht es im Süden und bei den religiösen Minderheiten aus.

Was dies für die Zukunft bedeutet, kann man sich ausmalen. Es gibt schon Berichte von Raubzügen junger, nordindischer Männer zur Beschaffung von Ehefrauen. Der Männerüberschuss ist in erster Linie Folge der Tötung weiblicher Föten nach vorgeburtlicher Geschlechtsbestimmung per Ultraschall. Diese ist seit 1994 in ganz Indien untersagt bzw. nur noch in medizinischen Notfällen erlaubt, wird aber von den meisten indischen Ärzten weiterhin praktiziert. Zu Anklagen oder gar Verurteilungen kommt es selten. Gründe für die höhere Sterberate von Mädchen und Frauen sind mangelnde Ernährung und unzureichende gesundheitliche Fürsorge sowie die nach wie vor hohe Müttersterblichkeit, die wiederum auf ein sehr frühes Heiratsalter (das durchschnittliches Heiratsalter bei Frauen beträgt 19,3 Jahre und liegt bei ärmeren Schichten noch deutlich darunter), zu rasch aufeinanderfolgende Geburten und Untergewicht der Gebärenden zurückzuführen ist.

Die Diskriminierung von Frauen ist schon – wie bei etlichen anderen Religionen auch – in den geheiligten hinduistischen Schriften angelegt, wird aber durch die Praxis immer wieder bekräftigt. Indien ist noch eine von Männern dominierte Gesellschaft, in der Frauen ein untergeordneter Status zugewiesen ist. Dabei ist die physische Gewalt gegenüber Frauen, die kürzlich in spektakulären Vergewaltigungsfällen gipfelte, nur die Spitze des Eisberges. Die praktizierte Diskriminierung findet in der indischen Verfassung und in späteren Ausführungsgesetzen keine Entsprechung. Diese sehen die völlige Gleichstellung von Mann und Frau vor. Ein prominentes Ausführungsgesetz, der sogenannte Hindu Code, modernisierte das überkommene Familienrecht in Bezug auf Verehelichung, Scheidung, Adoption und Erbrecht mit dem Ziel völliger Gleichstellung. Einschlägige Institutionen zur Frauenförderung entstanden gleichzeitig. Bis zur Publizierung eines äußerst kritischen Berichts ("Towards Equality", 1974) änderte sich an der Selbstgefälligkeit über das Erreichte wenig.
Die aufsehenerregende Vergewaltigung eines Mädchens in Haft Ende der 1960er-Jahre führte zur Verschärfung der entsprechenden strafrechtlichen Bestimmungen, später zu Gesetzen, die sexuelle Gewalt und Belästigung am Arbeitsplatz unterbinden sollten. Im Jahr 1990 wurde zudem die Nationale Frauenkommission (NCW), der auch Anzeigen gegen Gewalt übermittelt werden können, ins Leben gerufen. Beobachter sind der Meinung, dass es sich dabei um ein schwaches, personell unterausgestattetes und nicht wirklich autonomes Organ handelt, dessen Mitglieder von der Regierung ernannt und nicht gewählt werden.
Die Wirksamkeit der erlassenen Gesetze scheitert oft an der Umsetzung auf staatlicher Ebene (so wurde das Erbrecht von 1956 nur von den südindischen Staaten durchgesetzt) oder an seiner Umgehung (etwa durch "Schenkung" des Erbes an die Brüder). Die gesetzliche Anhebung des Heiratsalters für Mädchen auf 18 Jahre und das Mitgiftverbot, das schon 1961 erlassen wurde, bleiben praktisch unbeachtet. Ein von der Regierung 2010 eingebrachtes neues Scheidungsrecht, das die Möglichkeit der Trennung von Paaren wegen Zerrüttung und die Teilung des gemeinsam erworbenen Eigentums vorsieht, wurde nach Protesten auf die lange Bank geschoben und ist immer noch nicht verabschiedet.

Die prominente Beteiligung von indischen Frauen in der Politik wird oftmals als Beweis für die fehlende Benachteiligung angeführt. Dabei wird unterschlagen, dass weibliche Abgeordnete im Parlament auch heute noch eine winzige Minderheit darstellen (unter zehn Prozent), ebenso wie Frauen in höheren Rängen der Ministerialbürokratie, die sich überdies nicht unbedingt der Frauenförderung verpflichtet fühlen. Besserungen brachten Verfassungsänderungen (1993/94) zur Dezentralisierung, die eine Frauenquote von einem Drittel für die lokalen Körperschaften festlegten. Die Ausdehnung dieser Quotierung auf das Unterhaus und die legislativen Versammlungen der Bundesstaaten wird seit Jahren von den (ländlich orientierten) Regionalparteien hintertrieben mit dem Argument, die Quotierung helfe nur den ohnedies schon privilegierten Frauen.
Die Reservierungen auf lokaler Ebene, ursprünglich oft spöttisch kommentiert, haben das Leben von Tausenden von Frauen verändert. Die gewählten weiblichen Vertreter wurden zwar anfangs oft von ihren Männern zur Kandidatur bewegt und später im Amt "ferngesteuert". Einmal im Amt, wirkte sich aber die Teilhabe von Frauen deutlich auf die Bereitstellung lokaler Dienste, vor allem in den Bereichen Gesundheit und Bildung, aus sowie auf das Selbstbewusstsein der Gewählten und ihren Willen, ihren Töchtern bessere Bildung zukommen zu lassen.

Die Beteiligung am Arbeitsmarkt von Frauen in IndienDie Beteiligung am Arbeitsmarkt von Frauen in Indien
© Weltbank, India Development Update May 2017, Grafik 85, S. 56 (li.) und Grafik 97, S. 61 (re.). Datenquelle (li.:) World Development Indicators, (WDI).; Datenquellen (re.:) National Sample Survey, NSS, und Berechnungen der Weltbank. Gesamt-PDF unter http://documents.worldbank.org/curated/en/107761495798437741/pdf/115297-WP-P146674-PUBLIC.pdf

Hinsichtlich der Bildungschancen von Frauen hat sich in Indien viel geändert. Bei der Einschulung, im Primarbereich und bis Klasse 9 sowie beim Hochschulzugang gibt es keine Diskriminierung mehr. Allerdings sind die Abbrecherquoten von Mädchen ab Klasse 9 immer noch höher, zudem studieren Frauen seltener oder lassen sich – wie andernorts auch – seltener in Richtung gut bezahlter Berufe ausbilden.
Bedauerlicherweise schlägt sich der deutlich gestiegene Bildungsstand der Frauen nicht in einer höheren Beteiligung am Arbeitsmarkt nieder. Indien belegt hierbei einen der letzten Ränge weltweit. Nur 27 Prozent der Frauen gehen einer geregelten Erwerbstätigkeit außerhalb des Hauses nach – eine Quote, die in den letzten Dekaden quer durch alle Schichten (mit Ausnahme der Adivasi) gefallen ist. Auch hierbei gibt es eine beträchtliche regionale Varianz. Höher ist die Partizipation von Frauen am Arbeitsmarkt besonders im weniger patriarchalisch geprägten Süden und Osten des Landes und bei besonders armen Familien (bei Letzteren aus purer Notwendigkeit), besonders gering bei den Muslimen und den oberkastigen Hindus sowie in den Städten. Mit höherem Bildungsgrad sinkt die Beteiligung zunächst und steigt erst wieder mit dem Hochschulabschluss an. Dieser etwas paradoxe Befund erklärt sich durch den Bedeutungsgewinn traditioneller Normen bei zunehmendem Wohlstand. Die bezahlte Beschäftigung von Frauen in Indien ist sozial stigmatisiert, vor allem, wenn sie wenig vorzeigbare Tätigkeiten betrifft. Gute und damit angesehene (Büro-)Arbeitsplätze zum Beispiel nehmen in Indien aber langsamer zu als die Anzahl der Kandidatinnen hierfür.

Wesentliche Ursachen für die Benachteiligung von Mädchen (einschließlich der Abtreibung weiblicher Föten) sind, dass Frauen nach der Verheiratung in die Familie ihres Mannes wechseln, für die Versorgung ihrer eigenen Eltern im Alter also nicht mehr zur Verfügung stehen, und für die Familie des Mädchens wegen steigender Mitgift (dowry) hohe Kosten bei der Verheiratung entstehen. Diese Praxis geht auf eine Zeit zurück, als in Indien Privateigentum entstand und das Patriarchat gleichzeitig die Beschäftigung der Frauen aus höheren Kasten außerhalb des eigenen Haushalts verbot.
Die Mitgift diente früher der materiellen Absicherung der Frau nach dem Eheschluss, hat sich aber von diesen Ursprüngen weit entfernt. Sie ist zu einer wirtschaftlichen Transaktion zwischen zwei Familien geworden, bei der sich die Brautfamilie einen passenden, möglichst gut ausgebildeten und aus einer höheren Kaste stammenden Bräutigam durch Geschenke an diesen und seine Familie einkauft. Die Verheiratung einer Tochter kann in Indien eine teure Angelegenheit werden; mehrere heiratsfähige Töchter können den sicheren finanziellen Ruin einer Familie bedeuten. Fällt die Mitgift zu dürftig aus, werden Bräute mitunter Opfer inszenierter häuslicher Unfälle in der Familie des Bräutigams, die auf die nächste Mitgift spekuliert. Dieser skandalösen Praxis fallen pro Jahr nach offiziellen Angaben mehr als 8000 junge Bräute zum Opfer.

Quellentext

Unter Druck von Ehemann und Schwiegermutter

[…] Nichts fürchten viele indische Frauen mehr als ihre Schwiegermutter. Überall in der Welt werden Witze über Schwiegermütter gerissen, meist von Männern. Doch nur selten spielen Schwiegermütter eine so zentrale Rolle dabei, patriarchalische Strukturen zu zementieren und junge Frauen zu kontrollieren, wie im mehrheitlich hinduistischen Indien.
Zwar verändert sich Indien rasant. Kleinfamilien nehmen zu und die jungen Frauen von heute lassen sich weniger gefallen. Aber noch immer folgen viele Paare der Tradition, nach der Hochzeit zu den Eltern des Mannes zu ziehen. Dort stehen die jungen Frauen unter der Fuchtel der "Saas", wie die Schwiegermutter auf Hindi heißt. Man erwartet, dass sie sich der älteren Frau klaglos unterwerfen.
Natürlich gibt es Frauen, die ihre Schwiegertöchter liebevoll behandeln. Doch für viele junge Ehefrauen beginnt eine Leidenszeit. Sie werden wie Sklavinnen ausgebeutet und müssen die ganze Familie bedienen. Dieses Muster pflanzt sich über Generationen fort: Später schikanieren sie ihre eigenen Schwiegertöchter, um sich für die eigenen harten Jahre zu entschädigen.

Während die Männer draußen das Sagen haben, geben die Schwiegermütter in der Familie oft ihren verlängerten Arm. Ihnen obliegt es, die Ehre der Familie zu schützen und die jüngeren Frauen zu überwachen. So gelingt es ihnen, von den patriarchalischen Strukturen zu profitieren und Macht zu erringen. Damit tragen Frauen zur Unterdrückung von Frauen bei.

Von ihren Ehemännern haben die jungen Frauen wenig Hilfe zu erwarten. So verlangt die Sitte, dass sich die Söhne bei Konflikten aus Respekt stets auf die Seite ihrer Mutter schlagen. Bis heute haben viele Männer ein engeres emotionales Band zu ihrer Mutter als zu ihrer Frau. Indische Mütter vergöttern und verhätscheln ihre Söhne oft maßlos, weil sie erst durch einen Sohn einen Wert bekommen, während Töchter als minderwertig gelten. […]

Dafür reklamieren viele Mütter eine Machtposition im Leben ihrer erwachsenen Söhne und deren Frauen. Ihre Kontrolle kann sich auf fast alle Aspekte des Lebens erstrecken. Sie bestimmen, wie sich die Schwiegertochter kleidet, ob sie ihre Eltern besuchen, einen Job annehmen oder verreisen darf. Viele Frauen dürfen nicht mal alleine einkaufen oder zum Arzt gehen. Im Extremfall bestimmen Schwiegermütter sogar, wie oft das junge Paar Sex hat, indem sie die "Bahu", die Schwiegertochter, bis tief in die Nacht schuften lässt, um romantische Augenblicke zu zweit zu verhindern.

Das Machtgefälle beinhaltet oft direkte Gewalt. "Es gibt wachsende Hinweise, dass viele indische Frauen Gewalt durch ihre Schwiegermütter erleiden", heißt es in einer Studie von 2013. "Indische Schwiegermütter sind beständig in Verfahren wegen Gewalt gegen ihre Schwiegertöchter verwickelt, insbesondere in Mitgiftfällen." […]

Umgekehrt machen auch Fälle Schlagzeilen, in denen Frauen ihre Schwiegermütter misshandeln. Vor allem ältere Frauen wie Witwen, die ohne Schutz eines Ehemannes dastehen, gelten als Bürde und werden leicht Opfer häuslicher Gewalt. Das geht so weit, dass sie ausgesetzt werden. Die heilige Stadt Vrindavan ist voll von Witwen, die in ihren Familien nicht mehr erwünscht sind.

Christine Möllhoff, "Die Angst vor der ‚Saas‘", in: Frankfurter Rundschau vom 15. August 2016 © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Rundschau GbmH, Frankfurt

Auch sonst ist Gewalt gegen Frauen in der Familie und andernorts ein alltägliches Phänomen. Indien gehört zu den Ländern mit der höchsten Vergewaltigungsrate weltweit und zeichnet sich durch mäßigen Erfolg bei der Verurteilung von Tätern aus. Das Land zog deswegen besonders nach einem brutalen Vorfall in Delhi Ende 2012 (Gruppenvergewaltigung, in deren Folge das Opfer schwere innere Verletzungen erlitt und starb) die internationale Aufmerksamkeit auf sich. Die Regierung reagierte mit einer Verschärfung des Sexualstrafrechts (inklusive der Todesstrafe) und der Einrichtung von Schnellgerichten. In der Folge wurden Vergewaltigungen häufiger angezeigt, ein positives Anzeichen dafür, dass das Stigma vergewaltigter Frauen sinkt.

Gewalt gegen Frauen in der Familie geht meist vom Ehepartner aus. 37 Prozent der Männer gaben laut einer Untersuchung an, ihre Frauen regelmäßig zu schlagen. Besser ausgebildete Frauen mit eigenem Einkommen sind deutlich seltener Opfer von physischer und sexueller Gewalt in der Familie. Bezeichnend ist, dass die Mehrzahl der befragten Frauen der Aussage zustimmt, Gewalt gegen sie sei unter bestimmten Umständen gerechtfertigt. Dies zeigt, wie tief patriarchalische Wertvorstellungen verankert sind.
Gerechterweise muss man sagen, dass sich in urbanen und intellektuellen Mittelschichten die traditionelle Unterordnung der Frauen deutlich abgeschwächt hat. Hier ist auch die Scheidungswilligkeit von Frauen gestiegen. Im Übrigen nimmt auch der Anteil von "Liebesheiraten" statt arrangierter Verbindungen zu, sodass man zumindest einen zaghaften Wandel konstatieren kann.
Ein beträchtlicher Teil der vorsichtigen Emanzipation indischer Frauen geht auf das Konto der Frauenbewegungen im Land, die in den späten 1970er-Jahren entstanden. Ihre Kritik richtete sich zunächst generell gegen traditionelle hinduistische Praktiken, später gegen sexuelle Gewalt und den Fortbestand frauendiskriminierenden Zivilrechts in Indien. Diese Kampagnen brachten die Politik unter Zugzwang: Neben der Bestätigung des Verbots von Witwenverbrennungen wurden 1984/86 auch die Strafen für Mitgiftmorde deutlich heraufgesetzt.

Nicht nur städtische, sondern auch unterprivilegierte Frauen sind stärker mobilisiert worden; eine der bekanntesten Organisationen ist SEWA (Self Employed Women’s Association), die ursprünglich als demokratisch organisierte Gewerkschaft armer, selbstständiger Frauen im informellen Sektor (d. h. dem Teil der Volkswirtschaft, der nicht durch formalisierte Beschäftigungsverhältnisse geprägt ist) gegründet wurde. Später dehnte sie ihre Aktivitäten auf den Zugang von Frauen zu Beschäftigung, Wohnraum, Krediten, Umschulungsprogrammen und Märkten, zum Beispiel für kunsthandwerkliche Produkte, aus.

Quellentext

Kampf für Geschlechtergerechtigkeit

"Ich hasse es, wie die Männer hier starren. Als wäre ich kein Mensch. Ich hatte Angst und meine Eltern wollten mich abends nicht vor die Tür lassen", erzählt Rachel Bali über ihre Erfahrungen in Neu-Delhi. "Ich gehe trotzdem raus. [...] Aber natürlich habe ich die Angst verinnerlicht und gehe ungern raus." Die 24-Jährige hat genug von diesem Gefühl und der Machtlosigkeit.
Deshalb gründete sie die Initiative "KrantiKali", die durch Kunst und Aktion Geschlechtergerechtigkeit voranbringen will. Sie veranstaltet feministische Literaturabende, organisiert Nachtspaziergänge und sammelt Geschichten von Frauen, die auf der Straße belästigt wurden, damit den Männern klar wird, wie sich das anfühlt: angestarrt, angegrapscht oder beschimpft zu werden.

Der niedrige Status von Frauen in Indien werde im Umgang zwischen den Geschlechtern auf der Straße besonders deutlich. "Ständig belästigt zu werden, verändert einen", erzählt Rachel Bali. "Nur wenige wollen darüber sprechen. Aber Männer jeder Klasse und Kaste scheinen jegliche Empathie verloren zu haben. Bildung allein reicht nicht. Ich weiß nicht genau, was es ist, was in unserem Land fehlt, aber die Erziehung und Denkweise der Männer muss sich radikal ändern", fordert die junge Frau aus Kaschmir.

Bali ist nicht allein auf der Suche nach Antworten. Für Jasmen Patheja, Gründerin der Initiative "Blank Noise", ist klar: "Die Männer denken, sie hätten einen Anspruch auf Frauen. Die Tatsache, dass Politiker das Verhalten der Männer auch noch rechtfertigen und Gewalt gegen Frauen verharmlosen, führt zu Normalisierung von Gewalt und Abwertung von Frauen. Das Verhalten der Männer wird auf die Kleidung, den Westen oder die Jugend geschoben. Damit kann niemand zur Verantwortung gezogen werden."

Der Psychiater Samir Parikh erklärt: "Wir erleben einen Verfall in der Einstellung zu Geschlecht auf einem kollektiven Level. Das kommt in Kriegssituationen vor und in Gesellschaften, die sich im Umbruch befinden."
Weitere Gründe für die Belästigung sind seiner Meinung nach fehlende sexuelle Aufklärung und die massenhafte Verbreitung von Pornografie bei gleichzeitiger Tabuisierung von Sexualität. Es gehe aber auch um Macht: Viele indische Männer scheinen nicht in der Lage zu sein, sich an die Machtlosigkeit in einer sich wandelnden Welt anzupassen. Hinzu komme, dass Gesetze, die nachlässige Strafverfolgung und Politiker eher als Bollwerk des Patriarchats dienten, anstatt Anstoß für Reformen zu geben. Das kritisieren auch Frauenrechtsgruppen immer wieder. [...]

Immer mehr Frauen wollen die Diskriminierungen nicht mehr hinnehmen, deshalb ermutigen zahlreiche feministische Initiativen sie, ihre Angst in Wut und Selbstbewusstsein umzumünzen. Als direkte Reaktion auf den Vorfall in Bangalore, bei dem in der Silvesternacht [2016] Männergruppen mehrere Frauen auf der Straße sexuell belästigt und angegriffen haben sollen und auf die Kommentare von Politikern, die Frauen empfahlen, nach Einbruch der Dunkelheit im Haus zu bleiben, finden in ganz Indien Märsche unter dem Hashtag #IWillGoOut statt.

[...] Die Initiative "Blank Noise" stellt auch Kleidung von Frauen aus, die sie trugen, als sie belästigt wurden. Von der Pluderhose bis zum Rock ist alles dabei. Damit zerstören sie den Mythos, dass bedeckende Kleidung vor Belästigung schützt.

#Walkalone ist der Hashtag, den Frauen in ganz Indien benutzen, um zu zeigen, wie sie eine Strecke ablaufen, obwohl sie Angst haben. Die Frauen berichten, das Gefühl, Angst zu überwinden und sich die Stadt zurückzuerkämpfen, überwiege die negativen Erfahrungen. [...]

Das Problem bleibt bestehen, solange sich die Männer nicht ändern. Umfragen zufolge haben 96 Prozent der Frauen in Neu-Delhi – fast neun Millionen – Angst, alleine rauszugehen. Nur 27 Prozent der erwerbstätigen Frauen in Indien arbeiten außer Haus. Familien wollen oft nicht, dass Frauen arbeiten. Sicherheit spielt dabei eine große Rolle.

Bei dem jüngsten #IWillGoOut-Marsch zeigten sich die Frauen kämpferisch und wütend. In Sprechchören rufen sie: "Ich gehe raus! Am Tag und in der Nacht! Alleine oder mit meinen Freundinnen!" Eine Teilnehmerin erklärt, sie marschiere mit, weil sie keine Geduld mehr habe, darauf zu warten, "dass die indischen Männer im 21. Jahrhundert ankommen [...]."

Lea Gölnitz. "Als wäre ich kein Mensch", in: Frankfurter Rundschau vom 2. März 2017