IzpB 335/2018: Indien

19.1.2018 | Von:
Joachim Betz

Gesellschaftliche Strukturen

Staatliche Sozialpolitik

Nicht nur das Einkommen, auch die Lebensqualität der indischen Bevölkerung hat sich weiter verbessert, allerdings in etwas geringerem Maß, als es das rasche wirtschaftliche Wachstum erlaubt hätte. Bei den üblichen Sozialindikatoren (Kinder- und Müttersterblichkeit, Lebenserwartung, Alphabetisierung, Dauer des Schulbesuchs) schneidet Indien nicht besser ab als ärmere Staaten in Südasien, nach dem Index der menschlichen Entwicklung (Human Development Index, HDI) rangiert es auf Platz 135 (von 185). Die Indikatoren streuen auch nach wie vor beachtlich nach Geschlecht, Regionen, sozioökonomischen und religiösen Gruppen. Diese sehr durchwachsene Bilanz erklärt sich auch durch die für eine Demokratie bescheidenen staatlichen Sozialleistungen, mehr aber noch durch deren oft dürftige Qualität.

Bildung

In Bezug auf Bildung wurde nahezu vollständige Einschulung erreicht, die geschlechterspezifischen Unterschiede sind bis zu Klasse 9 geschwunden, machen sich aber danach noch bemerkbar. Die Zahl und Ausstattung der Schulen hat sich durch das 2000/01 aufgelegte nationale Bildungsprogramm "Bildung für alle" (Sarva Shiksha Abhiyan, SSA), verstärkt durch das 2010 gesetzlich verankerte Recht auf kostenfreie Bildung von sechs bis 14 Jahren, deutlich verbessert, die Klassengrößen sind gesunken, Ausbildungserfordernisse für Lehrer wurden erhöht.
Allerdings ging damit keine Steigerung der Lernerfolge einher. Das hat einmal mit der höheren Einschulungsrate zu tun, die auch Kinder bildungsferner Schichten erreicht, mehr aber noch mit der häufigen Abwesenheit der Lehrer und Kinder vom Unterricht, bedingt durch Mitarbeit der Kinder im Haushalt/Familienbetrieb bzw. anderweitiger Aktivitäten des Lehrpersonals. Es hat auch mit veralteten Lehrmethoden (Frontalunterricht) zu tun, mäßigem Kenntnisstand und Engagement der Lehrer – vor allem wegen schwacher Schulaufsicht, nicht aber mit deren zu geringer Bezahlung. Private Schulen erzielen bei deutlich geringeren Lehrergehältern bessere Ergebnisse, weil dort Lehrer leichter vom Dienst suspendiert werden können.

Konsequenterweise hat in Indien eine massive Privatisierung des Schulwesens eingesetzt. Diese schließt auch die Hochschulen ein; hier sind vor allem Ausbildungsstätten für marktnahe Berufe aus dem Boden geschossen, mit teilweise eher mittelmäßiger Qualität. Überhaupt rangieren indische Hochschulen in internationalen Rankings auf den hinteren Plätzen, eine Folge der starken Trennung von Forschung (die in eigenen Instituten stattfindet) und Lehre, finanzieller Unterausstattung und politisch motivierter Stellenbesetzung, die unter der neuen Regierung Modi wieder Fahrt aufgenommen hat.

Quellentext

Was zieht indische Studierende nach Deutschland

[…] Die Liberalisierung der indischen Wirtschaft und die sich daraus ergebenden neuen Chancen für Beschäftigung und Mobilität haben zur Entstehung einer neuen Mittelschicht geführt, die mit dem wachsenden indischen BIP stetig breiter wird.
Weil immer mehr Menschen in eine Hochschulausbildung investieren wollen und sich das auch leisten können – und weil 50 Prozent der indischen Bevölkerung jünger als 25 Jahre sind –,ist die Nachfrage nach einer Hochschulausbildung im Land enorm gestiegen. Zwar schießen in Indien Colleges und Universitäten mit unterschiedlich hohen und für viele Angehörige der Mittelschicht erschwinglichen Studiengebühren wie Pilze aus dem Boden, doch verfügt nur ein geringer Prozentsatz davon über nationales Renommee.

Infolgedessen herrscht ein erbitterter Konkurrenzkampf um den Zugang zu diesen prestigeträchtigen Universitäten. Durch die Internationalisierung der Hochschulausbildung erweist sich auch das Auslandsstudium für die neue Mittelschicht als realisierbare Bildungsstrategie.

Traditionell steuern indische Studierende seit langer Zeit englischsprachige Länder an, insbesondere die USA, Großbritannien und Australien. Doch […] werden seit einem Jahrzehnt einige neue Länder – insbesondere europäische Staaten wie Deutschland oder die Niederlande bis hin zu Lettland und Litauen – bei indischen Studierenden zunehmend beliebter.

In vielen dieser Länder bemühen sich Universitäten, ausländische Studierende anzuwerben, und einige von ihnen sind Partnerschaften mit Studienberatungsagenturen in Indien eingegangen. In deren Werbematerialien werden häufig bestimmte Punkte hervorgehoben: die Verfügbarkeit hochwertiger Bildung zu erheblich geringeren Kosten als in den USA, Großbritannien usw., englischsprachige Studiengänge, die "internationale" Atmosphäre der Universitäten und der angebotenen Studiengänge und in einigen Fällen auch Praktika und Beschäftigungschancen nach dem Studium.

Viele Universitäten in Mittel- und Osteuropa betonen außerdem, dass sie international anerkannte "europäische Abschlüsse" anbieten, und eines der Argumente der sie vertretenden indischen Beratungsagenturen lautet, dass Studierende an diesen Universitäten in andere Schengen-Staaten reisen und unter Umständen nach dem Studium ein Arbeitsvisum erhalten können, das zu einer Aufenthaltsgenehmigung für die EU berechtigt. […]

[…] Deutschland [gilt] aus mehreren Gründen als attraktives Studienland.
Erstens werden die meisten Studierenden zunächst durch die relativ geringen Kosten eines Aufbaustudiums motiviert, Deutschland als Studienland in Betracht zu ziehen. Da sich die Studiengebühren an US-amerikanischen und britischen Universitäten pro Jahr auf ein Mehrfaches des durchschnittlichen Jahreseinkommens indischer Mittelschichtsangehöriger belaufen, erscheint ein Studium in Deutschland vielen als erschwinglicher Weg zu einer internationalen Qualifikation.

Zweitens bietet Deutschland zahlreiche Aufbaustudiengänge in englischer Sprache an. […] Dennoch lehnen es die Studierenden nicht ab, Deutsch zu lernen. Sie erfahren sowohl von ihren Beratern als auch von Kontaktpersonen in ihren sozialen Netzwerken, die selbst in Deutschland studieren, dass eine gewisse Sprachbeherrschung wichtig ist, um im Land gut zurechtzukommen, und unabdingbar, um die eigenen Beschäftigungschancen zu verbessern. […]

Drittens gelten deutsche Universitäten als hochwertig und ein Studium in Deutschland damit als erstrebenswert. Deutschland gilt als "Technik-Drehscheibe" und als besonders gutes Land für Studienabschlüsse in den Fachrichtungen Ingenieurwesen (insbesondere Maschinenbau oder Fahrzeugtechnik) und Informationstechnologie (IT). 54 Prozent aller in Deutschland studierenden Inder sind für ein Ingenieurstudium eingeschrieben. Weitere 30 Prozent studieren IT, Mathematik und Naturwissenschaften. […] Staatliche deutsche Universitäten sind umkämpft und es ist nicht leicht, eine Zulassung zu bekommen. Dies steigert noch das Prestige eines Abschlusses in Deutschland. […]

Viertens sind die Möglichkeiten, einer bezahlten Beschäftigung nachgehen und studienbegleitende Praktika absolvieren zu können, für viele Studierende ein wichtiges Entscheidungskriterium für ein bestimmtes Studienland. In Deutschland dürfen Studierende 120 volle oder 240 halbe Tage pro Jahr arbeiten […]. […]

Ein enormer "Pull"-Faktor sind schließlich die guten Beschäftigungschancen in Deutschland nach dem Studium. Während einige im Auslandsstudium einen Weg zur dauerhaften Auswanderung sehen, möchte die Mehrheit wenigstens für einige Jahre im Ausland arbeiten. […]

Dennoch studieren die meisten jungen Leute nur dann bereitwillig in Deutschland, wenn sie keine Studiengebühren bezahlen müssen. Studierende, die in Deutschland nur eine Zulassung zu kostenpflichtigen Studiengängen erhalten, entscheiden sich dann oft für die USA, selbst wenn sie dafür noch mehr Geld aufbringen müssen.

Mit über 4000 Universitäten, einer der größten Ökonomien der Welt und einer langen Geschichte als "Mekka" für indische Studierende nehmen die USA hinsichtlich Bildungsqualität und Chancen für die meisten indischen Studierenden weiterhin den ersten Platz ein. Die Studierenden glauben auch, dass sie sich in einem Land, in dem Englisch – eine ihnen bekannte Sprache – die Hauptverkehrssprache ist, leichter integrieren und erfolgreich sein können.

Daher gilt Deutschland bei den Studierenden, die hierher kommen, aus all den oben genannten Gründen zwar als attraktives Studienland, bleibt aber trotzdem vor allem eine hervorragende zweite Wahl nach den USA.

Sazana Jayadeva, Bildungshunger: Indische Studierende in Deutschland, GIGA Focus, Asien, Nr. 5, September 2016; www.giga-hamburg.de/de/system/files/publications/gf_asien_1605.pdf

Im auffallenden Missverhältnis zum wirtschaftlichen Aufschwung des Landes und zum beabsichtigten Ausbau der Industrie steckt der Zustand des Berufsschulwesens. Weniger als zehn Prozent der Arbeitskräfte in der Industrie haben eine Ausbildung, insgesamt gibt es nur 11.000 Berufsschulen in Indien (in China sind es 500.000). Seit 2009 existiert nun ein neues Programm, das neue Trainingszentren finanziert und dabei Verbindung zu den Betrieben hält.

Gesundheit

Ähnliche Defizite wie die Bildung weist der Gesundheitsbereich auf: Indiens Ranking-Werte sind auch hier nicht besser als diejenigen benachbarter ärmerer Staaten. Auch hier liegen die Ursachen in mangelnder Finanzausstattung des staatlichen Gesundheitswesens, mäßigem Engagement des dort beschäftigten Personals (zugunsten ihrer privaten Praxis nach Dienstschluss) und fehlender Medikamente. So suchen selbst arme Patienten lieber private Anbieter auf.
Der private Gesundheitsbereich wird allerdings nur begrenzt überwacht, die Qualität der Dienste weist große Unterschiede auf. Vor allem sind diese Dienste mangels ausreichender Abdeckung durch Versicherungen bar zu bezahlen. Das stellt in Indien nach wie vor ein hohes Verarmungsrisiko dar.

Immerhin wurde mit einem neuen Programm (Rashtriya Swasthya Bima Yojana, RSBY, seit 2008) ein Anfang mit der Versicherung armer Familien für die stationäre Behandlung definierter Krankheiten gemacht. Mittlerweile sollen 150 Millionen Menschen in Indien davon erfasst sein. Auch wurde die Ausstattung der staatlichen Krankenhäuser auf dem Land durch ein weiteres Programm (National Rural Health Mission, NRHM, seit 2005) deutlich verbessert, vor allem im Bereich der Geburtshilfe. Dieses Programm wurde unlängst auf die Städte ausgedehnt. Angesichts der sogenannten epidemiologischen Transition in Indien – also des vermehrten Auftretens nicht übertragbarer Krankheiten wie Krebs, Herz- und Kreislauferkrankungen und Diabetes – bei gleichzeitig noch massenhaftem Vorherrschen übertragbarer Krankheiten dürften die neuen staatlichen Anstrengungen bei Weitem nicht ausreichen.

Armutsbekämpfung

Neue Wege bei der Armutsbekämpfung werden mit einem 2005 aufgelegten Beschäftigungsprogramm (Mahatma Gandhi National Rural Employment Guarantee Act, MGNREGA) beschritten. Im Gegensatz zu seinen Vorläufern enthält es einen Rechtsanspruch auf Beschäftigung für 100 Tage pro Jahr für jeweils eine Person aus unterbeschäftigten Landarbeiterfamilien, die mit dem jeweils geltenden Mindestlohn vergütet wird. Das Programm finanziert Gemeinschaftsvorhaben, die von den lokalen Dorf- und Distrikträten ausgewählt werden. Es hat zwar die Zielmarke von 100 Tagen garantierter Arbeit nicht erreicht (der Durchschnitt lag zuletzt bei 33 Tagen pro Familie), den Konsum und die Sparfähigkeit der Begünstigten aber erheblich verbessert, im Übrigen wohl auch zu einem allgemeinen Anstieg der Landarbeiterlöhne beigetragen.

Das traditionelle System der Nahrungsmittelsubventionen über staatliche Ankäufe und Abgabe über fair price shops zu vergünstigten Preisen (public distribution system, PDS), das wegen hoher Streuverluste, Korruption und Unterschlagung schon lange in der Kritik steht, erhielt durch eine Direktive des Obersten Gerichts zur Ernährungssicherheit neuen Schub: Der National Food Security Act von 2013 verspricht immerhin zwei Dritteln der Gesamtbevölkerung den Bezug vergünstigter Nahrungsmittel. Ohne Verringerung der bisherigen Streuverluste wird das teuer, weshalb staatlicherseits Überlegungen angestellt werden, das ganze System zu digitalisieren oder besser gleich auf Barüberweisungen für die Nutznießer umzusteigen.