IzpB 335/2018: Indien

19.1.2018 | Von:
Joachim Betz

Grundzüge der Wirtschaft

Indien weist hohe Wachstumsraten, konstante Beschäftigungsquoten und robuste wirtschaftliche Strukturen auf. Problematisch bleibt die hohe Staatsverschuldung und nach wie vor sind umfangreiche Reformmaßnahmen nötig, um Produktivität sowie den gesamtgesellschaftlichen Wohlstand zu steigern.

Gut ausgebildete Arbeitskräfte sind in Indiens Wirtschaft gefragt. Ingenieure im September 2017 in Noida, einer Vorstadt Neu-Delhis in Uttar PradeshGut ausgebildete Arbeitskräfte sind in Indiens Wirtschaft gefragt. Ingenieure im September 2017 in Noida, einer Vorstadt Neu-Delhis in Uttar Pradesh (© Udit Kulshrestha/ Bloomberg via Getty Image)

Indien ist in den vergangenen Jahren zur am schnellsten wachsenden Volkswirtschaft unter den großen Entwicklungsländern geworden, mit Wachstumsraten von ca. 7,5 Prozent jährlich in den Jahren 2014 bis 2016, mit leichter Abschwächung danach. Das ist zwar etwas weniger als vor der globalen Finanzkrise 2007/08, aber genug, um die Armut im Land weiter deutlich zu verringern, damit die soziale (Bildung, Gesundheit) und wirtschaftliche Infrastruktur erheblich zu verbessern, die Arbeitslosigkeit nicht steigen zu lassen und – auf lange Sicht – zu den führenden Industriemächten aufzuschließen.

Wirtschaftsdaten kompaktWirtschaftsdaten kompakt (© Germany Trade & Invest 2017)
Das alles vollzieht sich, im Gegensatz zu anderen Schwergewichten im globalen Süden, unter relativ stabilen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen (geringes Leistungsbilanzdefizit, mäßige internationale Verschuldung, sinkende Inflation). Schon heute rangiert das Land kaufkraftbereinigt auf Platz drei der größten Volkswirtschaften in der Welt (in laufender Währung auf Platz sechs), spekuliert wird auch bereits darüber, wann es die USA und China an Wirtschaftskraft und damit auch an weltweitem politischen Gewicht überholt haben wird. Manche indische Beobachter sprechen bereits vom Ausbruch eines trilateralen Zeitalters, in dem nur noch diese drei Mächte eine wesentliche Rolle spielen werden. Der Gegensatz zu den ersten Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit, als das Land ein recht dürftiges Wachstum aufwies (etwas mehr als drei Prozent pro Jahr), häufig in Zahlungsbilanzprobleme geriet, von Entwicklungshilfe abhängig war und zeitweise seine Bevölkerung nicht ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgen konnte, könnte nicht größer sein.

Von der Selbstversorung zur marktwirtschaftlichen Öffnung

Beiträge der Wirtschaftssektoren zum wirtschaftlichen Wachstum IndiensBeiträge der Wirtschaftssektoren zum wirtschaftlichen Wachstum Indiens (© ADB)
Diese Probleme waren zu einem großen Teil der nach der Unabhängigkeit gewählten Strategie weitgehender Selbstversorgung (self-reliance) geschuldet, damit zusammenhängend der handelspolitischen Abschließung gegenüber dem Weltmarkt, der Behinderung ausländischer Investitionen und inländischer Großbetriebe, der engmaschigen staatlichen Lenkung der Wirtschaftsbereiche, die nicht dem Staat vorbehalten waren, und der Lenkung von Bankkrediten in staatlich definierte, prioritäre Bereiche.

Dieser Strategie lagen zwar löbliche Motive zugrunde – Verhinderung wirtschaftlicher Machtkonzentration und wachsender sozialer und regionaler Disparitäten, rasche und breite Industrialisierung –, ihre Ergebnisse ließen aber zunehmend zu wünschen übrig. Mit hohem investiven Aufwand wurden geringer werdende Fortschritte erzielt, die zahlreichen Staatsbetriebe fuhren wachsende Verluste ein, die Qualität indischer Produkte blieb recht bescheiden, der Anteil Indiens am internationalen Handel sank dramatisch, das dichte Geflecht staatlicher Kontrollen behinderte die privaten Unternehmer und leistete der Korruption Vorschub.

Es darf aber nicht vergessen werden, dass Indien seine Entwicklung weitestgehend aus eigenen Mitteln finanzierte: Die Entwicklungshilfe für das Land war stark rückläufig und (relativ) nie besonders hoch, die Selbstversorgung wurde faktisch erreicht und, noch wichtiger, damit auch die Schaffung einer breit aufgestellten Industrie sowie die Ausbildung einer beachtlichen Anzahl wissenschaftlicher und technischer Fachkräfte.

Mitte der 1980er-Jahre leitete die Regierung Rajiv Gandhi einen vorsichtigen Kurswechsel ein und liberalisierte zunächst den Binnenmarkt. Motiviert waren die Reformen erstens dadurch, dass konkurrierende Staaten wie vor allem China Reformen früher eingeleitet hatten und an Indien wirtschaftlich vorbeizogen (mit bedenklichen sicherheitspolitischen Konsequenzen). Hinzu traten zweitens die Unzufriedenheit der wachsenden Mittelschicht mit der Auswahl und Qualität der angebotenen Konsumgüter und drittens der Druck neuer Unternehmensgruppen in fortgeschrittenen Sektoren, die ausländische Technologie benötigten.

Die erste Liberalisierungswelle brachte vor allem einen Abbau der staatlichen Unternehmensregulierung und erleichterte die Einfuhr von Investitionsgütern, strandete aber bald aufgrund wachsender Leistungsbilanzdefizite aus vielfältigen Gründen (wie z. B. Zusammenbruch des Handels mit dem Ostblock, Anstieg der Ölpreise) und machte eine als demütigend empfundene Kreditaufnahme beim Internationalen Währungsfonds Anfang 1991 unvermeidlich. Die Krise ist aus Sicht der reformbedingten Dynamik später positiv zu werten, schwächte sie doch politisch jene Kräfte, die vom bisherigen Wirtschaftskurs profitierten, also vor allem die Bürokraten und die Unternehmer bzw. Arbeitskräfte in den vor Konkurrenz geschützten Bereichen.