IzpB 335/2018: Indien

19.1.2018 | Von:
Joachim Betz

Indiens Medienlandschaft

Indiens Medienbereich ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Rundfunk und Fernsehen sind weit verbreitet, die Filmindustrie ist die größte der Welt und trifft auf reges Publikumsinteresse. Dies gilt auch für die breite, auflagenstarke Presselandschaft, die jedoch mit Einschränkungen der Meinungsfreiheit zu kämpfen hat.

Indien hat eine breite Presselandschaft. Die knapp 80.000 registrierten Zeitungen haben 2016 einen Umsatz in Höhe von 4,76 Milliarden US-Dollar erzielt. Aufgrund ihrer
niedrigen Preise sind indische Tageszeitungen auch für arme Bevölkerungsschichten erschwinglich. Zeitungskiosk in Mumbai im März 2016Indien hat eine breite Presselandschaft. Die knapp 80.000 registrierten Zeitungen haben 2016 einen Umsatz in Höhe von 4,76 Milliarden US-Dollar erzielt. Aufgrund ihrer niedrigen Preise sind indische Tageszeitungen auch für arme Bevölkerungsschichten erschwinglich. Zeitungskiosk in Mumbai im März 2016 (© imago/ Arnulf Hetterich)

Eine freie Medienlandschaft wird nicht zu Unrecht als eine wesentliche Voraussetzung nachhaltiger Demokratie, der Ermächtigung der Bürger und damit auch der Förderung guter Regierungsführung angesehen. Bezüglich der Vielfalt und relativer Freiheit der Medien schneidet Indien vergleichsweise gut ab, auch wenn es bereits verfassungsmäßige Einschränkungen dieser Freiheiten gibt und Vertreter von Gruppen, die sich durch allzu freie Darstellungen provoziert fühlen, mit Einschüchterungsversuchen reagieren.
Die indische Regierung stellt die zweifelsohne gegebene kulturelle Ausstrahlung des Landes denn auch gebührend unter dem Stichwort Soft Power heraus. Der Medienbereich ist zudem ein wichtiger Wirtschaftsfaktor geworden, sein Umsatz lag 2014 bei etwa 20 Milliarden Euro mit jährlich zweistelligen Wachstumsraten.

Presse

Die Presse Indiens schaut auf eine lange Geschichte zurück. Die erste Wochenzeitung erschien bereits 1780. Ab 1838 entstanden die ersten englischsprachigen Tageszeitungen (Times of India, The Statesman, The Hindu), die heute noch zu den auflagenstarken Blättern gehören. In derselben Zeit entwickelte sich eine landessprachliche Presse. Diese war noch mehr als die genannten Zeitungen scharfer Verfolgung und Zensur durch die Kolonialbehörden ausgesetzt, zumal sie deutlich den Unabhängigkeitskampf zu unterstützen begann.

Nach der Unabhängigkeit gab es keine völlige Pressefreiheit, vielmehr wurde der Press Trust of India (PTI) mit der Aufsicht über die Zeitungen betraut. Volksverhetzung etwa oder der Aufruf zur Verletzung von Recht und Ordnung und die Störung der Moral erlaubten die gerichtliche Schließung der entsprechenden Organe. Nach scharfer Kritik an diesen Vorgaben und dem Auslaufen einschlägiger Ausführungsgesetze wurde die Aufsicht über die Presse 1954 dem Press Council of India unterstellt, in dem im Sinn der Selbstdisziplinierung der Presse auch Journalisten vertreten sind und der überdies für die gerechte Verteilung knappen Zeitungspapiers und die Kontrolle der Werbung sorgen soll.

Nach der Unabhängigkeit verließen etliche britische Zeitungsverleger das Land und überließen das Geschäft indischen Nachfolgern. Seit dieser Zeit hat die Anzahl, Auflage und Leserschaft von Tages- und Wochenzeitungen relativ wohl mehr als in jedem anderen Land der Welt zugenommen. Im Gegensatz zu den entsprechenden Märkten andernorts expandiert derjenige Indiens weiter. Heute gibt es über 80.000 registrierte Zeitungen (davon etwa 4500 Tageszeitungen) mit einer Gesamtauflage von täglich ca. 200 Millionen. Die indischen Tageszeitungen gehören damit zu den auflagenstärksten weltweit. Im Vergleich dazu fallen Auflagen und Umsatz von Illustrierten deutlich ab.
Spitzenreiter sind die hindisprachigen Tageszeitungen mit Auflagen von bis zu 18 Millionen. Die Auflagen von Zeitungen in den Regionalsprachen liegen darunter, die englischsprachige Presse hat anteilsbezogen Leser verloren, die Times of India kommt aber immer noch auf eine Leserschaft von knapp acht Millionen. Verstärkt hat sich durch den Aufstieg der landessprachlichen Organe die Konzentration der Inhalte auf lokale und regionale Themen, wobei Zeitungen deutliche Vorteile etwa gegenüber dem Fernsehen haben. Die Konkurrenz der Zeitungen durch das Internet ist noch moderat, nur etwa zehn Prozent der Nutzer lesen ihre Zeitung täglich online.

Die indische Presse wird – nicht nur von ihr selbst – als eine für ein weniger entwickeltes Land beispiellos plurale, kritische und qualitativ hochrangige Institution angesehen. Es soll aber dennoch auf einige Probleme hingewiesen werden, die das Bild etwas trüben. Indische Tageszeitungen sind extrem billig und können daher mit entsprechenden Einnahmen ihre Kosten nicht im Entferntesten decken, sondern bestreiten diese zu mehr als zwei Dritteln durch Werbung.

Dies hat zum verbreiteten Übelstand "bezahlter Nachrichten" geführt, also zu Werbung, die sich als Nachricht tarnt und deutliche Rücksicht auf die Werbekunden nimmt. Dies wird gefördert durch Verbindungen (auch finanzieller Art) von Verlegern zu Werbeagenturen. Bezahlte Nachrichten gibt es auch für Parteikandidaten bei Wahlen, in denen deren Verdienste gebührend herausgestellt werden. Der Kampf um Auflagen und das teure Zeitungspapier fördern das Verfassen sehr kurzer Texte, sie fördern die Trivialisierung und verengen den Spielraum für journalistische Qualität. Nicht verwunderlich ist daher, dass Journalisten in Indien heute wenig vertraut wird.
In Rankings zur Pressefreiheit rangiert Indien auf den hinteren Plätzen. 2017 listete Reporter ohne Grenzen Indien auf Platz 136 von 180 Nationen. Das hat nicht nur damit zu tun, dass Journalisten in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt sind, sondern auch von interessierten Kreisen, wie z.B. der Unterwelt oder den Naxaliten, physisch bedroht werden. Zudem haben sich die Arbeitsbedingungen der Journalisten, die zunehmend wie in Deutschland als freie Mitarbeiter arbeiten, deutlich verschlechtert.

Rundfunk

Die Rundfunkübertragung startete in Indien 1924 mit einem privaten Programm. Der Rundfunk wurde alsbald von der Kolonialherrschaft zum Zweck ihrer politischen Stärkung nationalisiert und von der BBC auf den Stand der Technik gebracht. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit verfügte Indien über sechs Radiostationen und 18 Sender; deren Zahl wurde im Rahmen der Fünfjahrespläne rasch gesteigert.
Die indische Regierung setzte die Tradition des Staatsfunks fort und unterstellte ihn (als Instrument der Entwicklung) direkt dem Informationsministerium. Die Kritik an dieser staatlichen Instrumentalisierung des Rundfunks riss jedoch nicht ab. Trotz der Berichte mehrerer Kommissionen, die eine Autonomie des Rundfunks forderten, änderte sich aber lange nichts, bis ein Urteil des Obersten Gerichts (1995) und ein daraufhin verabschiedetes neues Rundfunkgesetz das Staatsmonopol beendeten. Dieses Gesetz unterband auch vorsorglich den Kauf von Rundfunk- und Fernsehsendern durch Presseunternehmer, erlaubte gleichzeitig aber ausländische Beteiligung am Satellitenfunk und -fernsehen. Damit und mit dem Beginn von UKW-Übertragungen (ebenfalls 1995) erlebte der Rundfunk einen rasanten Aufschwung, trotz gleichzeitig rascher Ausbreitung des Fernsehens.

Heute verfügt nahezu jeder indische Haushalt über Radioempfang. Massiv zugenommen hat vor allem die Anzahl der lokalen Sender, die mit geringer Reichweite nur einen entsprechend kleinen Teil der Bevölkerung versorgen und sich auf die Wiedergabe von Filmmusik und lokalen Nachrichten sowie auf eher jugendliche Hörer konzentrieren. Es gibt zurzeit etwa 800 UKW-Sender in Indien, die zunehmend auch online gehört werden können. Die staatlichen Richtlinien zur Etablierung solcher Sender wurden zunehmend liberalisiert, als Betreiber auch Ausbildungsinstitutionen und Nichtregierungsorganisationen zugelassen.