IzpB: Israel Cover

28.5.2018 | Von:
Maximilian Felsch

Die Beziehungen zwischen Israelis und Palästinensern

Der jüdische Zuzug nach Palästina und die Entstehung des Staates Israel stoßen auf den Widerstand der arabischen Einwohner Palästinas. Es entsteht ein Konflikt, der in den Folgejahrzehnten in mehrere kriegerische Auseinandersetzungen eskaliert und bis heute fortbesteht.

Gegen die zunehmende jüdische Einwanderung und die britische Mandatsherrschaft erhob sich die arabische Bevölkerung im Aufstand von 1933 bis 1936. Unruhen am Jaffa- Tor in Jerusalem im Oktober 1933Gegen die zunehmende jüdische Einwanderung und die britische Mandatsherrschaft erhob sich die arabische Bevölkerung im Aufstand von 1933 bis 1936. Unruhen am Jaffa- Tor in Jerusalem im Oktober 1933. (© Everett Collection / Bridgeman Images)

Von der Nachbarschaft zum Konflikt, 1901 bis 1952

Ende des 19. Jahrhunderts lebten in Palästina, das damals zum Osmanischen Reich gehörte, fast eine halbe Million Araber mit circa 25.000 Juden friedlich zusammen. Als der 1901 gegründete Jüdische Nationalfonds ab den 1920er-Jahren damit begann, systematisch Land im Mandatsgebiet Palästina zu erwerben, um eine jüdische Besiedlung zu forcieren und die Basis eines zukünftigen jüdischen Staates Israel zu schaffen, kam es zu ersten Spannungen mit der arabischen Bevölkerung.

Die Zuwanderung und der Landerwerb konzentrierten sich auf ländliche Regionen, denn im Gegensatz zu den arabischen Vorbesitzern beabsichtigten die zionistischen Landeigentümer, das Land selbst zu bewohnen und zu bearbeiten. Damit verloren landlose Bauern, die zuvor für die Vorbesitzer gearbeitet hatten, ihre Lebensgrundlage. Sie sahen sich gezwungen, in die Städte zu ziehen, wo sie meist in Armut gerieten. Somit begann der israelisch-palästinensische Konflikt als ein sozialer Konflikt zwischen der arabischen Landbevölkerung und den jüdischen Siedlern. Zugleich verbreitete sich auch unter den Arabern ein immer stärkeres Nationalgefühl, das dem Konflikt zwischen beiden Gruppen zusätzlich Dynamik verlieh. Da beide Seiten Palästina für sich beanspruchten, entwickelte sich ein bis heute bestehender Territorialkonflikt.

Regionale Neuordnung nach dem Ersten Weltkrieg

Entscheidend für die weitere Entwicklung der jüdisch-arabischen Beziehungen waren die regionalpolitischen Veränderungen nach dem Ersten Weltkrieg. Das Osmanische Reich, zu dem Palästina 400 Jahre lang gehört hatte, zerfiel, nachdem es den Ersten Weltkrieg gegen die Alliierten verloren hatte. Nun stand eine politische Neuordnung des gesamten Nahen Ostens an, im Rahmen derer Palästina 1920 britisches Mandatsgebiet wurde. Die Briten hatten noch während des Ersten Weltkriegs sowohl den Arabern als auch den Zionisten das Gebiet Palästina versprochen. Während sich die Araber auf die britische Zusage beriefen, ein arabisches Königreich errichten zu dürfen, das auch Palästina einschloss, verwiesen die Zionisten auf die Balfour-Deklaration von 1917, in welcher der damalige britische Außenminister Arthur Balfour dem jüdischen Volk eine "nationale Heimstätte" in Palästina zusicherte.

Die jüdischen Einwanderer legitimierten ihre Anwesenheit mit dem Argument, zu einer Modernisierung und wirtschaftlichen Belebung Palästinas beitragen zu können. Doch viele Palästinenser befürchteten, von den jüdischen Einwanderern wirtschaftlich abgehängt und politisch fremdbestimmt zu werden. Mit der Einrichtung jeweils eigener Institutionen und Unternehmen entwickelten sich schon früh zwei getrennte Gesellschaften in Palästina.

Quellentext

Britisches Mandat über Palästina

Das von Großbritannien während des Ersten Weltkriegs besetzte Palästina wurde am 25. April 1920 durch den Obersten Rat der Alliierten auf einer Konferenz in San Remo britischer Verwaltung unterstellt. […] Der Völkerbundsrat bestätigte am 24. Juli 1922 das britische Mandat über Palästina. […] Die britische Mandatsherrschaft über Palästina dauerte bis zum 14. Mai 1948 an. […]

[…] Artikel 1.
Der Mandatar soll alle Vollmachten der Gesetzgebung und Verwaltung besitzen, soweit sie nicht durch die Bestimmungen des Mandates beschränkt werden.

Artikel 2.
Der Mandatar soll dafür verantwortlich sein, daß das Land unter solche politische, administrative und wirtschaftliche Bedingungen gestellt wird, welche die Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte […] und die Entwicklung von Selbstverwaltungsinstitutionen sowie die Wahrung der bürgerlichen und religiösen Rechte aller Einwohner Palästinas, ohne Unterschied der Rasse und Religion, sichern. […]

Artikel 4.
Eine angemessene jüdische Vertretung ("Jewish Agency") soll als eine öffentliche Körperschaft anerkannt werden zu dem Zweck, die Verwaltung Palästinas in solchen wirtschaftlichen, sozialen und anderen Angelegenheiten zu beraten und mit ihr zusammenzuwirken, die die Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte und die Interessen der jüdischen Bevölkerung in Palästina betreffen, und, immer vorbehaltlich der Kontrolle durch die Verwaltung, an der Entwicklung des Landes zu helfen und teilzunehmen. […]

Artikel 6.
Die Verwaltung Palästinas soll unter der Sicherung, daß die Rechte und die Lage anderer Teile der Bevölkerung nicht beeinträchtigt werden, die jüdische Einwanderung unter geeigneten Bedingungen erleichtern und in Zusammenarbeit mit der […] "Jewish Agency" eine geschlossene Ansiedlung von Juden auf dem Lande, mit Einschluß der nicht für öffentliche Zwecke erforderlichen Staatsländereien und Brachländereien, fördern. […]

Artikel 22.
Englisch, Arabisch und Hebräisch sollen die offiziellen Sprachen Palästinas sein. […] Gegeben in London am 24. Juli 1922

"Britisches Mandat über Palästina (1922)", in: 100 Dokumente aus 100 Jahren. Teilungspläne, Regelungsoptionen und Friedensinitiativen im israelisch-palästinensischen Konflikt (1917–2017), hg. von Angelika Timm, AphorismA Verlag Berlin 2017, S. 30 ff.

Arabischer Widerstand gegen Einwanderung und Teilungsplan

Ab 1929 kam es zu größeren arabischen Aufständen sowohl gegen die jüdische Einwanderung als auch gegen Repräsentanten der britischen Mandatsmacht. Vordergründig ging es um die Kontrolle über die heiligen Stätten in Jerusalem, gleichzeitig kristallisierten sich im Kontext der Gewaltausbrüche erstmals zwei verfeindete Nationalbewegungen heraus. Historisch kann das Jahr 1929 daher als der Beginn des israelisch-arabischen Konflikts betrachtet werden. Großbritannien war nicht in der Lage, diesen Konflikt zu befrieden und geriet stattdessen immer mehr zwischen die Fronten. Als im Zuge einer arabischen Revolte 1936 ein friedliches Zusammenleben beider Bevölkerungsgruppen zunehmend unmöglich schien, erarbeitete London einen Teilungsplan für Palästina. Während der Zionistische Kongress 1937 diesen Plan im Prinzip billigte, lehnten ihn die Araber ab und setzten ihren Aufstand gegen die Mandatsmacht fort. Daraufhin löste Großbritannien alle nationalen Komitees der Araber auf und ließ Tausende Aufständische verhaften.

Unterdessen stieg die jüdische Einwanderung in Palästina sprunghaft an, da die im Deutschen Reich 1933 an die Macht gekommenen Nationalsozialisten die Juden verfolgten, vertrieben und deportierten, um schließlich – während des Zweiten Weltkriegs – einen beispiellosen Völkermord an ihnen zu verüben. Um während des Krieges zu verhindern, dass sich die arabischen Staaten mit dem verfeindeten Deutschen Reich verbündeten, versuchte Großbritannien die jüdische Einwanderung mit strikten Quoten zu begrenzen, und verbrachte tausende illegale Einwanderer in Internierungslager auf Zypern. Dennoch gelang es jüdischen Organisationen, bis zu 100.000 Juden illegal nach Palästina zu schleusen.

Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Gewalt in Palästina erneut eskalierte und radikale Zionisten Attentate auf britische Behörden verübten, erklärte sich Großbritannien bereit, sein Mandatsgebiet Palästina an die neu geschaffenen Vereinten Nationen abzutreten. 1947 beschloss die UN-Generalversammlung dann gegen die Stimmen arabischer und muslimischer Staaten und bei Stimmenthaltung Großbritanniens in ihrer Resolution 181 einen eigenen Teilungsplan für Palästina. Dieser sprach Juden und arabischen Palästinensern mehrere etwa gleich große Gebiete zu, die jedoch schlecht untereinander verbunden waren. Für Jerusalem sah der Teilungsplan eine internationale Verwaltung vor. Die arabische Welt lehnte auch diesen Teilungsplan umgehend ab und in Palästina kam es zu blutigen Kämpfen zwischen jüdischen und arabischen Milizen.

Quellentext

UN-Teilungsbeschluss vom November 1947

1. Das Mandat für Palästina endet so bald wie möglich [...].

2. Die Streitkräfte der Mandatsmacht werden schrittweise aus Palästina abgezogen, wobei der Abzug so bald wie möglich abzuschließen ist, in jedem Fall bis spätestens am 1. August 1948. […]
Die Mandatsmacht tut alles, um sicherzustellen, daß ein in dem Hoheitsgebiet des jüdischen Staates gelegenes Gebiet, einschließlich eines Seehafens und eines Hinterlandes mit ausreichenden Möglichkeiten für eine beträchtliche Einwanderung, zum frühestmöglichen Zeitpunkt und in jedem Fall spätestens bis zum 1. Februar 1948 geräumt ist.

3. Zwei Monate nach Abschluß des Abzugs der Streitkräfte der Mandatsmacht, in jedem Fall spätestens am 1. Oktober 1948, entstehen in Palästina ein unabhängiger arabischer Staat und ein unabhängiger jüdischer Staat sowie das […] internationale Sonderregime für die Stadt Jerusalem. […]

"Resolution der Generalversammlung verabschiedet am 29. November 1947. 181 (II). Die künftige Regierung Palästinas", in: 100 Dokumente aus 100 Jahren. Teilungspläne, Regelungsoptionen und Friedensinitiativen im israelisch-palästinensischen Konflikt (1917–2017), hg. von Angelika Timm, AphorismA Verlag Berlin 2017, S. 109 ff.

Sobald das britische Mandat am 14. Mai 1948 formal auslief, proklamierte David Ben Gurion in Tel Aviv den Staat Israel. Als Reaktion darauf griffen Ägypten, Syrien, Transjordanien, der Libanon und der Irak Israel an, mussten in diesem ersten Nahostkrieg jedoch eine Niederlage hinnehmen. Israel wiederum gelang es, mit diesem Krieg sein Staatsgebiet im Vergleich zum UN-Teilungsplan um ein Drittel zu vergrößern.

Nach dem Krieg wurden alle im neuen israelischen Staatsgebiet lebenden Menschen zu israelischen Staatsbürgern – nach dem Nationalitätsgesetz von 1952 damit auch etwa 160.000 palästinensische Araber. Die große Mehrheit der Araber, etwa 700.000 Personen, war vor den Kämpfen in die Nachbarländer geflohen bzw. dorthin vertrieben worden. Ihnen verweigerte Israel nach dem Krieg die Rückkehr. Daraus wird verständlich, dass der Krieg von 1948 bis heute zwei ganz unterschiedliche Bewertungen erfährt: Was jüdische Israelis als Geburt ihres Staates feiern, gilt den meisten Palästinensern bis heute als Nakba, "Katastrophe".