IzpB: Israel Cover

28.5.2018 | Von:
Daniel Mahla

Jüdisch und demokratisch? Religion und Staat in Israel

Zwei wichtige Grundgesetze definieren Israel als sowohl jüdisches wie demokratisches Staatswesen. Die Fragen, wie sich diese beiden Prinzipien miteinander vertragen, in welchem Ausmaß religiöse Richtlinien im öffentlichen Raum bestimmend sein sollten und wie sich die Zugehörigkeit zum Judentum definiert, werden in einem breiten Spektrum von ultraorthodoxen über nationalreligiöse bis hin zu säkularen Gesellschaftsgruppen lebhaft diskutiert.

Der religiöse Status quo reguliert die Präsenz der Religion im öffentlichen Raum. So müssen zum Beispiel Küchen in staatlichen Einrichtungen koscher geführt sein. Ein Inspekteur kontrolliert 2016 ein Cateringunternehmen.Der religiöse Status quo reguliert die Präsenz der Religion im öffentlichen Raum. So müssen zum Beispiel Küchen in staatlichen Einrichtungen koscher geführt sein. Ein Inspekteur kontrolliert 2016 ein Cateringunternehmen. (© Reuters)

Seit den Anfängen des zionistischen Projekts war das Verhältnis der Nationalbewegung zu den religiösen Aspekten und Akteuren des Judentums spannungs- und konfliktreich. Dies liegt auch am Charakter jüdischer Gruppenzugehörigkeiten, die sowohl religiöse als auch ethnische Elemente aufweisen. Viele der frühen Zionisten hatten sich weit von der Religion entfernt und definierten ihr Judentum ausschließlich als ethnische oder nationale Zugehörigkeit. Diese nationale Identität lässt sich jedoch nicht vollkommen von religiösen Traditionen trennen, da sie sich immer auch auf religiöse Schriften und Konzepte – etwa aus der hebräischen Bibel – stützt.

Der Großteil traditioneller Juden stand der jungen Nationalbewegung höchst kritisch gegenüber. Während sich einige wenige orthodoxe Aktivisten in Europa bald in der 1902 im zaristischen Wilna gegründeten religiös-zionistischen Partei Misrachi ("Spirituelles Zentrum") organisierten, schufen deren Gegner 1912 im schlesischen Kattowitz die nicht zionistische Agudat Jisrael ("Union Israels").

Die Führer der Agudat Jisrael lehnten die Idee eines säkularen jüdischen Staatswesens rigoros ab. Zum einen behielten klassische jüdische Endzeitvorstellungen solch eine Staatsgründung dem Messias vor. Zum anderen fürchteten sie die Zurückdrängung religiöser Traditionen und Autoritäten in einem von säkularen Politikern gelenkten Staatswesen. Gleichzeitig aber sahen sie sich durch die Not der Juden in Europa und deren fortschreitende soziale Ausgrenzung in den 1920er- und 1930er-Jahren gezwungen, das jüdische Siedlungswesen in Palästina zu unterstützen. Dort vereinten sie sich politisch mit konservativen Kräften im sogenannten alten Jischuw, den traditionellen jüdischen Siedlungen, die über die Jahrtausende hin in der Region bestanden hatten, wie etwa in Jerusalem und Hebron.

Mit der Vernichtung des europäischen Judentums in der Schoah gaben schließlich die Vertreter der Aguda ihren Widerstand gegen die Errichtung eines jüdischen Staates auf. Im Zuge der Staatsgründung kam es zu einer (in vielen Teilen vagen) Übereinkunft über die Einhaltung grundlegender religiöser Prinzipien. Sie sind heute als religiöser Status quo bekannt, der umso bedeutender ist, als Israel keine endgültige Verfassung besitzt.

Der religiöse Status quo
Die Richtlinien des religiösen Status quo befassen sich mit grundlegenden Fragen der religiösen Repräsentanz im öffentlichen Raum. So sollten alle Küchen in staatlichen Einrichtungen nach den jüdischen Speisevorschriften betrieben und der Sabbat wie auch die jüdischen Feiertage als offizielle Ruhe- und Feiertage festgelegt werden. Daneben wurde der Fortbestand der religiösen Erziehung zugesagt. So gibt es bis heute, abgesehen vom arabischen Bildungssystem, neben dem staatlich-säkularen ein staatlich-religiöses sowie ein weitgehend autonomes ultraorthodoxes Bildungssystem.

Ein weiterer Punkt beschäftigte sich mit der Zuständigkeit religiöser Gerichtshöfe. Nach Gesetzen, die noch aus Zeiten des Osmanischen Reiches stammen, unterliegt muslimischen, christlichen und jüdischen Gerichtshöfen die Regelung des Personenstands- und Familienrechts. Diese Zuständigkeiten wurden beibehalten – und das mit weitreichenden Folgen: In Israel gibt es bis heute keine zivilen, sondern nur religiöse Eheschließungen. Damit aber bleibt Paaren unterschiedlicher religiöser Herkunft verwehrt, eine Ehe einzugehen. Da jedoch außerhalb Israels geschlossene Ehen vom Staat anerkannt werden, heiraten Paare, die in Israel keine Ehe schließen können, sowie viele säkulare Israelis, die sich dem Einfluss religiöser Gerichte entziehen wollen, zunehmend im Ausland. Eine weitere Möglichkeit ist die eingetragene Lebenspartnerschaft, die auch für gleichgeschlechtliche Paare gilt.

Die Oberhoheit religiöser Gerichtshöfe hat auch negative Folgen für die Stellung der Frau. Dies gilt insbesondere für jüdische und islamische Frauen, da sie keine Gleichstellung gegenüber dem Mann genießen. Eines der drastischsten Beispiele aus dem jüdisch-orthodoxen Bereich etwa ist die Tatsache, dass außer in wenigen Fällen lediglich der Mann den formalen Prozess der Ehescheidung einleiten kann. Dies macht Ehefrauen erpressbar oder bindet sie im Extremfall an eine Ehe, die sie selbst nicht mehr wollen.

Die Bedeutung des religiösen Status quo für die israelische Gesellschaft wird sehr unterschiedlich beurteilt. Während einige diesen als faulen Kompromiss ansehen, der keine Seite zufriedenstellt, erblicken andere darin eine Sozialcharta, die gerade durch ihre Zwiespältigkeit und Ungenauigkeit das Zusammenleben von Religiösen und Säkularen ermöglicht.

Insgesamt wird der Status quo seit den 1980er-Jahren zunehmend in Frage gestellt. Dazu haben die ökonomische Liberalisierung und die Individualisierung ebenso beigetragen wie die in großen Teilen nicht-religiöse Einwanderungswelle aus der ehemaligen Sowjetunion, aber auch der Umstand, dass andere jüdische Strömungen das orthodoxe Monopol auf religiöse Institution zunehmend hinterfragen.