9. November 1918, Berlin. Philipp Scheidemann (mit erhobenem Arm) ruft auf dem Balkon des Reichstagsgebäudes die Republik aus. Möglicherweise wurde diese Szene nach dem Ereignis für die Fotografen nachgestellt. Erstveröffentlichung: Berliner Illustrirte Zeitung vom 24. November 1918

24.8.2018 | Von:
Ernst Piper

Russische Revolution*

Die Russische Revolution 1917 stürzte das Zarenregime und etablierte eine sozialistische Republik. Dabei war Russland das europäische Land, in dem gemäß der marxistischen Theorie eine Revolution am wenigstens zu erwarten und am wenigsten aussichtsreich war.

23. März 1917, Petrograd. Trauerzug auf dem Newski-Prospekt mit Opfern der
Februarrevolution23. März 1917, Petrograd. Trauerzug auf dem Newski-Prospekt mit Opfern der Februarrevolution. (© picture-alliance/dpa)

In Petrograd, wie die russische Hauptstadt St. Petersburg ab 1914 hieß, gab es – ähnlich wie auch in den Städten anderer Krieg führender Staaten – im dritten Jahr des Ersten Weltkrieges Demonstrationen verzweifelter Menschen, die hungerten und immer drängender nach Brot und Frieden verlangten. Das zaristische Russland war den Anforderungen des Krieges weder militärisch noch wirtschaftlich gewachsen. Der ausbleibende Erfolg auf den Schlachtfeldern hatte einen großen Vertrauensverlust in die Führung des Landes und eine wachsende Kriegsmüdigkeit nach sich gezogen.

Am 8. März 1917 brachen in Petrograd Streiks aus, aus denen sich rasch ein Generalstreik entwickelte. Daraufhin erteilte Zar Nikolaus II. den Kosaken, militärisch organisierten Reiterverbänden, den Befehl, gewaltsam gegen die Demonstrierenden vorzugehen. Die Kosaken befolgten diesen Befehl nur zögerlich, dennoch gab es bei den Auseinandersetzungen mehrere Tote. Aber die Menschen ließen sich nicht aufhalten, inzwischen demonstrierten in der ganzen Stadt Hunderttausende und etliche Kosaken verbündeten sich mit ihnen.

Am 12. März schlossen sich auch die Soldaten der Petrograder Garnison dem Aufstand an, der bald die ganze Stadt beherrschte. Am Tag darauf liefen die Truppen, die der Zar nach Petrograd entsandt hatte, ebenfalls zu den Aufständischen über. Die Duma, das 1912 gewählte Parlament, trat nach längerer Pause wieder zusammen und am 15. März musste Nikolaus II. abdanken. 300 Jahre lang hatte die Dynastie der Romanows geherrscht, jetzt war die Zarenherrschaft beendet. Erster Ministerpräsident der Russischen Republik wurde Fürst Georgi Jewgenjewitsch Lwow, der eine provisorische Regierung anführte.

Wladimir Iljitsch Lenin, der wegen seiner gegen die Zarenherrschaft gerichteten Aktivitäten die Jahre zuvor im Schweizer Exil verbracht hatte, bestieg nach intensiven Verhandlungen mit der deutschen Regierung am 9. April in Zürich einen Sonderzug, in dem er und seine Begleiter ohne Kontrollen Deutschland durchqueren konnten. Am späten Abend des 16. April traf er in Petrograd ein. Auf dem Bahnhofsvorplatz erwarteten ihn begeisterte Menschenmassen. Auf einem Panzerwagen stehend hielt er seine erste Rede, die mit den Worten endete: "Es lebe die sozialistische Weltrevolution!"

Lenin hatte sich auf seine Rückkehr intensiv vorbereitet und er war entschlossen, so schnell wie möglich die Kontrolle über die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands (Bolschewiki; SDAPR [B]) zu gewinnen. Bereits am nächsten Tag sprach er vor bolschewistischen Mitgliedern des örtlichen Sowjets "Über die Aufgaben des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution". Diese "Aprilthesen" wurden drei Tage später in der "Prawda", dem Parteiorgan der SDAPR [B], veröffentlicht und enthielten bereits den Kern seines Programms: Alle Macht den Sowjets, Beendigung des Krieges, Enteignung des Großgrundbesitzes, Verstaatlichung der Banken und Bildung einer Nationalbank, Gründung einer revolutionären Internationale sowie Umbenennung der Partei, da der Begriff "Sozialdemokratie" durch die Burgfriedenspolitik der Parteien der Sozialistischen Internationale im Ersten Weltkrieg diskreditiert war.

Am 22. April erschien in der "Prawda" der Artikel "Über Doppelherrschaft", in dem Lenin das Nebeneinander von Duma und Sowjets, d. h. von Parlament und Räten, grundsätzlich kritisierte. Er forderte bereits zu diesem Zeitpunkt den Sturz der Provisorischen Regierung, die sich auf die Duma stützte. Zuvor allerdings müssten die Bolschewiki die Kontrolle über die Räte erlangen, wovon sie zu diesem Zeitpunkt noch weit entfernt waren.

Im Juli 1917 kam es dennoch zu einem ersten spontanen Aufstandsversuch. Er begann am 16. Juli mit der Weigerung eines Maschinengewehrregiments, an die Front zu ziehen. Stattdessen zogen die Soldaten bewaffnet durch die Straßen von Petrograd. Rasch schlossen sich ihnen etwa 500.000 Arbeiter an und am Tag darauf auch 10.000 Matrosen aus Kronstadt, aber der geplante Generalstreik kam nicht zustande und die Koordination zwischen den revolutionären Kräften funktionierte nicht richtig.

Lenin lobte die Aufständischen, vermied es aber, sich in die Sache hineinziehen zu lassen, weil die spontane Erhebung aus seiner Sicht zu ungeplant und undiszipliniert war. Die Erfolgsaussichten waren ungewiss, die Übernahme der Führung durch die Bolschewiki ebenfalls. Dennoch erließ die Regierung nach dem Scheitern des Aufstands am 20. Juli einen Haftbefehl gegen Lenin und beschuldigte ihn, ein Handlanger der deutschen Regierung zu sein. Er musste aus Petrograd fliehen und kehrte erst am 20. Oktober in die Stadt zurück.

Fürst Georgi Jewgenjewitsch Lwow trat infolge des Juliaufstands zurück, sein Nachfolger als Ministerpräsident wurde Alexander Fjodorowitsch Kerenski. Fürs Erste war die Doppelherrschaft tatsächlich beendet, allerdings nicht so, wie Lenin sich das vorgestellt hatte, sondern zugunsten der Regierung. Wie Lwow setzte auch Kerenski den Krieg gegen das Deutsche Reich fort. Das spielte Lenin in die Hände, denn die Kriegsmüdigkeit in der Bevölkerung war enorm groß.

Die Fortführung des Krieges und das gleichzeitige Ausbleiben militärischer Erfolge führten zu einer fortschreitenden Destabilisierung der innenpolitischen Situation. Kerenskis Kalkül, durch eine militärische Offensive gegen die Mittelmächte eine bessere Verhandlungsposition zu erreichen, ging nicht auf und erwies sich als kontraproduktiv. Außerdem ergriff die Regierung keinerlei Initiative, um die Verteilung von Land an die verarmten Bauern voranzubringen. Zwischen den beiden Themen bestand ein Zusammenhang, weil fast alle Soldaten im Zivilberuf Bauern waren, denn eine Industriearbeiterschaft gab es in Russland damals noch kaum. Wenn also das Thema Landverteilung doch einmal auf die Tagesordnung kam, wollten die Soldaten unbedingt dabei sein, was eine entschlossene Weiterführung des Krieges nahezu unmöglich machte.

Nach Lenins Rückkehr ging alles sehr schnell. Am 21. Oktober verfasste er die "Ratschläge eines Außenstehenden", in denen er sehr konkrete Vorschläge für die Machtübernahme machte. Zwei Tage später wurde sein Plädoyer für den bewaffneten Aufstand bei einer konspirativen Nachtsitzung im Zentralkomitee der SDAPR [B] mit zehn zu zwei Stimmen gebilligt. Seine Überzeugung, dass der Aufstand unumgänglich sei und jede Verzögerung den Tod bringen könne, fand am 29. Oktober auch im erweiterten Zentralkomitee der Partei eine Mehrheit. Am 6. November verließ Lenin sein illegales Quartier und begab sich ins Smolny-Institut, wo die Bolschewiki ihr Hauptquartier hatten. Am folgenden Tag gelang es, alle strategisch wichtigen Punkte in der Stadt wie zum Beispiel Brücken und Bahnhöfe zu besetzen, während die Regierung sich im Winterpalais verschanzte. Es fanden sich nur noch wenige Soldaten dazu bereit, die Regierung dort zu verteidigen, sodass der vielzitierte "Sturm auf das Winterpalais" rasch und vergleichsweise unblutig über die Bühne ging. Kerenski hatte die Stadt inzwischen verlassen, ansonsten befand sich die gesamte Provisorische Regierung, die am 15. März gebildet worden war, nun in den Händen der Bolschewiki.

Auf dem zweiten Allrussischen Sowjetkongress, der am 7. November eröffnet wurde, waren die Bolschewiki sehr viel stärker vertreten als auf dem ersten Kongress fünf Monate zuvor. Sie hatten zwar keine Mehrheit, profitierten aber in erheblichem Maß von der Uneinigkeit ihrer Gegner. Die Delegierten vom linken Flügel der Sozialrevolutionäre kooperierten mit den Bolschewiki, während andererseits viele Menschewiki und die gemäßigten Sozialrevolutionäre den Kongress unter Protest verließen, als sie erfuhren, dass die Mitglieder der Provisorischen Regierung verhaftet worden waren. An deren Stelle trat der Rat der Volkskommissare, dessen Vorsitz Lenin übernahm. Die Leitung der einzelnen Ministerialverwaltungen übernahmen Kommissare anstelle der verhafteten Minister. Für auswärtige Angelegenheiten war Leo Trotzki zuständig, für Nationalitätenfragen Josef Stalin.

Kontrolliert werden sollte der Rat der Volkskommissare von dem Allrussischen Kongress der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte und von dessen zentralem Exekutivkomitee. Der Kongress verabschiedete am 8. November 1917 zwei vorbereitete Dekrete, die die beiden drängendsten Probleme betrafen. Im "Dekret über den Frieden" schlug "die Arbeiter- und Bauernregierung, die durch die Revolution vom 6./7. November geschaffen wurde", den Krieg führenden Staaten sofortige Friedensverhandlungen vor. Das "Dekret über Grund und Boden" verfügte die entschädigungslose Enteignung der Gutsbesitzer. Es sollte kein Privateigentum an Grund und Boden mehr geben. Das gesamte Land sollte in Volkseigentum übergehen und denen zur Verfügung gestellt werden, die es bewirtschafteten.

Der Kongress verlief nach einem erstaunlich präzisen Drehbuch und war nach zwei Tagen schon wieder zu Ende. Die Delegierten sangen gemeinsam "Die Internationale" und fuhren danach wieder nach Hause. Der Umsturz war "militärisch schon vollzogen, bevor er politisch überhaupt begonnen hatte" (Manfred Hildermeier).

War die Februarrevolution eine wirkliche Revolution gewesen, ein Regimewechsel, der von den demonstrierenden Volksmassen erzwungen worden war, so war die Oktoberrevolution ein genau geplanter Militärputsch. Im Handstreich hatten die Bolschewiki die Macht übernommen, obwohl sie außerhalb von Petrograd und Moskau zu dieser Zeit noch nicht viel Rückhalt besaßen. Das zeigte sich schon am 25. November, als die noch von der Provisorischen Regierung angesetzte Wahl der Konstituante, der Verfassunggebenden Versammlung, stattfand. Nur in den genannten beiden Städten erreichten die Bolschewiki die Mehrheit der Stimmen, während auf dem Land die Sozialrevolutionäre dominierten. Insgesamt entfielen auf die Bolschewiki 168 von 707 Mandaten. Daraufhin versuchten sie, die Konstituierung des neu gewählten Parlaments zu verschieben. Als das nicht länger möglich war, verabschiedete das Allrussische Zentrale Exekutivkomitee ein Dekret über die Auflösung der Konstituante, das klar machte, dass die Sowjets keine Macht neben sich dulden würden. Sie wollten keine Doppelherrschaft, der Parlamentarismus sollte abgeschafft, die Gewaltenteilung aufgehoben werden.

Die liberalen Parteien wurden sehr bald verboten, etwas später auch die mit den Bolschewiki konkurrierenden linken Gruppierungen. Demonstrationen zur Unterstützung der Konstituante wurden blutig unterdrückt. In dem am 10. Juli 1918 verabschiedeten Grundgesetz der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik war die "Diktatur des städtischen und ländlichen Proletariats und der ärmsten Bauernschaft in der Form der mächtigen gesamtrussischen Sowjetmacht zur völligen Niederhaltung der Bourgeoisie" festgeschrieben. Bereits am 20. Dezember 1917 wurde die neue Geheimpolizei Tscheka gegründet, die rücksichtslos gegen politische Gegner der sowjetischen Regierung vorging. Der Beschluss über den Roten Terror vom 5. September 1918, der bewusst an die "Terreur" der Französischen Revolution anknüpfte, schuf die Grundlage für die systematische Vernichtung der antibolschewistischen Opposition. Er brach mit der Tradition der Sozialistischen Internationale, die die Todesstrafe stets abgelehnt hatte. Bis zum Ende des Bürgerkrieges 1922 kamen hunderttausende Menschen ums Leben.