World Cup 2014 – Ankunft der Nationalmannschaft. Helene Fischer steht singend mit einem Mikrofon vor der deutschen Nationalmannschaft.

14.10.2019 | Von:
Jannis Panagiotidis
Robert Kindler
René Kreichauf
Laura Sūna
Gesine Wallem
Anna Flack
Kornelius Ens
Viktor Krieger
Natalja Salnikova
Rita Sanders

(Spät-)Aussiedler aus den postsowjetischen Staaten

Russlanddeutsche stellen den größten Anteil der (Spät-)Aussiedler dar. Ihre strukturelle Integration gilt inzwischen als gelungen. ihre Lebenswirklichkeit ist geprägt von Teilhabe an der bundesdeutschen Gesellschaft bei einem gleichzeitigen Bewusstsein um die eigene Herkunft und fortbestehender emotionaler und kultureller Verbundenheit zur "alten Heimat".

Zarin Katharina II. (die Große) als Gesetzgeberin.
Gemälde von Dimitri Grigorjewitsch Lewizki.Zarin Katharina II. (die Große) als Gesetzgeberin. Gemälde von Dimitri Grigorjewitsch Lewizki. (© akg-images)

Die zahlenmäßig größte und bis heute sichtbarste Gruppe von (Spät-)Aussiedlern sind die sogenannten Russlanddeutschen und ihre Angehörigen. Anders, als die Bezeichnung Russlanddeutsche nahelegt, stammen sie nicht nur aus dem Gebiet der Russischen Föderation, sondern sind in vielen Fällen auch aus anderen postsowjetischen Staaten, vor allem Kasachstan, in die Bundesrepublik eingewandert.

Geschichte der Russlanddeutschen

Jannis Panagiotidis

Als "Russlanddeutsche" werden die Nachfahren von Siedlern aus dem deutschsprachigen Mitteleuropa bezeichnet, die sich seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in verschiedenen Regionen des Russischen Reiches niedergelassen hatten. Als Sammelbezeichnung gibt es diesen Begriff erst seit dem 20. Jahrhundert. Zuvor standen die konfessionellen und regionalen Unterschiede zwischen den evangelischen, katholischen und mennonitischen Kolonisten an der Wolga, im Schwarzmeergebiet, in Wolhynien, im Kaukasus und in anderen Regionen des Russischen Reiches im Vordergrund. Hinzu kamen die deutschsprachigen Bewohnerinnen und Bewohner von Städten wie Moskau und St. Petersburg.

Die Vorstellung eines einheitlichen "Russlanddeutschtums" war gleichermaßen Produkt der sowjetischen Nationalitätenpolitik wie der deutsch-völkischen Vorstellungen der Zwischenkriegszeit. Die geteilte Verfolgungs- und Diskriminierungserfahrung vor allem in der Zeit während und nach dem Zweiten Weltkrieg führte zur Entstehung einer realen russlanddeutschen "Schicksalsgemeinschaft". Heute lebt der Großteil der Nachfahren der Kriegsgeneration als (Spät-)Aussiedler in der Bundesrepublik Deutschland.

Die Geschichte der Russlanddeutschen ist eine Geschichte von intensiver Mobilität in Raum und Zeit – eine Migrationserfahrung über mehrere Generationen. Auf die ursprüngliche Ansiedlung in den weitgehend autonomen und durch den russischen Staat privilegierten Kolonien im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert folgten Wanderungen innerhalb des Russischen Reiches und jenseits seiner Grenzen.

1763 erließ die Zarin Katharina die Große ein Manifest, das ausländische Siedler insbesondere aus dem vom Siebenjährigen Krieg betroffenen deutschsprachigen Mitteleuropa anzog. Diese ließen sich an der Wolga nieder. Ab den 1780er-Jahren entstanden dann auch deutschsprachige Ansiedlungen (Kolonien) im Schwarzmeergebiet (heutige Ukraine und Südrussland), welches das Russische Reich in den Jahren zuvor erobert hatte. Gemeinsam war den Siedlern der Wolga- und Schwarzmeerkolonien, dass sie umfangreiche Privilegien und Autonomierechte genossen, darunter Landbesitz (den leibeigene russische Bauern nicht hatten), dreißigjährige Steuerfreiheit, Religionsfreiheit und Freistellung von der Wehrpflicht.

Quellentext

Manifest der Zarin Katharina II. vom 22. Juli 1763

Von Gottes Gnaden Wir Catharina die Zweite, Zarin und Selbstherrscherin aller Reußen zu Moskau, Kiew, Wladimir, Nowgorod, Zarin zu Casan, Zarin zu Astrachan, Zarin zu Sibirien, Frau zu Pleskau und Großfürstin zu Smolensko, Fürstin zu Esthland und Lifland, Carelien, Twer, Jugorien, Permien, Wjatka und Bolgarien und mehr anderen; Frau und Großfürstin zu Nowgorod des Niedrigen Landes, von Tschernigow, Resan, Rostow, Jaroslaw, Belooserien, Udorien, Obdorien, Condinien, und der ganzen Nord-Seite, Gebieterin und Frau des Jurischen Landes, der Cartalinischen und Grusinischen Zaren und Cabardinischen Landes, der Tscherkessischen und Gorischen Fürsten und mehr anderen Erb-Frau und Beherrscherin. […]

Verstatten Wir allen Ausländern, in Unser Reich zu kommen, um sich in allen Gouvernements, wo es einem jeden gefällig, häuslich niederzulassen. […]

Damit aber die Ausländer, welche sich in Unserem Reiche niederzulassen wünschen, gewahr werden müssen, wie weit sich Unser Wohlwollen zu ihrem Vorteile und Nutzen erstrecke, so ist, dieser Unser Wille:
  1. Gestatten Wir allen in Unser Reich ankommenden Ausländern unverhindert die freie Religions-Übung nach ihren Kirchen-Satzungen und Gebräuchen; denen aber, welche nicht in Städten, sondern auf unbewohnten Ländereyen sich besonders in Colonien oder Landflecken nieder zu lassen gesonnen sind, erteilen Wir die Freyheit, Kirchen und Glocken-Türme zu bauen und dabey nöthige Anzahl Priester und Kirchendiener zu unterhalten, nur einzig den Klosterbau ausgenommen. […]
  2. Soll keiner unter solchen zur häuslichen Niederlassung nach Rußland gekommene Ausländer an unsere Cassa die geringsten Abgaben zu entrichten, und weder gewöhnliche oder außerordentliche Dienste zu leisten gezwungen, noch Einquartierung zu tragen verbunden, sondern mit einem Worte, es soll ein jeder von aller Steuer und Auflagen folgendermaßen frey sein: diejenigen nehmlich, welche in vielen Familien und ganzen Colonien eine bisher noch unbekannte Gegend besetzen, genießen dreyßig Frey-Jahre; die sich aber in Städten niederlassen und sich entweder in Zünften oder unter der Kaufmannschaft einschreiben wollen, […] haben fünf FreyJahre zu genießen. […]
  3. Allen zur häuslichen Niederlassung nach Rußland gekommenen Ausländern, die entweder zum Kornbau und anderer Handarbeit, oder aber Manufacturen, Fabriken und Anlagen zu errichten geneigt sind, wird alle hülfliche Hand und Vorsorge dargeboten […].
  4. Zum Häuser-Bau, zu Anschaffung verschiedener Gattung im Hauswesen benöthigten Viehes, und zu allerley wie beym Ackerbau, also auch bey Handwerken, erforderlichen Instrumenten, Zubehöre und Materialien, soll einem jeden aus unserer Cassa das nöthige Geld ohne alle Zinsen vorgeschossen, sondern lediglich das Kapital, und zwar nicht eher als nach Verfließung von zehn Jahren zu gleichen Theilen gerechnet, zurück gezahlt werden.
  5. Wir überlassen denen sich etablirten ganzen Colonien oder Landflecken die innere Verfassung der Jurisdiction ihrem eigenen Gutdünken, solcher-gestalt, daß die von Uns verordneten obrigkeitlichen Personen an ihren inneren Einrichtungen gar keinen Antheil nehmen werden, im übrigen aber sind solche Colonisten verpflichtet, sich Unserem Civil-Recht zu unterwerfen. […].
  6. Einem jeden Ausländer, der sich in Rußland niederlassen will, gestatten Wir die völlige zollfreie Einfuhr seines Vermögens, es bestehe dasselbe worinn es wolle, jedoch mit dem Vorbehalte, daß solches Vermögen in seinem eigenen Gebrauche und Bedürfnis, nicht aber zum Verkaufe bestimmt sey. […].
  7. Solche in Rußland sich niederlassende Ausländer sollen während der ganzen Zeit ihres Hierseins, außer dem gewöhnlichen Land-Dienste, wider Willen weder in Militär noch Civil-Dienst genommen werden; ja auch zur Leistung dieses Land-Dienstes soll keines eher als nach Verfließung obangesetzter Freyjahre verbunden seyen: […]
  8. Sobald sich Ausländer in der für sie errichteten Tütel-Canzley oder sonst in Unsern Gränz-Städten gmeldet und ihren Entschluß eröffnet haben, in das Innerste des Reiches zu reisen, und sich daselbst häuslich niederzulassen, so bald werden selbige auch Kostgeld, nebst freyer Schieße an den Ort ihrer Bestimmung bekommen.
  9. Wer von solchen in Rußland sich etablirten Ausländern dergleichen Fabriken, Manufacturen und Anlagen errichtet, und Waaren daselbst verfertigt, welche bis dato in Rußland noch nicht gewesen, dem gestatten Wir, dieselben Zehn Jahre hindurch, ohne Erlegung irgend einigen inländischen See- oder Gränze-Zolles frey zu verkaufen, und aus Unserm Reiche zu verschicken.
  10. Ausländische Capitalisten, welche auf ihre eigenen Kosten in Rußland Fabriken, Manufacturen und Anlagen errichten, erlauben Wir hiermit zu solchen ihren Manufacturen, Fabriken und Anlagen erforderliche leibeigene Leute und Bauern zu erkaufen. Wir gestatten auch:
  11. Allen in Unserm Reiche sich in Colonien oder Landflecken niedergelassenen Ausländern, nach ihrem eigenen Gutdünken Markt-Tage und Jahrmärkte anzustellen, ohne an Unsere Cassa die geringsten Abgaben oder Zoll zu erlegen.
Aller obengenannten Vorteile und Einrichtung haben sich nicht nur diejenigen zu erfreuen, die in Unser Reich gekommen sind, sich häuslich nieder zu lassen, sondern auch ihre hinterlassene Kinder und Nachkommenschaft, wenn sie auch gleich in Rußland geboren, solchergestalt, daß ihre Freyjahre von dem Tage der Ankunft ihrer Vorfahren in Rußland zu berechnen sind.

Nach Verfließung obangesetzter Freyjahre sind alle in Rußland sich niedergelassene Ausländer verpflichtet, die gewöhnlichen und mit gar keiner Beschwerlichkeit verknüpften Abgiften zu entrichten, und gleich Unsern anderen Unterthanen, Landes-Dienste zu leisten. […]

Gegeben zu Peterhof, im Jahre 1763 den 22ten Juli, im Zweyten Jahre Unserer Regierung

Das Original haben Ihre Kayserliche Majestät Allerhöchst eigenhändig folgendergestalt unterschrieben:

Gedruckt beym Senate den 25. Juli 1763

www.russlanddeutschegeschichte.de/geschichte/teil1/abwerbung/manifest22.htm

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden neue deutsche Kolonien im Kaukasus. In den 1870er-Jahren, als die Privilegien der Kolonien im Zuge der Großen Reformen des Zaren Alexander II. aufgehoben wurden und eine stärkere "Integration" der Kolonisten in die russische Gesellschaft angestrebt wurde, begann die Emigration von Russlanddeutschen aller Konfessionen nach Nord- und Südamerika. Ihre Nachkommen identifizieren sich zum Teil bis heute mit ihrer Herkunft und ihrem kulturellen Erbe als "Russlanddeutsche", "Wolgadeutsche" oder "Schwarzmeerdeutsche". Ab den 1890er-Jahren entstand eine Vielzahl neuer deutscher Dörfer in Sibirien und Kasachstan. Es handelte sich um Gebiete, welche damals verstärkt vom Russischen Reich erschlossen wurden. Russlanddeutsche migrierten also in westliche und östliche Richtung.

Die gewaltvollen Krisenjahre in Russland von 1914 bis 1921 markierten einen Wendepunkt in der Geschichte der Russlanddeutschen. Im Ersten Weltkrieg wurden sie aufgrund ihrer deutschen Herkunft und der daraus gefolgerten Sympathie für den Kriegsgegner von der zarischen Regierung als "innerer Feind" angesehen und verschiedenen Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt. Dazu gehörten Enteignungen und Deportationen. Nach der Revolution 1917, in Folge des Russischen Bürgerkriegs und der großen Hungersnot an der Wolga 1921/22, emigrierten gut 120.000 Russlanddeutsche nach Deutschland und in vielen Fällen von dort weiter nach Amerika.

Die große Mehrzahl der Russlanddeutschen blieb jedoch im Land und erlebte zunächst eine erneute Phase von relativer Autonomie im Rahmen der leninistischen Politik der kulturellen Förderung nationaler Minderheiten. In diesem Zusammenhang erfolgte im Jahr 1924 die Gründung der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik (ASSR) der Wolgadeutschen. Im Zuge der Verschärfung der stalinistischen Herrschaft in den 1930er-Jahren gerieten die Deutschen, wie auch andere "Diasporaminoritäten", jedoch wieder zunehmend unter Druck und wurden Opfer gezielter "Operationen" – also massenhafter Inhaftierung und Ermordung – im Rahmen des "Großen Terrors" der Jahre 1937/38.

Der Zweite Weltkrieg setzte die zu jener Zeit im Lande verbliebenen circa 1,4 Millionen Russlanddeutschen endgültig in Bewegung. Etwa 900.000 von ihnen, die an der Wolga, auf der Krim, im Kaukasus und im Süden Russlands lebten, wurden kurz nach dem deutschen Überfall ab Ende August 1941 nach Osten deportiert; die ASSR der Wolgadeutschen wurde abgeschafft.

Quellentext

Erlaß des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR „Über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Volga-Rayons leben“

Entsprechend glaubwürdigen Nachrichten, die die Militärbehörden erhalten haben, befinden sich unter der in den Volga-Rayons lebenden deutschen Bevölkerung Tausende und Zehntausende von Diversanten und Spionen, die nach einem aus Deutschland gegebenen Signal in den von den Wolgadeutschen besiedelten Rayons Sprenganschläge verüben sollen.

Über die Anwesenheit einer so großen Zahl von Diversanten und Spionen unter den Wolgadeutschen hat den Sowjetbehörden keiner der in den Volga-Rayons ansässigen Deutschen gemeldet, folglich verbirgt die deutsche Bevölkerung der Volga-Rayons in ihrer Mitte Feinde des Sowjetvolkes und der Sowjetmacht.

Im Falle von Diversionsakten, die auf Weisung aus Deutschland durch deutsche Diversanten und Spione in der Republik der Wolgadeutschen oder in den Rayons ausgeführt werden sollen, und im Falle, daß es zum Blutvergießen kommen wird, wird die Sowjetregierung entsprechend den zur Kriegszeit geltenden Gesetzen gezwungen sein, Strafmaßnahmen zu ergreifen.

Um aber unerwünschte Ereignisse dieser Art zu vermeiden und ernsthaftes Blutvergießen zu verhindern, hat das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR es für notwendig befunden, die gesamte deutsche Bevölkerung, die in den Volga-Rayons ansässig ist, in andere Rayons umzusiedeln, und zwar derart, daß den Umzusiedelnden Land zugeteilt und bei der Einrichtung in den neuen Rayons staatliche Unterstützung gewährt werden soll.

Für die Ansiedlung sind die an Ackerland reichen Rayons der Gebiete Novosibirsk und Omsk, der Region Altaj, Kazachstans und weitere benachbarte Gegenden zugewiesen worden.

Im Zusammenhang damit ist das Staatliche Verteidigungskomitee angewiesen worden, die Umsiedlung aller Wolgadeutschen und die Zuweisung von Grundstücken und Nutzland an die umzusiedelnden Wolgadeutschen in den neuen Rayons unverzüglich in Angriff zu nehmen.

Der Vorsitzende des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR
Gez. M. Kalinin

Der Sekretär des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR
Gez. A. Gorkin

Moskau, Kreml,
28. August 1941

Alfred Eisfeld/Victor Herdt, Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee: Deutsche in der Sowjetunion 1941 bis 1956, Köln 1996, S. 54 f.

Die Deportation beendete die hergebrachte Existenz der Kolonien und zerstörte mittelfristig Kultur und Sprache der Russlanddeutschen, da ihnen die Strukturen zu ihrem Erhalt genommen worden waren. Auf die Umsiedlung folgte für gut 350.000 Russlanddeutsche – Männer und Frauen – der Einzug in die sogenannte Arbeitsarmee (Trudarmija), wo sie Zwangsarbeit leisten mussten. Deportation und Arbeitseinsatz forderten laut dem Historiker Viktor Krieger gut 150.000 Todesopfer.

Die circa 340.000 Deutschen im Schwarzmeergebiet blieben hingegen zunächst von der Deportation verschont und gerieten unter deutsche Besatzungsherrschaft. In den Jahren 1943/44 wurden sie von den NS-Behörden in die von NS-Deutschland annektierten Teile Polens (den "Warthegau") umgesiedelt. Von dort flohen sie gegen Kriegsende vor der vorrückenden Roten Armee nach Westen. Die Mehrzahl von ihnen, bis zu 280.000 Personen, wurde von den sowjetischen Behörden "repatriiert". Das bedeutete Verbannung in dieselben Gebiete, in denen schon die Deportierten von 1941 als "Sondersiedler" lebten.

In der Verbannung entstand die "Schicksalsgemeinschaft" der Russlanddeutschen – in den Worten des ungarischen Schriftstellers György Dalos "eine homogene graue Masse, deren Kitt ihre ethnische Zugehörigkeit war. […] Es entstand ein merkwürdiges Deutschtum, ein Volk, aber keine Nationalität im Sinne der sowjetischen Gesetze – ein Volk, dessen Heimat statt der geografischen die imaginäre Bezeichnung ‚spezposelenije‘, Sondersiedlung, trug."

Bis 1955 lebten die verbannten Russlanddeutschen unter einem extrem restriktiven Mobilitätsregime, der sogenannten Kommandantur (Sonderkommandantur), welches sie zwang, an ihren Verbannungsorten zu bleiben. Nach Ende der Kommandantur migrierten viele zunächst innerhalb des asiatischen Teils der Sowjetunion, beispielsweise in die damals verstärkt besiedelten "Neuland"-Gebiete in Kasachstan. Die Russlanddeutschen wurden Teil der sich neu formierenden post-stalinistischen sowjetischen Gesellschaft. Viele heirateten Angehörige anderer Nationalitäten. Im Zuge dieser Integrationsprozesse und mangels Möglichkeiten, die deutsche Sprache in der Schule zu lernen, wurde das Russische zunehmend die dominante Sprache der jüngeren Generationen.

Trotzdem blieb ein Eigenbewusstsein als Deutsche erhalten – wegen der erlebten Verfolgung und zum Teil andauernden Stigmatisierung, aber auch wegen der Eintragung "nemec" (Deutscher) im sowjetischen Inlandspass. Delegationen von Aktivisten bemühten sich wiederholt durch Vorsprache im Kreml um die Wiederherstellung der Autonomen Republik an der Wolga. Andere kämpften um ihr Recht, in die Bundesrepublik Deutschland (oder auch in die DDR) auszureisen, was oft mit gravierenden persönlichen Nachteilen wie dem Verlust der Arbeitsstelle einherging.
Aussiedlung aus der UdSSR / GUS (© Bundesverwaltungsamt)

Zu Ausreisen in die Bundesrepublik kam es in größerer Zahl erst in den 1970er-Jahren. Diejenigen russlanddeutschen Umsiedler, die nach dem Krieg in Westdeutschland heimisch geworden waren, wurden dabei zum Anlaufpunkt für ihre in der Sowjetunion lebenden Verwandten, da die Aussiedlung von dort während des Kalten Krieges nur als Familienzusammenführung möglich war. Die Mehrheit der Russlanddeutschen konnte aber erst nach der Öffnung der sowjetischen Grenzen für Ausreisende im Zuge der Perestroika und nach dem Zerfall der Sowjetunion emigrieren – von 1987 bis heute circa 2,4 Millionen Menschen. Sie waren zentraler Bestandteil der postsowjetischen Migration, an der sich vor allem ethnische Minderheiten beteiligten. Neben den Deutschen waren dies vor allem auch Juden, die in ihrer Mehrzahl nach Israel, in die USA und als sogenannte Kontingentflüchtlinge auch nach Deutschland emigrierten. Gegenwärtig leben nur noch circa 400.000 Menschen, die sich selbst als Deutsche identifizieren, in der Russischen Föderation und weitere circa 180.000 in Kasachstan, den Hauptsiedlungsgebieten der Russlanddeutschen in der Nachkriegszeit.


Einflüsse und Prägungen: die Russlanddeutschen in der Sowjetunion

Robert Kindler

Die Geschichte der Russlanddeutschen in der Sowjetunion wird von zwei Themen dominiert: den Erfahrungen von Unterdrückung im Stalinismus, also in der Zeit der Herrschaft Stalins von 1927 bis 1953, einerseits und der Auswanderung ab Mitte der 1980er-Jahre andererseits. Sowohl die Zwangsdeportationen nach Zentralasien und Sibirien während des Zweiten Weltkriegs als auch die Emigration in die Bundesrepublik nehmen in den Erinnerungen von Russlanddeutschen und in der Geschichtswissenschaft einen festen Platz ein. Zahlreiche Memoiren und wissenschaftliche Studien belegen, wie traumatisch der Staatsterror für russlanddeutsche Gemeinschaften war: In bitterer Armut und unter ständiger Kontrolle mussten sie jahrelang um ihre Existenz ringen. Auch über Umstände und Verlauf der Auswanderung in die "historische Heimat" Deutschland liegen differenzierte Studien vor. Deportation und Auswanderung sind von zentraler Bedeutung, wenn Prägungen und Erfahrungen der Russlanddeutschen verständlich werden sollen. Beide Themen sind feste Bestandteile der russlanddeutschen "Meistererzählung" vom "Volk auf dem Weg".

Die Erfahrungen, die Russlanddeutsche im Stalinismus machten, waren Teil der bitteren sowjetischen Normalität jener Jahre. Auch andere ethnische und soziale Gruppen wurden kollektiv zu "Feinden" erklärt und in entlegene Regionen deportiert. Im kollektiven Gedächtnis und in historischen Arbeiten zum Schicksal der Russlanddeutschen wurde dieser Umstand bislang jedoch kaum gewürdigt. Dies mochte nicht zuletzt daran liegen, dass aus den geteilten Erfahrungen von Unfreiheit und Zwang keine gemeinsame Opferidentität erwuchs. Jede Gruppe blieb mit dem Erbe der erfahrenen Unterdrückung auf sich allein gestellt. In der Sowjetunion bedeutete dies vor allem zu schweigen.

Als es im Zuge von Perestroika und Glasnost möglich wurde, über den Terror und damit auch über die Deportationen zu sprechen, gab es eine kurze Phase der Aufmerksamkeit für diese Themen, doch bald interessierte sich in der zerfallenden Sowjetunion kaum noch jemand für die Opfer des Stalinismus. Das Schweigen der meisten Opfer hält daher bis heute an. Im Unterschied dazu konnten die Russlanddeutschen ihre Geschichte in Deutschland artikulieren und fanden damit – zumindest zeitweise – durchaus Gehör. Zugleich festigten sie damit ein (Selbst-)Bild russlanddeutscher Identität, das maßgeblich von Unterdrückung bestimmt war.

Im Gegensatz dazu spielen die rund drei Jahrzehnte, die zwischen dem Ende der stalinschen Zwangsmaßnahmen und dem Beginn der Massenauswanderung lagen, weder in russlanddeutschen Erinnerungsdiskursen noch in historischen Arbeiten eine nennenswerte Rolle. In letzteren wird häufig beklagt, dass dies vor allem eine Zeit des "Verlustes" deutscher Sprachkompetenzen und "deutscher Kultur" gewesen sei. Doch die Geschichte der Russlanddeutschen in der späten Sowjetunion lässt sich auch anders erzählen: als eine Geschichte der Integration und des sozialen Aufstiegs. Es waren gerade die 1960er- bis 1980er-Jahre, in denen Russlanddeutsche versuchten, Teil der sowjetischen Nachkriegsgesellschaft zu werden. Den meisten unter ihnen ging es dabei darum, sich in der sowjetischen Normalität zu behaupten und sich mit dem politischen und gesellschaftlichen System zu arrangieren.

Der Staat belohnte Anpassung und das Verschweigen der Unterdrückungserfahrungen mit Chancen zum sozialen Aufstieg, einem – wenngleich bescheidenen – Wohlstandsversprechen und vor allem mit politischer Stabilität. Aus der Perspektive einer Bevölkerung, die sich noch sehr gut an die Verfolgungen und den Terror im Stalinismus erinnern konnte, war das ein attraktives Angebot. Die Russlanddeutschen stellten hier keine Ausnahme dar. Insofern wurden sie in ihrer übergroßen Mehrheit zu ganz normalen Sowjetbürgern.

Zu diesem Normalisierungsprozess gehörte es auch, dass die deutsche Nationalität für viele Russlanddeutsche an Bedeutung verlor und sich Milieus "verflüssigten", etwa durch eine immer stärker werdende Zuwanderung in die Städte oder durch häufig vorkommende gemischtnationale Eheschließungen. Damit einher ging eine zunehmende sprachliche Russifizierung, denn Russisch war in der Sowjetunion die Sprache der Städte und des sozialen Aufstiegs.

Nur eine verschwindend geringe Minderheit unter den Deutschen setzte sich aktiv für deutsche Autonomierechte innerhalb der Sowjetunion ein. Auch wenn sie damit keinen Erfolg hatten, erreichten die Aktivisten doch, dass Deutsche in der Sowjetunion in vielerlei Hinsicht ähnlich behandelt wurden wie andere nationale Minderheiten auch: So gab es etwa deutsche Zeitungen, Kulturensembles und ein Theater. Die Russlanddeutschen nutzten damit jene begrenzten Freiräume, die der spätsowjetische Staat seinen Untertanen gewährte, solange sie das System nicht grundsätzlich in Frage stellten. Dies galt letztlich auch für religiöse Praktiken, wenn sie auf den privaten Bereich beschränkt blieben.

Als sich seit den 1980er-Jahren die Grenzen für die Russlanddeutschen nach Westen hin öffneten, kamen Menschen mit sehr unterschiedlichen biografischen Erfahrungen nach Deutschland. Während die Älteren oft durch eigene Erfahrungen von Unterdrückung geprägt worden waren, hatte die Mehrheit der Ankömmlinge mittleren Alters ein typisch sowjetisches Leben hinter sich. Diese Dimension russlanddeutscher Kollektividentität ist jedoch bis heute wenig diskutiert worden.