World Cup 2014 – Ankunft der Nationalmannschaft. Helene Fischer steht singend mit einem Mikrofon vor der deutschen Nationalmannschaft.

14.10.2019 | Von:
Marius Otto

(Spät-)Aussiedler aus Polen

Bis 1989 stellten Zuwandernde aus Polen, speziell aus der Grenzregion Oberschlesien, die größte Gruppe der Aussiedler nach Deutschland. Ihre Lebenswelt bewegt sich dauerhaft in einem Spannungsfeld aus Integration in den deutschen Lebensalltag, regionaler Verbundenheit zu Oberschlesien und Sozialisierung in Polen.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs verschieben sich die polnischen Grenzen auf Beschluss der Siegermächte westwärts. Circa sieben Millionen Deutsche müssen bis 1947 die nun zu Polen gehörenden Gebiete verlassen. Vertriebene aus Niederschlesien im März 1946Nach Ende des Zweiten Weltkriegs verschieben sich die polnischen Grenzen auf Beschluss der Siegermächte westwärts. Circa sieben Millionen Deutsche müssen bis 1947 die nun zu Polen gehörenden Gebiete verlassen. Vertriebene aus Niederschlesien im März 1946. (© akg-images)

Migration zwischen Deutschland und Polen

Die Migration zwischen Polen und Deutschland hat seit dem Mittelalter eine lange Tradition. Die Zahl der Menschen mit polnischer Herkunft in Deutschland beträgt heutzutage schätzungsweise zwei Millionen, wobei diese Personen in unterschiedlichen Phasen unter jeweils anderen politischen und rechtlichen Voraussetzungen nach Deutschland gekommen sind.

Die Komplexität der deutsch-polnischen Migration liegt darin, dass sie durch politische Diskontinuitäten geprägt war. Ein Großteil des heutigen Staates Polen hat seine nationalstaatliche Zugehörigkeit mehrfach gewechselt, der polnische Staat wurde zeitweilig sogar aufgelöst. Häufige Grenzverschiebungen und die damit verbundene Unsicherheit der Bevölkerung über die staatliche Zugehörigkeit förderten fortwährend die Migration zwischen den Nationalstaaten, deren räumliche Ausprägungen immer wieder neu ausgehandelt wurden.

Erste größere Wanderungen zwischen den heute deutschen und polnischen Gebieten fanden im Rahmen der deutschen Ostkolonisation im Hochmittelalter statt. In Pommern und Schlesien beispielsweise stellten die deutschen Siedler im Laufe der Zeit die Bevölkerungsmehrheit. Ab Ende des 14. Jahrhunderts bildete sich ein litauisch-polnischer Unionsstaat, der bis zum 18. Jahrhundert Einfluss und Macht im östlichen Europa hatte. Sein Ende führte zur Aufteilung der Territorien unter den Nachbarstaaten Preußen, Österreich und Russland (Teilungen Polens 1772–1795).

In der Folgezeit wanderten bis 1914 aufgrund hohen Bevölkerungswachstums und verstärkter Armut in den Teilungsgebieten Polens 3,5 Millionen Menschen aus. In der Zwischenkriegszeit folgten weitere 1,5 Millionen. Das damalige Deutsche Reich war neben den USA, Frankreich und Kanada ein wichtiges Migrationsziel. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg wanderten aus den preußischen Ostprovinzen zudem Bergarbeiter – "Ruhrpolen" genannt – in den Rhein-Ruhr-Raum aus.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der polnische Staat nach Auseinandersetzungen um Grenzfragen neu gegründet. Doch bereits 1939 wurde er nach dem Einmarsch der deutschen und sowjetischen Armee unter den Besatzungsmächten erneut aufgeteilt. Im Rahmen der Neugründung Polens nach dem Zweiten Weltkrieg verschoben sich die polnischen Grenzen westwärts. Dies hatte die Vertreibung der Deutschen aus den ehemaligen deutschen Gebieten und später die Aussiedlermigration zur Folge.

Migration von Vertriebenen und Aussiedlern nach 1945
Das Ende des Zweiten Weltkrieges markiert den Beginn der für die Migration zwischen Deutschland und Polen so bedeutenden Wanderung von Vertriebenen und später von Aussiedlern. Ab 1944/45 übernahm die "Polnische Arbeiterpartei" die Macht und leitete den Übergang Polens in die sozialistische Ära ein. Aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten wurden zunächst bis Ende der 1940er-Jahre als "deutsch" eingestufte Personen vertrieben.

Mit Abschluss der Vertreibungen Ende der 1940er-Jahre änderten sich die Rahmenbedingungen für die Migration. Ausreisen wurden von der Regierung in Polen erschwert bzw. verwehrt, weil sie nicht zur polnischen Nationalitätenpolitik passten. Die polnische Verwaltung verfolgte das Ziel, die nach 1945 neu hinzugewonnenen Gebiete zu "repolonisieren". Sie sah ihre Aufgabe darin, die "polnisch autochthone Bevölkerung" zu "verifizieren" und damit eine möglichst homogene polnische Bevölkerung zu schaffen.

Gewöhnlich reichten für eine Verifizierung Sprachkompetenz in Polnisch oder polnisch klingende Nachnamen. Viele Menschen, die sich nicht Polen, sondern Deutschland zugehörig fühlten oder vor allem eine regionale Zugehörigkeit empfanden, wählten aufgrund möglicher Diskriminierungen und mit dem Wunsch, bleiben zu dürfen, den Weg der Verifizierung. Aus diesem Grund war der in der Folgezeit massiv auftretende Wunsch vieler Menschen, unter anderem nach Deutschland auszureisen, ein politisches Problem, denn offiziell hatte sich die verifizierte Bevölkerung zum polnischen Nationalstaat bekannt.

Quellentext

Die Region Oberschlesien in Polen

Die Region Oberschlesien (Go´rny Sla˛sk) im Süden Polens ist ein gutes Beispiel für eine Region, die immer wieder durch Grenzverschiebungen geprägt war. Daraus ergab sich ein mehrfacher Wechsel der nationalstaatlichen Zugehörigkeit. Oberschlesien war lange Teil der preußischen Provinz Schlesien und gehörte zum Deutschen Reich. Nach dem Ersten Weltkrieg und nachdem der polnische Staat neu gegründet wurde, kam es zur Teilung der Region im Jahr 1921.

Es entstand mitten in diesem Gebiet eine Grenze zwischen Deutschland und Polen. Familien und Freundeskreise waren plötzlich durch eine nationale Grenze getrennt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Oberschlesien schließlich nahezu vollständig an Polen angegliedert und in zwei Woiwodschaften (Provinzen) aufgeteilt. Diese Geschichte Oberschlesiens förderte komplexe und hybride Identitäten seiner Bewohner und auch eine ausgeprägte regionale Identität, die von völkischen Forschern als "schwebendes Volkstum" bezeichnet wurde und heute als "Transidentität" bezeichnet werden könnte. Die Menschen fühlten sich entweder Deutschland und Polen oder auch keinem Nationalstaat, sondern ihrer regionalen oberschlesischen "Heimat" zugehörig. Aufgrund dessen stellte die "Repolonisierungsstrategie" der polnischen Regierung nach 1950 besonders die Bevölkerung in Oberschlesien vor eine harte Entscheidung, denn diese musste sich nun offiziell für die Zugehörigkeit zum polnischen Staat entscheiden, um in ihrer Heimat bleiben zu dürfen. Allein in Oberschlesien wurden 850.000 Menschen verifiziert und damit als polnische Bevölkerung klassifiziert. Von 1950 bis 1994 sind dann im weiteren Verlauf 600.000 Menschen aus Oberschlesien nach Deutschland ausgesiedelt. Mitgebracht haben sie sehr unterschiedliche Identitäten und Vorstellungen davon, was für sie "Heimat" bedeutet.

Otto, 2015: S. 81, auf Grundlage von: Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit 2011; Wanatowicz 2004Otto, 2015: S. 81, auf Grundlage von: Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit 2011; Wanatowicz 2004. (© H.-J. Ehrig, Marius Otto)


Die restriktive polnische Ausreisepolitik wurde vor allem über politische Verhandlungen zwischen Deutschland und Polen gelockert. Die Aussiedlermigration wurde entsprechend zum "politischen Spielball". Insgesamt sind zwischen 1950 und 1989 über 1,2 Millionen aus Polen stammende Aussiedler nach Deutschland gekommen. In den 1950er-Jahren wanderten etwa 292.000 Menschen aus Polen in die Bundesrepublik. In den 1960er-Jahren waren es lediglich 112.618. In den 1970er-Jahren stiegen die Zahlen dann deutlich, nachdem sich die politischen Beziehungen verbessert hatten. Die Migration war nun eingebettet in die Entspannungspolitik zwischen Ost und West (Neue Ostpolitik Deutschlands unter Willy Brandt).

Als die Zahl der Ausreisegenehmigungen ihren Tiefpunkt erreichte, wurden im Jahr 1975 mehrere bilaterale Abkommen zwischen Deutschland und Polen ("Schmidt-Gierek-Vereinbarung") unterzeichnet. Darunter fielen ein Finanzkredit für Polen und eine Ausreisegenehmigung für 120.000 bis 125.000 Antragsteller. Allerdings verließen viele Aussiedler Polen ohnehin inoffiziell über ein Touristenvisum. Die Entwicklung der hohen Ausreisezahlen setzte sich in der Folgezeit fort: In den 1980er-Jahren reisten circa 633.000 Aussiedler aus Polen aus.

Damit dominierten Aussiedler aus Polen bis 1989 die gesamte Aussiedlung nach Deutschland. Von den 1 948.175 Aussiedlerinnen und Aussiedlern, die im Zeitraum 1950–1989 nach Deutschland migrierten, stammten fast zwei Drittel aus Polen. Besonders viele von ihnen kamen aus der Region Oberschlesien, im Zeitraum 1950–1994 waren es etwa 600.000. Mit der Wende verschob sich dann der Herkunftsschwerpunkt. Im Zeitraum 1988–1998 waren 68 Prozent der fast 2,5 Millionen Aussiedlerinnen und Aussiedler Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion bzw. den GUS-Staaten.

Aussiedlung aus PolenAussiedlung aus Polen. (© Bundesverwaltungsamt)