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14.10.2019 | Von:
Gwénola Sebaux

(Spät-)Aussiedler aus Rumänien

Im Rumänien vor 1945 stellten Deutsche, vor allem Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben, nach den Ungarn die zweitgrößte Minderheit. Ihre Auswanderung hat die gesellschaftlich-kulturelle Landschaft Rumäniens nachhaltig verändert. In Deutschland fühlen sie sich mehrheitlich gut integriert und verfügen über sehr aktive landsmannschaftliche Netzwerke.

Aufnahmen von Anfang des 20. Jahrhunderts zeigen Angehörige der Siebenbürger Sachsen in ihren Festtagstrachten.Aufnahmen von Anfang des 20. Jahrhunderts zeigen Angehörige der Siebenbürger Sachsen in ihren Festtagstrachten. (© akg-images)

Die Aussiedlung von Deutschen aus Rumänien gehört zur allgemeinen Ost-West-Migration in Europa vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und nach dem Zusammenbruch des Ostblocks. Umgekehrt war die Migration von deutschen Siedlern ins heutige Rumänien Teil der großen kontinentalen Auswanderung vom deutschsprachigen Raum nach Ost- und Südosteuropa und in die Habsburgischen Länder. Mit der Aussiedlung in die Bundesrepublik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts endete die bis ins Mittelalter zurückreichende deutsche Kolonisationsgeschichte im Osten.

Ebenso wie die anderen, "klassischeren" Einwanderungen setzte die Aussiedlung komplexe und zum Teil langwierige politische, soziale und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse voraus. Der nun weitgehend abgeschlossene Aufnahmeprozess der (Spät-)Aussiedler hat langfristige, bis heute andauernde Auswirkungen in der deutschen Gesellschaft. Der sinngemäß besonders relevante Begriff "postmigrantisch" ist also auch in der Aussiedlerpolitik durchaus aufschlussreich.

Geschichtlicher Rückblick

Die Geschichte der Deutschen in den Gebieten, die später Rumänien wurden, begann Mitte des 12. Jahrhunderts mit der Einwanderung von angeworbenen Siedlern in Siebenbürgen, einem Kerngebiet des damaligen Königreichs Ungarn. Von Anfang des 18. bis ins frühe 19. Jahrhundert kamen nach dem Rückzug des Osmanischen Reiches in mehreren Zügen weitere deutsche Siedlergruppen ins Banat und ins Sathmarer Land. Diese Gebiete wurden nach dem Ersten Weltkrieg zu Teilen Rumäniens.

"Rumäniendeutsche" ist die Sammelbezeichnung für diese sehr unterschiedlichen deutschsprachigen Gruppen, die sich durch Zeitpunkt und Ort ihrer Ansiedlung wie auch aufgrund ihrer vielfältigen Kulturtraditionen unterscheiden. Statt von der "deutschen Minderheit" müsste man im Plural von "deutschen Minderheiten" in Rumänien sprechen. Die historisch sowohl zahlenmäßig wie kulturell und politisch bedeutendsten deutschsprachigen Gruppen sind die Siebenbürger Sachsen in Mittelrumänien und die Banater Schwaben im heutigen Westrumänien. Die beiden deutschen Minderheiten konnten sich trotz massenhafter Aussiedlung während des Kalten Krieges und nach dem Zusammenbruch des Ostblocks durch Zusammenrücken einigermaßen als eine sprachlich-kulturell und politisch eigenständige Gemeinschaft erhalten. Andere historisch bedeutende deutsche Siedlungsschwerpunkte sind schon während des Zweiten Weltkriegs infolge von Gebietsabtretungen Rumäniens an die Sowjetunion und wegen der Flucht vor den Sowjettruppen gänzlich oder fast gänzlich erloschen, wie im Falle der Buchenlanddeutschen, der Dobrudschadeutschen und der Sathmarer Schwaben.

Die Siebenbürger Sachsen
Die erste und älteste Gruppe bilden die Siebenbürger Sachsen. Um das Jahr 1150 folgten deutsche Bauern und Kleinadlige dem Kolonisationsruf des ungarischen Königs Geza II. und ließen sich in Siebenbürgen (Transsilvanien) nieder. Sie kamen überwiegend aus dem Rheinland und von der Mosel, aber auch aus dem heutigen Luxemburg und Belgien. Von den anderen Bevölkerungsgruppen – Rumänen, Szekler und Ungarn – wurden sie generell "Sachsen" genannt und bezeichneten sich selbst fortan auch so. Sie sollten neue Siedlungsgebiete erschließen und das Land vor den Osmanen militärisch sichern. Im Gegenzug wurden ihnen weitreichende Privilegien wie religiöse Freiheit und Verwaltungsautonomie eingeräumt. Seit der Reformation waren sie vorwiegend evangelisch-lutherisch. 1930 lebten rund 230.000 Sachsen in Siebenbürgen. Diese Zahl schrumpfte bis 1977 auf etwa 170.000, bis 1989 auf rund 100.000. Laut der Volkszählung von 2002 waren es nur noch 18.000. Durch die überraschende Wahl des Siebenbürger Sachsen Klaus Johannis, des ehemaligen Bürgermeisters von Sibiu/Hermannstadt, zum Staatspräsidenten Rumäniens im November 2014 rückte diese inzwischen sehr kleine Minderheit in den Fokus der deutschen Medien und Öffentlichkeit.

Die Banater Schwaben
Nachdem die Habsburger im Jahr 1718 das Banat, eine historische Region im Donauraum, von den Osmanen zurückerobert hatten, unternahmen sie die planmäßige Besiedlung des strategisch wichtigen Grenzgebiets. Schon 1718 kamen Handwerker und Ingenieure, um Befestigungen und Manufakturen in Temeswar (Timis¸oara), der wichtigsten Stadt des Banat, aufzubauen. Die "Kolonisten" kamen in drei "Schwabenzügen": unter Kaiser Karl VI (1722–26), unter Kaiserin Maria Theresia (1763–1773) und unter Kaiser Josef II (1780–90). Herkunftsregionen waren die westlichen und südwestlichen deutschen Gebiete Rheinpfalz, Trier, Hessen, Lothringen und Franken sowie Bayern und Württemberg. Die deutschen Siedler bildeten römisch-katholische, in mehrheitlich orthodoxer Umgebung hervorstechende, mal ethnisch gemischte, öfter aber geschlossene Siedlungen. Von den Nachbarethnien Rumänen, Ungarn und Serben wurden sie "Schwaben" genannt. Diese Fremdbezeichnung wurde zur Eigenbezeichnung.

Eine spezifische Gruppe bildeten die ab 1720 bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts im Süden des Banats (Bergland) angesiedelten Bergleute aus Österreich und Böhmen. 1930 stellten die Deutschen mit 237.000 Personen über 22 Prozent der Bevölkerung im Banat und bildeten somit nach den Rumänen (51,6 %) und vor den Ungarn (16,5 %) die zweitstärkste Volksgruppe. Bei der Volkszählung 2002 bekannten sich im ganzen rumänischen Banat nur noch rund 25.000 Personen zur deutschen Volkszugehörigkeit.

Situation Anfang des 20. Jahrhunderts
Trotz starker Assimilationsbestrebungen des ungarischen Staates im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts konnten Sachsen und Schwaben die deutsche Sprache und Kultur bewahren. Nach der Vereinigung Siebenbürgens mit Rumänien nach dem Ersten Weltkrieg weckten die Karlsburger Beschlüsse von 1918 große Hoffnungen auf stärkere Selbstbestimmung.

Die zugesagten Freiheiten wurden aber kaum in die Praxis umgesetzt. Politisch hatten die deutschen Minderheiten wenig Freiraum, kulturell durften sie sich immerhin weiter entfalten. Dies geschah unter anderem durch Weiter- bzw. Wiederaufbau eines vor allem in den Städten, aber auch in den ländlichen Gemeinden tragfähigen Bildungsnetzes mit berühmten Bildungseinrichtungen wie der prestigeträchtigen Banatia in Timis¸oara. Sie wurde in den 1920er-Jahren zur größten deutschen Bildungsstätte in Südosteuropa.

Zentrale Bedeutung hatten zudem das sehr aktive Vereinsleben, die deutschen kirchlichen Strukturen sowie die bäuerlichen Festbräuche und Traditionen. Durch gelebtes Brauchtum behielten die "Sachsen" und die "Schwaben" jahrhundertelang ein starkes Gemeinschaftsbewusstsein. Eng damit verbunden war ein ausgeprägtes Geschichtsbewusstsein (Kolonisationsmythos), das im frühen 20. Jahrhundert und in der Zwischenkriegszeit durch deutsche Zeitungen, Literatur und große Jubiläumsfeste gefördert wurde.

Dennoch durchlebten die beiden wichtigsten deutschen Minderheiten manch historisch motivierte Rivalitäten. Die etablierten und zeitweise politisch starken Siebenbürger Sachsen galten in Rumänien als "staatstragende Minderheit", während die Banater Schwaben aufgrund einer erst dreihundertjährigen Geschichte "nur" als "wirtschaftstragende" Minderheit immerhin (zumindest bis zum Zweiten Weltkrieg) ebenfalls Teil der Oberschicht waren und von den anderen Ethnien hoch geschätzt wurden.

In der gegenwärtigen Wahrnehmung sind die geschichtlichen Statusunterschiede noch nicht ganz bewältigt, auch wenn die beiden Gruppen viel gemeinsam haben. Beide wurden während der 1930er- und 1940er-Jahre als deutsche Minderheit teils zwangsweise, teils aus eigenem Antrieb von der NS-Propaganda mitgerissen und überrollt: Aufgrund der deutsch-rumänischen Annäherung durften sie 1940 unter starker Kontrolle Berlins die "Deutsche Volksgruppe in Rumänien" bilden. Ab 1943 dienten rund 57.000 vom Nationalsozialismus zum Teil begeisterte rumänische Staatsbürger deutscher Nationalität in der Waffen-SS und in der Wehrmacht. Beide Volksgruppen erlebten im kommunistischen Rumänien das Schicksal der Deportation und der Diskriminierung. Beide waren letztendlich gleichermaßen von der massenhaften Aussiedlung nach Deutschland betroffen.