Geschichte der DDR

31.10.2011 | Von:
Andreas Malycha

Auf dem Weg in die Diktatur (1945 bis 1949)

Wandlungen in der ostdeutschen Nachkriegsgesellschaft

Deutsche Verwaltungen

Im Juli 1945 setzte die SMAD Landesverwaltungen für die Länder Sachsen, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern sowie Provinzialverwaltungen für die Provinzen Brandenburg und Sachsen-Anhalt ein. An der Spitze der Landesverwaltungen standen parteilose, sozialdemokratische bzw. liberaldemokratische Präsidenten. Die KPD sicherte sich den alleinigen Einfluss auf die innere Sicherheit, da sie sämtliche 1. Vizepräsidenten stellte, in deren Kompetenz u.a. die Polizei fiel. Darüber hinaus ließ die sowjetische Besatzungsmacht "deutsche Zentralverwaltungen" für wichtige Sachgebiete (u. a. für Industrie, Landwirtschaft, Volksbildung, Finanzen, Arbeit und Sozialfürsorge) errichten, die jedoch keine Gesetze und Verordnungen erlassen durften. Sie arbeiteten auf ihrem Tätigkeitsfeld an der Umsetzung entsprechender SMAD-Befehle. Erst im Februar 1948 wurde den ostdeutschen Verwaltungen das Recht zugestanden, Verfügungen und Instruktionen für die SBZ verbindlich zu beschließen. Reguläre Landesregierungen gingen aus den Landtagswahlen am 20. Oktober 1946 hervor, an denen auch die Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe (VdgB) als bäuerliche Massenorganisation und Interessenvertreterin der Klein- und Mittelbauern teilnehmen durfte. Im Durchschnitt lag die SED auf die gesamte SBZ bezogen bei 47,6 Prozent der Stimmen und zog damit zwar als wählerstärkste Partei in die Landtage ein. Obgleich örtliche Dienststellen der Besatzungsmacht CDU und LDP vielfach behindert und die SED massiv begünstigt hatten, war es der Einheitspartei aber nicht gelungen, in einem Land die absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen zu erhalten – insgesamt besaßen die bürgerlichen Parteien CDU und LDP mehr Stimmen als die SED. Sie benötigte als Mehrheitsbeschafferin die Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe, die vorbehaltlos die politischen Ziele der SED unterstützte. In den im November/Dezember 1946 gebildeten Landesregierungen stellte die SED vier der insgesamt fünf Ministerpräsidenten und 17 der insgesamt 33 Minister. Lediglich in Sachsen-Anhalt stand mit Erhard Hübener ein Mitglied der LDP an der Spitze einer Landesregierung.

Die Landtagswahlergebnisse 1946.Die Landtagswahlergebnisse 1946.
Als Fazit des Wahlausgangs vom Oktober 1946 ließ sich die SED-Führung nie wieder auf eine demokratische Wahl ein. Ab 1950 stand nur noch die Einheitsliste der "Nationalen Front" zur Abstimmung, welche die wirkliche Stimmungslage in der Bevölkerung jedoch nicht annähernd widerspiegelte.

Bodenreform

Unter der Losung "Junkerland in Bauernhand" rief die KPD am 8. September 1945 zu einer Aufteilung des Großgrundbesitzes auf. Man wollte erreichen, dass die Besitzer mit ihrem Land auch den damit verbundenen politischen Einfluss verloren. Die Details und Modalitäten der Bodenreform gab Stalin der KPD-Führung in Besprechungen in Moskau vor. Durch entsprechende Verordnungen der Landes- und Provinzialverwaltungen wurden rund 7000 Besitzer von Ländereien mit über 100 Hektar entschädigungslos enteignet. Betroffen war vor allem der Nordosten der SBZ (Mecklenburg-Vorpommern), in dem seit jeher große Güter vorgeherrscht hatten. Die konfiszierten 2,5 Millionen Hektar Land sowie auch der Landbesitz tatsächlicher wie vermeintlicher Schlüsselfiguren des NS-Regimes und Staatsgüter – das waren 35 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche – kamen in einen Bodenfonds, aus dem Landarbeiter, Vertriebene und Kleinbauern etwa 20 Hektar Land zur Bewirtschaftung zugeteilt bekamen. Die Mehrzahl der neuen Bauern konnte mit dem zugeteilten Land allerdings nicht rentabel wirtschaften, weil es zu klein war. Insbesondere aus ihren Reihen kamen sehr bald Forderungen, landwirtschaftliche Genossenschaften zu bilden.

Quellentext

Bodenreform

... aus Sicht der Betroffenen ...

"Am 24. Juli siedelten meine Frau und ich wieder in unser Gut über, wo wir uns im Inspektorhaus mit den Resten unserer Möbel zwei Zimmer einrichteten. Die Feldarbeiten wurden unregelmäßig, wochenlang überhaupt nicht verrichtet, Pferde und totes Inventar fast restlos gestohlen. Da die Bergung der Ernte auf das höchste gefährdet war, wurde mir am 14. August vom Landrat unter den allerschwierigsten Verhältnissen wieder die Bewirtschaftung übertragen. In einer kommunistischen Versammlung im Saale des Gutshauses hielt der Beauftragte der KPD aus P. eine Rede, die mit folgenden denkwürdigen Worten begann: ‚Seit der Zeit des Großen Kurfürsten sind die Gutsbesitzer sämtlich Kriegsverbrecher. Daher haben wir ihnen die Güter entschädigungslos enteignet.‘
Nachdem mir noch am 28.9. eine Anerkennung wegen Bergung der Ernte ausgesprochen war, erhielt ich am 29.9. den Befehl, mein Gut bis zum Abend zu verlassen. Wir gingen zunächst nach dem nahen G. zu befreundeten Bauern, wurden aber bereits nach wenigen Tagen gezwungen, innerhalb 2 Stunden den Ort zu verlassen. Wir fuhren dann nach Schwerin, wo wir in dem der Familie meiner Frau gehörenden Hause Unterkunft fanden. Am Dienstag, den 13. November, erhielten wir aus zuverlässiger Quelle Nachricht von unserer vor Ende der Woche geplanten Verhaftung und Deportation. Am 14. November verließen wir heimlich Schwerin und trafen nach unendlichen Schwierigkeiten und Anstrengungen am 29. November in der Westzone ein. Unsere ganze Habe bestand aus je einem Rucksack." [...]

Weißbuch über die "Demokratische Bodenreform" in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, erw. Neuauflage, München/Stamsried 1988, S. 46 f.

In: Ilse Spittmann, Gisela Helwig (Hg.), DDR-Lesebuch 1, Köln 1989, S. 156

... aus Sicht der SED ...

Am 23. September findet auf der Wiese des Gutsparkes von Plänitz im Kreis Ruppin der feierliche Auftakt für die Verteilung des Junkerlandes statt, das in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands mit den Verordnungen über die demokratische Bodenreform enteignet wurde. An 60 Bewerber – 22 landarme Bauern und Landarbeiter, acht Handwerker, drei neue Siedler und 13 Umsiedler aus Plänitz sowie 14 landarme Bauern und Landarbeiter aus Neustadt an der Dosse – werden die Besitzurkunden überreicht. Die erste Urkunde, und zwar über acht Hektar Ackerland und einen Hektar Wiese, kann der Siedler Ernst Paris, Vater von elf Kindern, in Empfang nehmen.
Dem historischen Akt war eine angestrengte Tätigkeit der Gemeindekommission für Bodenreform vorangegangen. Das von ihr aufgeteilte Gut Kränzlin II war ein typisches Beispiel der politischen Notwendigkeit der Liquidierung des Großgrundbesitzes. Über 300 Hektar, das ist mehr als die Hälfte des zur Gemeinde Plänitz gehörenden Landes, hatten die Junker von Rathenow zusammengeraubt. Seit Jahrhunderten mußte der größte Teil der Einwohner des Ortes als Landarbeiter, Knechte und Gutshandwerker Frondienste für die "gnädigen" Herren leisten. Letzter Besitzer [...] war ein Sturmführer bei Hitlers Reiter-SA.

Gabriel P.: "Die Kraft der Einheitsfront", in: Neues Deutschland vom 24. September 1970.

... aus Sicht der Neubauern

In der Bahnhofskneipe [...] trat die Kommission zusammen, die das Gut aufteilen sollte. Sie bestand zum Teil aus Leuten aus dem Ort, die politisch ihr Mäntelchen in den Wind hängten und sich unter dem neuen Regime Chancen für die eigene Zukunft ausrechneten. Die haben dann den Bewerbern, also auch mir, die einzelnen Parzellen zugeteilt. Mehr als neun Hektar durften pro Neubauer nicht verteilt werden. Und die besten Stücke haben wir natürlich auch nicht bekommen. Ich erhielt siebeneinhalb Hektar Weide und Ackerland, verteilt auf fünf weit auseinanderliegende Stellen. [...]
Vor der Bodenreform glich auf dem Gut der hohe Ertrag der guten Böden die niedrigeren Ernten auf den schlechteren Äckern aus. Doch jetzt stand der Neubauer mit seinem bißchen Land da und mußte sehen, wie er zurechtkam. Eine unserer Flächen war das übelste Stück des Gutes. Wir hatten Mühe, mit karger Anspannung den Acker saatfertig zu bekommen. [...]
"Wir konnten nicht frei entscheiden, was wir anbauen wollten, wofür unsere Böden am geeignetsten waren. Wir mußten Getreide, Raps, Mohn, Zuckerrüben und sogar Tabak anbauen. Zur Feldarbeit hatten wir ein zweijähriges Fohlen aus dem Viehbestand des alten Guts zugeteilt bekommen, sonst nichts. Unsere Leistung wurde genau kontrolliert."

Dieter Zimmer: Auferstanden aus Ruinen. Von der SBZ zur DDR, Stuttgart 1989, S. 57.

Beide Texte in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.), Informationen zur politischen Bildung Nr. 231 "Geschichte der DDR", Bonn 1991, S. 59 f.

Konturen eines neuen Wirtschaftstyps

Da die Roh- und Grundstofflieferungen aus den westlichen Industrierevieren aufgrund unterbrochener Verkehrswege ausblieben und die kriegszerstörten Industrieanlagen nur notdürftig repariert werden konnten, kam das Wirtschaftsleben in den von der weiterverarbeitenden Industrie geprägten Wirtschaftszentren in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Berlin nur schwer wieder in Gang. Besonders problematisch wirkte sich nun die historisch gewachsene Arbeitsteilung aus: Die Industrie Mitteldeutschlands war bis 1945 von Rohstoffen (Steinkohle, Eisenerz, Stahl) aus dem Westen bzw. Osten abhängig. Während die Metallverarbeitung (Werkzeugmaschinenbau, Fahrzeugindustrie) sowie die Leichtindustrie (Textilindustrie, Feinmechanik/Optik) einen hoch entwickelten Stand besaßen, war die Schwerindustrie nur schwach entwickelt. Die ungünstige Ausgangslage der Wirtschaft wurde durch Reparationszahlungen an die Sowjetunion (nach offiziellen Angaben insgesamt 4,3 Milliarden Dollar) und Demontagen von etwa 3400 Betrieben erheblich erschwert. Damit musste das von der Sowjetunion besetzte Gebiet zur Wiedergutmachung der vom Deutschen Reich im Krieg verursachten Schäden unvergleichlich mehr beitragen als die Westzonen. Dort übertraf die Industrieproduktion im Laufe der ersten Nachkriegsjahre bereits den Vorkriegsstand, während die Industrieproduktion der SBZ 1946 lediglich 22 Prozent der Pro-Kopf-Produktion von 1936 erreichte.

Quellentext

Demontagen und Reparationen

Hilferuf an Wilhelm Pieck

[...] Die SMA hat Demontage unseres Zementwerkes Göschwitz bei Jena* verfügt. Göschwitz ist das einzigste [sic!] Zementwerk, das die Länder Thüringen und Sachsen versorgt. [...] Der ganze Wiederaufbau in Thüringen und Sachsen – Städte, Dörfer, Neubauern**, Brücken, Straßen – wird lahmgelegt, wenn Göschwitz zum Erliegen kommt. Ohne Göschwitz müssen auch die Zweigwerke Stüdnitz und Unterwellenborn stillgelegt werden. Hilf uns. Thüringer Landesverwaltung und Thüringer SMA sind machtlos. Marschall Schukow hat letzte Entscheidung in der Hand. Hilf Du uns. Schnellste Hilfsmaßnahmen erforderlich. Gib [uns] bitte Nachricht.
Zementwerk Göschwitz [Unterschriften]

* Göschwitz ist heute Teil der Stadt Jena.

** Gemeint ist ein Bauprogramm für Neubauernhöfe.

Telegramm KPD- und SPD-Betriebsgruppen und Betriebsrat an Wilhelm Pieck, 13. März 1946. In: BArch, DY 30/IV 2/6.02/52 (ZK der SED / Abteilung Wirtschaftspolitik), Bl. 303 und 303Rs.

Protest lokaler SED-Kräfte gegen Demontagen

[Der] Betrieb Eckold [wird] demontiert. Lt. Befehl, der von der Kommandantur gleichfalls vorliegt, handelt es sich um eine Teildemontage. [...] Der Demontage-Offizier erklärt, daß der Befehl für ihn nicht gültig ist und er sämtliche Maschinen abtransportieren läßt. [...] Wenn dieser Befehl durchgeführt würde, bedeutet es, daß der letzte Maschinenbetrieb aus Wernigerode verschwindet. [...] Die Demontage-Offiziere erkennen [...] Befehle nicht an und handeln willkürlich, angeblich nach Befehlen, die in ihren Händen sind. Das sind Widersprüche, die für uns den Wirtschaftstod bedeuten. Wir denken gar nicht daran, zum Totengräber der deutschen Wirtschaft zu werden, sondern wollen aufbauen. Deshalb fordern wir, daß eine Teildemontage durchgeführt wird, sodaß ein organisch gegliederter Restbetrieb verbleibt, mit dem wirklich eine dem Betrieb angemessene Fabrikation aufgenommen werden kann. [...]

Brief von Karl G., SED-Kreisvorstand Wernigerode, an den SED-Zentralvorstand, 16. Dezember 1946. In: BArch, IV 2/6.02/52 (ZK der SED / Abteilung Wirtschaftspolitik), Bl. 53 und 53Rs.

Beide Texte in: Matthias Judt (Hg.), DDR-Geschichte in Dokumenten, Bonn 2010, S. 108 f.

Schon bald nach Kriegsende griff die Besatzungsmacht in den Wirtschaftskreislauf ein. Es begann mit der Verstaatlichung der Banken und Sparkassen im Juli 1945. Im Oktober 1945 ließ sie das Eigentum des deutschen Staates, der NSDAP und ihrer Amtsleiter sowie der Wehrmacht beschlagnahmen. Große Betriebe der Schwer- und metallverarbeitenden Industrie wurden nach einem Volksentscheid in Sachsen (30. Juni 1946) in Staatseigentum überführt. Auch in den anderen Ländern der SBZ gelangten bis Frühjahr 1948 rund 10000 Unternehmen wichtiger Wirtschaftszweige in Staatsbesitz Ihr Anteil an der Industrieproduktion betrug zu diesem Zeitpunkt etwa 60 Prozent. Offiziell galten sie als "Volkseigentum", faktisch unterstanden sie deutschen oder sowjetischen Verwaltungsorganen. Zahlreiche Großbetriebe, die insgesamt mehr als ein Viertel der gesamten Industriekapazität der SBZ ausmachten, gingen direkt als Sowjetische Aktiengesellschaften/SAG in sowjetisches Eigentum über. Sie wurden Anfang der 1950er Jahre der Regierung der DDR übergeben. Die administrativen Eingriffe in die Wirtschaft der SBZ führten bis zum Ende der 1940er Jahre zu einem gravierenden Wandel der Eigentumsordnung, der sich in den 1950er Jahren fortsetzte. Die von der SED initiierte Kampagne zur Enteignung der beschlagnahmten Betriebe verstärkte die Unsicherheit unter privaten Unternehmern, Gewerbetreibenden und Selbstständigen, die in großer Zahl in die Westzonen abwanderten.

Reparationsleistungen der SBZ/DDR.Reparationsleistungen der SBZ/DDR.
Die Staatsbetriebe bildeten die industrielle Basis für eine neue Wirtschaftsordnung nach dem Modell der sowjetischen Planwirtschaft. Die 1948 eingeführten Wirtschaftspläne entsprachen der kommunistischen Vorstellung von einer stark zentralisierten Wirtschaftslenkung. Der "Zweijahrplan der Volkswirtschaft" für die Jahre 1949/50 sollte aber nicht nur die Wirtschaft zentral lenken, sondern zugleich die Defizite in der Wirtschaftsstruktur, die durch die zerrissenen traditionellen Wirtschaftsverflechtungen entstanden waren, durch den Aufbau eigener industrieller Kapazitäten ausgleichen.

Antifaschismus

Zum tragenden politisch-ideologischen Pfeiler der Gesellschaft erklärten Besatzungsmacht sowie auch alle politischen Parteien und Organisationen den Antifaschismus. Er sollte die im deutschen Volk vorhandene nationalsozialistische Geistes- und Lebenshaltung überwinden. Dabei gebrauchten die Kommunisten folgende Konstruktion: Schuld am Nationalsozialismus hatten die Kapitalisten und politischen Eliten. Das Volk war von ihnen irregeführt und verführt worden und trug folglich keine Schuld an Krieg und Verbrechen. Mit der Enteignung der Kapitalisten würde auch der Nationalsozialismus verschwinden. Nationalsozialisten gab es auf diese Weise im Osten Deutschlands gar nicht mehr. Mit ihrer Biographie als im Nationalsozialismus Verfolgte fühlte sich die neue politische Elite moralisch im Recht, das nunmehr vom Nationalsozialismus befreite Volk in eine bessere Zukunft zu führen.

Der antifaschistische Anspruch war für viele ein wichtiges Motiv, sich aktiv am Aufbau der neuen Gesellschaft zu beteiligen. Vor allem die im "Dritten Reich" herangewachsenen Jugendlichen, die damals 15- und 16-Jährigen nahmen die Chance zur Mitwirkung meist bereitwillig an. Den zur Staatsdoktrin erhobenen Antifaschismus benutzte die SED-Führung allerdings rasch für machtpolitische Zwecke, indem politische Gegnerschaft zur SED mit dem Etikett "faschistisch" versehen wurde. Zudem trat die Frage nach den Mitläufern und Nutznießern des NS-Regimes völlig in den Hintergrund.

Mit den Jahren kam es zu einer immer stärker werdenden politischen Einengung dessen, was in der DDR unter "Antifaschismus" zu verstehen sei. Während der kommunistische Widerstand einseitig hervorgehoben wurde, räumte man anderen Opfern und Gegnern des NS-Terrors, etwa den rassisch Verfolgten, den "Zeugen Jehovas" und "Bibelforschern", den Homosexuellen, den Wehrdienstverweigerern und Wehrmachtsdeserteuren sowie bürgerlich-liberalen Widerstandshaltungen und -handlungen keinen Platz ein, und schon gar nicht jenen preußisch-konservativen, die zum Attentat vom 20. Juli 1944 geführt hatten. Der christliche und auch der sozialdemokratische Widerstand blieben bis auf die wenigen Ausnahmen, in denen es zu einer Zusammenarbeit mit Kommunisten gekommen war, ausgeblendet. So verengte sich gerade in der Ulbricht-Ära der Widerstandskampf deutscher Kommunisten vornehmlich auf Beschlüsse und Handlungen der in die UdSSR emigrierten KPD-Führung. Die Würdigung derer, die in Deutschland geblieben waren, die in Widerstandsgruppen ihr Leben riskiert und in Zuchthäusern und Konzentrationslagern gelitten hatten, reduzierte sich auf die rituelle Erwähnung weniger Namen.

Kultur und Bildung

Die sowjetische Militärverwaltung sorgte für eine rasche Wiederbelebung des kulturellen Lebens: Innerhalb weniger Monate öffneten Theater und Opernhäuser in den großen Städten ihre Pforten. Im Mittelpunkt stand dabei die Pflege der deutschen Klassik des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Ganz bewusst suchte die Kulturpolitik der SMAD Anknüpfungspunkte an nationale Traditionen der Deutschen, die als Klammer für ein gesamtdeutsches Kulturkonzept dienen konnten. Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Johann Gottfried Herder, Johann Gottlieb Fichte, Heinrich Heine und Johann Heinrich Pestalozzi avancierten zu typischen Vertretern eines humanistischen Kultur- und Bildungsideals, das die Besatzungsmacht in jeder nur denkbaren Art förderte.

International geachtete Intellektuelle entschieden sich nach ihrem Exil für ein neues Wirkungsfeld in Ostdeutschland. Viele von ihnen strebten wie Anna Seghers nach einer antifaschistischen Alternative im Rahmen einer nichtkapitalistischen Gesellschaft. Sie bewegten sich dabei in einem komplizierten Spannungsbogen zwischen kulturpolitischem Machtanspruch der SMAD bzw. SED und künstlerischen Freiräumen. Mit der politisch gewollten Abkehr von gesamtdeutschen Perspektiven und dem Kurs auf die ostdeutsche Staatsgründung verringerte sich auch das Maß an kulturpolitischer Offenheit und zugelassener künstlerischer Freiheit. Dadurch entstanden schwere Konflikte zwischen staatlichen Kulturinstitutionen sowie Künstlern und Intellektuellen, die zu parteipolitisch motivierten Reglementierungen und Disziplinierungen führten. Aus dem Exil zurückgekehrte Schriftsteller wie Johannes R. Becher, Stephan Hermlin, Stefan Heym und Arnold Zweig mussten sich in zunehmendem Maße gegen die autoritäre Durchsetzung dogmatischer kulturpolitischer Maximen behaupten.

Quellentext

Kulturpolitische Programmatik

Freiheit für Wissenschaft und Kunst bedeutet, daß dem Gelehrten und Künstler kein Amt, keine Partei und keine Presse dreinzureden hat, solange es um die wissenschaftlichen und künstlerischen Belange geht. Über dieses Recht soll der Gelehrte und Künstler uneingeschränkt verfügen. Die Freiheit für den Wissenschaftler, die Wege der Forschung einzuschlagen, die er selbst für richtig hält, die Freiheit für den Künstler, die Gestaltung der Form zu wählen, die er selbst für die einzig künstlerische hält, soll unangetastet bleiben. [...]

Wenn dann aber irgendein Pseudokünstler herkommt, um Zoten über den Humanismus, die Freiheit und Demokratie oder über die Idee der Völkergemeinschaft zu reißen, dann soll er das "gesunde Volksempfinden" ebenso empfindlich spüren wie der Pseudowissenschaftler, der mit anderen, aber nicht weniger verwerflichen Mitteln dasselbe versuchen sollte. Hier sind die Grenzen der Freiheit gezogen, über die hinauszugehen den Tod aller Freiheit und Demokratie bedeuten würde. [...] Solche Pseudokunst kann nicht erwarten, daß sie von unserem verarmten Volke eine besondere materielle Förderung erfährt. Denn das hieße, die kargen Mittel am falschen Objekt verschwenden [...]. Wir sehen unsere Aufgabe heute keineswegs darin, Partei ausschließlich für die eine oder die andere Kunstrichtung zu ergreifen. Unser Ideal sehen wir in einer Kunst, die ihrem Inhalt nach sozialistisch, ihrer Form nach realistisch ist. Wir wissen aber auch, daß diese Kunst erst in einer sozialistischen Gesellschaft zur Geltung kommen kann und selbst dann noch lange Zeit zu ihrer Entwicklung braucht. In der Sowjetunion macht diese neue Kunstrichtung eine äußerst verheißungsvolle Entwicklung durch, und wir wünschten, daß unsere deutschen Künstler recht bald die Möglichkeit haben, sich mit ihr näher bekanntzumachen.

Anton Ackermann: Unsere kulturpolitische Sendung. Rede auf der Ersten Zentralen Kulturkonferenz der KPD, 3. Februar 1946. In: Neues Deutschland vom 23. April 1948.

In: Matthias Judt (Hg.), DDR-Geschichte in Dokumenten, Bonn 2010, S. 316 f.

Am 1. Oktober 1945 ordnete die SMAD die Wiederaufnahme des Schulbetriebes an. Verbunden wurde dies mit einer Schulreform, die auf Entnazifizierung der Lehrkräfte abzielte und durch Einführung einer staatlichen Einheitsschule bislang sozial benachteiligten Schichten der Bevölkerung den Zugang zu allen Stufen der Bildung ermöglichen sollte. Alle Lehrer, die Mitglied der NSDAP gewesen waren, wurden entlassen und durch in aller Eile ausgebildete Neulehrer ersetzt. Nach einer Übergangsphase mit dem traditionellen dreigliedrigen Schulsystem besuchten ab dem Schuljahr 1946/47 alle Kinder eine einheitliche achtjährige Grundschule. Ein anschließender Wechsel auf eine vierjährige Oberschule oder eine dreijährige Berufs- oder Fachschule war möglich.

Quellentext

SED-Schulpolitik

[...] In einem gemeinsamen Aufruf von KPD und SPD hieß es im Oktober 1945: "[...] Alle Bildungsprivilegien einzelner Schichten müssen fallen. Das Ziel der demokratischen Schulreform ist die Schaffung eines einheitlichen Schulsystems, in dem die geistigen, moralischen und physischen Fähigkeiten der Jugend allseitig entwickelt, ihr eine hohe Bildung vermittelt und allen Befähigten ohne Rücksicht auf Herkunft, Stellung und Vermögen der Eltern der Weg zu den höchsten Bildungsstätten des Landes frei gemacht wird [...] Der Unterricht ist Aufgabe des öffentlichen Schulwesens. Darum kann irgendwelchen Gemeinschaften oder Privatpersonen die Einrichtung von Privatschulen, die den Stoff der allgemeinbildenden Schulen (Volks-, Mittel-, höhere Schulen) vermitteln, nicht zugestanden werden [...]".

In: Hermann Weber (Hg.), Kleine Geschichte der DDR, Köln 1980, S. 29

Mit der Absicht, das "bürgerliche Bildungsprivileg" zu brechen und das Studium der "Arbeiter- und Bauernkinder" zu fördern, begann im Januar/Februar 1946 der Lehrbetrieb an den Universitäten in Berlin, Rostock, Greifswald, Halle (Saale), Leipzig und Jena. Als besonders effektive Institution, eine neue, eng mit der SED verbundenen Führungselite heranzubilden, wirkten die 1949 an den Universitäten gegründeten Arbeiter- und Bauernfakultäten (ABF). Sie durchbrachen gezielt die tradierten Strukturen des deutschen Bildungssystems.

Der Aufschwung des Kulturlebens konnte die Schattenseiten des Besatzungsalltages nur schwer überdecken. Aufgrund der desolaten Versorgungslage gehörten Hamsterfahrten auf das Land, Schiebereien auf dem Schwarzmarkt und Diebstahl zum Alltag. Auch die sowjetische Besatzungspraxis sorgte für Probleme: die Demontagen wichtiger Industriebetriebe und Schienenwege sowie die Übergriffe von Angehörigen der Besatzungsarmee auf die deutsche Bevölkerung, insbesondere auf Frauen. Verhaftungen und nachfolgende Verurteilungen durch sowjetische Militärtribunale richteten sich nicht nur gegen aktive Nationalsozialisten und Funktionsträger des NS-Regimes. In das willkürlich arbeitende Räderwerk der Verfolgung gerieten zunehmend Personen, die der Besatzungsmacht kritisch gegenüberstanden und als Oppositionelle eingestuft wurden. Für sie richtete die Besatzungsmacht sogenannte Speziallager ein, für die auch ehemalige NS-Konzentrationslager – wie beispielsweise das Lager Buchenwald bei Weimar – genutzt wurden und in denen menschenunwürdige, zum Teil lebensbedrohliche Bedingungen herrschten. Bis zu ihrer Auflösung 1950 dienten diese Speziallager vorwiegend der Sicherung sowjetischer Machtpolitik in der SBZ.

Quellentext

Terror gegen Sozialdemokraten in der SED

[...] Im Sommer und Herbst 1947 verhafteten die Sowjets Tausende von sozialdemokratischen Funktionären. [...] Hermann Polenz wurde in der Nacht
herausgetrommelt. Die Russen stellten seine Wohnung auf den Kopf, durchkramten alle Schränke und nahmen unseren Kreisvorsitzenden angeblich zu einer Aussprache mit. Als sich seine Frau am nächsten Tag auf der Kommandantur nach ihrem Mann erkundigte, stellten sich die Russen unwissend. Der Ortsvorstand der Partei unternahm sofort alles, um die Freilassung oder zumindest eine klare Stellungnahme zu erwirken. Umsonst. Die Sowjets stellten sich auch dem Vorstand gegenüber taub. Nachdem weitere Verhaftungen bekannt geworden waren, kam es in den Parteiversammlungen zu Resolutionen und Protestkundgebungen. Die Russen antworteten mit einer Unzahl von Falschmeldungen. Im Falle von Hermann Polenz legten sie fingierte Briefe vor, die beweisen sollten, er sei mit einer Freundin in die Westzone übergesiedelt. In anderen Fällen konstruierten sie Belastungsmaterial: die Verhafteten seien wegen angeblicher Schiebergeschäfte, Unterschlagungen und Betrügereien von deutschen Organen festgenommen worden. Damit brachten sie die Volkspolizei in große Gewissenskonflikte; denn die meisten Polizeioffiziere waren SED-Mitglieder. Sie wurden von ihren Genossen unter Druck gesetzt, bis sie schließlich zugaben, daß ihnen die Russen unter Androhung hoher Strafen befohlen hatten, diese Falschmeldungen zu bestätigen.
Nach und nach wurden Einzelheiten über das Schicksal der Verhafteten bekannt. Die meisten saßen in den Kellern großer Kommandanturen in Halle, Leipzig, Dresden, Magdeburg, Görlitz, Bautzen und anderen Städten. Viele wurden in die Sowjetunion deportiert und wegen angeblicher Spionage gegen die Rote Armee zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt. Erst Jahre später durften sie schreiben und selbst Post empfangen. [...]

Fritz Schenk, Im Vorzimmer der Diktatur, Köln/Berlin 1962, S. 20 ff.

In: Hermann Weber (Hg.), Kleine Geschichte der DDR, Köln 1980, S. 42



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