Geschichte der DDR
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Im Zeichen von Reform und Modernisierung (1961 bis 1971)


31.10.2011
In den 1960er Jahren bemüht sich die SED, das planwirtschaftliche System an die Erfordernisse einer modernen Industriegesellschaft anzupassen, um ihre Macht und das bestehende gesellschaftliche System zu stabilisieren. Doch nachhaltige Erfolge bleiben aus, und auch Lockerungen in der Jugend- und Kulturpolitik werden rasch zurückgenommen.

Siegerehrung Einsitzer Herren: Oben auf dem Treppchen Josef Fendt (RC Berchtesgaden), Silber für Josef Feistmantl (Österreich) und Bronze für Wolfgang Scheidel (DDR).1970 wird die Flagge der DDR zum ersten Mal bei einem Sportereignis innerhalb der Bundesrepublik gehisst. (© picture-alliance/dpa)

Das Reformpaket der 1960er Jahre



Wirtschaftsreformen

Auf dem VI. Parteitag im Januar 1963 wurde das "Neue Ökonomische System" (NÖS) beschlossen, das die Modernisierung der Wirtschaft zum Herzstück von Reformen erhob. Die staatlichen Betriebe sollten zu gewinnorientiert arbeitenden Wirtschaftsorganisationen werden. Als­ zentraler Maßstab diente jetzt nicht mehr der­ quantitative Umfang der Produktion (Tonnenideologie), sondern der Gewinn. Die Kräfte des Marktes wurden nicht mehr als "kapitalistischer Restbestand" behandelt; fortan sollten sie für ein effizienteres Wirtschaften nutzbar gemacht werden. Beabsichtigt war, Plan und Markt besser miteinander zu verbinden. Jetzt begann in der Wirtschaft ein langjähriges Experimentieren mit neuen Formen der Verwaltung und Organisation, um die volkseigenen Betriebe in flexible Warenproduzenten umzuwandeln. Die Direktoren staatlicher Betriebe erhielten mehr Kompetenzen und Eigenverantwortung, damit sie freier über Absatz, Finanzen, Arbeitskräfte und Rohmaterialien verfügen konnten. Von einem Aufblühen der Wirtschaft versprachen sich die Reformer im SED-Politbüro auch stimulierende Auswirkungen auf alle anderen Bereiche der Gesellschaft.

In das Zentrum des Wirtschaftsausbaus rückten die Chemie (Petrochemie, Kunstfaserherstellung) und der Maschinenbau (Werkzeugmaschinenbau, Chemieanlagen). Am 1. April 1964 nahm in dem kleinen Städtchen Schwedt an der Oder ein neues Erdölwerk den Betrieb auf, das Rohöl aus der Sowjetunion verarbeitete und veredelte. Es entwickelte sich zu einem gigantischen petrochemischen Kombinat (PCK Schwedt), das nicht nur zum wichtigsten Kraftstofflieferanten der DDR wurde, sondern auch seit Mitte der 1960er Jahre ausgebaut wurde, um die Textilindustrie mit Faserrohstoffen, die Landwirtschaft mit hochwertigem Stickstoffdünger und die Chemieindustrie mit petrochemischen Komponenten zu versorgen.

Chemische Erzeugnisse veränderten im Laufe der 1960er Jahre den Alltag der Bevölkerung. Zu einem bekannten Kunstfaserprodukt gehörten bügelfreie Hemden, Kittelschürzen und Einkaufsbeutel aus DEDERON – das war der Handelsname von Polyamidfasern in der DDR. Sie wurden in Chemiefaserwerken in Rudolstadt-Schwarza, Guben und in Premnitz hergestellt. Auch Möbel und Geschirr aus Plaste/Plastik gehörten jetzt zum Alltag. Die VEB Chemische Werke Buna in Schkopau führten zu dieser Zeit den Werbeslogan "Plaste und Elaste aus Schkopau" ein, wobei Plaste für starre und Elaste für elastische Kunststoffe stand.

Nach zwei Jahren fortwährender Experimente begann in den Jahren von 1965 bis 1967 die zweite Phase der Wirtschaftsreform. Das wirtschaftliche Reformkonzept wurde in der Verantwortung von zwei Parteifunktionären mit wirtschaftswissenschaftlichem Sachverstand erarbeitet, die das Wohlwollen Ulbrichts genossen und 1961 bzw. 1963 in das SED-Politbüro gewählt worden waren: Erich Apel, seit 1963 Vorsitzender der Staatlichen Plankommission, sowie Günter Mittag, seit 1962 ZK-Sekretär für Wirtschaft. Apel blieben nur wenige Jahre im Amt. Er nahm sich am 3. Dezember 1965 in seinem Dienstzimmer das Leben, nachdem sein Entwurf für den Fünfjahrplan der Jahre 1966 bis 1970 am 2. Dezember 1965 auf einer außerordentlichen Politbürositzung mit dem Verweis auf das persönliche Versagen des Planungschefs abgeschmettert worden war. Als Nachfolger bestimmte die Volkskammer den bisherigen Stellvertreter Apels, Gerhard Schürer, der die Plankommission bis zu ihrer Auflösung 1989 leitete.

"Überholen ohne einzuholen", lautete die Formel, mit der Parteichef Ulbricht Ingenieure, Betriebsleiter und Arbeiter zu "Höchstleistungen" im Systemwettstreit anfeuern wollte. In rasantem Tempo wurde versucht, eine leistungsschwache Wirtschaft binnen weniger Jahre in ein effizientes wirtschaftliches System umzuwandeln. Doch es häuften sich Spannungen im gesamten Wirtschaftssystem und herbe Rückschläge. Die Produktionspläne konnten nicht mehr erfüllt werden. Es kam 1970 zu empfindlichen Versorgungsschwierigkeiten, vor allem in der Zulieferindustrie. Betriebsdirektoren versuchten vergeblich, die Rückstände mit Sonderschichten an den Wochenenden aufzuholen, was unter den Belegschaften Unmut auslöste. Unter dem Eindruck der 1970 anschwellenden Wirtschaftskrise wurden die 1963 begonnenen Wirtschaftsreformen zur Jahreswende 1970/71 schließlich abgebrochen.

Insbesondere Günter Mittag, einer der maßgeblichen Architekten der Wirtschaftsreform, präsentierte sich plötzlich als ein heftiger Kritiker der seit dem VII. Parteitag 1967 getroffenen wirtschaftspolitischen Entscheidungen. Nur durch diesen Schwenk auf die Seite der Reformgegner konnte er sich in der SED-Machthierarchie behaupten. Auch der Chef der Staatlichen Plankommission, Gerhard Schürer, der die Reformexperimente Ulbrichts und seiner Berater bislang unterstützt hatte, sprach sich vehement für einen Abbruch der Wirtschaftsreformen und eine Änderung der Investitionspolitik aus. Als besonderes Ärgernis betrachtete der oberste Planungschef den deutlichen, obschon im Vergleich zu späteren Jahren moderaten Anstieg der Auslandsverschuldung, vor allem in konvertierbaren Devisen. Dazu trugen seiner Meinung nach Investitionen in Prestigeobjekte ohne nennenswerten Nutzen bei, wie der Vergnügungspark in Berlin-Plänterwald, der am 4. Oktober 1969 eröffnet worden war, rund 20 Millionen Valutamark gekostet hatte und zeigen sollte, wie modern und lebenswert der Sozialismus war.

Letztlich scheiterten die Modernisierungsversuche in der Wirtschaft an den systembedingten Defiziten der staatlich gelenkten Planwirtschaft. Hinzu kamen die überzogenen Erwartungen. Die Ziele der Wirtschaftspläne wurden immer gewaltiger. Die angestrebten jährlichen Zuwachsraten in der Produktivität von fast neun Prozent entsprachen reinem Wunschdenken. Um in zukunftsträchtigen neuen Zweigen der Computertechnik und Elektronik konkurrenzfähig zu werden, fehlten strukturelle Mechanismen für den Technologietransfer zwischen der Forschung und der Produktion. Selbst bei einer angemessenen Konzentration des Industriepotenzials gab es angesichts der begrenzten Möglichkeiten in der DDR und ihrer Abhängigkeit von Rohstofflieferungen aus der Sowjetunion, insbesondere bei Erdöl, nur geringe Chancen, tatsächlich "Weltniveau" zu erreichen.

Im Grunde scheiterten die Reformer mit dem Versuch, marktwirtschaftliche Mechanismen einzuführen, da sie aus politischen Gründen grundsätzlich an der Planwirtschaft festhielten und die SED-Spitze keinerlei Abstriche an ihrer uneingeschränkten Führungsrolle bei der Steuerung und Lenkung der Wirtschaft zulassen wollte. Einzelne Elemente der Selbstregulation und Dezentralisierung reichten nicht aus, um die starren Methoden der zentralstaatlichen Wirtschaftsplanung zu überwinden und Flexibilität und Entwicklungsfähigkeit zu erreichen. Letztlich siegten machtpolitische Interessen über wirtschaftliche Notwendigkeit und ökonomischem Sachverstand.

Die "sozialistische Schule"

Bildung und Erziehung standen in den 1960er Jahren ebenfalls im Mittelpunkt der Gesellschaftspolitik, weil die SED-Führung das Bildungssystem als eine direkt staatlich kontrollierbare Instanz zur Sozialisation nachwachsender Generationen ansah. In ihm wurde gemäß der marxistisch-leninistischen Doktrin ein entscheidender Hebel zur weltanschaulichen Prägung der Heranwachsenden gesehen. Der pädagogischen Idealvorstellung entsprach das Leitbild der "allseitig entwickelten sozialistischen Persönlichkeit". Darin vereinten sich verschiedene Persönlichkeitsmerkmale: sozialistisches Klassenbewusstsein, Verantwortungsgefühl für das Kollektiv, allseitige Bildung, hohes fachliches Wissen und Können, Disziplin und kulturelle Interessiertheit. Dieser ideale Typus des "sozialistischen Menschen" sollte innerhalb, aber auch außerhalb des obligatorischen Schulsystems herangebildet werden. Die Kinder- und Jugendorganisationen der Jungen Pioniere und der Freien Deutschen Jugend (FDJ) mit ihren vielen hauptamtlichen Erziehern, Pionierleitern und den FDJ-Sekretären nahmen im Bildungs- und Erziehungssystem einen wichtigen Platz ein.

Mit dem "Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungswesen" vom 25. Februar 1965 erhielt das Bildungssystem der DDR eine Struktur, die in ihren wesentlichen Bestandteilen bis 1989 stabil blieb. Es regelte alle Bildungs- und Ausbildungsstufen von der Vorschulerziehung bis zur Erwachsenenqualifizierung. Im Zentrum stand die zehnklassige polytechnische Oberschule, die sich sukzessiv zur obligatorischen Bildungseinrichtung entwickelte. Neben den umfassenden weltanschaulichen Aspekten der "sozialistischen Erziehung" war an den Lehrplänen der allgemeinbildenden Oberschulen eine deutliche Anpassung an die Personalbedürfnisse der Wirtschaft abzulesen. Der Schwerpunkt verlagerte sich auf mathematische und naturwissenschaftlich-technische Felder, auf denen das Niveau der Schulbildung entschieden angehoben wurde.

Im Jahre 1963 stellte das Volksbildungsministerium die Weichen für die Gründung von Spezialschulen und -klassen, in denen Jugendliche mit ausgeprägten künstlerischen oder sportlichen Fähigkeiten und vor allem solche mit besonderen Begabungen für technische und mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer gefördert wurden. Letzteres stellte eine direkte Verbindung zu den personellen Bedürfnissen der führenden Wirtschaftszweige und der Landwirtschaft her. Auf Grund der schulpolitischen und ideologischen Vorgaben blieb die Begabtenförderung jedoch bis zuletzt ein brisanter und umstrittener Aspekt der DDR-Pädagogik. Die 14 mathematisch-naturwissenschaftlichen Spezialschulen und acht Einrichtungen für Schüler mit besonderen künstlerischen Begabungen standen im Widerspruch zum offiziellen Anspruch absoluter Chancengleichheit, den das Gesamtschulsystem der DDR erhob.

Quellentext

Diplomaten in Trainingsanzügen

[...] Die sportlichen Erfolge ihrer Athleten waren für die DDR-Führung ein entscheidendes Mittel in ihrem Kampf um internationale Anerkennung. Weder die Wirtschafts- noch die Sozialpolitik der SED konnten dem Arbeiter- und Bauernstaat zu Glanz und internationaler Anerkennung verhelfen. Es waren vielmehr jene erfolgreichen Sportler und Sportlerinnen, die die DDR weltweit vertraten. Nicht umsonst wurden sie von der DDR-Führung "Diplomaten in Trainingsanzügen" genannt. [...]
So wurde der Leistungssport in der DDR zentrales Staatsziel, in keinem anderen Land waren Sport und Politik so eng verflochten wie in der DDR. 22 besonders Erfolg und Medaillen versprechende Sportarten wurden ausgewählt. Sie wurden fortan mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gefördert. Ein vorbildliches, alle Bereiche umfassendes System der Sichtung und Erfassung potenzieller Olympiakader wurde aufgebaut. An den Kinder und Jugendsportschulen sowie an der Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig arbeiteten die besten Trainer und Wissenschaftler daran, künftige Olympiasieger herauszubringen. Alle auserwählten Sportler wurden dafür von ihrem normalen Schul- und Arbeitsalltag freigestellt. Neue Sportstätten boten für die Spitzensportler optimale Trainingsmöglichkeiten. Sogar Trainingslager im Ausland waren nicht verboten, wenngleich natürlich streng darauf geachtet wurde, dass derartige Ausflüge und die Wettkämpfe im Westen nicht zur Republikflucht genutzt werden konnten. [...]
Die Statistik beweist den Erfolg des Systems: Bis 1988 gewann die DDR allein bei olympischen Sommerspielen 454 und bei Winterspielen noch einmal 110 Medaillen. Damit belegte das Land, obwohl nur von 1964 bis 1988 als selbstständiges Land vertreten, in der ewigen olympischen Medaillenwertung noch 2004 den siebten Platz. Um die internationale Anerkennung durch sportliche Erfolge zu garantieren, war der Bereich vollständig unter staatlicher Kontrolle.
1974 entstand der Staatsplan 1425, in dem das flächendeckende Doping von Leistungssportlern festgeschrieben wurde, überwacht vom Ministerium für Staatssicherheit. [...] Heute weiß man, dass viele Sportlerinnen und Sportler dauerhafte Folgeschäden davongetragen haben. Die unterstützenden Mittel führten nicht nur zu Fruchtbarkeits- und Stoffwechselstörungen, sondern auch zu einem erhöhten Krebsrisiko und zu Leber- und Herzschäden. Die Dopingmedikamente wurden von den Trainern verabreicht. Die Jüngeren erhielten sie offiziell als "Vitaminpillen", die Älteren als "unterstützendes Mittel". Weder Sportler noch ihre Eltern wurden über die Stoffe und die Gefahren aufgeklärt. Wer nachfragte, lief Gefahr, aus der Trainingsgruppe ausgeschlossen zu werden. Das galt allerdings nicht nur für die Sportler, sondern auch für Trainer. [...]
Trotz des flächendeckenden Dopings wurden bei den internationalen Wettkampfkontrollen nicht mehr DDR-Sportler als aus den übrigen Ländern überführt. Wenn es wirklich mal einen positiven Befund gab, so handelte es sich entweder um eine von der SED-Führung bewusst herbeigeführte Disziplinierungsmaßnahme (etwa nach unerwünschten Westkontakten) oder schlicht um einen "Unfall". Denn eigentlich musste die lückenlose medizinische Überwachung der DDR-Leistungssportler jede positive Dopingprobe verhindern. So wurden in den Wochen vor großen internationalen Wettkämpfen etwa die Erfolg garantierenden Schwimmerinnen hormonell auf Männerkonzentrationen eingestellt. Tage vor dem Wettkampf und nach Absetzung der Mittel ging es dann zur internationalen Dopingkontrolle. [...] [Das Dopingkontrollinstitut in Kreischa] war [...] stets auf einem technisch brillanten Stand, zum Teil finanziert mit Devisen aus der Bundesrepublik. Das Geld stammte aus dem praktizierten Freikauf von Häftlingen und floss auf das sogenannte Honecker-Konto und von dort auch in die medizinische Einrichtung des Dopinglabors [...].

Michael Nickels, "Sport als Mittel zum Zweck", in: General-Anzeiger Bonn vom 2./3. Oktober 2010




Mit der Absicht, den Berufswunsch der Heranwachsenden zu steuern, hatte schon seit dem Schuljahr 1960/61 der polytechnische Unterricht als Lern- und Praxisbereich in der Oberstufe begonnen. Er gliederte sich in den vierzehntägigen "Unterrichtstag in der Produktion" (UTP) in Industriebetrieben oder in der Landwirtschaft und in das theoretische Fach "Einführung in die sozialistische Produktion" (ESP). Die Teilnahme der Schüler an der produktiven Arbeit in einem volkseigenen Betrieb galt als Vorbereitung auf die Ausübung industrieller und industrienaher Berufe. In den Jahren seit 1964 verschärfte das Volksbildungsministerium die Praxis des polytechnischen Prinzips, indem in den 9. und 10. Klassen der allgemeinbildenden Oberschule eine berufliche Grundausbildung in den Bereichen Chemie, Metallurgie, Elektrotechnik, Maschinenbau, Energiewirtschaft, Verkehrswesen, Landwirtschaft und Bauwesen eingeführt wurde. Diese Regelung wurde in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre wieder aufgehoben. Sie demonstrierte, mit welchem Eifer die Bedürfnisse der Wirtschaft und die inhaltliche Ausrichtung des Bildungssystems in Übereinstimmung gebracht werden sollten.

Margot Honecker prägte als Ministerin für Volksbildung von 1963 bis 1989 Form und Inhalt der "sozialistischen Schule". Das Gesetz über das Bildungswesen von 1965 und die anschließende Reform der Lehrpläne trugen zu einem beträchtlichen Teil ihre Handschrift. Im Gegensatz zu ihrem Ehemann Erich Honecker, der im Mai 1971 die Nachfolge von Walter Ulbricht als Erster Sekretär des ZK der SED antrat, galt sie in ihren ersten Amtsjahren als aufmerksame Zuhörerin, die Ratschläge und wissenschaftliche Beratung nicht brüsk zurückwies. Auf ihre maßgebliche Initiative hin wurde 1970 die Akademie der Pädagogischen Wissenschaften (APW) gegründet. Dort entstanden alle in der DDR verwendeten Lehrpläne sowie eine Vielzahl von Unterrichtsmitteln bzw. Unterrichtshilfen für Lehrer. Seit den 1980er Jahren nutzte die Ministerin allerdings ihren beträchtlichen Einfluss als Frau des SED-Generalsekretärs, um das zentralistische Bildungssystem gegen jeden Reformversuch abzuschotten.

Hochschulreform

Reformen gab es auch an den Universitäten und Hochschulen. Im Ergebnis der 1968/69 durchgeführten Hochschulreform wurden die bislang noch relativ autonomen Institute und Fakultäten aufgelöst, in größere Sektionen zusammengefasst, um einen effizienteren Mitteleinsatz und komplexe Forschungsvorhaben zu ermöglichen, und der Universitätsleitung direkt unterstellt. In ganz besonderem Maße verstärkte die Hochschulreform die Verbindung von Universität und Wirtschaft, indem die naturwissenschaftlichen und technischen Fachrichtungen jetzt vorrangig auf der Basis von Kooperationsverträgen für die Wirtschaft (Vertragsforschung) forschten.

Mit der Abschaffung der bislang mit einer gewissen Selbstständigkeit ausgestatteten Universitätsinstitute wurde die bislang noch vorhandene Autonomie ihrer Direktoren zerstört. Die neu gebildeten Sektionen leitete jetzt jeweils ein Direktor, der nicht mehr von der Fakultät vorgeschlagen, sondern vom Rektor der Universität eingesetzt wurde und diesem direkt unterstand. Erst die Zerschlagung der Fakultäten und traditionellen Universitätsinstitute als sogenannte kleine Grafschaften machte den Weg zur Transformation vom bildungsbürgerlich geprägten Universitätsbetrieb zur "sozialistischen Universität" frei. Die neuen Universitätsstatuten des Jahres 1970 beseitigten dann auch formell die Reste der traditionellen universitären Selbstverwaltung.

Zugleich hatte sich am Ende der 1960er Jahre die soziale Herkunft der ostdeutschen Hochschullehrer stark verändert. In den Jahren von 1950 bis 1970 halbierte sich der Anteil der bildungsbürgerlichen Schichten innerhalb der Professorenschaft, während die Hochschullehrer aus dem traditionellen Arbeitermilieu ihren Anteil in derselben Zeit mehr als verfünffachten. Das war eine Folge von Reglementierungen bei der Zulassung zum Hochschulstudium. Bereits seit dem Ende der 1940er Jahre spielten politische und weltanschauliche Orientierungen und soziale Herkunft der Studienbewerber eine entscheidende Rolle. Unter dem Slogan der "Brechung des bürgerlichen Bildungsprivilegs" sollte durch die besondere Begünstigung von Arbeiter- und Bauernkindern der traditionelle Kreislauf von sozialer Herkunft, Bildung und akademischer Laufbahn durchbrochen werden. Die soziale und politische Auslese der Studienbewerber wurde von der politischen Führung jedoch machtpolitisch gehandhabt und zur Heranbildung einer neuen, eng mit der SED verbundenen Führungselite genutzt. Man sprach von der "sozialistischen Intelligenz", einer neuen, parteiloyalen Machtelite.

Parallel dazu stieg der Anteil von SED-Mitgliedern in der Professorenschaft, da die Vergabe von Lehrstühlen in zunehmendem Maße von der Zugehörigkeit zur Staatspartei abhängig gemacht wurde. Hier gab es jedoch große Unterschiede zwischen den Fakultäten. Während parteilose Wissenschaftler in den Gesellschaftswissenschaften am Ende der 1960er Jahre eine Minderheit bildeten, blieb die SED in den Naturwissenschaften und der Medizin hinter den eigenen Erwartungen zurück. Bis 1965 waren 23,3 Prozent der Medizin-Professoren an den ostdeutschen Universitäten in der SED organisiert. Ein großer Teil der Mediziner stand dem politischen System in der DDR kritisch gegenüber und blieb im traditionellen akademischen Milieu fest verankert. An der Berliner Charitè waren 1989 nur 14 Prozent der Mitarbeiter in der SED organisiert. Allerdings konnte nicht übersehen werden, dass das SED-Parteibuch zu einem entscheidenden Auswahlkriterium für Leitungspositionen in der universitären Lehre und Forschung auch in der Medizin und den Naturwissenschaften wurde.

Wissenschaft als Produktivkraft

Die rasante Entwicklung von Naturwissenschaft und Technik beflügelte in den 1960er Jahren auch in der DDR kühne Zukunftsvisionen. Bereits der Start des ersten Sputniks sowjetischer Bauart am 4. Oktober 1957 nährte die Illusion, dass sich die Überlegenheit des Sozialismus und seiner wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit in kurzer Zeit erweisen werde. Der Weltraumflug des sowjetischen Kosmonauten Juri Gagarin am 12. April 1961 sowie die immensen Fortschritte der Computertechnik, der Atomforschung und der Automatisierung beförderte Fantasien über unbegrenzte Möglichkeiten des wissenschaftlichen Erfindungsreichtums. Unter dem Begriff "wissenschaftlich-technische Revolution" griff die Propaganda der SED diese Zukunftseuphorie rasch auf und konnte damit für eine bestimmte Zeit die Vorstellungswelt, das Lebensgefühl und das Weltbild großer Teile der Bevölkerung beeinflussen.

Der auf dem VI. Parteitag der SED im Januar 1963 propagierte Leitspruch von der "Produktivkraft Wissenschaft" brachte punktgenau den Kern der damaligen Gesellschaftspolitik der SED zum Ausdruck: Die Wissenschaft sollte technische Innovationen für die Modernisierung der Wirtschaft liefern. Die zeitgleich auch in der Bundesrepublik beklagte "technologische Lücke" gegenüber der internationalen, vor allem der amerikanischen Forschung sollte binnen weniger Jahre aufgeholt werden, um den ökonomischen Wettstreit der Systeme gewinnen zu können.

Industriebetriebe und wissenschaftliche Forschungseinrichtungen wurden seit 1968 zu Großforschungszentren zusammengeführt, um so die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung wirtschaftlich verwerten zu können. Durch diese engen Vertragsbeziehungen zwischen Forschungsinstituten der Universitäten und der Industrie konnten tatsächlich einige "Spitzenleistungen" erbracht werden. So entwickelte der VEB Carl Zeiss Jena im Jahre 1968 ein Interferenz-Mikroskop, das optische Messverfahren mit äußerster Genauigkeit ermöglichte und internationalen Maßstäben genügte.

Auch die biomedizinische Forschung stand nach der Entschlüsselung des molekularen Trägers der genetischen Information durch US-Wissenschaftler in der DDR zeitweilig auf einem hohen Niveau. Dies galt besonders für die Molekularbiologie, ein noch junges und vielversprechendes Forschungsgebiet, mit dem sowohl Wissenschaftler als auch Politiker die Hoffnung verbanden, beispielsweise Erbkrankheiten und genetischen Defekten wirksam begegnen zu können. So entwickelte sich das Medizinisch-Biologische Forschungszentrum in Berlin-Buch in den 1960er Jahren zu einem auch international ausgewiesenem Zentrum experimenteller Krebsforschung, insbesondere auf Gebieten der Krebsfürsorge und klinischen Krebsbehandlung.

Die wenigen Jahre, in denen Forschung und Technologie vom Staat überdurchschnittlich gefördert wurden, reichten allerdings nicht aus, um dauerhafte Innovationsfortschritte zu erzielen. Die SED-Führung erwartete rasche und vorzeigbare Ergebnisse, die in den vorgegebenen Fristen von der Forschung nicht zu erbringen waren. Die Wissenschaftler benötigten für ihre aufwändigen Experimente neue technische Instrumente, Apparate und Chemikalien, die größtenteils aus dem westlichen Ausland gegen Devisen importiert werden mussten. Nach dem Machtantritt Erich Honeckers im Mai 1971 wurden die verfügbaren Ressourcen nicht mehr vorrangig in Wissenschaft und Technik, sondern in die Sozialpolitik investiert, was einige Jahre später zur Reduktion bzw. zum Abbruch der begonnenen Forschungsprogramme führte. Die meisten Großforschungseinrichtungen wurden bis Ende des Jahres 1972 wieder aufgelöst oder umorganisiert, einige sogar noch, bevor sie ihre Tätigkeit überhaupt aufnehmen konnten.

Unveränderte Herrschaftsformen

In deutlichem Gegensatz zum Modernisierungs- und Reformeifer, den die SED-Führung in den 1960er Jahren in Wirtschaft und Wissenschaft an den Tag legte, stand das Beharren auf alten Herrschaftsansprüchen und Herrschaftsmethoden. Der Artikel 6 der Verfassung der DDR über die "Boykotthetze gegen demokratische Einrichtungen und Organisationen, Mordhetze gegen demokratische Politiker" bot den Herrschenden den scheinbar legalen Rahmen, um gegen Kritiker der bestehenden politischen Verhältnisse willkürlich vorzugehen. Die Zahl der wegen "Staatsverbrechen" ("Staatsverleumdung", Verstöße gegen das Passgesetz der DDR) verurteilten DDR-Bürger stieg im zweiten Halbjahr 1961 wieder an. Parteispitze und Regierung verstärkten gleichzeitig ihre militärpolitischen Anstrengungen. Am 20. September 1961 verabschiedete die Volkskammer ein neues Verteidigungsgesetz, welches den "Schutz des Vaterlandes und der Errungenschaften der Werktätigen" als "nationale Pflicht der Bürger der Deutschen Demokratischen Republik" deklarierte. Im Januar 1962 wurde die allgemeine Wehrpflicht für alle Männer zwischen dem 18. und 50. Lebensjahr eingeführt.

Auch das Ministerium für Staatssicherheit stellte sich mit seinen regionalen Außenstellen (Bezirksverwaltungen) als "Schild und Schwert" weiter in den Dienst der SED. Es verabschiedete sich von offenem Terror und baute stattdessen sein Netz von Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) aus und stockte das hauptamtliche Personal auf. Von 1961 bis 1971 stieg der Personalbestand von rund 20000 Mitarbeitern auf etwa 45 000 hauptamtlich Beschäftigte. Auf diese Weise konnte das MfS im Laufe der 1960er Jahre seine Machtstellung erheblich ausweiten und beachtliches Eigengewicht im politischen System der DDR gewinnen.

Quellentext

Warum gibt es in der DDR keine Opposition?

Liebe Karin!
Stell´ Dir bitte einmal vor, Du hättest eine solche Oppositionspartei gegründet und würdest jetzt in den Wahlkampf ziehen. Zunächst müßtest Du ein Programm verkünden, denn die Wähler geben sich mit Deiner sympathischen Erscheinung allein nicht zufrieden. Sie würden von Dir und Deiner Partei vielmehr wissen wollen, warum Du Opposition machst, wofür Du bist und wogegen, wie Du denkst und was Du tun willst. Was könntest Du fordern, wenn Du mit dem Programm der Parteien und Organisationen bei uns, also mit dem Programm der Nationalen Front, nicht einverstanden wärst?
Du könntest beispielsweise fordern, die Gleichberechtigung der Frau soll wieder abgeschafft werden. Die Volkskammer soll das Gesetz zum Schutz der Mütter außer Kraft setzen. Die Säuglingsheime, Kindergärten und Schulhorte werden geschlossen. Die Frauen werden wieder schlechter entlohnt als die Männer. Oder: Die Studenten erhalten keine Stipendien mehr vom Staat, und die Schulgeldpflicht wird wieder eingeführt, damit, wie vor 1945 und wie heute noch in Westdeutschland, nur die Kinder der Reichen eine höhere Bildung erwerben können. Überhaupt – weg mit den ganzen Maßnahmen und Gesetzen zur Förderung der Jugend! Und da Du weißt, daß all das, wogegen Du Front machst, von der Arbeiter- und-Bauern-Macht geschaffen wurde, müßtest Du als konsequente Oppositionsführerin natürlich fordern, daß diese Macht beseitigt wird, daß es keine volkseigenen Betriebe mehr gibt und die Bauern ihr Land den Junkern zurückgeben. Das aber heißt: alles wird wie früher. Die großen Kapitalisten herrschen wieder. Und wo die herrschen, da werden auch die Arbeiter wieder ausgebeutet, die Bauern entrechtet und die Handwerker und kleinen Gewerbetreibenden ruiniert. Wo die Kapitalisten herrschen, da gehört der Krieg zum großen Geschäft. Also müßte Deine Forderung lauten: Her mit der Wehrpflicht, rein in die NATO, her mit den Atom- und Wasserstoffbomben!
Du willst das alles natürlich nicht. Aber nicht nur Du – keiner will das. Und weil keiner so irrsinnige Gedanken hat, wie wir sie eben ausgesponnen haben – deshalb gibt es bei uns keine Oppositionspartei. Deshalb gibt es bei uns stattdessen die einheitliche Liste der Nationalen Front, der alle Parteien und Organisationen angehören, die Kandidaten zur Wahl stellen. Bis zum nächsten Mal alles Gute!
Joachim Herrmann

Antwort auf einen Leserbrief. Neue Berliner Illustrierte Nr. 21/1957. Joachim Herrmann war damals Chefredakteur der FDJ-Zeitung Junge Welt, seit 1978 Mitglied des SED-Politbüros.
In: Hermann Weber (Hg.), Kleine Geschichte der DDR, Köln 1980, S. 98







 

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