Geschichte der DDR
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Der Schein der Normalität (1971 bis 1982)


31.10.2011
Erich Honecker setzt mit seinem Machtantritt neue Akzente: Nicht mehr die Förderung der Industrie steht im Mittelpunkt der Politik, sondern der Ausbau sozialer Leistungen, um die Loyalität der Bevölkerung zu sichern. Dies setzt zunehmend die wirtschaftliche Stabilität unter Druck.

Staats- und Parteichef Erich Honecker begrüßt Bundeskanzler Helmut Schmidt auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld, 11. Dezember 1981.Staats- und Parteichef Erich Honecker begrüßt Bundeskanzler Helmut Schmidt auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld, 11. Dezember 1981. (© Bundesregierung, B 145 Bild 00005071, Foto: Engelbert Reineke)

Zwischen Wohlstand und Krise



Honeckers Wirtschafts- und Sozialpolitik

Zu Beginn der Honecker-Ära gelang es, die 1970 ausgebrochene Versorgungskrise zu überwinden, die als Ergebnis unrealistischer Wachstumsziele in der Industrie entstanden war. Das werteten Honecker und die Mehrheit im Politbüro als Zeichen für die Richtigkeit der neuen Wirtschaftsstrategie. Der neue Parteichef verkündete auf dem VIII. Parteitag der SED im Juni 1971 die "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik", die auf eine Erhöhung des Lebensstandards der Bevölkerung ausgerichtet war. Das bedeutete in der Praxis, die Verbraucherpreise, Mieten und Kosten für Dienstleistungen durch ständig steigende Subventionen stabil zu halten und die Einkünfte der Arbeiter und Angestellten schrittweise zu erhöhen. Honecker gab zugleich die bevorzugte Förderung von Forschung und Entwicklung in bedeutsamen Technologiebereichen auf. Dadurch blieb einerseits im Staatsbudget mehr Platz für umfassende Sozialprojekte. Andererseits führte der politisch erzwungene Rückgang der Investitionen in Forschung und Entwicklung zu jener Krise in der Wirtschaft, die Anfang der 1980er Jahre dann offen ausbrach. Die technische Basis der Industrie konnte mit den internationalen Standards langfristig nicht mehr Schritt halten.

Die SED-Führung beschloss in der ersten Hälfte der 1970er Jahre ein ganzes Bündel sozialpolitischer Maßnahmen. Der anhaltende Wohnungsmangel stand als dringend zu lösendes Problem im Vordergrund. Um die Arbeiter in den Industriezentren wie beispielsweise in Bitterfeld, Merseburg, Halle und Wolfen anspruchsvoll unterzubringen, wurden große Wohnkomplexe auf der grünen Wiese errichtet. Mit seinen mehr als 93 000 Einwohnern und eigenem Bürgermeister zählte Halle-Neustadt 1981 zu den größten zusammenhängenden "sozialistischen Stadtneugründungen" in der DDR. Der Schwerpunkt des Bauens lag von Anfang an beim Neubau, während man die Instandhaltung und Modernisierung von Altbauten vernachlässigte. Erst in den 1980er Jahren besann man sich darauf, ältere Gebäude zu sanieren und zu modernisieren. Die Plattenbauweise wurde in den 1970er Jahren zur alles dominierenden Bauform. Um die industrielle Form des Bauens realisieren zu können, überführte man die im Bauwesen tätigen Handwerksbetriebe in große Kaukombinate. Bis 1980 wurden circa 700000 Wohnungen errichtet oder modernisiert. Das Zentralkomitee der SED kündigte auf seiner 10. Tagung im Oktober 1973 an, die Wohnungsfrage als "soziales Problem" bis 1990 lösen zu wollen.

Quellentext

Wohnungstausch

[...] 1969 haben wir geheiratet. Unser erstes großes Problem war, wie wir zu einer Wohnung kommen. Man mußte mit mindestens vier bis fünf Jahren Warte-zeit rechnen, hatte man erst mal den Antrag gestellt. Da bekam ich mit, daß einige Kollegen in einer Straße in Weißensee Dachböden von Häusern aus den zwanziger Jahren zu Woh-nungen ausbauten. Sie taten das für sich selbst, aber mit betrieblicher Hilfe. Wir konnten mit von der Partie sein. [...] Im Oktober zogen wir in unsere zwei Zimmer mit Küche und Bad ein, und im Januar wurde Sebastian geboren. Ein gutes Jahr später kam Susanne zur Welt. Obwohl es eng wurde, haben wir gern dort gewohnt. [...] Aber wir bemühten uns natürlich um eine größere Wohnung. Nach etwa viereinhalb Jahren klappte es auch. Wir zogen um in eine Vier-Raum-Wohnung in einem typischen Neubauviertel. [...] In unserem Block befanden sich viele Vier- und Fünf-Raum-Wohnungen. Folglich lebten hier kinderreiche Familien. Oft hatte man durchaus den Eindruck, daß eine Menge Asoziale darunter waren. Schmierereien und Schmutz im Eingangsbereich, auf den Korridoren, in den Fahrstühlen. Es herrschte Anonymität, und es war frustrierend, in einer solchen Umgebung leben zu müssen, ohne an den Umständen etwas ändern zu können. [...] Diese Situation führte im Laufe der Zeit zu Spannungen in der Familie. Zwar hatten wir ein Grundstück im Wald gepachtet und einen kleinen Bungalow darauf errichtet, unsere Datsche, die wir jedes Wochenende aufsuchten. Aber die meiste Zeit mußten wir im Riesenneubau verbringen. Fünf Jahre blieben wir dort. [...] Wir träumten von einem eigenen Haus.Ein ehemaliger Kollege hatte in der Nähe gebaut. Vielleicht dadurch angeregt, begann Gisela 1979 am Anfang der Ferien von Haustür zu Haustür zu wandern, sie hat wirklich geklingelt und gefragt, ob jemand sein Haus verkaufen wolle. [...] [E]ines Tages hat es [...] geklappt! Die Nachbarin hier sagte zu ihr: "Versuchen Sie es doch mal nebenan." Der Mann war seit einem Jahr Witwer und trug sich mit dem Gedanken auszuziehen. [...] Wir [...] sind mit dem Herrn handelseinig geworden. Wir hatten ihm versprochen, daß wir nach seinen Wünschen eine Wohnung besorgen und den Umzug organisieren werden. Für das Haus wollten wir bezahlen, was er verlangte.
Er wünschte sich eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit moderner Heizung, nicht zu weit weg von einer Einkaufsgelegenheit, aber auch nicht weit entfernt von der vertrauten Umgebung. [...] Da sind wir dann in das Gebiet gefahren, das in Frage kam, und haben Anschläge mit dem Tauschangebot und unserer Telefonnummer auf den Tafeln in den Hauseingängen angebracht. Schon nach wenigen Tagen meldete sich eine Familie mit drei Kindern, die liebend gern in unsere Vier-Zimmer-Wohnung ziehen wollte. [...] Als alles organisiert war, wollten wir den Kaufvertrag machen. Dazu [...] brauchte man eine Genehmigung der Abteilung Wohnungspolitik des Stadtbezirks. Dort [...] erfuhren wir, daß dem Kauf und dem Umzug nicht zugestimmt werden könne, weil der Wohnraum für andere Bürger gebraucht werde. Es war bekannt, daß der Staat das Vorkaufsrecht hatte und [...] Häuser auch für Bürger, die ihm genehm und zu Diensten waren, mit Beschlag belegte.[...] [Gisela] hatte davon gehört, daß es beim Staatsrat eine Stelle für Eingaben der Bürger gibt. [...] Sie hat ihr Anliegen vorgetragen und das Schriftstück abgegeben. [...]
Es gab damals noch eine Vierwochenfrist für die Beantwortung solcher Eingaben. Genau nach vier Wochen traf bei uns ein Brief ein. Keiner wollte ihn öffnen. Als ich abends nach Hause kam, haben wir ihn gemeinsam aufgemacht – und die Freude war groß. Es handelte sich um eine Zusage. Sie wurde damit begründet, daß wir uns bereits so stark engagiert und den Ringtausch organisiert hatten. Für alle Beteiligten hätten wir Wohnraum gewonnen, deshalb sei unser Vorgehen von gesellschaftlichem Interesse. Im Stadtbezirk hatte man dagegen vorher kritisiert, daß wir das alles auf eigene Faust unternommen hatten. Was uns also einerseits vorgeworfen wurde, war nun andererseits die Begründung für den Zuschlag. [...]

Familienportrait von Joachim, 53 Jahre, Diplomingenieur, in: Gisela Helwig (Hg.), Die letzten Jahre der DDR – Texte zum Alltagsleben, Köln 1990, S. 18ff.




Zum Bündel der sozialpolitischen Maßnahmen gehörten ferner die Erhöhung der Mindestlöhne und Mindestrenten, die Arbeitszeitverkürzung für Frauen, besonders für solche mit Kindern. Die Zahl der bezahlten Urlaubstage wurde mehrmals erhöht, insbesondere berufstätige Mütter erhielten mehr Urlaub. Zudem gewährte man jungen Eheleuten zinslose Kredite bis zu 5000 Mark, die teilweise erlassen wurden, wenn die Paare Kinder bekamen. Die staatliche Kinderbetreuung wurde erheblich ausgebaut, sodass 1980 für 90 Prozent der Kinder im entsprechenden Alter ein Platz im Kindergarten zur Verfügung stand. Diese sozialen Leistungen hatten allerdings auch einen bevölkerungspolitischen Hintergrund: Sie sollten der rückläufigen Geburtenentwicklung in der DDR entgegenwirken, in deren Folge permanenter Arbeitskräftemangel entstanden war. Tatsächlich förderte das Sozialprogramm die Frauenbeschäftigung. 1980 gingen 87 Prozent der Frauen im arbeitsfähigen Alter einer Berufstätigkeit nach und erhielten so die Möglichkeit wirtschaftlich unabhängig zu werden.

Quellentext

Frauen und Familienpolitik

Der Anfang war vielversprechend. Bereits der kurz nach Kriegsende erlassene Befehl Nr. 253 der Sowjetischen Militäradminis-tration (SMAD) vom 17. August 1946, der den Titel "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" trug, stellte entscheidende Weichen. "Befohlen" wurde im Duktus der Zeit "die gleiche Entlohnung für Arbeiter und Angestellte für die gleiche Arbeit, unabhängig von Geschlecht und Alter". [...]
Was von der SMAD schon anvisiert worden war, wurde in der Verfassung der DDR vom 7. Oktober 1949 konkret. Ohne Umschweife verkündete Artikel 7 Absatz 1: "Mann und Frau sind gleichberechtigt." [...] In Artikel 18 Absatz 5 der DDR-Verfas-sung hieß es weiter: "Die Frau genießt besonderen Schutz im Arbeitsverhältnis. Durch Gesetze der Republik werden Einrichtungen geschaffen, die es gewährleisten, daß die Frau ihre Aufgabe als Bürgerin und Schaffende mit ihren Pflichten als Frau und Mutter vereinbaren kann."
So revolutionär dieses Gesetz auf den ersten Blick erschien, so traditionell war das darin mitschwingende Familienideal. Nicht nur, dass die "Familienarbeit" weitgehend Frauensache blieb. Seit dem Beginn der fünfziger Jahre wurde sie noch dazu systematisch abgewertet. [...] [S]pätestens seit der Mitte des Jahrzehnts [durchzogen] Diffamierungskampagnen gegen die sogenannten "Nur-Hausfrauen" [...] die ostdeutsche Medienlandschaft. [...] [Es] wurde von zufriedenen Hausfrauen berichtet, die endlich den Schritt vom Herd zum Fließband geschafft hatten.
Dass sie abends an den Herd zurückkehrten, stand dabei außer Frage. Auch im 1965 verabschiedeten "Familiengesetzbuch" (FGB) war nicht nur zwischen den Zeilen zu lesen, wem nach wie vor die Hauptverantwortung übertragen wurde. [...]
Die voll erwerbstätige sozialistische Frauenpersönlichkeit der frühen DDR wurde [in den 1970er Jahren] auf der propagandistischen Bühne von "unseren Muttis" abgelöst. Unter dem Motto "Beeinflussung der Reproduktionsfunktionen der Familie" – im DDR-Alltagsjargon als "Muttipolitik" verniedlicht – entwickelte die SED im Anschluss an ihren VIII. Parteitag das familienpolitische Konzept der folgenden Jahre. [...] Unter der Devise "Der Wille zum Kind" wurde [...] eine Reihe von sozialpolitischen Maßnahmen in Gang gesetzt, um diesen Willen zu bestärken. Dazu gehörten vor allem diverse Freistellungsmöglichkeiten, die von der Arbeitszeit abgingen und es erlauben sollten, in diesen Zeiten Haus- und Erzie-hungsarbeit zu leisten. [...] Damit zollte die SED-Regierung zwar einerseits ihren Tribut an die Mühen der Hausarbeit, andererseits schrieb sie damit einmal mehr die vornehmlich weibliche Zuständigkeit für den Familienbereich fest und verschaffte Frauen noch dazu durch diese "Sonderkonditionen" eine Sonderstellung an ihrem Arbeitsplatz, die vom "Kollektiv" mit Argwohn betrachtet wurde. [...]
Dies ging nicht zuletzt zu Lasten des beruflichen Fortkommens. Im Sommer 1975 startete das Institut für Meinungsforschung der DDR eine Umfrage über die "Stellung der Frau in Familie und Gesellschaft". [...] Ein Ergebnis beunruhigte besonders: Die wachsende Unzufriedenheit vor allem der "Frauen der Intelligenz" ließ sich nicht verhehlen. Sie zeigten eine geringere "Geburtenfreudigkeit" und eine generell größere Skepsis, ihren Beruf mit Familienpflichten vereinbaren zu können. [...]
[Z]u Beginn der siebziger Jahre waren fast so viele Frauen wie Männer an ostdeutschen Universitäten immatrikuliert. [...] Auf Spitzenpositionen waren Frauen hingegen weiterhin kaum vertreten. Im wissenschaftlichen Segment besetzten Frauen vor allem die Mitarbeiterstellen, ihr Anteil unter der Professorenschaft blieb hingegen bis zum Ende der DDR auf einem ähnlich niedrigen Niveau wie in Westdeutschland: 1954 lag der Anteil der Professorinnen bei 2,8 Prozent, 1964 bei 3,6 Prozent. Arbeitsgruppenleiterinnen an der Akademie, Chefärztinnen, Ministerinnen oder Betriebsleiterinnen musste man mit der Lupe suchen. Selbst die legendären Legionen von ostdeutschen Ingenieurinnen müssen ein Stück weit entzaubert werden: Ein Großteil der Frauen [...] wurde auf Nebenbranchen der Profession lanciert. [...]
Viele Frauen, namentlich die akademisch qualifizierten, schienen sehr wohl abgewogen zu haben, ob sich der Schritt an die Spitze überhaupt lohnte. Denn nur selten bedeutete in der DDR ein Karriere- sprung auch gleichzeitig eine Einkommensverbesserung, fast immer jedoch war ein Weitersteigen auf der Karriereleiter mit einer Vielzahl von neuen gesellschaftlichen Verpflichtungen gekoppelt und mit einem expliziten Ja zum Staat. Somit konnte es sich durchaus als das größere Plus erweisen, mit einer unteren oder mittleren Ebene der akademischen Laufbahn vorliebzunehmen. [...]
Hinter den sich seit den sechziger Jahren häufenden, freilich "streng vertraulichen" Klagen von Kaderfunktionären, trotz aller Anstrengungen keine willigen Frauen für Leitungsfunktionen zu finden, verbarg sich ein wachsendes Heer selbstbewusster Frauen, die sich ihren Lebensentwurf nicht aus den Händen nehmen lassen wollten. [...]
Dieser Strategie konnten sich zwar auch männliche Akademiker bedienen. Doch anders als ihre weiblichen Kollegen unterstanden sie weit stärker einem gesellschaftlichen Erfolgsdruck, der eine Rechtfertigung des Verharrens auf einer bestimmten Stufe der Karriereleiter deutlich schwerer machte. [...]

Gunilla Budde, "Die emanzipierte Gesellschaft", in: Thomas Großbölting (Hg.), Friedensstaat, Leseland, Sportnation? DDR-Legenden auf dem Prüfstand, Berlin 2009, S. 92 ff.




Trotz der zunehmenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die zu einer Verknappung des Warenangebots für die Bevölkerung führten, und der unzureichenden Versuche, ihrer Herr zu werden, ließ sich Honecker nicht von seinem Sozialprogramm abbringen. Auf dem IX. Parteitag der SED im Mai 1976 wurden dann sogar weitere Erhöhungen von Löhnen und Renten, eine Verkürzung der Arbeitszeit sowie eine Verlängerung des Erholungsurlaubs beschlossen. Partei und Regierung verabschiedeten außerdem ein ausgedehntes Konsumprogramm. Die Steigerung des Lebensstandards konnte jedoch nur mit einem kostspieligen erweiterten Import von westlichen Konsumprodukten realisiert werden, nicht zuletzt deshalb, weil die Partei die versprochenen Wohltaten zunächst schneller verteilte, als es die Volkswirtschaft der DDR erwirtschaften konnte. Da Honecker es ablehnte, sein Programm der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik auch nur marginal zu verändern, bekamen die Ministerien immer höhere Planvorgaben, die sie nur mit statistischen Tricks einhalten konnten.

Da in zunehmendem Maße mehr importiert als exportiert wurde, nahm bereits 1972/73 das Handelsdefizit gegenüber den westlichen Industriestaaten deutlich zu. So stieg die Verschuldung der DDR gegenüber dem "nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet" (NSW) von rund zwei Milliarden Valutamark (VM) – bei einem damaligen Umrechnungskurs von 1 $ = 1,90 VM – im Jahre 1970 auf über 22 Milliarden VM im Jahre 1979 an. Zum xistenziellen Problem wurde die Schuldenlast allerdings erst, als Anfang der 1980er Jahre die anstehenden Tilgungsraten und Zinsen nur durch kurzfristige ausländische Bargeldkredite unter denkbar ungünstigen Konditionen zurückgezahlt werden konnten. Der Bevölkerung wurde jedoch bis zum Schluss suggeriert, in einem "Wohlfahrtsstaat" zu leben. Dahinter stand die Vorstellung, durch Sozialpolitik Loyalität in der Bevölkerung erzeugen zu können.

Die sozialen Vorleistungen sollten sich in Honeckers Wirtschaftskonzept in besserer Arbeitsmotivation und höherer Arbeitsproduktivität niederschlagen. So war vorgesehen, die Arbeitsproduktivität zwischen 1971 und 1975 um 35 bis 37 Prozent, von 1976 bis 1980 um 30 bis 32 Prozent zu steigern. Erreicht wurden diese Ziele nie. Die ständigen Appelle zur Leistungssteigerung auf allen Gebieten, Parteischulung und Agitation zeigten wenig Erfolg.

Die sozialistische deutsche Nation

Honecker beendete nicht nur die von Ulbricht in den letzten Jahren vorgenommenen Reformexperimente, sondern setzte auch dem verbalen Festhalten an gesamtdeutschen Gemeinsamkeiten ein Ende. Schon auf dem VIII. Parteitag 1971 vertrat Honecker die These, dass sich mit dem Aufbau der sozialistischen Gesellschaft in der DDR "ein neuer Typus der Nation, die sozialistische Nation" entwickle. Dieses Konzept schlug sich schließlich in der Verfassungsänderung von 1974 nieder, die am 7. Oktober in Kraft trat. Der erste Satz des Artikels 1 der Verfassung, der die DDR als einen "sozialistischen Staat deutscher Nation" bezeichnet hatte, wurde ersatzlos gestrichen. Jetzt lautete Artikel 1 nur noch: "Die Deutsche Demokratische Republik ist ein sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern. Sie ist die politische Organisation der Werktätigen in Stadt und Land unter der Führung der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei."

Auch im neuen Programm der SED, das der IX. Parteitag im Mai 1976 verabschiedete und damit das Parteiprogramm von 1963 ersetzte, waren keine gesamtdeutschen Bezüge mehr enthalten. Die SED-Führung propagierte fortan das Konzept der "sozialistischen Nation". Sie umfasse das Volk der DDR und sei gekennzeichnet durch den souveränen sozialistischen Staat auf deren Territorium. Auf der anderen Seite hieß es, dass die Bevölkerung der DDR "deutscher Nationalität" sei. Daraus entwickelte sich dann die Formel "Staatsangehörigkeit: DDR, Nationalität: deutsch". Genauso war es auf allen offiziellen Formularen für DDR-Behörden einzutragen.

Quellentext

DDR-Verfassungen im Vergleich

7. Oktober 1949, 6. April 1968 und 7. Oktober 1974

Präambeln:

1949: Von dem Willen erfüllt, die Freiheit und die Rechte des Menschen zu verbür-gen, das Gemeinschafts- und Wirtschaftsleben in sozialer Gerechtigkeit zu gestalten, dem gesellschaftlichen Fortschritt zu dienen, die Freundschaft mit allen Völkern zu fördern und den Frieden zu sichern, hat sich das deutsche Volk diese Verfassung gegeben.
1968: Getragen von der Verantwortung, der ganzen deutschen Nation den Weg in eine Zukunft des Friedens und des Sozialismus zu weisen, in Ansehung der geschichtlichen Tatsache, daß der Imperialismus unter Führung der USA im Einvernehmen mit Kreisen des westdeutschen Monopolkapitals Deutschland gespalten hat, um Westdeutschland zu einer Basis des Imperialismus und des Kampfes gegen den Sozialismus auf-zubauen, was den Lebensinteressen des Volkes widerspricht, hat sich das Volk der [DDR], fest gegründet auf den Errungenschaften der antifaschistisch-demokratischen und der sozialistischen Umwälzung der gesellschaftlichen Ordnung, einig in seinen Werktätigen Klassen und Schichten das Werk der Verfassung vom 7. Oktober 1949 in ihrem Geiste fortführend und von dem Willen erfüllt, den Weg des Friedens, der sozialen Gerechtigkeit, der Demokratie, des Sozialismus und der Völkerfreundschaft in freier Entscheidung unbeirrt weiterzugehen, diese sozialistische Verfassung gegeben.
1974: In Fortsetzung der revolutionären Traditionen der deutschen Arbeiterklasse und gestützt auf die Befreiung vom Faschismus hat das Volk der [DDR] in Übereinstimmung mit den Prozessen der geschichtlichen Entwicklung unserer Epoche sein Recht auf sozial-ökonomische, staatliche und nationale Selbstbestimmung verwirklicht und gestaltet die ent-wickelte sozialistische Gesellschaft. Erfüllt von dem Willen, seine Geschicke frei zu bestimmen, unbeirrt auch weiter den Weg des Sozialismus und Kommunis-mus, des Friedens, der Demokratie und der Völkerfreundschaft zu gehen, hat sich das Volk der [DDR] diese sozialistische Verfassung gegeben.

Artikel 1, Auszug:

1949: Deutschland ist eine unteilbare Republik; sie baut auf den deutschen Ländern auf. [...] Es gibt nur eine deutsche Staatsangehörigkeit.
1968: Die [DDR] ist ein sozialistischer Staat deutscher Nation. Sie ist die poli-tische Organisation der Werktätigen in Stadt und Land, die gemeinsam unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei den Sozialismus verwirklichen.
1974: Die [DDR] ist ein sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern. Sie ist die politische Organisation der Werktäti-gen in Stadt und Land unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei.

Zusammenstellung durch den Verfasser. Nach: VERFASSUNG 1949, S. 11, 13; VERFASSUNG 1968, S. 5, 9; VERFASSUNG 1974, S. 5 f. In: Matthias Judt (Hg.), DDR-Geschichte in Dokumenten, Bonn 2010, S. 508 f.







 

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