Titelbild Bevölkerungsentwicklung
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Entwicklung der Weltbevölkerung


23.12.2011
Nach Jahrhunderten des gemächlichen Anstiegs beschleunigte sich im 20. Jahrhundert das Wachstum der Weltbevölkerung. Doch spätestens seit 1965-1970 ist eine Trendwende erkennbar, deren Vorreiter die Industriestaaten sind. Der Umgang mit dem Einfluss dieser Entwicklung auf die Funktionsfähigkeit des sozialen Sicherungssystems gehört zu den Herausforderungen der Gegenwart.

Hunderte von Autos stehen im Stau.Hunderte von Autos stehen im Stau. (© AP)

Einleitung



Bevölkerung ist mehr als eine bloße Ansammlung von Menschen. Sie definiert sich durch die den Individuen gemeinsamen Merkmale, zum Beispiel Wohnsitz und Arbeitsstätte, und darüber hinaus durch die sozialen, ökonomischen und kulturellen Beziehungen zwischen den Menschen.

Die Bevölkerung jedes Landes, jeder Region und jeder Gemeinde ist ständigen Veränderungen unterworfen. Dies geschieht durch Geburten und Sterbefälle sowie durch Zu- und Abwanderungen gegenüber anderen Gebieten des gleichen Landes (Binnenwanderungen) bzw. gegenüber dem Ausland (Außenwanderungen). Von diesen vier Ursachen der Veränderung ist die erste – die Geburtenzahl – die weitaus wichtigste, denn von ihr hängen die Übrigen drei auf eine elementare Weise ab: Jede Geburt führt irgendwann zu einem Sterbefall und in der Regel zu mehreren Wohnortwechseln im Lebenslauf, die in der Bevölkerungsstatistik als Zu- und Abwanderungen in Erscheinung treten. Die Summe aller vier Komponenten für ein bestimmtes Jahr oder für jeden anderen Zeitraum ist entweder positiv (im Fall des Bevölkerungswachstums), negativ (Bevölkerungsschrumpfung) oder Null (Stagnation der Bevölkerung).

Die Veränderungen der Bevölkerungs- bzw. Geburtenbilanz sind dabei nicht nur gesamtgesellschaftlich, sondern – mittelbar – auch für das Individuum von Bedeutung. Denn individuelle Entscheidungen, wie zum Beispiel die für oder gegen Kinder, verändern nicht nur die Gesellschaft als Ganzes, sondern wirken auf den Einzelnen zurück. So kann es sein, dass bei gesamtgesellschaftlich anhaltend niedrigem Geburtenniveau eine schrumpfende Zahl der in die Renten- oder Krankenversicherung einzahlenden Erwerbstätigen einer gleichzeitig absolut wachsenden Anzahl von zu versorgenden älteren Menschen gegenübersteht und infolge- dessen Renten gekürzt oder Beiträge zur Krankenversicherung erhöht werden müssen.

Die gesellschaftlichen Auswirkungen der demographischen Entwicklung können dazu führen, dass die aus Sicht des Einzelnen optimalen individuellen Entscheidungen in ihrer Summe einen demographischen und ökonomischen Zustand der Gesellschaft bewirken, durch den sich das Lebensniveau für den Einzelnen verringert, obwohl bzw. gerade weil die Individuen jeweils für sich optimale Entscheidungen getroffen haben.

In der deutschen Öffentlichkeit werden diese Zusammenhänge aus eigener Betroffenheit kontinuierlich diskutiert. Sie sind nicht eigentlich neu, sondern haben historische Vorläufer. Die Zahlen über die Bevölkerungsentwicklung der Welt in den vergangenen Jahrhunderten stützen sich auf jahrzehntelange internationale Forschungsarbeiten auf der Grundlage vielfältiger historischer und literarischer Quellen. Regelmäßige Volkszählungen als Basis demographischer Informationen gibt es – abgesehen von Vorläufern zum Beispiel im Römischen Reich – für wenige europäische Länder erst seit dem 18. Jahrhundert.

Die meisten Entwicklungsländer verfügen auch heute noch nicht über zuverlässige Bevölkerungsdaten. Beispielsweise werden die jährlichen Geburten und Sterbefälle zwischen den im Abstand von etwa zehn Jahren durchgeführten Volkszählungen in vielen Ländern immer noch nicht vollständig registriert, und das gleiche gilt für die Zu- und Abwanderungen über die Staatsgrenzen sowie für die Wanderungsbewegungen innerhalb der Länder.

Deutschland hat seit mehr als 20 Jahren keine genauen Informationen mehr über die Zahl und die Zusammensetzung seiner Bevölkerung. Die letzte Volkszählung fand in der früheren Bundesrepublik 1987 und in der früheren DDR 1981 statt. Im Jahr 2011 (Stichtag 9. Mai 2011) wird der Mikrozensus, eine Volkszählung neuer Art, durchgeführt, bei der statt wie bisher alle Einwohner nur noch zehn Prozent der Haushalte in einer Stichprobe befragt werden. Ergänzt werden diese Zahlen durch Informationen aus verschiedenen Registern. Im Herbst 2012 liegen voraussichtlich erste Ergebnisse für die Einwohnerzahl vor, im Frühjahr 2013 Ergebnisse für Haushalte.

In den Jahren zwischen den Volkszählungen wird die Bevölkerungszahl mittels der Geburten und Sterbefälle und der Zu- und Abwanderungen errechnet, indem man die Geburten und die Zuwanderungen jedes Jahr addiert und die Sterbefälle und die Abwanderungen subtrahiert (Bevölkerungsfortschreibung). Die Zahl der Geburten und Sterbefälle weist praktisch keine Fehler auf, anders als die Zahl der Zu- und Abwanderungen gegenüber dem Ausland, die die gleiche Größenordnung haben wie die Geburten und Sterbefälle. Da die ins Ausland wegziehenden Menschen sich nicht alle bei den Einwohnermeldeämtern abmelden und die illegal Zuwandernden sich nicht anmelden, wirken sich auf die Bevölkerungszahlen der amtlichen Statistik zwei Fehler mit umgekehrten Vorzeichen aus, deren genaues Ausmaß naturgemäß unbekannt ist. Die Schätzungen über die Zahl der in Deutschland lebenden, nicht registrierten Einwohnerinnen und Einwohner schwanken zwischen 500 000 und über einer Million. Es wird vermutet, dass in der Bundesrepublik auf Grund der seit 1987 lückenhaft registrierten Abwanderungen etwa 1,3 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner weniger leben als in der amtlichen Bevölkerungsstatistik angegeben werden.

Quellentext

Zensus – Wie Staaten ihre Völker zählen

Das "größte Projekt seit Entstehung der Menschheit" nannte der indische Innenminister die im April [2010] angelaufene Volkszählung aller Einwohner. 2,5 Millionen Mitarbeiter sind seitdem dabei, jeden der über 1,1 Milliarden Inder statistisch zu erfassen. Wer älter als 15 Jahre ist, muss einen Fingerabdruck abgeben und sich fotografieren lassen. Die Zählung wird vermutlich noch bis zum nächsten Frühling [2011] dauern.
Nur zehn Tage brauchte man in China. Dort begann am 1. November [2010]eine landesweite Erhebung, zu der 6,5 Millionen Volkszähler ausschwärmten. Da von den geschätzten 1,3 Milliarden Chinesen bis zu 200 Millionen Wanderarbeiter sein sollen, die zuweilen illegal leben, standen die Zähler immer wieder vor einem Problem: In vielen Wohnungen gab es unbefriedigende Auskünfte und augenscheinlich mehr Bewohner als Zimmer. Daher wichen die Volkszähler auf Indizien aus – und zählten die vorhandenen Zahnbürsten.
In den USA, einem Land ohne Einwohnermeldeämter, ist die Volkszählung von zentraler Bedeutung. Der amerikanische United States Census fand im vergangenen Frühling [2010] bereits zum 23. Mal statt (seit 1790 alle zehn Jahre). Die dabei erhobenen Daten dienen dem Zuschnitt von Wahlkreisen und der Berechnung öffentlicher Zahlungen: Gemeinden erhalten umso mehr Geld, je mehr Einwohner bei ihnen gezählt werden – ein wichtiger Grund für das gute Image der Zählung. Kritisiert wurden allerdings dieses Jahr die hohen Kosten des Census.
Im Nachbarland Kanada hat die Regierung im Juni [2010] die ausführliche Pflichtbefragung eines Fünftels der Bevölkerung ersetzt ("Geldverschwendung"). Diese 20 Prozent hatten bisher einen längeren Fragebogen erhalten als ihre Mitbürger. Künftig soll die Teilnahme an diesem long form questionnaire freiwillig sein – aber dennoch 30 Prozent der Bevölkerung erreichen. Kritiker befürchten daher unter dem Strich höhere Kosten: Sie weisen darauf hin, dass die Bürger unter dem Dauerbeschuss von Telefonumfragen und als solche getarnter Werbung des Antwortens müde werden.
Gute Erfahrungen hat man in der Schweiz gesammelt, wo die amtlichen Statistiker auch das Gebäudekataster erstellen. Dieser praktische Nutzen erhöht die Akzeptanz – vermischt aber Verwaltung und Statistik miteinander. Die Europäische Union fordert von ihren Mitgliedstaaten im Zehnjahrestakt ein fixes Set von Bevölkerungsdaten, gibt jedoch keine bestimmte Methodik vor: Sowohl Stichtage als auch Erhebungsart werden national festgelegt.
In Großbritannien wird gerade diskutiert, ob der Zensus 2011 der letzte auf Basis von Fragebögen sein soll. Ihn könnte eine reine Analyse amtlicher Register ersetzen. In den 90er Jahren waren schon die Niederlande, Dänemark und Schweden zu einer solchen Katasterauswertung übergegangen. Allerdings trägt in Skandinavien auch jeder Bürger eine eindeutige Identifikationsnummer, unter der er von seiner Geburt bis zum Tod in amtlichen Datenbanken eindeutig und einheitlich verzeichnet ist – was zu aussagekräftigen Daten für die Statistiker führt.
Rigoros geht man in der Türkei vor: Am Stichtag der Volkszählung herrscht Ausgangssperre, um den Interviewern die Arbeit zu erleichtern.

STX, "So zählen die anderen", in: Die Zeit Nr. 46 vom 11. November 2010
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