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Titelbild Bevölkerungsentwicklung

23.12.2011 | Von:
Herwig Birg

Entwicklung der Weltbevölkerung

Jahrhunderte des Wachstums

Trotz der unvollständigen historischen Quellen und der fehlerbehafteten Bevölkerungsstatistiken hat die internationale Forschung durch zahlreiche, intensive Untersuchungen Schätzungen über die historische Entwicklung der Weltbevölkerung erarbeitet, die als fachlich gut gesichert gelten. Nach diesen Ergebnissen ist die Weltbevölkerungszahl in den ersten 18 Jahrhunderten extrem langsam gestiegen: von rund 200 bis 400 Millionen Menschen im Jahr Null auf eine Milliarde im Zweijahreszeitraum 1804/05. Danach beschleunigte sich das Wachstum stark: Für die zweite Milliarde 1926/7 genügten etwa 123 Jahre, für die dritte im Jahr 1959 wurden rund 33 und für die vierte, fünfte und sechste in den Jahren 1974, 1987 und 1998 nur noch 15, 13 bzw. zwölf Jahre benötigt. Seitdem vergrößern sich die Abstände, die siebte Milliarde wurde im Oktober 2011 erreicht. Die Wachstumsrate der Weltbevölkerung – der jährliche prozentuale Zuwachs – hat im Zeitraum 1965 bis 1970 mit zwei Prozent ein Maximum erreicht und nimmt seitdem stetig ab, 2010 betrug sie noch 1,1 Prozent und hat nach wie vor eine fallende Tendenz.

Als im 18. Jahrhundert in Europa die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Bevölkerungsfragen begann, entwickelte sich unter den Gelehrten ein Streit um die These, dass die Weltbevölkerungszahl im Altertum möglicherweise größer gewesen sei als in der Neuzeit. Diese aus heutiger Sicht merkwürdige Ansicht ist darauf zurückzuführen, dass die Bevölkerungszahl in vielen Ländern Europas durch lang andauernde Kriege, in Deutschland vor allem durch den Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648, sowie durch die hohe Sterblichkeit infolge von Epidemien wie den Pocken und der Pest vielerorts auf weniger als die Hälfte gesunken war. Das wichtigste Bevölkerungsproblem bestand aus damaliger Sicht nicht in der "Übervölkerung", sondern in einem Mangel an Menschen, und die Bevölkerung eines Landes im Sinne des wieder Volkreich-machens – der Ursprung des Begriffs "Be-völkerung" – rückte zu einem der wichtigsten Staatsziele auf.

Das Weltbevölkerungswachstum im Zeitraum 1750-2010.Das Weltbevölkerungswachstum im Zeitraum 1750-2010.
War die Bevölkerungszahl eines Staates hoch, galt dies als ein untrügliches Zeichen für dessen Wohlstand. Eine große Einwohnerzahl war gleichbedeutend mit wirtschaftlicher Kraft und hohen Staatseinnahmen. Sie galt als Beweis, dass das Land gut regiert wurde, fruchtbar war und viele Menschen "tragen" konnte. Aus dieser Zeit stammt der Begriff der "Tragfähigkeit der Erde". Damals verstanden als reine landwirtschaftliche Ernährungskapazität, umfasst der Terminus heute auch die ökologischen Auswirkungen der Bevölkerungsentwicklung. Die Frage nach der landwirtschaftlichen Tragfähigkeit der Erde wurde bereits zur Mitte des 18. Jahrhunderts gestellt und mit umfangreichen Berechnungen beantwortet: Die "Tragfähigkeit der Erde" beträgt 14 Milliarden Menschen – ein Ergebnis, das Berechnungen aus unserer Zeit nahekommt. Es stammt aus dem von Johann Peter Süßmilch 1741 in Berlin veröffentlichten klassischen Werk der Bevölkerungswissenschaft "Die göttliche Ordnung in den Veränderungen des menschlichen Geschlechts ...". Als das Buch erschien, lebten auf der Erde weniger als eine Milliarde Menschen.

Die in der Zeit des Merkantilismus im 18. Jahrhundert eingesetzten Maßnahmen der Bevölkerungspolitik – vor allem die Förderung der Geburten, die Einführung eines Medizinalsystems zur Senkung der Sterblichkeit sowie die Unterstützung der Einwanderung bei gleichzeitigem Verbot der Auswanderung – zeigten in ihrer Summe Wirkung: Die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate der Bevölkerung Europas stieg vom Zeitraum 1750-1800 bis zum Zeitraum 1850-1900 kontinuierlich von 0,44 auf 0,79 Prozent. Die Wachstumsrate der Weltbevölkerung erhöhte sich im gleichen Zeitraum ebenfalls, jedoch wesentlich schwächer, von 0,43 auf 0,54 Prozent.

Quellentext

Wachsende Lebenserwartung

[...] Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein galt, was der englische Philosoph Thomas Hobbes (1588-1679) in seinem Buch "Leviathan" über das menschliche Leben geschrieben hatte: Es sei einsam, armselig, gemein, viehisch und kurz. Das Erwachsenenalter erreichte im 18. Jahrhundert nur etwa jeder zweite, und von den jungen Erwachsenen starb wiederum jeder zweite vor dem Erreichen des sechzigsten Geburtstages. [...]

Bis 1880 war die Lebenserwartung niedrig. In Mitteleuropa lag sie zur Zeit der Reichsgründung (1871) im statistischen Durchschnitt bei 37 Lebensjahren. [...] Je höher aber die Sterblichkeit, desto geringer die mittlere Lebenserwartung. In Europa erhöhte sich die Lebenserwartung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunächst nur wenig, weil die Sterblichkeit in den Städten größer war als auf dem Lande und dies zugleich das Zeitalter einer raschen Verstädterung und Industrialisierung war. In Deutschland ging sie zeitweise sogar etwas zurück, weil die städtische Bevölkerung so rasch wuchs und immer wieder Epidemien das Land überzogen.
In den großen Städten lebte man dicht zusammengepfercht beieinander, die Luft war von den Abgasen aus Industriebetrieben hochgradig verschmutzt, das Trinkwasser in den öffentlichen Brunnen mit Schadstoffen verunreinigt. Die Städte waren "ungesund", ihre Bewohner wurden nicht alt. [...]
Noch im 19. Jahrhundert war die Säuglingssterblichkeit sehr hoch. In den Städten lag der Anteil von Säuglingen und Kleinkindern (bis fünf Jahre) unter den Verstorbenen mitunter bei 50 Prozent. [...]
In Deutschland war die Säuglingssterblichkeit höher als in anderen europäischen Staaten, und sie war in Süddeutschland höher als im Norden. [...] Die meisten Säuglinge starben an Darminfektionen, weil sie nicht gestillt wurden. Statt der Muttermilch erhielten sie mit verseuchtem Wasser verdünnte Kuhmilch. [...]
Zwischen der Reichsgründung und dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges sank die rohe Sterblichkeitsziffer (crude death rate) vor allem in den Großstädten. Eine bessere Hygiene hat am meisten dazu beigetragen. An erster Stelle sind die kommunale Versorgung mit sauberem Trinkwasser und die Beseitigung der Auswurfstoffe durch die Kanalisation zu nennen. Diese Installationen waren die größten öffentlichen Gesundheitsprojekte, die je verwirklicht wurden. Sie hoben die Lebenserwartung spürbar an.
Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts begannen in den Industrieländern die Realeinkommen – und der Lebensstandard – zu steigen. Das hieß: weniger Arbeitsstunden pro Jahr, also mehr freie Zeit zur Erholung, bessere Ernährung, mehr und hygienisch einwandfreie Milch, geräumigere Wohnungen. [...] Die mittlere Lebenserwartung stieg; im ersten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts lag sie für Männer bei 44,8 und für Frauen bei 48,3 Jahren.
In der Vergangenheit waren die Todesursachen einförmiger als heute. In Deutschland starben noch am Ende des 19. Jahrhunderts Jahr für Jahr mehr als 100 000 Menschen an Tuberkulose. [...] Bis 1939 hatten die Tuberkulose, die Bronchitis und andere Erkrankungen der Atmungsorgane bei Kindern ihre tödliche Kraft verloren. Das ist vor allem dem medizinischen Fortschritt zu verdanken.
[...] Die [...] von belebten Erregern verursachten Krankheiten rissen im 18. und noch im 19. Jahrhundert in der Regel weit mehr als ein Drittel der Erwachsenen ins Grab. Zählt man die vielen Kleinkinder hinzu, die an Infektionen im Magen-Darm-Trakt starben, also gleichfalls an den Auswirkungen von Mikroorganismen, so wird wohl in den meisten Jahren sogar mehr als die Hälfte aller Todesfälle Krankheitskeimen zuzuschreiben sein. [...]
Dank der erfolgreichen Bekämpfung der Infektionskrankheiten und einer Reihe sozialhygienischer Maßnahmen stieg die Lebenserwartung in den Industrieländern zwar an, aber am Vorabend des Ersten Weltkrieges waren die Menschen noch immer relativ jung, wenn sie ins Grab sanken. Das Alter von achtzig Jahren erreichten nur wenige. Im Jahr 1913 waren gerade einmal 14,2 Prozent der auf den Nürnberger Friedhöfen bestatteten Perso-nen siebzig Jahre oder älter (1867 waren es nicht einmal zehn Prozent). Heute macht diese Personengruppe in Nürnberg mehr als siebzig Prozent aus. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfuhr der Anstieg der Lebenserwartung noch einmal einen gewaltigen Schub – und trieb damit die Alterung der Gesellschaft voran. 1936 lebten im Deutschen Reich vier Hundertjährige, inzwischen sind es an die 15 000. [...]

Der Verfasser ist Historiker und lebt als freier Autor in Rohrdorf bei Rosenheim.

Manfred Vasold, "Die Revolution der Lebenserwartung", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26. Juli 2010



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