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Titelbild Bevölkerungsentwicklung

23.12.2011 | Von:
Herwig Birg

Entwicklung der Weltbevölkerung

Trendwende im 20. Jahrhundert

Im 20. Jahrhundert setzte sich der Anstieg der Wachstumsrate der Weltbevölkerung fort, während sich das Wachstum in Europa im gleichen Zeitraum abschwächte und im Falle Deutschlands – ohne Berücksichtigung von Einwanderungen – seit 1972 in die Schrumpfung überging (in der früheren DDR seit 1969).

Deutschland war Ende der 1970er Jahre das Land mit der niedrigsten Geburtenrate der Welt. Die übrigen europäischen Staaten sind ihm später auf dem Weg zu niedrigen Geburtenraten mit einem Abstand von zwei bis drei Jahrzehnten gefolgt. Inzwischen verzeichnen die Länder im Süden und im Osten Europas, aber auch außereuropäische Staaten wie Japan und Hongkong ähnlich niedrige oder noch niedrigere Geburtenraten wie die in Deutschland lebende Bevölkerung mit deutscher Staatsangehörigkeit, deren durchschnittliche Geburtenrate rund 1,2 Kinder pro Frau beträgt. Bei den Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit ist die Geburtenrate inzwischen auf 1,6 Kinder je Frau gesunken. Die höhere Geburtenrate der zugewanderten Bevölkerung in Deutschland beruht darauf, dass die Mehrheit der Migranten aus Herkunftsländern stammt, in denen die Geburtenraten zwar ständig abnehmen, aber immer noch wesentlich höher sind als in den Industrieländern. Im Zeitraum 2005-2010 betrug beispielsweise die Geburtenzahl pro Frau in der Türkei 2,1 und im Durchschnitt aller Entwicklungsländer 2,7, in den am wenigsten entwickelten Ländern 4,4.

Quellentext

Verschiedene Arten von Bevölkerungsvorausberechnungen

Jede wissenschaftliche Bevölkerungsvorausberechnung beruht auf drei Gruppen von Bedingungen oder Voraussetzungen: auf Annahmen über die künftige Entwicklung der Fertilität (Geburtenrate), der Mortalität (Sterberate) und der Migration (Wanderungsrate). Das Kernstück jeder Vorausberechnung besteht in der Erarbeitung dieser Annahmen, was intensive Analysen über die Entwicklung in der Vergangenheit erfordert. Die Qualität einer Bevölkerungsvorausberechnung, gemessen an ihrer Treffsicherheit, ist stets identisch mit der Qualität bzw. dem Realitätsgehalt der ihr zugrunde liegenden Annahmen. Stimmen die Annahmen über die Geburten- und Sterberate und über die Wanderungsrate in der Zukunft mit der Realität genau oder näherungsweise überein, dann trifft auch die Bevölkerungsvorausberechnung genau oder näherungsweise zu.

Der Begriff "Bevölkerungsvorausberechnung" dient als Oberbegriff für verschiedene Unterbegriffe wie "Bevölkerungsprognose", "Bevölkerungsprojektion", "Bevölkerungsmodellrechnung" und "Bevölkerungs-Simulationsrechnung". Bei einer Bevölkerungsprognose werden die Annahmen mit dem Ziel getroffen, dass die Wahrscheinlichkeit ihres Eintreffens möglichst hoch und der Prognosefehler (Differenz zwischen Prognoseergebnis und tatsächlicher Entwicklung) möglichst gering ist. Demgegenüber besteht das Ziel einer Bevölkerungsprojektion in der Berechnung eines Prognoseintervalls, bestehend aus einer oberen, mittleren und unteren Variante. Zu diesem Typus zählen zum Beispiel die Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes.
Einen besonderen Unterfall des Typs der Bevölkerungsprojektion bilden die Population Prospects der Population Division der UN. Die Annahmen der UN sind oft bewusst optimistischer gesetzt als es der bisherigen Entwicklung entspricht. Beispielsweise nehmen die Annahmen über einen besonders raschen Rückgang der Geburtenrate in den Entwicklungsländern den Erfolg einer wirksamen Bevölkerungspolitik in der Zukunft vorweg, obwohl deren ausreichende Finanzierung nicht sicher ist. Um den Zielcharakter dieser Vorausberechnungen hervorzuheben, wird dieser Typ von Projektionsrechnungen im Deutschen auch mit dem Begriff "Zielprojektion" bezeichnet.
Modellrechnungen dienen nur dem Ziel, die aus unterschiedlichen Annahmen folgenden demografischen Zustände in der Zukunft zu ermitteln, ohne eine maximale Prognosegenauigkeit anzustreben. Dafür wird meist eine große Vielzahl von Varianten berechnet. Bei besonders zahlreichen Varianten werden Ober- und Untergrenzen für die Geburten-, Sterbe- und Wanderungsrate durch die Forschung festgelegt, während der Zahlenwert selbst durch den Computer nach dem Verfahren der Zufallsstichprobe aus dem vor- gegebenen Intervall "gezogen" wird wie ein Los aus der Urne. Das entsprechende Verfahren, die so genannte Monte-Carlo-Simulation, soll nicht eine einzelne, möglichst zutreffende Vorausberechnung liefern, sondern eine möglichst große Vielzahl, aus denen sich eine Häufigkeits- bzw. Wahrscheinlichkeitsverteilung über das Ergebnis bilden lässt ("stochastische Bevölkerungsvorausberechnung"). Der Mittelwert der Häufigkeitsverteilung lässt sich dann als das Ergebnis mit der höchsten Wahrscheinlichkeit interpretieren.

Vorausberechnungsvarianten

Nach Jahrhunderten des Bevölkerungswachstums zeichnet sich heute auf Grund des weltweiten, seit Jahrzehnten beobachteten Rückgangs der Geburtenraten ein Ende des Weltbevölkerungswachstums ab. Die Geburtenrate ist im Durchschnitt der Weltbevölkerung vom Zeitraum 1950-1955 bis zum Zeitraum 2005-2010 von fünf Kindern je Frau auf 2,5 Kinder je Frau zurückgegangen. Nach den Untersuchungen der Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen könnte sie bis 2015-2020 auf zwei Kinder je Frau fallen (Annahme der "unteren" Vorausberechnungsvariante der UN von 2010). Nach der "mittleren" Variante wird eine Geburtenzahl von rund zwei Kindern pro Frau erst nach der Jahrhundertmitte erreicht, wobei sich der Abnahmetrend der Geburtenrate abschwächt, sodass im Jahr 2050 im Durchschnitt der Weltbevölkerung nach der mittleren Variante 2,15 Geburten pro Frau entfallen.

Selbst wenn sich die untere Annahme eines besonders raschen Rückgangs der Geburtenrate als zutreffend erweist, wächst die absolute Zahl der Weltbevölkerung trotzdem bis 2045 weiter, bei einem langsameren Rückgang der Geburtenrate entsprechend der mittleren Variante setzt sich das Wachstum sogar bis zum Ende des 21. Jahrhunderts fort. Dieses Phänomen des absoluten Zuwachses der Bevölkerung trotz abnehmender Geburtenrate wird mit den Begriffen "langer Bremsweg", "Schwung" und "Eigendynamik des Bevölkerungswachstums" bezeichnet.

Der Grund für die Dynamik und gleichzeitige Trägheit des Bevölkerungswachstums liegt darin, dass die absolute Zahl der Geburten, die das Produkt aus der Geburtenzahl pro Frau und der Zahl der Frauen im sogenannten gebärfähigen Alter von 15 bis 45 ist, nur sehr langsam zurückgeht. Denn die Zahl der Frauen, die nach 2000 in die Altersgruppe des gebärfähigen Alters nachgerückt sind bzw. nachrücken, erhöht sich infolge der in der Vergangenheit stark angestiegenen Geburtenzahlen bzw. Jahrgangsstärken bis 2080 noch beträchtlich, und zwar um mehrere Hundert Millionen. Die abnehmende Geburtenzahl pro Frau wird durch die steigende Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter (15-45/50) überkompensiert, so dass die absolute jährliche Geburtenzahl über der Zahl der Sterbefälle liegt und das Bevölkerungswachstum sich noch jahrzehntelang, wenn auch abgeschwächt, fortsetzt.

Diese Zukunftsprognosen haben nichts mit Wahrsagerei zu tun, vielmehr handelt es sich um mathematisch überprüfbare Aussagen in der Form von "Wenn-Dann-Sätzen". Sollten die den Berechnungen zugrunde liegenden "Wenn-Annahmen" über die Geburtenrate und die Sterblichkeit genau oder näherungsweise stimmen, dann treffen auch die aus ihnen abgeleiteten Vorausberechnungen genau beziehungsweise näherungsweise ein.

Berücksichtigt man, dass sich nicht jedes geborene Mädchen fortpflanzen kann, weil es zum Beispiel vor dem Beginn des gebärfähigen Alters stirbt, müssen im Durchschnitt der Weltbevölkerung 2,13 Lebendgeborene pro Frau entfallen, damit die Bevölkerungszahl konstant bleibt (Bestandserhaltungsniveau der Geburtenrate). Ergänzend zu den dargestellten Berechnungen der UN führte der Verfasser Vorausberechnungen unter der alternativen Annahme durch, dass die Geburtenrate der Weltbevölkerung schnell oder weniger schnell fällt, so dass das Bestandserhaltungsniveau der Geburtenrate im Durchschnitt der Weltbevölkerung alternativ bis zum Zeitpunkt 2010, 2020, (...), 2080 erreicht und danach leicht unterschritten wird. Für jede dieser acht Annahmen liegt der Gipfel der Weltbevölkerungszahl in einem bestimmten Kalenderjahr, danach tritt eine neue Phase der Weltbevölkerungsschrumpfung ein.

Die verschiedenen Varianten der Weltbevölkerungsentwicklung bis zum Jahr 2010.Die verschiedenen Varianten der Weltbevölkerungsentwicklung bis zum Jahr 2010.
Wenn das Bestandserhaltungsniveau der Geburtenrate beispielsweise ab dem Jahr 2040 unterschritten wird, wächst die Weltbevölkerung auf ein Maximum von 9,5 Milliarden im Jahr 2070, danach beginnt der Prozess der Weltbevölkerungsschrumpfung. Erreicht die Geburtenrate das Bestandserhaltungsniveau erst 2080, dann steigt die Weltbevölkerungszahl bis 2110 auf ein Maximum von 11,6 Milliarden, um danach zurückzugehen.

Von den acht Berechnungsvarianten sei noch der rein theoretische Fall einer extrem schnellen Abnahme auf das Bestandserhaltungsniveau bis zum Jahr 2010 betrachtet. In diesem Fall erreicht die Weltbevölkerung im Jahr 2048 ein Maximum von rund acht Milliarden, danach nimmt sie ab. Natürlich hängen diese Berechnungsergebnisse auch von Annahmen über die künftige Entwicklung der Lebenserwartung bzw. der Sterblichkeit ab. Unterschiedliche Annahmen zur Lebenserwartung haben jedoch eine wesentlich geringere Auswirkung auf das Ergebnis als die Annahmen zur Geburtenrate (Herwig Birg, World Population Projections, Frankfurt a. M./New York 1995, S. 109).

Abnehmende Wachstumsraten der Weltbevölkerung bedeuten nicht, dass auch der absolute Bevölkerungszuwachs in gleichem Maße geringer wird. Auf Grund der dargestellten Eigendynamik des Weltbevölkerungswachstums bleibt der jährliche absolute Zuwachs noch einige Jahrzehnte auf einem relativ hohen Niveau von 70 bis 80 Millionen annähernd konstant, obwohl die Wachstumsraten und die Geburtenraten ständig abnehmen.

Der Zeitpunkt des Übergangs in die Bevölkerungsschrumpfung ist bei den einzelnen Ländern unterschiedlich, die Schrumpfung beginnt um so später, je höher das Ausgangsniveau der Geburtenrate eines Landes war. Für die Industrieländer (Europa, Nordamerika, Japan, Australien und Neuseeland) wird die Geburtenzahl pro Frau von der Bevölkerungsabteilung der UN im Zeitraum 2005-2010 auf 1,66 geschätzt, hier beginnt die Bevölkerungsschrumpfung (im Falle hoher Einwanderungen) um das Jahr 2050. Für die Gruppe der wenig entwickelten Länder (Afrika, Asien ohne Japan, Lateinamerika, Karibik, Melanesien, Mikronesien und Polynesien) beträgt die Geburtenrate 2,67 Kinder pro Frau, in diesen Ländern setzt die Schrumpfung erst gegen Ende des 21. Jahrhunderts ein. Einige der am wenigsten entwickelten Länder mit einer Kinderzahl von 4,41 pro Frau könnten noch im 22. Jahrhundert Bevölkerungszuwächse verzeichnen.


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