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Titelbild Bevölkerungsentwicklung

23.12.2011 | Von:
Herwig Birg

Entwicklung der Weltbevölkerung

Einflüsse auf die Wohlstandsverteilung

Als Hauptkennzeichen des demografischen und des sozioökonomischen Entwicklungsprozesses während der letzten 200 Jahre haben sich folgende Ergebnisse herauskristallisiert:

Im Zeitraum von 1750 bis 1850, in dem die heutigen Industrieländer selbst noch wenig entwickelt waren, übertraf ihr Bevölkerungswachstum die Wachstumsrate Afrikas und die anderer Staaten, die heute zu den Entwicklungsländern zählen, um das zehn- bis 20-fache.

Die steigende Bevölkerungszahl bewirkte in diesen Ländern eine zunehmende Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen, was die Wachstumsrate der volkswirtschaftlichen Produktion, die Einkommen und die Kaufkraft erhöhte. Gleichzeitig stieg durch verbesserte landwirtschaftliche Produktionsmethoden die Ernährungssicherung. Hinzu kamen Fortschritte in der medizinischen Versorgung und der Hygiene, wodurch sich die Sterblichkeit verringerte bzw. die Lebenserwartung stieg.

Nach Erreichen eines hohen Entwicklungsniveaus in Deutschland, insbesondere nach Einführung der kollektiven Alters-, Unfall- und Krankenversicherung durch die Bismarckschen Sozialreformen ab den 1880er Jahren, ging die Bedeutung eigener Kinder als Grundlage einer familienbasierten sozialen Absicherung und Versorgung im Alter und im Fall von Krankheit und Invalidität allmählich zurück. Die Funktionsweise des kollektiven sozialen Sicherungssystems als Ganzes hing aber auch weiterhin davon ab, dass das zahlenmäßige Verhältnis zwischen den zu versorgenden Kindern und älteren Menschen einerseits und denen in der mittleren Altersgruppe, die diese Versorgungsleistung erwirtschaften müssen, andererseits nicht übermäßig anstieg.

Quellentext

Anfänge der staatlichen Sozialversicherung

[...] Jahrhundertelang war eine staatlich organisierte Versicherung gegen die sozialen Risiken durch Krankheit, unfall- oder altersbedingte Erwerbsunfähigkeit weder denkbar noch dringend notwendig. In der vorindustriellen Zeit hielten die Bande der Großfamilie – kein Grund zu Sozialromantik freilich, es gab Armut, Not und Elend. Jedoch: Die Sippe hielt und half.

In den aufkommenden Handwerksberufen waren es die Zünfte und Gilden, die sich um ihre Mitglieder kümmerten. Wo nach und nach Städte entstanden, erfüllten die Kirchen ihren diakonischen Auftrag und halfen Kranken und Verarmten.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts änderte sich die Situation rasch. Die Aufhebung der Leibeigenschaft trieb Scharen von freien, aber armen Bauern in die aufblühenden Städte. Maschinen ermöglichten die Fabrikationswirtschaft: Die industrielle Revolution war ausgebrochen, die sozialen Bande hielten nicht stand. Armut wurde zum Massenphänomen. Und somit zum Politikum.
[...] Die Eliten hatten ein Problem: Das Gespenst des Kommunismus ging um in Europa. Auch in Deutschland waren Hunderttausende arm. Wer krank wurde oder infolge eines Betriebsunfalls seine Erwerbsfähigkeit einbüßte, verlor die ungeschützte Stellung und konnte Frau und Kinder nicht mehr ernähren. Eine gefährliche Situation: Hätte sich die Auffassung des Kommunistischen Manifests durchgesetzt, die Proletarier hätten nichts zu verlieren außer ihren Ketten, wäre die Revolution greifbar nahe gewesen.
Sie zu verhindern, verteilte der Reichskanzler Otto von Bismarck Zuckerbrot und schwang die Peitsche: Die Sozialistengesetze von 1878 brachten Versammlungs-, Organisations- und Publikationsverbote für Sozialdemokraten und Gewerkschafter. Mit den Sozialreformen aber kam ein Mindestmaß sozialer Sicherheit: "Eine Aufgabe staatserhaltender Politik", wie es in der Gesetzesbegründung hieß.
Zuerst brachte Bismarck die Krankenversicherung auf den Weg, 1883. Für die mit höchstens sechs Prozent des Arbeitslohns historisch niedrigen Beiträge gab es ärztliche Behandlung, Arzneimittel und mindestens die Hälfte des Einkommens als Krankengeld.
Ein Jahr später folgte die Unfallversicherung. [...] Der Arbeiter erhielt verschuldensunabhängig Ersatz, wenn ein Betriebsunfall seine Erwerbsfähigkeit beeinträchtigte. Starb er, bekamen die Hinterbliebenen eine Rente. Gezahlt haben die Berufsgenossenschaften, die die Kosten auf die Unternehmer umlegten. Ein Geniestreich: Die Arbeitgeber bekamen einen Anreiz, Betriebsunfälle zu verhüten, die Arbeiter mussten keine aufwendigen Ersatzprozesse führen. Das Prinzip gilt noch heute.
Erst 1889 entstand mit der Invaliditäts- und Alterssicherung die Vorgängerin der heutigen Rentenversicherung. Sie leistete Rente, wenn der Arbeiter wegen Invalidität weniger als ein Sechstel seines früheren Verdienstes erzielte oder mindestens 70 Jahre alt war. Aber wer als Arbeiter alt wurde, war meistens Invalide, und die Lebenserwartung lag bei 40 Jahren. [...] Außerdem gab es zunächst grundsätzlich keine Leistungen für die Hinterbliebenen. Dafür war der Beitragssatz zu gering: 1,7 Prozent des Verdienstes zahlten, je zur Hälfte, Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Die Versicherung enthielt sowohl kapitalgedeckte Elemente, bei denen die Versicherungsleistungen angespart und später ausgeschüttet werden, als auch Umlageaspekte, bei denen die jeweils aktuellen Beitragszahler für die Leistungsempfänger aufkommen.
1911 führte die Reichsversicherungsordnung (RVO) die drei Versicherungszweige zusammen. Sie galt in wesentlichen Teilen noch bis in die neunziger Jahre.

Sebastian Lovens, "Der lange und meist erfolgreiche Weg von Fürs Bismarck zu Walter Riester", in: Das Parlament Nr. 8 vom 22.2.2002

Hochentwickelte Länder im "Verteilungsstress"

Dieses Gleichgewicht von Beitragszahlern und Begünstigten existiert in Deutschland und in anderen hochentwickelten Ländern nicht mehr. Das soziale Sicherungssystem (Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung) verliert durch die wachsende Zahl (nicht nur den wachsenden Prozentanteil) der zu versorgenden älteren Menschen in der Altersgruppe der über 60-Jährigen und durch die gleichzeitig schrumpfende Zahl der 20- bis 60-Jährigen zunehmend seine Funktionsfähigkeit. Dabei fällt die Entlastung durch die abnehmende Zahl der Kinder und Jugendlichen weitaus weniger ins Gewicht als die Belastung durch die zunehmende Zahl der Älteren. Das wichtigste Bevölkerungsproblem ist also nicht in erster Linie die ohne Einwanderungen schrumpfende absolute Bevölkerungszahl, sondern der demografisch bedingte gesellschaftliche Verteilungs- bzw. Umverteilungsstress zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen, vor allem zwischen den jungen und alten Generationen.

Gleichzeitig werden durch die Abnahme der Erwerbspersonenzahl in der mittleren Altersgruppe von 20 bis 60 das Wachstum des Volkseinkommens und mit ihm das Wachstum der Steuereinnahmen verringert. Gerade in dieser Situation wären jedoch stark wachsende Staatseinkünfte nötig, um den Rückgang der Beitragszahlungen in die Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung durch staatliche Zuschüsse so weit wie möglich auszugleichen. Da sich das Wirtschaftswachstum und mit ihm das Wachstum der Steuereinnahmen durch die demografische Entwicklung abschwächen, entsteht das Dilemma, dass die demografische Entwicklung gleichzeitig die angestrebte Aufstockung der zu geringen Einnahmen des sozialen Sicherungssystems aus Steuermitteln verhindert.

Eine der schwerwiegendsten Auswirkungen dieser Entwicklung ist die Verschärfung der sozialen Gegensätze, denn die Schließung der entstehenden Versorgungslücken durch private Zusatzversicherungen als Ergänzung zur kollektiven Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung ist den Menschen um so weniger möglich bzw. verlangt ihnen um so größere Opfer und einen um so stärkeren Konsumverzicht ab, je geringer ihr Einkommen ist.

Das eigentliche Bevölkerungsproblem entwickelter Länder wie Deutschland ist ein gesellschaftliches und soziales Problem, das in erster Linie auf der Verschiebung der Altersstruktur durch die Gleichzeitigkeit von Bevölkerungswachstum bei den über 60-Jährigen und der Bevölkerungsschrumpfung bei den 20- bis 60-Jährigen und bei den unter 20-Jährigen beruht. Es ist erst in zweiter Linie ein Problem des quantitativen Bevölkerungsrückgangs, zumal das Geburtendefizit in den vergangenen Jahrzehnten noch durch Einwanderungen mehr als ausgeglichen wurde. So nahm die Bevölkerungszahl zum Beispiel 2002 nicht ab, sondern wanderungsbedingt sogar noch um ein Promille zu, obwohl schon seit 1972 in Deutschland jedes Jahr mehr Menschen sterben als geboren werden.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der sozioökonomische Entwicklungsprozess der Industrieländer vorübergehend durch die niedrige Wachstumsrate der Bevölkerung begünstigt, weil ein besonders hoher Anteil des Sozialprodukts für wachstums- und produktivitätssteigernde Investitionen statt für Konsumzwecke verwendet wurde. Die Investition in Produktionsanlagen und Maschinen begünstigt das Wachstum des Sozialprodukts und des Pro-Kopf-Einkommens, indem sie die Produktion pro Kopf (Produktivität) steigert. Diese Entwicklungsphase könnte rückblickend in spiegelbildlicher Analogie zum "Zirkel der Armut" in den heutigen Entwicklungsländern als "Zirkel des Reichtums" bezeichnet werden. Dieser Zirkel in den Industrieländern hat sich inzwischen erschöpft, er ist zum großen Teil aus demografischen Gründen an sein Ende gelangt, nachdem er von der Bevölkerungsentwicklung vorübergehend begünstigt wurde.

Entwicklungsländer im "Armutszirkel"

Länder mit einer hohen Geburtenrate und einer stark wachsenden Bevölkerung befinden sich in einem "Zirkel der Armut", weil durch die hohe und stark wachsende Bevölkerungszahl ein zu großer Anteil des Volkseinkommens zur Versorgung der am Existenzminimum lebenden Menschen verwendet werden muss. So steht nur ein geringer Anteil für Investitionen in das produktivitäts- und einkommenssteigernde volkswirtschaftliche Produktionskapital – in Maschinen und in die Infrastruktur – zur Verfügung. Es gibt relativ wenige hochentwickelte Indus-trieländer wie Deutschland, aber noch geringer ist die Zahl der Schwellenländer, denen es gelungen ist, den Zirkel der Armut zu durchbrechen und den Anschluss an die Industrieländer zu gewinnen. Zu diesen "Aufsteigern" gehören beispielsweise Taiwan, Südkorea, Singapur,Brasilien und China. Mexiko, Ägypten, Thailand, Indien, Südafrika und Indonesien befinden sich im Übergang. Vielen Entwicklungsländern bietet sich durch den Rückgang der Geburtenraten vorübergehend ein sogenannter demografischer Bonus: Die Zahl der Erwerbspersonen in der mittleren Altersgruppe nimmt im Verhältnis zur Zahl der nachwachsenden Kinder und Jugendlichen zu, so dass sich die Versorgungslasten für die Kinder und Jugendlichen verringern.

Dieses "demografische Fenster" wird sich jedoch wieder schließen, wenn die mittlere Altersgruppe das Ruhestandsalter erreicht und die Versorgungslast für die Älteren von einer geringeren Zahl von Menschen im mittleren Alter getragen werden muss.


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