Titelbild Bevölkerungsentwicklung

23.12.2011 | Von:
Herwig Birg

Zur aktuellen Lage der Weltbevölkerung

Trends in hoch entwickelten Ländern

In den Industrieländern haben sich die Geburtenraten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von 1950-1955 bis 1995-2000 von 2,81 auf 1,55 Lebendgeborene je Frau fast halbiert. Gleichzeitig ist die Lebenserwartung stark gestiegen, sie hat sich beispielsweise in Deutschland bei den Frauen vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts von rund 40 auf 82 Jahre und bei den Männern von rund 35 auf 77 Jahre mehr als verdoppelt.

Lebendgeborene je Frau in den alten Bundesländern.Lebendgeborene je Frau in den alten Bundesländern.
In Deutschland haben sich die Geburtenzahl und die Bevölkerungszahl seit dem 19. Jahrhundert stark auseinander entwickelt. Hier bekommt seit 105 Jahren tendenziell jeder Geburtsjahrgang – mit Ausnahme der um 1932 geborenen Frauen – weniger Kinder als der jeweils vorangegangene.

Deutschland hatte in den 1980er Jahren die niedrigste Geburtenrate der Welt, in den 1990er Jahren nahmen die südeuropäischen Länder Spanien und Italien und danach die osteuropäischen Staaten diese Position ein. Bei dem Vergleich mit Spanien und Italien muss allerdings berücksichtigt werden, dass der Anteil der zugewanderten Bevölkerung in Deutschland ein Vielfaches des Anteils in Italien beträgt. Da die Geburtenzahl pro Frau (TFR – siehe Glossar) im Zeitraum 2000 bis 2005 bei den nach Deutschland zugewanderten Frauen schätzungsweise 1,9 und bei den Deutschen 1,2 bis 1,3 betrug, liegt das gewogene Mittel für Deutschland insgesamt mit 1,37 über dem Wert für die deutsche Bevölkerung und deshalb auch über den damaligen Zahlen für Spanien (1,15) und Italien (1,23). Heute (2010) ist die Geburtenzahl pro Frau in diesen Ländern etwa ebenso hoch wie in Deutschland.

Bevölkerung und Lebendgeborene in Deutschland.Bevölkerung und Lebendgeborene in Deutschland.

Noch niedriger als in Südeuropa ist die Fertilität (siehe Glossar) in Russland und in den meisten anderen osteuropäischen Ländern. Nach Angaben der Bevölkerungsabteilung der UN gehörten im Zeitraum 2005-2010 die in der Tabelle links unten aufgeführten Länder zur Gruppe mit den weltweit niedrigsten Geburtenraten, die das Bestandserhaltungsniveau (siehe Glossar) fast um die Hälfte unterschreiten.

Die Staaten mit der niedrigsten Kinderzahl pro Frau.Die Staaten mit der niedrigsten Kinderzahl pro Frau.
Ob eine Bevölkerung ohne Wanderungen schrumpft, konstant ist oder wächst, hängt nicht nur von der Fertilität, sondern auch von der Mortalität (Niveau der Sterblichkeit) bzw. von der Lebenserwartung ab, wobei der Begriff Lebenserwartung alsdurchschnittliche Lebensdauer für ein neugeborenes Kind (Lebenserwartung im Alter Null) oder als fernere Lebenserwartung für Personen definiert ist, die ein bestimmtes Alter erreicht haben. Niedrige Geburtenraten führen zu einem Rückgang der Jahrgangsstärken, damit zu einem hohen Durchschnittsalter und als dessen Folge zu mehr Sterbefällen trotz steigender Lebenserwartung. Dadurch wird die Geburtenbilanz und die natürliche Wachstumsrate der Bevölkerung immer kleiner und schließlich negativ. Dadie nichtgeborenen Kinder 20 oder 30 Jahre später, wenn sie selbst Kinder gehabt hätten, als Eltern fehlen, setzt sich der Prozess der Bevölkerungsschrumpfung automatisch von Generation zu Generation fort. Die schon bei der Beschreibung des Bevölkerungswachstums erläuterten Faktoren wirken sich also auch bei der Schrumpfung aus, nur in entgegengesetzter Richtung: Begriffe hierfür sind "Schwung", "Trägheit" und "Eigendynamik der Bevölkerungsschrumpfung".

Die Staaten mit der höchsten Lebenserwartung bei der Geburt.Die Staaten mit der höchsten Lebenserwartung bei der Geburt.
Die Intensität der Bevölkerungsschrumpfung ist um so stärker, je niedriger die Geburtenrate ist und je weiter sie unter das Bestandserhaltungsniveau sinkt. Deshalb ändert sich die Rangfolge der Länder mit der stärksten Bevölkerungsschrumpfung ständig. Nach den Vorausberechnungen der Bevölkerungsabteilung der UN gehören heute vor allem die Staaten des früheren Ostblocks zur Gruppe mit der intensivsten Bevölkerungsschrumpfung. Infolge der Trägheit der demografischen Prozesse ist diese Schrumpfung für Jahrzehnte unumkehrbar.

Wenn in Deutschland die Kinderzahl pro Frau bei der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund (Glossar) wie in den vergangenen Jahrzehnten auf dem Niveau von 1,2 bis 1,3 konstant bliebe, stiege ihr Geburtendefizit vom Zeitraum 2000-2005 bis zum Zeitraum 2045-2050 von rund 215 000 auf 720 000 Personen pro Jahr, und ihre jährliche Schrumpfungsrate nähme von -0,29 auf über ein Prozent zu. Die Schrumpfungsrate der deutschen Bevölkerung (-0,29 Prozent) ist dabei höher als die der Gesamtbevölkerung (-0,19 Prozent), weil in der Gesamtbevölkerung die wachsende Gruppe der Zugewanderten enthalten ist.

Die Staaten mit der intensivsten Bevölkerungsschrumpfung pro Jahr.Die Staaten mit der intensivsten Bevölkerungsschrumpfung pro Jahr.
Fast alle Länder der Welt befinden sich ebenso wie die Welt als Ganzes seit einem halben Jahrhundert, die entwickelten Länder seit über einem Jahrhundert, auf dem Weg zu niedrigeren Geburtenraten. In einigen entwickelten Ländern, vor allem in Deutschland, ist die Zahl der Sterbefälle ständig größer als die der Geburten, sodass die Bevölkerung schrumpft, wenn das Geburtendefizit nicht durch Einwanderungsüberschüsse ausgeglichen wird. Die weltweite Bewegung der Länder und Kontinente in Richtung auf einen Zustand mit schließlich abnehmenden Bevölkerungszahlen gleicht einem Geleitzug von Schiffen, dessen Spitze die Länder mit den niedrigsten Geburtenraten bilden.

  • Der internationale Geleitzug wurde angeführt von Deutschland. Es ist weltweit das erste Land, das von einem jahrhundertelangen Bevölkerungswachstum in die Phase der Bevölkerungsschrumpfung überging: In den neuen Bundesländern liegt die Zahl der Sterbefälle seit 1969 über der Zahl der Geburten, in den alten Bundesländern seit 1972.
  • Seit den 1990er Jahren sind auch einige Länder der ehemaligen Sowjetunion und osteuropäische Staaten in die Phase der Bevölkerungsschrumpfung übergegangen. Zu dieser Gruppe gehören Russland, Kasachstan, Ukraine, Bulgarien, Rumänien, Polen, Ungarn (schon seit 1980-1985), Tschechien, Estland, Lettland und Litauen.
  • Südeuropäische Länder folgten seit 1995-2000, darunter Italien, Kroatien, Slowenien und Griechenland.
  • Japan hat seit 2005-2010 Geburtendefizite. In Südkorea wird dies nach den Bevölkerungsvorausberechnungen der Population Division der UN ab 2020-2025 der Fall sein.
  • Die Gruppe der entwickelten Länder wird als Ganzes nach den Vorausberechnungen der UN entweder ab 2015-2010 (untere Variante) in die Schrumpfung übergehen oder ab 2065-2070 (mittlere Variante) bzw. erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts (obere Variante) – je nach der Entwicklung der Geburtenrate und dem Umfang der angenommenen Einwanderungen aus den Entwicklungsländern.
  • In den Entwicklungsländern wird sich das Bevölkerungswachstum nach diesen Vorausberechnungen bis in die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts und in einigen der ärmsten Länder wahrscheinlich darüber hinaus fortsetzen.
Unter den Industrieländern sind die USA mit einer relativ hohen Geburtenrate von rund zwei Lebendgeborenen pro Frau ein Sonderfall. Dort ist deshalb im gesamten 21. Jahrhundert mit einer positiven Geburtenbilanz (und einer positiven Wanderungsbilanz) zu rechnen. Nach den Vorausberechnungen der UN wächst die Bevölkerungszahl der USA von 2010 bis 2050 von 310 auf 357 Millionen (untere Variante der Vorausberechnungen) bzw. auf 403 Millionen (mittlere Variante) und 452 Millionen (obere Variante).



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