Titelbild Bevölkerungsentwicklung

23.12.2011 | Von:
Herwig Birg

Geschichte der Bevölkerungswissenschaft

Kontroverse um die Tragfähigkeit der Erde

In der Neuzeit begann die wissenschaftliche Beschäftigung mit Bevölkerungsfragen im 17. Jahrhundert in England mit Untersuchungen zu den Ursachen der Sterblichkeit und mit ersten Berechnungen der menschlichen Lebenserwartung, die damals infolge von Seuchen wie der Pest bei 30 bis 35 Jahren lag. Auf der Grundlage der "Totenlisten" Londons (Bills of Mortality, 1662) führten John Graunt und William Petty Berechnungen zur Mortalität und die ersten Nutzen-Kosten-Analysen der Bevölkerungsentwicklung durch.

Johann Peter Süßmilch (1707-1767), Propst der Lutherisch-Brandenburgischen Kirche in Berlin und einer der wichtigsten Klassiker der Demografie, veröffentlichte 1741 "Die göttliche Ordnung in den Veränderungen des menschlichen Geschlechts, aus der Geburt, Tod und Fortpflanzung desselben erwiesen", das erste systematische Werk der Bevölkerungswissenschaft. Sein Ziel war jedoch nicht die Entwicklung der Demografie als Wissenschaft, sondern die Existenz Gottes mit den empirischen Daten der Bevölkerungsstatistik, die er aus den Kirchenbüchern Preußens gewann (Eintragungen von Geburten, Taufen, Eheschließungen und Todesfällen), unwiderlegbar zu beweisen. Zusammen mit dem Mathematiker Leonhard Euler führte er Berechnungen der Lebenserwartung durch, die noch bis ins 19. Jahrhundert von Versicherungsgesellschaften bei der Kalkulation von Lebensversicherungsprämien verwendet wurden. Er prägte den heute modern klingenden Begriff der "Tragfähigkeit der Erde" und kam auf Grund seiner Weltbevölkerungsprognosen zu dem Ergebnis, dass die Erde ein Vielfaches der damals lebenden Menschenzahl "tragen" im Sinne von ernähren könne, nämlich sieben Milliarden. Dieses Ergebnis erhöhte er nach einer Überprüfung seiner Berechnungen in der zweiten Ausgabe seines Werkes von 1765 auf 14 Milliarden.

Demgegenüber behauptete Thomas Robert Malthus (1766-1834), Mathematiker in Cambridge und später Inhaber des ersten Lehrstuhls für Politische Ökonomie der Welt, dass die Erde bereits mit der im Erscheinungsjahr seines Hauptwerkes (1798) lebenden Weltbevölkerung von knapp einer Milliarde der Tragfähigkeitsgrenze gefährlich nahe sei. So wie Süßmilch mit Mitteln der demografischen Analyse ein weiter gestecktes Ziel erreichen und einen Gottesbeweis führen wollte, so strebte auch Malthus ein über die demografische Analyse hinausweisendes Ziel an: Er wollte mit seinem "Bevölkerungsgesetz" beweisen, dass gesellschaftliche Reformen unmöglich sind und nicht zu Fortschritten führen, sondern das Elend, das sie beheben sollen, nur vergrößern. Denn jede Verbesserung der ökonomischen Lebensbedingungen ziehe bei den Menschen der Unterschicht (the lower classes) einen Anstieg der Geburtenrate und damit eine tendenzielle Überschreitung des Nahrungsspielraums nach sich.

Das "Bevölkerungsgesetz" beruht auf der grundlegenden Annahme eines gleichsinnigen Zusammenhangs zwischen der Höhe der Geburtenrate und den materiellen Lebensbedingungen der Unterschicht-Bevölkerung, während Süßmilch von einem gegenläufigen Zusammenhang ausging. Aus dieser Behauptung eines gleichsinnigen Zusammenhangs zwischen der Geburtenrate und den materiellen Lebensbedingungen leitete Malthus eine Schlussfolgerung ab, die heute in der "Rettungsboot-Ethik" zu der anfechtbaren Behauptung führt: "Helfen ist unmoralisch". Auf Grund seiner "Bevölkerungstheorie" und der abgeleiteten politischen Ziele setzte er die Abschaffung der Maßnahmen der Armenhilfe durch das Parlament in England durch.



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