Titelbild Bevölkerungsentwicklung

23.12.2011 | Von:
Herwig Birg

Geschichte der Bevölkerungswissenschaft

Porträt von Charles Darwin, britischer Naturforscher und Mitbegründer der modernen Evolutionstheorie.Porträt von Charles Darwin, britischer Naturforscher und Mitbegründer der modernen Evolutionstheorie. (© Wikimedia)

Einfluss von Biologie und Politischer Ökonomie

Malthus begründet den gleichsinnigen Zusammenhang zwischen der Höhe der Geburtenrate und den materiellen Lebensbedingungen mit Beispielen aus der Biologie. Diese Argumentationsweise wurde von Charles Darwin (1809-1882) 1859 in seiner Evolutionstheorie aufgegriffen, wobei sich Darwin unmittelbar auf Malthus bezog: Die Tendenz zur Überschreitung des Nahrungsspielraums in der Natur und beim Menschen hat zur Folge, dass nicht alle Nachkommen einer Gattung überleben können, wobei sich die Aussonderung durch die Mortalität tendenziell wie eine Auswahl nach dem Kriterium der Überlebenstüchtigkeit auswirkt. Da die Fortpflanzung ein Überleben voraussetzt, bewirkt der Selektionsprozess über die Generationen hinweg eine Höherentwicklung der Arten bis hin zur Entstehung des Menschen. Darwins Evolutionstheorie und Malthus' "Bevölkerungsgesetz" schließen nahtlos aneinander, sie beruhen auf den gleichen biologischen Grundannahmen und ergänzen sich.

Darüber hinaus gibt es eine weitere folgenreiche Übereinstimmung zwischen dem "Bevölkerungsgesetz" und der klassischen Schule der politischen Ökonomie in England, zu deren Begründern neben Malthus auch David Ricardo (1772-1823) gehört. Nach dessen klassischer Lohntheorie hängt sowohl die von den Unternehmen nachgefragte Zahl an Arbeitskräften als auch die Geburtenrate bzw. die Bevölkerungszahl von der Höhe des Lohns ab: Die Nachfrage nach Arbeitskräften fällt, das Angebot steigt mit dem Lohn. Der Lohnsatz, der Angebot und Nachfrage zum Ausgleich bringt – der sogenannte natürliche Lohn –, hat eine Höhe, die dem Existenzminimum gerade entspricht, er lässt sich durch sozialpolitische Reformen nicht auf Dauer über das Existenzminimum anheben – so die Theorie. Wird versucht, trotz dieser als gesetzmäßig betrachteten Zusammenhänge den Lohn durch Reformen über das Existenzminimum hinaus anzuheben, steigt die Geburtenrate und das Arbeitsangebot nimmt zu, ohne dass sich die Nachfrage nach Arbeitskräften ebenfalls erhöht. Der Angebotsüberschuss bzw. die Überschussbevölkerung hat keine Existenzmöglichkeiten, sodass die Mortalität ansteigt und die Bevölkerungszahl wieder auf das vorherige Niveau zurückgeführt wird, bei dem der Lohn die Höhe des Existenzminimums hat.

Vom "Bevölkerungsgesetz" gibt es also sowohl eine Brücke zur biologischen Evolutionstheorie als auch zur Wirtschaftstheorie. Die Gegner der wirtschaftspolitischen Folgerungen aus dem "Bevölkerungsgesetz" – vor allem Karl Marx und Friedrich Engels – waren stets zugleich die schärfsten Kritiker der malthusianischen Bevölkerungstheorie.

Vor dem Hintergrund der Biologie als einer Leitwissenschaft des naturalistischen 19. Jahrhunderts muss auch die von dem britischen Naturforscher Francis Galton (1822-1911) 1869 begründete "Eugenik" interpretiert werden – die Lehre von der gezielten Beeinflussung erbbedingter Eigenschaften, um die Fortpflanzung von Menschen mit erwünschten Eigenschaften ("positive Eugenik") zu fördern bzw. diejenige mit unerwünschten Eigenschaften ("negative Eugenik") zu verhindern. Zu diesem Thema gehört auch die von Josef Arthur Graf von Gobineau (1816-1882) 1853 in Frankreich veröffentlichte Theorie der "Ungleichheit der Menschenrassen" und dessen These von der "Überlegenheit der arischen Rasse".

Die Rassentheorien waren im 19. und 20. Jahrhundert in vielen Ländern verbreitet. Heute wissen wir aus der modernen Humanbiologie und Genforschung, dass der Rassismus auf wissenschaftlich nicht haltbaren Annahmen beruht und dass der Begriff der Rasse inhaltslos ist, weil die genetischen Unterschiede zwischen den Menschen, die der gleichen "Rasse" angehören, größer sind als die Unterschiede zwischen den Menschen verschiedener Rassen (Lucca und Francesca Cavalli-Sforza, "Verschieden und doch gleich", München 1994).

Lange vor der nationalsozialistischen Machtergreifung verbreiteten sich die Ideen der Rassenbiologie und Eugenik auch in den Sozialwissenschaften: Als gesellschaftlich-soziologisches Parallelprogramm zur Eugenik entstanden die sogenannte Eubiotik, die Sozialbiologie und die Gesellschaftshygiene (unter diesen Stichworten bereits dargestellt im Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Jena 1923, sowie im Handbuch der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften 1924). Als die Nationalsozialisten die millionenfache Tötung von Menschen mit der Rassentheorie begründeten, hatte die Wissenschaft diesem Weg ins Verhängnis längst durch zahlreiche Veröffentlichungen biologisch-rassistischer Prägung den Boden bereitet. Daneben existierten jedoch auch andere Forschungsrichtungen mit positiven Theorietraditionen und vielversprechenden Perspektiven, an die nach dem Zweiten Weltkrieg angeknüpft werden konnte.

Die wichtigsten Gegenströmungen gegen die von biologischen Leitideen beherrschte Bevölkerungswissenschaft entwickelten sich schon ab der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Die Gegenbewegung entstand aus der in Deutschland besonders scharfen Kritik des "Bevölkerungsgesetzes" von Malthus. Dieser hatte behauptet, dass die Bevölkerung in Form einer geometrischen Reihe (entsprechend der Zinseszinsformel), die Nahrungsmittelmenge in Form einer arithmethischen Reihe wächst (entsprechend einer Geraden). Die Aussagen des "Bevölkerungsgesetzes" hängen entscheidend von der Richtigkeit dieser Grundannahmen ab. Ihre Gültigkeit wurde schon bald nach seinem Erscheinen in Zweifel gezogen. Am Anfang des 20. Jahrhunderts hatte der deutsche Sozialreformer Franz Oppenheimer folgende Gegenthese formuliert: "Die Bevölkerung hat nicht die Tendenz, über die Unterhaltsmittel hinaus zu wachsen, vielmehr haben die Unterhaltsmittel die Tendenz, über die Bevölkerung hinaus zu wachsen [...], haben wir Elend, so ist es nicht ‚naturgesetzlich‘ in der Weise des Malthus aus dem Bevölkerungsgesetz zu erklären, sondern aus anderen Momenten." Oppenheimer kommt – ähnlich wie schon Süßmilch 1741 – zu dem Ergebnis, dass die Erde ein Vielfaches der damals lebenden Menschenzahl ernähren könne.

Auch die moderne Fertilitätstheorie, die sich im Rahmen der ökonomischen Theorie des Fortpflanzungsverhaltens entwickelte, hat ihren Ursprung in einer radikalen Kritik des malthusianischen "Bevölkerungsgesetzes". Der deutsche Nationalökonom Lujo Brentano (1844-1931) erklärte als erster in einer Veröffentlichung aus dem Jahr 1909 die Fortpflanzungsentscheidung als das Ergebnis einer rationalen Nutzen-Kosten-Abwägung mit dem Ziel der Nutzenmaximierung. Diese Theorie wird heute in der modernen Bevölkerungsökonomie immer weiter differenziert. Parallel zur Bevölkerungsökonomie wurde die Theorie Brentanos auch in anderen Zweigen der Sozialwissenschaft aufgegriffen und zur "Wohlstandstheorie" des Geburtenrückgangs weiterentwickelt. Nach dieser Theorie besteht ein gegenläufiger Zusammenhang zwischen der Geburtenrate und dem Wohlstand einer Gesellschaft. Die Wohlstandstheorie wurde in der Nationalökonomie von Julius Wolf und Paul Karl Mombert, in der Soziologie durch Max Scheler und Werner Sombart aufgegriffen und zu eigenständigen Theorieansätzen weiterentwickelt.

Zu der durch Malthus' Thesen geschürten Furcht vor einer Übervölkerung der Erde durch eine Überschreitung des Nahrungsspielraums ist heute die Angst vor einer ökologischen Übervölkerung durch die Zerstörung der natürlichen Lebensbedingungen hinzugekommen. Der Malthusianismus hat zwar keine wissenschaftliche Grundlage, trotzdem lebt er in Form von Vorurteilen und bevölkerungspolitischen Doktrinen weiter. Dazu gehört beispielsweise die Überzeugung, dass die Verbreitung empfängnisverhütender Mittel als Strategie zur Dämpfung des Wachstums der Weltbevölkerung wichtiger sei als die Strategie der Armutsbekämpfung und der Ausbildung, vor allem der Frauen.



Publikationen zum Thema

Demografischer Wandel

Demografischer Wandel

Konstant niedrige Geburtenraten und die gestiegene Lebenserwartung haben die Alterszusammensetzung d...

Weltentwicklungsbericht 2010

Welt-
entwicklungs-
bericht 2010

Der Welt-
entwicklungs-
bericht 2010 versteht sich als dringender Aufruf zum Handeln. Die Aut...

Zum Shop

Bevölkerungsentwicklung
Zahlen und Fakten

Bevölkerungs-
entwicklung

Den größten Teil der Menschheitsgeschichte hat sich die Bevölkerungszahl nur langsam verändert – noch vor 500 Jahren lebten lediglich 500 Millionen Menschen auf der Welt. Erst seit Mitte des 17. Jahrhunderts hat ein massives Bevölkerungswachstum eingesetzt. Heute leben weit mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Welt.

Mehr lesen