Titelbild Bevölkerungsentwicklung

23.12.2011 | Von:
Herwig Birg

Soziale Auswirkungen der demografischen Entwicklung

Auswirkungen auf die Sozialversicherungssysteme

Die größten Auswirkungen der demografischen Veränderungen auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft ergeben sich aus den Verschiebungen der Altersstruktur: Die Zahl der über 60-Jährigen nimmt nach den Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes (12. Koordinierte Vorausberechnung) von 2008 bis 2050 um rund sieben bis acht Millionen zu, die Zahl der 20- bis unter 60-Jährigen verringert sich um zwölf bis 15 Millionen, und die der unter 20-Jährigen nimmt um eine bis fünf Millionen ab. Die Zahl der über 60-Jährigen des Jahres 2050 ergibt sich aus der Zahl der 20-Jährigen und Älteren des Jahres 2010. Da sie ja bereits unter uns leben, sind große Prognosefehler unwahrscheinlich. Die Auswirkungen dieser Verschiebungen auf die Renten-, die Kranken- und die Pflegeversicherung lassen sich daher ziemlich zuverlässig vorausberechnen.

Rentenversicherung

In Deutschland bildet die gesetzliche Rentenversicherung die Grundlage für die Versorgung von über 90 Prozent der älteren Menschen im Ruhestand. Sie wurde am Ende des 19. Jahrhunderts mit den Bismarckschen Sozialreformen eingeführt, und zwar ursprünglich mit einer Sicherung der Versorgungsansprüche durch eine Kapitaldeckung.

Überblick über den Jugend- und Altenquotienten von 1998-2100.Überblick über den Jugend- und Altenquotienten von 1998-2100. (© bpb)
Nach den Erfahrungen der Kapitalvernichtung durch die Hyperinflation nach dem Ersten Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise von 1932 und den Zweiten Weltkrieg wurde die Sicherung der erworbenen Rentenansprüche seit 1957 nicht mehr durch das Kapitaldeckungsverfahren, sondern durch das sogenannte Umlageverfahren organisiert. Der Begriff Umlageverfahren bedeutet: Die heutigen Beitragszahler bekommen ihre Einzahlungen im Ruhestand nicht als Rente wieder, sondern ihre eingezahlten Beiträge werden im gleichen Jahr in vollem Umfang an die Ruheständler als Renten ausbezahlt. Abgesehen von einer minimalen kassenmäßigen Reserve werden dabei keinerlei Rücklagen für die Zukunft gebildet. Wenn die heutigen Beitragszahlenden selbst das Rentenalter erreicht haben, sind ihre früher eingezahlten Beiträge längst ausgegeben, ihre Renten müssen aus den Beitragszahlungen der dann im Erwerbsleben stehenden Bevölkerung finanziert werden, also durch die inzwischen nachgerückte Generation ihrer Kinder.

Durch das Umlageverfahren stehen die ältere, die mittlere und die jüngere Generation in Form von Leistungen und Gegenleistungen miteinander in einer Art vertraglicher Beziehung. Dieser sogenannte Drei-Generationen-Vertrag wirft die Frage nach dem gerechten Verhältnis von Leistungen und Gegenleistungen auf. Hierzu hat das Bundesverfassungsgericht in seinem grundlegenden Urteil vom 3. April 2001 über die Pflegeversicherung ausgeführt: Jedes umlagefinanzierte Sicherungssystem – außer der gesetzlichen Pflegeversicherung gehören dazu auch die gesetzliche Renten- und Krankenversicherung – kann seine Aufgaben nur dann erfüllen, wenn von der mittleren Generation zwei Leistungen erbracht werden: erstens der finanzielle Beitrag zur Versorgung der heutigen Generation der Älteren und zweitens die vom Gericht als generativer Beitrag bezeichnete Leistung in der Form der Erziehung von Kindern als den künftigen Beitragszahlenden, die später die Renten der heutigen erwerbstätigen Elterngeneration erwirtschaften müssen.

Wie hoch der finanzielle und wie umfangreich der generative Beitrag in der Form der Erziehung von Kindern sein müssen, hängt entscheidend vom Verhältnis der Zahl der zu versorgenden Älteren zur Zahl der diese Versorgungsleistungen erbringenden Menschen in der mittleren Generation ab. Die demografische Entwicklung hat daher eine grundlegende Bedeutung für die Funktionsfähigkeit und für jede Reform des sozialen Sicherungssystems: Wenn sich im umlagefinanzierten Rentensystem infolge eines steigenden Altenquotienten die Zahl der zu versorgenden Ruheständler gegenüber den die Versorgungsleistungen erbringenden Erwerbstätigen verdoppelt, muss der sogenannte Rentenbeitrag (Prozentsatz vom Lohn bzw. Gehalt, zurzeit rund 20 Prozent, je zur Hälfte getragen vom Arbeitgeber und Arbeitnehmer) stark erhöht oder alternativ das sogenannte Rentenniveau (Durchschnittsrente in Prozent des Durchschnittseinkommens, früher 70 Prozent, inzwischen weniger) gesenkt werden.

Für die Reform des Rentensystems stehen verschiedene Handlungsoptionen zur Wahl, die miteinander kombiniert werden können (bzw. müssen, um die Eingriffe in Grenzen zu halten):
  • Erhöhung des Beitragssatzes,
  • Senkung des Rentenniveaus,
  • Erhöhung der Zahl der Beitragszahlenden (zum Beispiel durch eine Anhebung der Geburtenrate, durch eine Erhöhung der Erwerbsbeteiligung der Frauen, durch eine Senkung der Arbeitslosigkeit, eine Verkürzung der Ausbildungszeiten oder durch die Einwanderung von jungen Erwerbstätigen),
  • Verringerung der Zahl der Rentenbezieher durch eine Anhebung des Ruhestandsalters,
  • teilweise Finanzierung der Ausgaben der Rentenversicherung aus Steuermitteln.
Da die Dosierung dieser Maßnahmen nicht beliebig gesteigert werden kann, wurde in der letzten Rentenreform beschlossen, das Rentenniveau automatisch im gleichen Ausmaß zu kürzen, in dem die steigende Lebenserwartung den Altenquotient erhöht. Die durch das sinkende Rentenniveau entstehende Versorgungslücke soll mit einer privat finanzierten, kapitalgedeckten Zusatzversorgung geschlossen werden, die vom Staat gefördert wird ("Riester-Rente").

Quellentext

Plädoyer für einen flexiblen Renteneintritt

[...] Der Zugewinn an Lebenszeit dauert schon lange an und vollzieht sich in hohem Tempo. Allein im 20. Jahrhundert stieg die Lebenserwartung in Deutschland um etwa 30 Jahre. [...] Heute hat ein in Deutschland geborenes Mädchen eine Lebenserwartung von etwa 82 Jahren und sechs Monaten. Dieser statistische Wert geht allerdings davon aus, dass sich die gesundheitlichen Bedingungen in den nächsten Jahrzehnten nicht weiter verbessern – eine eher unrealistische Annahme. [...]

Gleichzeitig erreichen schon jetzt immer mehr Senioren ein sehr hohes Alter. Weil die verbleibende Lebenserwartung im Verlauf des Lebens steigt, können 65-jährige Frauen heute mit im Durchschnitt 20 weiteren Jahren rechnen, und sogar85-jährige noch mit sechs. [...]
Es wird aber ignoriert, dass wir auch sehr viel gesünder altern als früher. [...] Es gibt begründete Hoffnung, dass sich die Lebensspanne, innerhalb derer wir noch gesund, leistungs- und arbeitsfähig sind, genauso schnell erweitert wie die Lebenserwartung steigt. [...]
Wer mit der Aussicht auf ein hundertjähriges Leben geboren wird, den dürfte die Perspektive, 35 Jahre ohne die Herausforderung und Verantwortung eines Jobs zu verbringen, nicht besonders reizen. Aus Sicht des Staates ist es am einfachsten, das Rentenalter heraufzusetzen. Doch um wie viel? Inzwischen ist zwar in Deutschland eine Anhebung auf 67 Jahre beschlossen. Doch das kann nur ein erster Schritt sein. Denn so lange die Lebenserwartung weiter steigt, wird jedes fixe Rentenalter, egal wie hoch, von der demografischen Dynamik eingeholt, und das Missverhältnis von Rentenbeziehern zu Renteneinzahlern wird sich immer wieder neu aufbauen.
Verhindern ließe sich das durch eine dynamische Rentenregel: Die Altersgrenze würde dabei nach einer gesetzlich festgelegten Formel kontinuierlich angehoben. [...] Wie eine dynamische Rentenregel gestaltet wird, lässt sich nur im gesellschaftlichen Diskurs festlegen. Im Extremfall ließe sich das Rentenalter direkt an die Lebenserwartung koppeln, dann stiegen beide Werte proportional. [...]
Eine Alternative schlägt der deutsche Ökonom Axel Börsch-Supan vor: Man könnte die hinzukommenden Lebensjahre nach einem festen Verhältnis auf Arbeits- und Pensionszeit verteilen. Rechenbeispiel: Wählte man die heutige Aufteilung von etwa 2:1 bei einer konservativ geschätzten Steigerung der Lebenserwartung von zwei Jahren pro Jahrzehnt, so läge das Renteneintrittsalter 2030 bei 67 Jahren und acht Monaten und 2050 bereits bei 70 Jahren und vier Monaten. 2050 hätten Frauen dann schon eine Lebenserwartung von 90, Männer von 85 Jahren. [...]
Während zwar im Durchschnitt alle immer gesünder alt werden, schwankt die individuelle Leistungsfähigkeit von Person zu Person. [...] Geeigneter als eine dynamische Rentenregel wäre darum eine radikalere Lösung: Das Renteneintrittsalter ganz abzuschaffen. Die Menschen könnten dann arbeiten, so lange sie wollen. [...]
Mit dem Rentenalter würde gleichzeitig eine "magische Zahl" abgeschafft, die in der öffentlichen Wahrnehmung für den Beginn der persönlichen Arbeitsunfähigkeit steht. Alle Menschen derart über einen Kamm zu scheren, wird den individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten der Bürger nicht gerecht. [...]
Die Zukunft der Arbeit wird wesentlich auf Modellen der Teilzeitarbeit beruhen, und nicht mehr wie heute die Vollzeitarbeit zur – insbesondere für Männer – sozialen Norm erheben. Viele Menschen in ihren 60ern und 70ern wollen arbeiten, aber nebenher auch genug Freizeit haben. Und künftige Alte dürften viel eher gewillt sein, bis 70 und weit darüber hinaus zu arbeiten, wenn sie nicht in jüngeren Jahren unter dem Druck eines Vollzeitjobs und gleichzeitiger anderer Verpflichtungen in der "Rushhour des Lebens" vitale Energie gelassen hätten. [...]

Björn Schwentker, James W. Vaupel, "Eine neue Kultur des Wandels", in: APuZ 10-11/2011, S. 3 ff.

Der Anstieg des Altenquotienten lässt sich nicht wegreformieren, der damit verbundene Anstieg der Belastungen kann nur auf verschiedene Weise auf die mittlere und ältere Generation verteilt werden. Entlastend wirkt eine Zunahme des Pro-Kopf-Einkommens durch den produktivitätssteigernden technischen Fortschritt. Die größte Produktivitätssteigerung kann jedoch den Anstieg des Altenquotienten und den damit verbundenen Anstieg der Belastungen der mittleren Generation nicht vollständig ausgleichen. Als Faustregel gilt: Wenn das Pro-Kopf-Einkommen bis 2050 durch Produktivitätsfortschritte um 100 Prozent zunimmt, steigt das verfügbare Einkommen wegen der höheren Sozialabgaben nicht ebenfalls um 100 Prozent, sondern wesentlich langsamer.

Quellentext

Erwartungen an den Sozialstaat

[...] Die langfristige Stabilisierung der sozialen Sicherungssysteme gehört für die überwältigende Mehrheit [der Bevölkerung] zu den vordringlichen Aufgaben der Politik. [...]

Die Mehrheit vertritt die Auffassung, dass der Staat im sozialen Bereich nicht sparen dürfe. [...] Maßnahmen zur Stabilisierung des Rentensystems, wie die Rente mit 67, werden nur von einer kleinen Minderheit unterstützt. Zwar weiß die große Mehrheit, dass die demographische Entwicklung gerade das Rentensystem vor große Herausforderungen stellt. Trotzdem sind nur 25 Prozent der Bevölkerung überzeugt, dass eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit notwendig ist. Ließe man die Bürger zurzeitabstimmen, würde die große Mehrheit dafür votieren, 65 Jahre als Eintrittsalter beizubehalten. Ganz allmählich wächst jedoch unter dem Eindruck der öffentlichen Debatte die Bereitschaft, eine längere Lebensarbeitszeit zu akzeptieren. Der Anteil derBerufstätigen, die persönlich bereit sind, bis 67 zu arbeiten, hat sich in den letzten vier Jahren von 24 auf 33 Prozent erhöht, während gegenläufig der Anteil, der eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit für sich persönlich rigoros ablehnt, von 56 auf 50 Prozent gesunken ist.

Die Sozial- wie die Gesundheitspolitik kämpfen heute damit, dass sie, [...] für die Bürger keine Verheißung mehr bergen, sondern dass von ihnen primär Eingriffe in Besitzstände erwartet werden. Es ist die Skepsis einer Gesellschaft, die fürchtet, ihren Zenit erreicht oder überschritten zu haben. [...]

Renate Köcher, "Minenfeld Sozialpolitik", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22. Dezember 2010

Gesetzliche Krankenversicherung

ähnlich wie bei der Rentenversicherung sind auch bei der Krankenversicherung rund 90 Prozent der Bevölkerung Mitglied in der gesetzlichen (GKV) und rund zehn Prozent in der privaten Krankenversicherung (PKV). Die gesetzliche Krankenversicherung ist wie die gesetzliche Rentenversicherung nach dem Umlageverfahren organisiert, es werden also keine Rücklagen für die demografisch bedingt steigenden Gesundheitsausgaben gebildet. Im Gegensatz dazu bildet die private Krankenversicherung solche Rücklagen mit dem Ziel, den Beitragssatz konstant zu halten, wenn die Gesundheitsausgaben durch die demografische Alterung steigen und die Einnahmen demografisch bedingt zurückgehen. Dafür werden in jüngeren Jahren höhere Beitragssätze erhoben, als es den altersbedingten Kosten für die Gesundheit entspricht. Die daraus gebildeten Rücklagen werden verzinst und zur Senkung der Beitragssätze im höheren Alter verwendet.

Die Pro-Kopf-Ausgaben für die Gesundheit sind im höheren Alter etwa um den Faktor acht bis zehn höher als im Alter von 20. Sie steigen mit zunehmendem Alter. Da der Anteil der älteren Menschen in der Bevölkerung immer größer wird, nehmen die Gesundheitsausgaben insgesamt zu.

Höher sind die Pro-Kopf-Ausgaben für die Gesundheit bei älteren Menschen, weil sie häufiger erkranken als jüngere. Zum anderen aber steigen die Kosten auch deshalb, weil die Zahl der Todesfälle durch die demografische Alterung stark zunimmt, wobei sich die Kosten mit der Nähe des Todes sprunghaft erhöhen: Von 100 000 Männern im Alter von 20 bis 25 Jahren sterben bis zum nächsten Geburtstag 61, von 100 000 Männern im Alter 80 sterben 6800 und von 100 000 Männern im Alter 90 sterben 17 600, jeweils bis zum nächsten Geburtstag. Da sich das Durchschnittsalter der Gesellschaft ständig erhöht, ist ein Anstieg der Sterbefälle (und der Gesundheitskosten) von 2000 bis 2050 von jährlich rund 0,8 auf 1,2 Millionen vorprogrammiert.

Eine weitere Tendenz zur Kostensteigerung entsteht dadurch, dass sich das Altersprofil der Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben durch den medizinisch-technischen Fortschritt insgesamt ständig nach oben verschiebt. So betrug das Verhältnis der Pro-Kopf-Ausgaben zwischen Jung und Alt 1992 noch 1:8, es könnte sich aber durch diese Verschiebungen bis 2040 auf über 1:20 erhöhen, wie die Enquete-Kommission "Demographischer Wandel" des Deutschen Bundestages unter Bezugnahme auf Untersuchungen von Forschungsinstituten feststellte.

Die demografische Alterung erhöht nicht nur die Ausgaben, sie dämpft auch die Einnahmen der gesetzlichen Krankenversicherung, weil sich die Zahl der Beitragszahlenden demografisch bedingt verringert. Die sich öffnende Schere zwischen Ausgaben und Einnahmen erfordert eine Erhöhung des Beitragssatzes der gesetzlichen Krankenversicherung von rund 15 Prozent auf etwa 21 Prozent, und zwar selbst dann, wenn der medizinisch-technische Fortschritt keine zusätzlichen Kosten verursacht.

Pflegeversicherung

Die demografische Alterung hat ähnlich wie in der gesetzlichen Krankenversicherung auch in der gesetzlichen Pflegeversicherung Einnahmen senkende und Ausgaben erhöhende Auswirkungen. Auch hier steigen die Pro-Kopf-Ausgaben für Pflegeleistungen mit zunehmendem Alter steil an: So waren beispielsweise 2009 in der Altersklasse der 65- bis 69-Jährigen 35 von 1000 Versicherten Empfänger von Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung, in der Altersgruppe der 80- bis 84-Jährigen waren es 193 und bei den über 90-Jährigen 479.

Demografische Simulationsrechnungen verschiedener Institute ergaben, dass der Beitragssatz zur gesetzlichen Pflegeversicherung von früheren 1,7 Prozent bis 2040 auf rund drei bis sechs Prozent erhöht werden müsste. Die kostentreibende Wirkung der demografischen Alterung lässt sich erkennen, wenn der "demografische Altenpflegequotient" berechnet wird, der die Zahl der Menschen in der für die Zahl der Pflegebedürftigen wichtigen Altersgruppe der Hochbetagten angibt, die auf je 100 Menschen in der um 20 bis 40 Jahre jüngeren Altersgruppe entfallen, von denen die meisten Pflegeleistungen erbracht werden.

Der Altenpflegequotient misst den rein demografisch bedingten Anstieg der Belastungen im Pflegebereich, der sich aus den Veränderungen der Altersstruktur ergibt. Weitere, ebenfalls demografisch bedingte Belastungen entstehen daraus, dass der Anteil der Personen, die lebenslang kinderlos bleiben, dramatisch gestiegen ist. Der weitaus überwiegende Teil der Pflegeleistungen wird von den Familienmitgliedern der Pflegebedürftigen und von deren Kindern erbracht. Die Zahl der Pflegebedürftigen, die kinderlos bleiben und außerfamiliale Pflegeleistungen in Anspruch nehmen müssen, wird sich besonders stark erhöhen. Dies führt zu dem Problem, dass das Prinzip der Beitragsgerechtigkeit verletzt wird, wenn die Zahl der Nachkommen und deren Pflegeleistungen bei der Tarifgestaltung nicht berücksichtigt werden (Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Pflegeversicherung vom April 2001).

Quellentext

Die unsichtbaren, unterschätzten Helferinnen und Helfer

[...] Etwa 1,1 Millionen Menschen in Deutschland leiden an Demenz. Rund 720 000 von ihnen leben zu Hause, die meisten werden dort von Familienangehörigen versorgt. Was die Ehepartner, Söhne, Töchter und Schwiegertöchter dabei leisten, istenorm – und bleibt doch weithin unsichtbar: Um für den Kranken da zu sein, geben sie ihre Hobbys und oft den Beruf auf. Für Freundschaften und Beziehungen bleibt kaum Zeit.

Viele Demenzkranke können in ihrer Verunsicherung und Unruhe keine Minute allein bleiben, für die Angehörigen sind das rastlose Umherwandern, die sich ständig wiederholenden Fragen und Gespräche, die Angst und Aggressivität eine permanente Belastung. Dazu kommen die körperliche Beanspruchung durch die Pflege, finanzielle Sorgen, soziale Isolation. über all dem schwebt eine düstere Zukunftsperspektive: Heilbar ist die Krankheit nicht, sie lässt sich nicht einmal dauerhaft aufhalten. [...]
Die Risiken, die pflegende Angehörige auf sich nehmen, stehen in umgekehrtem Verhältnis zur Anerkennung ihrer Leistung. Und obwohl die Demenz und ihre Folgen längst offen diskutiert werden: Der geistige Verfall des eigenen Vaters, der eigenen Mutter oder des Ehepartners ist etwas, über das niemand gerne spricht. Viele Angehörige berichten von Freunden, die sich nicht mehr melden, weil sie nicht wissen, wie sie mit dem Kranken umgehen sollen. [...]
[Im] System der Pflegeversicherung [...] spielt die Demenz eine große Rolle: An ihr erkranken zum größten Teil alte Menschen, und deren Anteil an der Gesellschaft wächst. Schätzungen zufolge wird sich die Zahl der Erkrankten bis zum Jahr 2050 verdoppeln. Der Leitsatz "ambulant vor stationär" entspricht deshalb nicht nur dem Wunsch der meisten Menschen, sondern auch dem politischen Willen: [...] Die soziale Pflegeversicherung wandte 2009 für insgesamt 1,54 Millionen ambulant versorgte Pflegebedürftige rund 9,6 Milliarden Euro auf, für 702 000 stationär versorgte Kranke dagegen 9,8 Milliarden. Das Pflicht- und Mitgefühl der Angehörigen ist in diesem System fest eingeplant. In der politischen Diskussion über die Pflege-Finanzierung kursiert dafür der Begriff "Töchterpotenzial". [...] 80 Prozent der pflegenden Angehörigen sind Frauen. [...]
Selbst Hilfe anzunehmen fällt vielen pflegenden Angehörigen sehr schwer. Sie stellen ihr eigenes Leben komplett zurück [...]. Sie sind zerrissen zwischen Überlastung und Schuldgefühlen. Und pflegen bis zur totalen physischen und psychischen Erschöpfung. [...]

Silke Offergeld, "Die Unschätzbaren", in: Frankfurter Rundschau vom 15. Dezember 2010



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