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Wer Journalisten sind und wie sie arbeiten


8.6.2011
Sie nennen sich Redakteure, Reporter, Kritiker oder Journalisten und arbeiten für Zeitungen, Zeitschriften, Nachrichtenagenturen, Rundfunksender oder Internet. Dazu recherchieren sie Quellen, bewerten Informationen und machen daraus Nachrichten für die Öffentlichkeit.

Medien informieren die Öffentlichkeit - auch in Krisensituationen.Medien informieren die Öffentlichkeit - auch in Krisensituationen. (© picture-alliance/AP)

Das Selbstbild der Journalisten in Deutschland



Das, was wir in Zeitungen und Zeitschriften lesen, im Radio hören, im Fernsehen oder online sehen, wird von Journalistinnenund Journalisten hergestellt. Sie entscheiden im Arbeitsalltag,welche Ereignisse öffentlich werden, wie sie dargestellt werden und welche Themen in der Berichterstattung weniger Beachtung finden. Daher wird den Journalisten große Macht und Verantwortung innerhalb der Gesellschaft zugeschrieben. Allerdings arbeiten sie nicht willkürlich oder auf sich allein gestellt. Das Mediensystem mit seinen historischen, rechtlichen, politischen und ethischen Grundlagen markiert den Rahmen ihrer Tätigkeit. In Deutschland ist dieser Rahmen etwa bestimmt durch die in der Verfassung verankerte Meinungs- und Pressefreiheit und durch die in den Landespresse- und Landesmediengesetzen sowie in den Rundfunkstaatsverträgen festgeschriebenen Regelungen, zum Beispiel zur Trennung von Redaktion und Werbung oder zu Auskunftsrechten gegenüber Behörden.

Darüber hinaus sind ethische Grundsätze institutionalisiert, etwa im Deutschen Presserat oder in den Selbstverpflichtungen der Medien. Ebenso wird die Arbeit der Journalistinnen und Journalisten in Deutschland durch die ökonomischen, organisatorischen und technischen Gegebenheiten in den Medienunternehmen und Redaktionen geprägt. Beispielsweise hängt es von der finanziellen und personellen Ausstattung einer Redaktion ab, wie viel Zeit ein Journalist für die Recherche seiner Themen hat; aus dem organisatorischen Aufbau und Ablauf einer Redaktion und ihrer technischen Ausstattung ergeben sich unterschiedliche Aufgaben und Arbeitsgebiete für Journalisten. Außerdem ist die Produktion von Medieninhalten durch professionelle Standards, Regeln und Routinen geprägt, die von den Journalisten in der Ausbildung erlernt werden, sich in der redaktionellen Sozialisation vertiefen und über die verschiedenen Medien hinweg angewendet werden.

Diese vielfältigen Rahmenbedingungen und Einflussfaktoren lassen freilich Raum für Handlungen, über die einzelne Journalisten selbst entscheiden und die - innerhalb der jeweiligen Umstände - so oder auch anders ausgeführt werden könnten. Wer diese Journalisten sind, welche Merkmale und Einstellungen sie haben, wie sie sich beruflich orientieren und welche Verhaltensmuster sie entwickeln, ist daher Gegenstand der journalistischen Berufsforschung.

Von besonderem Interesse ist dabei die Frage, welches Bild die Journalisten selbst von ihrer beruflichen Rolle haben. Was erwarten sie sich von ihren eigenen beruflichen Leistungen, welche Absichten und Ziele verfolgen sie bei ihrer Arbeit? Zu diesem so genannten Rollenselbstverständnis werden Journalistinnen und Journalisten von Wissenschaftlern befragt. Allerdings ist die Aussagekraft solcher Selbstbeschreibungen und Absichtserklärungen in der Forschung umstritten, denn es ist unklar, welche Bedeutung das Selbstverständnis der Journalisten in ihrer alltäglichen Arbeit hat. Man weiß nicht, inwiefern sie ihr Rollenselbstbild in der beruflichen Alltagspraxis, also beim Schreiben von Texten oder Produzieren von Sendungen, auch umsetzen können oder ob es sich eher um idealisierte Selbstbilder handelt. Zum Stellenwert des journalistischen Selbstverständnisses für die Berichterstattung finden sich verschiedene Positionen, die zwischen den folgenden gegensätzlichen Auffassungen stehen:

Auf der einen Seite steht die Annahme, dass Journalisten mit ihren Kommunikationsabsichten bereits ihre berufliche Wirklichkeit beschreiben. Nach dieser Position lässt sich von den Rollenbildern der Journalisten direkt auf die Ausübung ihres Berufs schließen. Wenn zum Beispiel ein Großteil der Politikjournalisten angibt, es sei ihnen in ihrem Beruf wichtig, aktiv die politische Tagesordnung mitzubestimmen, dann wird nach dieser Auffassung daraus gefolgert, dass die politische Berichterstattung aktiv Themen setzt und damit Einfluss auf die öffentliche Meinung oder sogar auf die Entscheidungen von politischen Akteuren nimmt.

Im Gegensatz dazu steht die Position, dass das berufliche Selbstverständnis einzelner Journalisten weitgehend bedeutungslos für ihre Berufswirklichkeit sei, weil die vielschichtigen Arbeitszusammenhänge in den Redaktionen zu wenig Raum für die Umsetzung ihrer individuellen Ziele und Absichten ließen. Wenn beispielsweise Journalisten formulieren, die Kritik und Kontrolle der Mächtigen sei ein zentrales Ziel ihrer Arbeit, lässt dies, so die Auffassung dieser Forschungsrichtung, nicht auf eine kritische Berichterstattung durch die Medien schließen, sondern wird als Selbstüberschätzung der Journalisten gedeutet.

Dazwischen findet sich die Auffassung, dass die Kenntnis journalistischer Selbstbilder aufschlussreich sein kann, wenn man ihre eingeschränkte Aussagekraft in der Interpretation berücksichtigt. Dann werden die Journalisten nicht nur nach ihren Absichten gefragt, sondern auch danach, inwiefern sie diese im beruflichen Alltag umsetzen können. Damit lässt sich erstens prüfen, inwiefern ihr Rollenbild mit ihrer Arbeitswirklichkeit übereinstimmt. Zweitens lassen sich die Rollenbilder auch als Idealvorstellungen und Normen der Journalisten lesen, also als die Wertvorstellungen, an die sie sich in Zweifelsfällen halten. Wenn beispielsweise ein Großteil der Journalisten angibt, dass die neutrale, präzise und schnelle Information ihres Publikums ein wichtiges Ziel ihrer Arbeit sei, lässt sich daraus schließen, dass die Ausgewogenheit, Korrektheit und Schnelligkeit der Berichterstattung im Zweifelsfall wichtiger ist als eine ausführliche Recherche der Hintergründe eines Themas.

Als im Jahr 2005 zuletzt eine repräsentative Stichprobe der hauptberuflichen Journalisten in Deutschland zu ihren Merkmalen und Einstellungen erhoben wurde, erhielten diejenigen Rollenbilder die größte Zustimmung, die auf Information und Vermittlung angelegt sind.

Information und Vermittlung:

Fast neun von zehn der befragten Journalisten (89 %) wollten ihr Publikum möglichst neutral und präzise informieren, acht von zehn (79 %) wollten komplexe Sachverhalte vermitteln und jeweils drei Viertel (74 %) beabsichtigten, Informationen möglichst schnell zu vermitteln sowie die Realität so abzubilden, wie sie ist. Immerhin sechs von zehn befragten Journalisten (60 %) wollten sich auf Nachrichten konzentrieren, die für ein möglichst breites Publikum interessant sind. Die Aufgabe, die Öffentlichkeit zuverlässig und schnell mit Informationen zu versorgen, gehört damit zentral zum beruflichen Selbstverständnis der Journalisten in Deutschland - auch in Ressorts und Medien mit unterhaltenden Schwerpunkten, wie beispielsweise Publikumszeitschriften und Lifestyle-Ressorts.

Kritik, Kontrolle, Engagement:

Eine weitere Dimension der journalistischen Rollenbilder umfasst einen (gesellschafts-)kritischen, politischen, anwaltschaftlichen Journalismus. Ein solchermaßen engagiertes Selbstverständnis wird insgesamt von deutlich weniger Journalisten geteilt als das Selbstbild des Informationsjournalisten. Zwar hatte 2005 gut die Hälfte der Journalisten (58 %) die Absicht, in ihrem Beruf Missstände in der Gesellschaft zu kritisieren; aber nur noch jeder Dritte (34 %) wollte normalen Leuten eine Chance geben, ihre Meinung zu Themen von öffentlichem Interesse zum Ausdruck zu bringen. Sich für die Benachteiligten in der Bevölkerung einsetzen wollten weniger als drei von zehn Journalisten (29 %); als Kontrolleur von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft (watchdog) sah sich knapp ein Viertel (24 %). Weniger als ein Siebtel der befragten Journalisten (14 %) erhob gar den Anspruch, die politische Tagesordnung zu beeinflussen und Themen auf die politische Agenda zu setzen.

Service und Unterhaltung:

Neben den "klassischen" Rollenselbstbildern, die sich auf Information und Vermittlung sowie auf Kritik, Kontrolle und Engagement beziehen, gibt es interpretative, orientierende, ratgeber- und serviceorientierte Kommunikationsabsichten. Die Dimension des Ratgeber- und Service-Journalismus fand 2005 - ähnlich wie die Merkmale eines engagierten Rollenbildes - nur mäßige Zustimmung der befragten Journalisten: Rund vier von zehn Journalisten wollten neue Trends aufzeigen und neue Ideen vermitteln, positive Ideale vermitteln, Lebenshilfe für das Publikum bieten, also als Ratgeber dienen, sowie dem Publikum Unterhaltung und Entspannung anbieten. Nur jeder Fünfte (19 %) wollte dem Publikum eigene Ansichten und Meinungen präsentieren " das Publikum soll sich mehrheitlich seine Meinung selbst bilden.

Insgesamt zeigt sich ein vielfältiges Bild von journalistischen Rollenbildern, welche sich nicht widersprechen, sondern sich gegenseitig ergänzen. Im Zeitvergleich wie auch im Vergleich verschiedener Medien und Ressorts zeigen sich diese Selbstbilder der Journalisten in Deutschland relativ stabil: Wie schon in den 1990er Jahren fühlt sich die deutliche Mehrheit den Standards des Informationsjournalismus verpflichtet - und zwar auch in Medien, die dem Anschein nach primär der Unterhaltung dienen.

Die Umsetzung der einzelnen Kommunikationsabsichten in der Alltagspraxis wird von den Journalisten allerdings sehr unterschiedlich bewertet. Insgesamt können sie Selbstbilder, die im Zusammenhang mit dem Informations- und Servicejournalismus stehen, nach eigenen Angaben eher im beruflichen Alltag realisieren als kritische und kontrollierende Berufsabsichten. Dass sich diese Ziele eher selten umsetzen lassen, hat vielfältige Gründe. Vor allem setzen Kritik und Kontrolle die zeitlichen und personellen Möglichkeiten sowie redaktionelle Strukturen für investigative Recherche voraus, durch die Missstände aufgedeckt werden könnten. Diese Grundlagen für die Umsetzung von engagiertem Journalismus aber wurden im vergangenen Jahrzehnt durch ökonomische Krisen und massive Strukturveränderungen in den Redaktionen deutlich reduziert. Obwohl ein intensiv recherchierender Journalismus als demokratisch wünschenswert gilt, ist er unangenehm, weil er den Mächtigen (Politikern wie Unternehmern) auf die Finger schaut und weil er viele zeitliche und finanzielle Ressourcen benötigt. Nicht zuletzt an der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Situation des anspruchsvollen Qualitätsjournalismus lässt sich aber ablesen, wie wichtig eine Gesellschaft ihren demokratischen Anspruch nimmt. Ein zwar kostengünstiger, aber harmloser Journalismus, der gut unterhält und niemandem wehtut, mag der bequemere Weg sein für die Journalisten wie für die Gesellschaft, aber für die Entwicklung einer Demokratie ist er nicht notwendig.

Quellentext

Crossmedial

Die Bilder haben nicht die Qualität, die man von seinem Sender gewöhnt ist. Aber Mark Kleber, 44, einer von acht Hörfunk-Korrespondenten des SWR im ARD-Hauptstadtbüro, lässt sich nicht beirren. Seit einigen Wochen hat er ein neues, leistungsstarkes Handy. Das hat einen Internetzugang und eine integrierte Kamera. Und Kleber nutzt beides mit viel Spaß an der Sache.
Kleber ist einer, der exemplarisch für den digitalen Wandel in klassischen Medienhäusern steht und für eine aufgeschlossene Art, mit dem Wandel umzugehen. Seine Artikulation verrät den ausgebildeten Radiosprecher, aber nur in ein Mikrofon zu reden, das wäre Kleber heute zu wenig und seinem Arbeitgeber langfristig wohl nicht genügend Leistung. Deshalb erscheinen die Bilder, die der Radiojournalist zum Beispiel auf einem Parteitag mit seinem neuen Handy schießt, im Blog der Tagesschau " und zwar noch bevor Kleber seinen Radiobeitrag für den SWR eingesprochen hat. Wenn der dann fertig ist, schaltet er die Tondokumente in einem bestimmten Computerprogramm frei. Darin können sich nicht nur die Radio-Kollegen anderer Anstalten bedienen, sondern wie selbstverständlich auch ARD-Journalisten, die für andere Medien arbeiten. Insgesamt produziert die ARD vier Medienarten in Berlin, nämlich Ton im Radio und Fernsehen, Bewegtbild im Fernsehen und Internet, Text und Standbild ebenfalls im Netz.
"Aber hier sitzt keiner morgens in der Konferenz und sagt: Das geht online, das geht ins Fernsehen", sagt Ulrich Deppendorf, Chef des Berliner ARD-Studios. Vielmehr beschließe man in einem andauernden Austausch, welche Information in welchem Format wann und wo platziert werde. "Vor zehn Jahren galt: Das muss als erstes in die Tagesschau", erinnert sich Deppendorf. "Das ist heute nicht immer so." Die ARD ist auf einem guten Weg " zumindest in Berlin ", effizient crossmedial zu arbeiten, also mehrere Mediengattungen gleichzeitig und ohne doppelte Arbeit zu bedienen. [...]
Darüber, wie sich die Qualität der journalistischen Arbeit zur Zahl der Kanäle verhält, die ein Mitarbeiter jeden Tag im Blick haben muss, lässt sich spekulieren. ARD-Studiochef Deppendorf scheint zumindest keine Angst vor medialer Überreizung zu haben. In seinem Büro kann er gleichzeitig auf sieben Bildschirme gucken. "Internet " das müssen wir machen!", ruft er, und seine Faust saust auf den Tisch. Vom alten Konkurrenzdenken zwischen den Mediengattungen hält Deppendorf wenig: "Wir bilden zusammen eine einzige Redaktion."
[...] Ein Inhalt, viele Verbreitungswege: Die Kunden sollen entscheiden, was sie wollen und woher sie es beziehen. Für Medienhäuser wie das Berliner ARD-Studio bedeutet diese Erkenntnis, dass man als Journalist zunächst Nachrichten produziert. In welchem Medium diese dann erscheinen, ist nachrangig. [...]

Johannes Boie / Katharina Riehl, "Bitte schön cross", in: Süddeutsche Zeitung vom 15. Dezember 2010




Wird der Journalismus weiblich?



"Der Journalismus wird weiblich." So titelte die Fachzeitschrift für Journalismus message im Jahr 2007. Leicht ängstlich fragte sie dabei im Untertitel: "Wenn Frauen sich durchsetzen: Ändert sich der Inhalt?"

Mit Blick auf die Fakten lässt sich tatsächlich ein deutlicher Anstieg des Frauenanteils im Berufsfeld Journalismus feststellen: Von etwa 48 000 Menschen, die 2005 in Deutschland hauptberuflich journalistisch arbeiteten, waren 37 Prozent Frauen. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass Ende der 1970er Jahre etwa 17 Prozent Frauen im "Männerberuf Journalismus" ihren Platz gefunden hatten, zeigt sich hier eine beachtliche Steigerung. Das Mediensystem in Deutschland verhält sich dabei analog zu dem der USA, wo man bereits deutlich früher und intensiver den Ein- und Aufstieg von Frauen in den und innerhalb des Journalismus beobachten konnte. Während der Anteil von Frauen in der Profession fortlaufend steigt, vor allem junge, hochqualifizierte Kolleginnen via Studium, Volontariat und freie Mitarbeit in den Journalismus einsteigen, verändert sich das Bild in den höheren Etagen weiterhin nur wenig bis gar nicht.

Auf der Ebene der Chefredaktionen findet sich eine Frau neben vier Männern, 29 Prozent der Ressortleitungen und Chef vom Dienst-Positionen werden von Frauen besetzt. Schaut man sich die Medienlandschaft genauer an, so werden unangefochtene Männerdomänen sichtbar: Es sind die "alten Medien", allen voran die Tageszeitungen und Nachrichtenagenturen, in denen Frauen dramatisch unterrepräsentiert sind. Vergleichsweise gut vertreten sind Journalistinnen dagegen in Hörfunk und Fernsehen " hier insbesondere bei privat-kommerziellen Sendern " sowie in den Zeitschriften, hier vorneweg in den Frauenzeitschriften. Ganze zwei öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten, rbb und WDR, werden heute von einer Intendantin geleitet. Mit Blick auf die inhaltlichen Zuständigkeiten von Frauen und Männern im Journalismus müssen ein paar Klischees beiseitegeschafft werden: In den zentralen Ressorts Aktuelles, Politik, Wirtschaft und Lokales sind Journalistinnen entsprechend ihres Anteils in der Profession vertreten. Der Aufstieg in die Chefetagen scheint ihnen dennoch weiterhin verwehrt. Eine aktuelle online-Befragung von Politikjournalistinnen und -journalisten bestätigt die Befunde erneut. Unter den Befragten sind 32 Prozent Frauen. Mit steigendem Alter nimmt ihr Anteil merklich ab; noch deutlicher fällt ihre Teilhabe bei steigender hierarchischer Position.

Journalistinnen sind im Schnitt besser ausgebildet als ihre männlichen Kollegen, verdienen trotz dieses Qualifikationsvorsprungs jedoch deutlich weniger Geld. Die Differenz beträgt insgesamt circa 700 Euro, gut 500 Euro davon allein aufgrund des Geschlechts. Was läuft falsch für hoch qualifizierte Journalistinnen?

Journalismus hat in dem, was heute als Mediengesellschaft bezeichnet wird, einen grundlegenden Funktions- und Strukturwandel durchlaufen. Die geschlossene politisch-publizistische Elite, die das Bonner "Glashaus" gekennzeichnet hat, ist in Berlin einer "Meute" gewichen, so die Fotografin Herlinde Koelbl 2001. Eine Beschreibung, die für viele Akteure in der Profession mehr als kränkend ist. Die Bezeichnung verweist auf den Verlust an privilegiertem Zugang zur Macht, der noch zu Bonner Zeiten mit dem politischen Journalismus verbunden war. Mit dieser Vermehrung der journalistischen Akteure haben sich die Zugangschancen für Frauen deutlich verbessert. Haben Frauen damit den Journalismus verändert?

Schon die Frage ist falsch gestellt, denn hier werden Ursachen und Wirkungen vermischt.

Als Erstes gilt es festzuhalten: Die Gesellschaft hat sich mit Blick auf die Arbeits- und Rollenverteilung von Männern und Frauen grundlegend verändert. Der Journalismus vollzieht diese Entwicklungen nun mit deutlicher Zeitverzögerung nach.

Zweitens: Journalismus hat sich unter ökonomischen und technologischen Vorgaben grundlegend gewandelt. Diese Prozesse der Kommerzialisierung und Digitalisierung bringen Umbrüche und Öffnungen mit sich, die vor allem Frauen den Zutritt in das Feld erleichtert haben. Journalistische Angebote entstehen kurzfristig und nachfrageorientiert. Damit wird ein Berufsfeld dynamisiert, historisch gewachsene Hierarchien verlieren an Stabilität.

Drittens: Journalismus ist vielfältiger geworden. Die Programmvervielfachung hat das unangefochtene Primat des Informationsjournalismus ins Gestern befördert " nicht immer im Selbstbild der Profession, wohl aber im redaktionellen Alltag. People-Journalismus steht neben Ratgeber-Journalismus, Auslandsberichterstattung neben PR-verdächtigen Reiseberichten, Vereinsberichterstattung neben investigativen Recherchen. Diese Vielfalt journalistischer Berichterstattungsmuster lässt sich nicht nach "weiblich" versus "männlich" sortieren. Frauen schreiben nicht per se einfühlsam, Männer recherchieren nicht qua Geschlecht knallhart. Die neue Vielfalt journalistischer Angebote wird dabei den durchaus vielfältigen Lese-, Seh- und Hörgewohnheiten gerecht. Die Forderung nach einer alltagsweltlichen Berichterstattung, die sich nicht in der Innensicht der politischen und ökonomischen Eliten verliert, ist alt " und nach wie vor zumeist uneingelöst. Eine solche Forderung ist keineswegs "weiblich", sie nimmt aber in besonderer Weise Lesebedürfnisse von Frauen ernst. Bei schrumpfenden Auflagen dürften Medienunternehmen hier künftig ihren Blick schärfen. Junge Leserinnen und Leser sind ein kostbares Gut.

Quellentext

Frauen im Nachrichtenjournalismus

[...] Nach einer Untersuchung der Medienwissenschaftlerin Susanne Keil besetzten Frauen im Jahr 1999 15 Prozent der Führungspositionen bei den Öffentlich-Rechtlichen " noch zehn Jahre zuvor war es lediglich ein Prozent, sprich zwei Frauen, gewesen. Dabei ist der Vormarsch der Frauen gar nicht so verwunderlich, betrachtet man die Fakten: Circa die Hälfte aller Volontäre ist weiblich, Journalistinnen weisen häufiger ein abgeschlossenes Studium auf als Journalisten, und sie unterscheiden sich in ihrem professionellen beruflichen Selbstverständnis nicht signifikant von ihren männlichen Kollegen. Frauen bekommen bei der ARD das gleiche Gehalt wie Männer gezahlt. Betrachtet man die gesamte Medienlandschaft, sind es allerdings im Schnitt 500 Euro pro Monat weniger.
All die genannten Aspekte wirken sich bei Frauen schließlich direkt oder indirekt auf eines aus: die Familienplanung. Die aktuelle Bilanz ist ernüchternd bis erschreckend: Während die deutsche Frau noch durchschnittlich 1,4 Kinder zur Welt bringt, sind bereits 40 Prozent der Akademikerinnen kinderlos. Journalistinnen bilden das traurige Schlusslicht mit 67 Prozent. Nach Gründen gefragt, kommen Antworten wie [...]: "Familie darf man nicht haben." Oder [...]: "Die Frage hat sich für mich nie gestellt." [...]
Tatsächlich kommen heute laut Gleichstellungsbeauftragter [Sabine] Knor 96 Prozent der in Elternzeit gegangenen Mütter wieder zurück an ihren Arbeitsplatz " die meisten nach einem Jahr, zunächst in Teilzeit oder stundenweise. [...]
Früher sah das noch etwas anders aus. [Der ehemalige Wortredakteur Georg] Röschert erinnert sich an die erste Redakteurin: "Die hat das wohl zwei Jahre gemacht, und dann hat sie geheiratet " da war sie wieder weg. Das war immer so. Frauen sind verschwunden, weil sie geheiratet oder Kinder gekriegt haben." Tatsächlich seien viele mit der Familie aus dem Beruf gegangen. Manche kamen wieder und arbeiteten halbtags. "Das wurde aber doch als Einschränkung empfunden."
Eine der ersten, der damals der "Spagat" gelang, war [Helga] Kipp-Thomas. Obwohl Mutter von zwei Kindern, stieg sie auf halber Stelle wieder ein und wurde von ihrem Mann tatkräftig unterstützt. So waren selbst Spät- oder Wochenendschichten kein Problem. Und auch Eva Hermann, als Mutter heute eher in "antifeministischer Mission" unterwegs, bekam Unterstützung von allen Seiten: "Ich habe immer so ein gutes Netz gehabt, bestehend aus meinen Schwiegereltern, einem tollen Kindermädchen und nicht zuletzt dem sehr flexiblen Arbeitgeber "Tagesschau". Die Kollegen, vor allem Jan Hofer als Chefsprecher, sind mir extrem entgegengekommen und haben sich wahnsinnig bemüht." Sie ist überzeugt, dass sie damit eine glückliche Ausnahme bildet. "So gute Voraussetzungen hat wahrlich nicht jede."
Gerade im Nachrichtenjournalismus "darfst du nicht erwarten, dass auf dich Rücksicht genommen wird", sagt Kipp Thomas. Das Geschäft sei hart. Es gibt verhältnismäßig lange, unregelmäßige Arbeitszeiten im Schichtdienst. Der Job setzt ein hohes Maß an Flexibilität und Stressresistenz voraus. Das alles lässt sich meist nur schwer mit Kindern vereinbaren, wenn nicht Partner und Familie dahinterstehen.
Die Zahlen bestätigen diese Annahme: Das Verhältnis der Geschlechter kippt in der Altersgruppe der über 30-Jährigen. Ist bis dahin noch mehr als die Hälfte der deutschen Journalisten weiblich, sinkt die Anzahl der Frauen mit steigendem Alter kontinuierlich. [...]

Nea Matzen / Christian Radler (Hg.), Die Tagesschau. Zur Geschichte einer Nachrichtensendung, Konstanz 2009, S. 121 f.




Interessengruppen in der Medienlandschaft



Deutschland gilt als Land der Vereine " und der Verbände; mehr als 12 000 gibt es hierzulande, darunter rund 7000 Berufsverbände. Verbände sind Lobbygruppen: Sie vertreten "ganz offiziell" spezifische Interessen. Die größten sind die Gewerkschaften; als Zusammenschlüsse von Arbeitnehmern handeln sie zum Beispiel mit den Verbänden der Arbeitgeber Tarife aus und legen so die Lohn- und Gehaltsstrukturen fest, regeln Ausbildungsfragen und vertreten Rechte ihrer Mitglieder. Weiter koordinieren und artikulieren sie kollektive Ansichten und Ansprüche gegenüber der Öffentlichkeit.

Verbände stellen Expertenwissen bereit, suchen das Ansehen ihrer Klientel etwa durch Preisverleihungen zu stärken und bieten vielfältige Serviceangebote von Mitgliederbroschüren, -zeitschriften und Websites über Weiterbildung bis hin teilweise zu Rechtsbeihilfe, Versicherungsleistungen und Unterstützung in Krisensituationen.

In wohl allen Berufsfeldern gibt es mehr als nur einen Interessenverband " so auch im Journalismus. Die beiden bedeutendsten "Journalistengewerkschaften" sind der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) und die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju). Neben diesen beiden allgemeinen Berufsverbänden gibt es noch zahlreiche spezialisierte Interessenvertretungen wie zum Beispiel den Deutschen Fachjournalisten-Verband (DFJV), die Verbände Deutscher Sportjournalisten (VDS) oder Deutscher Medizinjournalisten (VDMJ), Vereinigungen wie die Freischreiber, die sich für die Belange freiberuflicher Journalisten einsetzen, oder das Netzwerk Recherche, dessen Anliegen vor allem die allgemeine Förderung der Recherchekultur in Deutschland ist, die Reporter ohne Grenzen, die sich als Menschenrechtsorganisation weltweit für Journalistenrechte engagieren, die als Verein organisierte Bundespressekonferenz, der rund 900 Parlamentskorrespondenten angehören, " oder auch die Jugendpresse Deutschland als Dachverband der Schüler- und Jugendzeitschriften.

Quellentext

Interessenverbände im Journalismus

  • Deutscher Journalisten-Verband, DJV - www.djv.de : 1949 gegründete größte deutsche Journalistenvereinigung mit rund 39 000 Mitgliedern in Landesverbänden in allen 16 Bundesländern.
  • Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union, dju - www.dju.verdi.de : Die 1951 als Untergruppe der Industrie-gewerkschaft Druck und Papier gegründete Union gehört seit 2001 der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di an. Sie hat etwa 22 000 Mitglieder. Gemeinsam mit der Schwestergruppe "Rundfunk, Film und audiovisuelle Medien" bildet die dju die (annähernd 50 000 Mitglieder umfassende) "Fachgruppe Medien" in ver.di.
  • Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger, BDZV - www.bdzv.de : Seit 1954 die Spitzenorganisation der Zeitungsverleger. In elf Landesverbänden sind insgesamt 301 Tageszeitungsverlage und 14 Wochenzeitungen mit einer Gesamtauflage von rund 19 Millionen Exemplaren Mitglieder.
  • Verband Deutscher Zeitschriftenverleger, VDZ - www.vdz.de : 1949 gegründeter Dachverband, in dessen sieben Landesverbänden rund 400 Verlage organisiert sind, die zusammen mehr als 3000 Zeitschriften aus den Bereichen Publikums-, Fach- und konfessionelle Presse herausgeben.
  • Verband privater Rundfunk- und Telemedien e. V., VPRT - www.vprt.de : Der 1990 gegründeten Interessensvertretung gehören rund 160 Unternehmen aus den Bereichen privater Hörfunk und Fernsehen, Mediendienste und vergleichbare Onlineangebote an.


Rudolf Stöber, "Verbände / Vereine", in: Siegfried Weischenberg / Hans J. Kleinsteuber / Bernhard Pörksen (Hg.), Handbuch Journalismus und Medien, Konstanz 2005, S. 460ff.




Pendant zu den Journalistenvereinigungen auf Arbeitgeberseite sind im Bereich der Zeitungen und Zeitschriften der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) und der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ), für den privaten Rundfunk der Verband privater Rundfunk und Telemedien e. V. (VPRT). Lobbyarbeit für die Belange kostenloser Wochenblätter betreibt der Bundesverband Deutscher Anzeigenblätter (BVDA).

Die beiden Presseverlegerverbände BDZV und VDZ handeln gemeinsam mit DJV und dju Tarifverträge, Sozialleistungen und Ausbildungsregelungen aus. Gemeinsam tragen die vier Organisationen auch den Deutschen Presserat, die bekannteste Selbstkontrollinstitution der deutschen Medien (siehe S. 11 f.). Verbände sind das "Salz in der Suppe" der pluralistischen Gesellschaft. Sie organisieren den Interessensaustausch, bauen staatlicher Regulierung vor " und sorgen so auch dafür, dass das Grundrecht auf Presse- und Meinungsfreiheit lebendig bleibt.

Redaktionen: früher und heute



Wer denkt, Journalismus sei ein abwechslungsreicher Beruf, der irrt zumindest in einer Hinsicht: Journalisten lieben die Routine und feste Arbeitsstrukturen. Sie lieben es, wöchentlich, täglich oder stündlich das Gleiche zu tun " je nach Erscheinungsintervall. Die Spannung des Berufs entsteht durch Themenvielfalt und Schnelligkeit: Immer wieder wird eine andere Sau durchs Dorf getrieben, aber immer auf dem gleichen Weg.

Gerade weil sich Journalisten permanent und sehr schnell auf neue Themen einlassen müssen, mögen sie es nicht, wenn ihre Redaktionsstrukturen und gewohnten Arbeitsabläufe durcheinander geraten oder verändert werden. Dennoch müssen sich erfolgreiche Redaktionen immer wieder wandeln, um die neuen technischen Möglichkeiten, die veränderten Marktbedingungen und die sich ändernde Mediennutzung produktiv und kreativ nutzen zu können.

Die Ressorts:

Die Organisation einer Redaktion richtet sich nach der publizistischen Strategie. Das Themenspektrum zum Beispiel, das eine Redaktion bearbeiten kann, wird in der horizontalen Gliederung der Redaktion fachlich verankert: den so genannten Ressorts. Ein privatwirtschaftlicher Radiosender wird seine Redaktion nach den Bereichen Musik, Unterhaltung und Nachrichten gliedern. Special-Interest-Zeitschriften spezialisieren sich auf ganz bestimmte Sachgebiete. Medien mit universellem Themenanspruch teilen die Redaktion dagegen in die klassischen Ressorts ein: Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport und Lokales " und ergänzend häufig Wissenschaft und Bildung, Religion oder Kinder, Jugend und Familie. Insgesamt gilt: Ressorts und thematische Zuständigkeiten von Journalisten sind die Wahrnehmungsstruktur des Journalismus. Nur Themen, die in einer Redaktion strukturell verankert sind, werden wahrgenommen.

Quellentext

Der Newsroom

Beispiel: Welt-Gruppe / Berliner Morgenpost:
Im Hochhaus an der Kochstraße füllt der Newsroom fast eine ganze Etage. Hier arbeiten knapp 60 Menschen auf leuchtend roten Sesseln und an langen Tischen. Über ihnen hängt ein Dutzend Fernsehmonitore mit aktuellen Programmen. An einer Wand zeigt ein riesiges Computerdisplay im Echtbildmodus alle Zeitungsseiten, an denen gerade gearbeitet wird, sowie den aktuellen Stand der eigenen Internetseiten. Ein kleines TV-Studio mit Teleprompter, Kamera und eigener Beleuchtung ist in den Newsroom integriert. Von dort kommen die Nachrichtensendungen auf Welt Online und Morgenpost Online. Die Arbeit im Newsroom beginnt morgens um sechs Uhr und endet nachts um ein Uhr " an sieben Tagen in der Woche. Natürlich wird in Schichten gearbeitet. Arbeitsplätze sind Funktionsplätze " die Blattmacher der Morgenpost wechseln sich zum Beispiel auf ihren Stühlen und an ihren Computern ab, [...]. Im Newsroom sitzen etwa 15 Prozent der Redaktion. Es sind vor allem die oberen Ränge der Hierarchie: Chefredakteure, Stellvertreter, Blattmacher, Ressortleiter, stellvertretende Ressortleiter, verantwortliche Redakteure. Hinzu kommen Produktionsredakteure aus den Ressorts, die im Rotationsverfahren arbeiten: Alle Textredakteure und Autoren nehmen reihum eine bestimmte Zahl von Produktionsdiensten pro Monat wahr. Das verteilt die anfallende Arbeit [...]. Alle anderen Journalisten arbeiten an eigenen Schreibtischen und mit vielen ruhigen Schreibzimmern, in die sie sich zum Konzentrieren und vertraulichen Telefonieren zurückziehen können. [...]
Unerlässlich [im Newsroom] sind Bildredaktion, Layout, Infografik " zumindest mit Kopfstationen, wenn nicht alle hineinpassen.
[...] Gleich mehrmals täglich kommen Vertreter aller "Gewerke" zu Ad-hoc-Konferenzen zusammen: Die Fotolage wird gesichtet, weiteres Material bestimmt, [...] die Videoredakteure berichten vom eingehenden Material und bemühen sich um die Rechte an einer Sequenz, [...].
Selbstverständlich sitzen alle Onliner mit im Newsroom; sie arbeiten nicht in einem eigenen Raum, sondern sind ein zentraler Bestandteil der Redaktion, [...].
Der Wahlspruch "Online First" bedeutet [...], dass jeder Text, der für die Zeitung geschrieben wird, sofort ins Netz kommt, sobald Redakteur und Ressortleiter im Redaktionssystem den Status "Artikel fertig" gegeben haben. Es gibt keinen zeitlichen "Schutz" für die Zeitung mehr. Leitartikel, Reportage [...], Porträt, alles wird sofort gesendet. So entstehen aus einer gemeinsamen Redaktion sehr unterschiedliche Titel: Eine überregionale Zeitung (Die Welt) kommt aus demselben Newsroom wie Deutschlands größte Qualitätszeitung am Sonntag (Welt am Sonntag), eine jüngere Tabloidausgabe (Welt Kompakt), eine schnell wachsende Nachrichtenwebsite (Welt Online), eine starke Regionalzeitung (Berliner Morgenpost) und eine [...] regionale Webseite (Morgenpost Online). Diese sechs Titel werden von drei Chefredakteuren geführt " jeder davon verantwortet zwei Titel [...].
Trotzdem bewahrt jeder Titel seine Eigenarten. Alles erscheint online, aber nur sehr wenig wird zwischen den einzelnen Zeitungen getauscht. Hier wird deutlich, dass eines der beliebtesten Vorurteile gegen den Newsroom nicht zutrifft. Es besagt, dass er Einheit schafft, wo vorher Vielfalt war. Das ist ein unbegründetes Vorurteil: Offene Marktplätze führen zwangsläufig zu Differenzierungen, weil sie Produktmerkmale transparent machen und Ähnlichkeiten schonungslos aufdecken. [...]
Noch ein weiterer Vorteil zeigt sich im Newsroom: Er führt zu schnelleren Entscheidungen. Wer den Chefredakteur sucht, braucht keinen Termin [...]. Er geht einfach durch den Raum zu ihm. [...]
Die Funktionsarbeitsplätze erleichtern die Kommunikation. Wer auf dem Amtsstuhl des Politikverantwortlichen der Welt sitzt, trifft alle einschlägigen Entscheidungen. Ein Redakteur aus dem eigenen Ressort oder ein Kollege aus der Kultur [...] geht einfach auf den bekannten Platz zu " wer dort sitzt, der ist im Dienst. Falls ein Ressortleiter einige Stunden lang ein Interview führt, vertritt ihn der Kollege auf seinem Stuhl wirksam. [...]
Seine wahre Kraft entfaltet der Newsroom durch die gegenseitige Inspiration seiner Mitarbeiter. [...] Man sieht ein gutes Foto auf dem Bildschirm der Kollegen und lernt dadurch einen Fotografen kennen, der perfekt für die geplante Gesundheitsserie ist. Man sieht die Klickzahlen auf der Internetseite und begreift, dass Irans Atomprogramm die Leser nicht langweilt, sondern fasziniert. Kurzum, man sammelt Informationen und Anregungen. Für die Arbeit eines Journalisten, zumal eines Blattmachers, gibt es nichts Wichtigeres.

Christoph Keese, in: Susanne Fengler, Sonja Kretzschmar (Hg.), Innovationen für den Journalismus, Wiesbaden 2003, S. 20 ff.




Aufgabenverteilung:

Die Aufgaben in einer Redaktion können auf zwei verschiedene Arten verteilt werden: Die Redakteure können auf Themengebiete spezialisiert sein oder auf eine Tätigkeit. Ob die Redakteure auf Tätigkeiten spezialisiert sind, hängt größtenteils von der Journalismuskultur und -tradition ab: In deutschsprachigen Zeitungsredaktionen erledigt der Redakteur überwiegend alle Tätigkeiten von Recherche, Texten und Redigieren bis zu Blattplanung und Seitenlayout; im angloamerikanischen Journalismus ist seit mehr als 100 Jahren eine funktionale Spezialisierung in reporters und editors üblich. Während die reporters recherchieren und schreiben, ist es die alleinige Aufgabe der editors, Texte zu redigieren, Schlagzeilen zu formulieren und die Produktionsabläufe zu überwachen. Inzwischen spezialisieren sich deutschsprachige Redaktionen auch immer mehr in Schreiber und Blattmacher, um Tätigkeiten zu professionalisieren und mehr Freiräume für Recherche und Themenplanung zu bekommen.

Ablauforganisation:

Der Erscheinungsrhythmus eines Mediums bestimmt wesentlich die Abläufe einer Redaktion. Zeitungsredaktionen zum Beispiel haben einen am Tag orientierten Workflow: Am Vormittag wird das einlaufende Material sortiert, in Konferenzen werden Themen besprochen und vergeben, die ersten Recherchen laufen an. Erst am Nachmittag wird geschrieben und layoutet. Die letzten Beiträge werden kurz vor Redaktionsschluss am Abend fertig.

Ganz anders müssen Online-Redaktionen ihren Workflow organisieren: Sie haben weder Redaktionsschluss noch Sendetermin; die Nutzer erwarten eine permanente Aktualisierung der Nachrichten. Größere Themen wandern von einem Texter in die Hand eines anderen: Eine neue Schicht übernimmt die Geschichte und schreibt sie aufgrund der aktuellen Lage um und weiter.

Redaktionstechnik:

Technische Innovationen verändern die Abläufe in den Redaktionen grundlegend. Ein Beispiel aus der Radioredaktion belegt dies: Früher lag ein O-Ton eines Politikers auf einem Tonband vor; das Band wurde geschnitten und geklebt. Es wurde immer mit dem Original gearbeitet, denn mit jeder Kopie hätten die Töne an Qualität verloren. Nach der Digitalisierung der Radiotechnik liegen O-Töne und Beiträge auf Servern, die für jeden Redakteur permanent über das Netzwerk erreichbar sind. Töne können beliebig oft kopiert werden. In kurzer Zeit können mehrere Versionen eines Beitrags für verschiedene Sendungen produziert werden. Redaktionssysteme bzw. Content Management-Systeme steuern heute die redaktionellen Arbeitsabläufe bei allen Medien. Während früher aus technischen Gründen strikt lineare Abläufe vorgegeben waren, werden mit digitaler Technik Abläufe, Tätigkeiten und Publikationsplattformen vernetzt.

Neue Modelle der Redaktionsorganisation:

Nicht nur technische Innovationen, auch neue gesellschaftliche und ökonomische Rahmenbedingungen zwingen Redaktionen zu Umstrukturierungen. Innovative Chefredakteure haben Ressorts neu geschnitten, architektonische und geistige Wände in der Redaktion eingerissen, Themen- und Autorenteams eingerichtet, das redaktionelle Management gestärkt oder alle Publikationsplattformen in einer crossmedialen Redaktion integriert. Crossmediale Redaktionen veröffentlichen auf mehreren Plattformen: zum Beispiel Print im "normalen Format"; Print als kompaktes Format für junge Zielgruppen; verschiedene Formate im Internet wie Text, Audio, Video; mobile Kommunikation.

Zwei neue Begriffe spielen in modernen Redaktionen eine wesentliche Rolle: Der Newsdesk ist eine Koordinations- und Produktionszentrale. Der Newsroom ist ein Großraumbüro, das architektonisch neue redaktionelle Konzepte des ressort- und medienübergreifenden Planens und Arbeitens unterstützt.

Der Umbau zur "medienkonvergenten Redaktion", die alle Publikationsplattformen vereint, ist komplex und kann über unterschiedliche Modelle erfolgen. In manchen Medienhäusern ist mit dem Newsdesk ein zentraler Arbeitsbereich gemeint, an dem ein Dutzend Redakteure verschiedener Ressorts gemeinsam produzieren und verschiedene Medien bedienen, wie beispielsweise bei der Braunschweiger Zeitung und der Rheinischen Post. Ein anderes Konzept sieht einen gemeinsamen Newsdesk für mehrere Lokalredaktionen vor wie bei der Mainpost und beim Südkurier. In anderen Redaktionen wurde ein großer gemeinsamer Newsroom für 30, 50 oder gar 100 Journalisten geschaffen (Austria Presse Agentur APA, Saarländischer Rundfunk, Frankfurter Rundschau).

Fazit: bessere Qualität, aber höherer Arbeitsdruck:

Welche Erfahrungen wurden allgemein mit diesen neuen Arbeitsstrukturen gemacht? Eine pauschale Antwort ist schwierig, weil jede Redaktion Arbeitsteilung und Arbeitsabläufe finden muss, die für sie optimal sind. Manchen gelingt das besser, anderen schlechter. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass durch neue Modelle die journalistische Qualität steigen kann und auch die Arbeitszufriedenheit der Redakteure. Andererseits kann der Arbeitsdruck größer werden: Die zeitlichen Freiräume werden enger, der persönliche Stress nimmt zu.

Wie Journalisten an Informationen kommen: Informationsquellen



Um an Informationen zu kommen, nutzen Journalisten unterschiedliche Quellen. Zu den wichtigsten journalistischen Quellen zählen die Aussagen von Informanten oder Augenzeugen, Interviews, Dokumente und offizielle Berichte. Diese Informationen erschließt sich der recherchierende Journalist selbst. Darüber hinaus stehen den Journalisten Informationen zur Verfügung, die nur zu dem Zweck angefertigt worden sind, dass sie in den Medien weiterverbreitet werden. Hierzu zählen Berichte von Korrespondenten, Meldungen von Nachrichtenagenturen, Pressemitteilungen und anderes PR-Material. Da die aktive Recherche zeitaufwändig und kostenintensiv ist, kommt den vorgefertigten Informationsquellen eine immer größere Bedeutung in der Medienberichterstattung zu.

Informationsquellen

Korrespondenten:

Die Berichte von Korrespondenten spielen in der Medienberichterstattung traditionell eine große Rolle. Korrespondenten arbeiten außerhalb einer Redaktion und berichten aus entfernten Städten, Ländern und Regionen. Nur große, überregionale Zeitungen und Zeitschriften sowie große Rundfunk- und Fernsehanstalten wie ARD und ZDF können es sich leisten, dauerhaft eigene Korrespondenten im Ausland zu beschäftigen. Das weltweite Korrespondentennetz der ARD umfasst etwa hundert festangestellte Hörfunk- und Fernsehjournalisten und ist damit eines der größten weltweit. Die Korrespondenten sind in wichtigen Hauptstädten wie Washington, Moskau, Peking und Brüssel tätig sowie in Kriegs- und Krisengebieten. Als Augenzeugen vor Ort liefern sie ihren Redaktionen Nachrichten und Hintergrundberichte aus erster Hand und recherchieren hierzu aktiv, aber sie nutzen auch die lokalen Massenmedien als Informationsquellen.

Nachrichtenagenturen:

Für die meisten Medien, die sich keine eigenen Korrespondenten leisten können, stellen die Dienste der Nachrichtenagenturen eine wichtige Informationsquelle dar. Nachrichtenagenturen verkaufen als "Nachrichtengroßhändler" ihre Meldungen an Zeitungen, Zeitschriften, Hörfunk- und Rundfunksender, aber auch die Politik, Unternehmen und Verbände nutzen ihre Dienste. Weltweit gibt es über 180 Nachrichtenagenturen. Zu den bekanntesten zählen Reuters, Associate Press (AP), die Agence France Press (AFP), die deutsche ddp, die Ende 2009 den deutschen AP-Ableger gekauft hat, und die dpa. Die dpa besitzt in Deutschland den größten Marktanteil: Über 95 Prozent der deutschen Tageszeitungen haben ihre Dienste abonniert. Gesellschafter der dpa sind Verleger, Verlage und Rundfunkanstalten. Neben diesen so genannten Vollagenturen gibt es Spezialagenturen, die sich auf bestimmte Themengebiete spezialisiert haben. Beispiele hierfür sind der Evangelische Pressedienst (epd), der Sport-Informations-Dienst (sid) und die auf Börsennachrichten spezialisierte Dow Jones News GmbH.

Im Prozess der Nachrichtenentstehung nehmen Nachrichtenagenturen eine Schlüsselfunktion ein. Als so genannte Gatekeeper (Schleusenwärter) entscheiden die Journalisten in den Nachrichtenagenturen darüber, welche Ereignisse sie für so bedeutend halten, dass sie darüber Meldungen verbreiten. Auch Nachrichtenagenturen stützen sich nicht nur auf Informationen aus erster Hand. Sie arbeiten häufig mit anderen Agenturen zusammen, werten andere Medienberichte aus und verbreiten Pressemitteilungen von Regierungsorganisationen, Verbänden und Unternehmen. Gerade wegen ihrer großen Bedeutung für die Verbreitung von Informationen ist die Einhaltung der journalistischen Sorgfaltspflichten für sie sehr wichtig. Zu den Grundsätzen einer Nachrichtenagentur gehört in der Regel politische Neutralität: Agenturmeldungen sollen so objektiv wie möglich sein. Es gibt jedoch auch Nachrichtenagenturen, die von Regierungen kontrolliert werden. Die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua beispielsweise ist eine Staatsagentur und dient der staatlichen Informationspolitik. Die russische Agentur ITAR-TASS ist zwar keine klassische Staatsagentur mehr, hat aber weiterhin die zentrale Aufgabe, offizielle Mitteilungen der Regierung zu verbreiten.

Pressestellen:

Pressestellen sind Abteilungen in Unternehmen, Behörden, Parteien oder Verbänden, deren Hauptzweck darin besteht, Informationen für Journalisten und Journalistinnen bereitzustellen. Viele Mitarbeiter in den Pressestellen verfügen über eine journalistische Ausbildung und journalistische Berufserfahrung. Sie schreiben Pressemitteilungen, veranstalten Pressekonferenzen und vermitteln Interviews mit Ansprechpartnern aus ihrer Organisation. Darüber hinaus wird in Pressestellen die Medienberichterstattung über die Organisation ausgewertet, und es werden Pressespiegel erstellt. Die Leitung der Pressestelle obliegt meist dem Pressesprecher, der die Organisation nach außen repräsentiert.

Obwohl Stellen für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit heute in den meisten größeren Organisationen selbstverständlich sind, unterscheiden sie sich erheblich in Ausstattung und Professionalität. Zu den großen internationalen politischen Pressestellen zählen die Pressestellen der Europäischen Union und der UNO. Die größte politische Pressestelle in Deutschland ist das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, kurz auch Bundespresseamt (BPA) genannt. Das BPA ist eine eigene Behörde mit mehreren hundert Mitarbeitenden.Zu seinen Aufgaben gehört die Information nach innen und nach außen: Das BPA informiert Journalisten und Bürger über die Aktivitäten der Bundesregierung und gleichzeitig die Bundesregierung über die Nachrichtenlage im In- und Ausland. Der Chef des Bundespresseamtes ist gleichzeitig der Sprecher der Bundesregierung und direkt der Bundeskanzlerin unterstellt. Seit 11. August 2010 ist der ehemalige Fernsehjournalist und Moderator Steffen Seibert Regierungssprecher und Leiter des BPA. Auch Kirchen, Gewerkschaften, Kultureinrichtungen, Verbraucher- und Umweltschutzorganisationen wie etwa Greenpeace haben professionelle Pressestellen. Große Unternehmen gliedern ihre Pressestellen meist in Abteilungen für Unternehmenskommunikation ein; das Ziel ist es dann, die verschiedenen Formen der internen und der externen Unternehmenskommunikation aufeinander abzustimmen.

Nicht nur in Pressestellen wird Presse- und Medienarbeit geleistet, sondern auch in PR-Agenturen. Je nach Größe und Spezialisierung übernehmen PR-Agenturen verschiedene Aufgaben im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit: Sie entwickeln für ihre Kunden Kommunikationskonzepte, setzen Kampagnen um, erstellen Publikationen und produzieren Programmbausteine, die in journalistischen Sendungen ausgestrahlt werden können. Werden solche Beiträge von den Redaktionen einfach übernommen, ohne dass dabei deutlich gemacht wird, dass es sich um PR-Beiträge handelt, entsteht bei den Zuhörern und Zuschauern fälschlicherweise der Eindruck, hier handele es sich um selbstrecherchierte journalistische Berichterstattung.

Bundespressekonferenz:

Eine Sonderstellung in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit nimmt die Bundespressekonferenz (BPK) ein. Nicht, wie in vielen Ländern üblich, die Regierung, sondern ein Verein von Journalisten veranstaltet mehrmals wöchentlich Regierungspressekonferenzen mit Politikern und Sprechern der Bundesregierung. Der BPK gehören über 900 Parlamentskorrespondenten als Mitglieder an. Dadurch, dass die Journalisten selbst die Pressekonferenzen veranstalten, soll sichergestellt werden, dass keine kritischen oder unliebsamen Journalisten von der Möglichkeit ausgeschlossen werden, Fragen zu stellen. Die Mitschriften der Pressekonferenzen werden 24 Stunden später auf der Internetseite der Bundesregierung unter REGIERUNG-online eingestellt und sind somit auch für andere Journalisten und interessierte Bürger einsehbar.

Quellentext

Kritische Beobachtungen zur Arbeit von Auslandskorrespondenten und Kriegsreportern

[...] Der Korrespondent dient immer häufiger nur dazu, mit seinen Beiträgen Mosaiksteine für ein bereits fertig geplantes Gesamtwerk der Redaktion zu liefern. Die Entwertung der Arbeit an entfernt liegenden Schauplätzen fällt leicht, weil Informationen in den Redaktionen im Überfluss vorhanden sind. Redakteure in der Zentrale nutzen ihre Kenntnis der sogenannten Nachrichtenlage, um die Beiträge über Ereignisse in anderen Teilen der Welt immer stärker mitzugestalten oder sie gar selbst aus leicht zugängigen Berichten der Agenturen herzustellen.
Korrespondenten werden aufgefordert, für ihre Beiträge bestimmte Aufnahmen zu nutzen oder bestimmte Fakten darzulegen. Diese manchmal dominante Einflussnahme der Redaktionen hat sich schleichend entwickelt. Sie nutzen ihren Informationsvorsprung bei Katastrophen und in Krisenzeiten, um den Anpassungsdruck auf die Korrespondenten zu erhöhen. Dem standzuhalten, fällt dem Korrespondenten vor Ort immer schwerer. In Stresssituationen steht nicht mehr das Überprüfen oder Gewinnen von Erkenntnissen im Zentrum der Arbeit, sondern das Verbreiten vorgegebener Informationen. Dies kann weitreichende Konsequenzen haben. [...]
Während des Kuwait-Krieges liefen Berichte, in denen Angriffe der Amerikaner gemeldet wurden, die es gar nicht gegeben hatte. Generälen wurde eine Plattform geboten, von der aus sie Informationen verbreiten konnten, deren Ziel es war, die Gegenseite zu täuschen. Diese Beiträge wurden gesendet, ohne den Zuschauern zu erklären, wie die Militärs Journalisten im Informationskrieg zu nutzen versuchen.
Bis heute werden die Bemühungen unterschätzt, die Medien systematisch in militärischen und diplomatischen Konflikten zu instrumentalisieren. Die bedeutsamste Konsequenz aus dieser fahrlässigen Berichterstattung ist der Glaubwürdigkeitsverlust westlicher Journalisten vor allem in der arabischen Welt. Al Jazeera und andere arabische Fernsehkanäle verdanken ihm ihre großen Erfolge. [...]
Oft vertiefen die Korrespondenten mit ihrem Auftreten die Gräben noch, die in den Jahren zuvor gezogen wurden. Ihr schnelles Auftauchen " immer öfter wie das Klischee des rasenden Reporters aus der letzten Fernsehserie " erschwert einen direkten Kontakt zu Betroffenen. Oft sind die Berichterstatter nahezu gleichzeitig mit den ersten Helfern vor Ort. Wie selbstverständlich beziehen die rasenden Kollegen die ersten Notunterkünfte.
Hilfsorganisationen fördern diese Entwicklung noch, weil sie die Berichterstattung als willkommene PR nutzen. Die Opfer von Kriegen und Katastrophen spüren, dass sie Gefahr laufen, als Kulisse in einer Inszenierung missbraucht zu werden. [...] In solchen Situationen nutzen Opfer ihre Kulissenfunktion, indem sie das in ihren Augen Beste aus der Situation machen. Dann interessiert gar nicht, dass ein Wehgeschrei angestimmt wird, das der Lage nicht gerecht wird. [...]
Schusswesten verschaffen Reportern zwar das Gefühl von Sicherheit und verleihen ihrem medialen Auftreten etwas Spektakuläres. Gleichzeitig schaffen Journalisten auf diese Weise aber einen großen Teil der Gefahren, über die sie berichten. Denn in vielen Gesellschaften treten nur Soldaten mit Schusswesten auf. Kommen Journalisten als Teil der Invasoren, werden sie auch als Teil dieser Gruppe wahrgenommen.
Die Armierung wird in der Heimat als Beweis der Gefahr und des Korrespondentenmutes verkauft. Dabei schafft sie vor Ort in einigen Fällen gerade erst die Barriere, die verhindert, dass der Journalist Schutz erhält. Schusswesten und Helme gelten als Zeichen der Parteinahme. Daran kann auch die Aufschrift "Press" nur selten etwas ändern " mögen die Buchstaben auch noch so groß sein. [...]
Nur die gebotene Unabhängigkeit und der Einsatz eigener Ressourcen ermöglichen eine Berichterstattung, die die Probleme und Schwierigkeiten bei ihrer Lösung zeigt.

Ulrich Tilgner, "Schulterklopfen am Hindukusch", in: message 4/2009, S. 37ff.




Probleme im Umgang mit Quellen

Zu den journalistischen Sorgfaltspflichten gehört es, die Glaubwürdigkeit der Quelle zu überprüfen und insbesondere bei kritischen Themen mehr als eine Quelle für die Berichterstattung heranzuziehen. Welche Quellen genutzt werden, hängt von der Art der Berichterstattung ab. Geht es um so genannte breaking news, also um Nachrichten über unvorhergesehene Ereignisse, etwa Naturkatastrophen, Anschläge oder akute Krisenfälle, dann recherchieren die Journalisten aktiv und befragen Augenzeugen, Experten oder Helfer. Geht es dagegen darum, regelmäßig über die Regierung, über bestimmte Unternehmen oder über Kampagnen zu berichten, dann nutzen Journalisten vor allem Quellen der Öffentlichkeitsarbeit. Untersuchungen haben gezeigt, dass insbesondere einflussreiche politische Organisationen und große Unternehmen von dieser Praxis in den Redaktionen profitieren. Wegen ihrer Relevanz und da sie als besonders glaubwürdig gelten, werden viele PR-Informationen der Regierung und der Ministerien in die Berichterstattung übernommen. Inhaltsanalysen der Medienberichterstattung haben ergeben, dass bis zu 70 Prozent der politischen Berichterstattung auf Quellen der Öffentlichkeitsarbeit beruhen. Das ist dann problematisch, wenn bestimmte politische Organisationen von den Medien strukturell bevorzugt werden, während es anderen Organisationen nicht gelingt, mit ihren Mitteilungen in den Medien durchzudringen.

Ein weiteres Problem besteht in der mangelnden Transparenz. Gerade wenn Informationen der Öffentlichkeitsarbeit über Nachrichtenagenturen weiterverbreitet werden, geht im Verlauf der weiteren Nachrichtenverbreitung der Hinweis darauf verloren, dass die Information eigentlich aus einer Pressemitteilung stammt. Auch die Neigung von Journalisten, das Internet als zentrales Rechercheinstrument zu nutzen, kann dazu beitragen, dass PR-Mitteilungen ungefiltert in die Berichterstattung Eingang finden. Das ist dann der Fall, wenn beispielsweise aus Weblogs zitiert wird und es sich bei den Bloggern um Personen handelt, die eigentlich PR für eine Organisation oder ein Produkt machen, dies aber nicht zu erkennen geben.

Die Problematik mangelnder Recherche wird in dem Maße verstärkt, in dem sich Journalisten an dem orientieren, was ihre Kollegen schreiben und senden. Die "Selbstbezüglichkeit der Medien" kann dazu führen, dass die Medienberichterstattung ein eigenes Bild der Realität schafft, in dem nur noch wenig Raum für neue und unerwartete Erkenntnisse ist. Auch zwischen Bloggern und Journalisten besteht ein Verhältnis der wechselseitigen Orientierung: Immer häufiger werden Weblogs als Informationsquelle von Journalisten genutzt. Gleichzeitig ist die Berichterstattung in den traditionellen Massenmedien häufig ein Thema in den Weblogs. Das führt zu einem source cycle, einem Zirkel, in dem sich die Quellen wechselseitig beeinflussen, ohne dass dabei neue Erkenntnisse gewonnen werden.

Quellentext

Plädoyer gegen Einflussnahme der Lobbyisten auf Medien

Die Werkzeugkiste moderner Lobbyisten beinhaltet schon lange nicht mehr nur das dicke Adressbuch, mit dem sich Hinterzimmer-Gespräche mit Politikern anbahnen lassen. Die Beeinflussung von Meinungen und Stimmungen der Bevölkerung ist zu einem zentralen Bestandteil umfassender Lobbykampagnen geworden. Die Politik wird damit indirekt über die Einflussnahme auf die Bürgerinnen als Wählerinnen unter Druck gesetzt " die dahinter stehenden Akteure und Interessen bleiben dabei gern unerkannt. Dieser Griff nach der Öffentlichkeit führt zu den Medien als Adressaten, Helfer oder Akteure von Lobbying.
Der Umgang mit sogenannten Experten ist weithin viel zu unkritisch. Als Interview-Partner oder Talkshow-Gäste werden sie dem Publikum als Quelle unabhängigen Fachwissens präsentiert. Die Frage, welche Interessen hinter diesen "Fachmeinungen" stehen, wird häufig nicht gestellt oder zumindest dem Publikum nicht transparent gemacht. [...]
Auch Studien, Umfragen und Rankings werden häufig übernommen, ohne ihren Interessenkontext offenzulegen. [...]
Die mangelnde Sensibilität gegenüber einer Vermischung von Journalismus und PR ist zum Teil Ausdruck der Finanznot vieler Medien: Insbesondere kleine Zeitungen und Sender erliegen immer wieder der Versuchung, ihre redaktionellen Teile mit von Interessengruppen vorproduzierten Beiträgen aufzufüllen. Auch Deals wie "Bericht im redaktionellen Teil gegen Schalten einer Anzeige" sind leider keine Seltenheit. Viele freie Journalisten verdienen sich angesichts magerer Zeilenhonorare ein Zubrot mit PR-Dienstleistungen; nicht selten stehen Journalisten beim Interview auch ehemaligen Kollegen gegenüber, die die Seite gewechselt haben und nun als Pressesprecher für Unternehmen oder Verbände arbeiten.
Immer wieder gehen Medien aber auch ganz offen und bewusst auf Kuschelkurs mit Lobbyakteuren " sei es in Form von Medienkooperationen oder durch die Teilnahme an den "Seitensprüngen", dem Tag der offenen Tür der Berliner Lobbyszene. [...]
Angesichts dieser Missstände ist eine kritischere Grundhaltung und ein wachsamer Umgang mit dem Verhältnis von Medien und Lobbyismus dringend geboten. [...] Gleichzeitig ist es wichtig, die Möglichkeiten zu verbessern, Lobbyeinflüsse zu durchschauen. Ein Lobbyregister, das verpflichtend erfasst, wer für wen mit wie viel Geld Lobbytätigkeiten betreibt, würde auch Journalisten die Arbeit erleichtern. Zentral ist aber, dass sich seriöser Journalismus klar dazu bekennen muss, Abstand zu Lobbyismus und PR zu halten.

Heidi Klein, "Der PR-Griff nach der Medienöffentlichkeit", in: message 3/2010 S. 46f.




Das Verhältnis von PR und Journalismus

Die Schwierigkeiten umfassender Recherche und insbesondere das Verhältnis zwischen Journalismus und PR/Öffentlichkeitsarbeit liefern immer wieder Stoff für kontroverse Diskussionen. Öffentlichkeitsarbeit ist für politische Organisationen, für Unternehmen, Verbände und Vereine in Mediengesellschaften unverzichtbar geworden: Wer mit seinen Themen nicht Aufmerksamkeit in den Massenmedien findet, wird von einer breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Dass Journalisten Themen und Mitteilungen der PR aufgreifen, gehört zum journalistischen Geschäft und ist Bestandteil der journalistischen Arbeit. Insofern ergänzen sich PR und Journalismus. Probleme entstehen dann, wenn mangelnde journalistische Sorgfalt, ökonomischer Druck in den Redaktionen, Arbeitsüberlastung und fehlende Mittel dazu führen, dass Journalisten nicht mehr selbstständig recherchieren und wenn PR-Praktiker unlautere Mittel anwenden, um ihre Themen und Botschaften in den Medien zu platzieren. Professionalität auf beiden Seiten ist deshalb eine Voraussetzung, um die Glaubwürdigkeit des Journalismus und der PR zu erhalten.

Beispiel: embedded journalists:

In kriegerischen Auseinandersetzungen und Konflikten ist der Zugang zur Information für Journalisten besonders schwer. Insbesondere bei militärischen Konflikten wird mit dem Argument der Sicherheit der Zugang zu Informationen von den militärischen Einrichtungen kontrolliert. Im Irakkrieg 2003 wurde für Journalisten, die unter dem Schutz der US-amerikanischen Einsatztruppen standen, der Begriff embedded journalists (wörtlich: eingebettete Journalisten) geprägt. Zwar konnten Journalisten auch ohne militärische Genehmigung aus dem Irak berichten (so genannte unilaterale Journalisten), doch sie standen dann unter keinem besonderen Schutz und gefährdeten ihr Leben. Das Pentagon entwickelte zu Beginn der 2000er Jahre eine Strategie der strategischen Einbindung von Journalisten, um so die Information über Militäreinsätze und den Verlauf von kriegerischen Auseinandersetzungen besser zu kontrollieren und feindlicher Propaganda etwas entgegenzusetzen. Denn das Militär hatte erkannt, dass die Berichterstattung über den Krieg sowohl in den USA als auch in anderen Ländern der Welt einen wichtigen Faktor für Akzeptanz und Unterstützung des Einsatzes darstellt.

Waren früher während eines Krieges strikte Zensurmaßnahmen verhängt worden, so stellt die Einbettung von Journalisten eine subtilere Form der Medienlenkung dar. Im Irakkrieg waren über 600 Journalisten aus den USA und anderen Ländern als embedded journalists tätig. Sie erhielten Zugang zu Militärsprechern, reisten mit den Truppen der USA und ihrer Bündnispartner durch das Einsatzgebiet und konnten über strategische Pläne und kriegerische Aktionen in einem Umfang berichten, der vorher nicht denkbar gewesen war. Allerdings mussten sie sich im Gegenzug dazu verpflichten, aus Sicherheitsgründen nicht über alles zu berichten. Das Echo der Journalisten auf die Einbettung war geteilt: Manche begrüßten die neuen Möglichkeiten der Kriegsberichterstattung, andere sahen im embedded journalism eine Beeinträchtigung der Objektivität und Freiheit der Berichterstattung.




 

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