Dossierbild Jüdisches Leben in Deutschland

5.8.2010 | Von:
Prof. em. Dr. Arno Herzig

1933-1945: Verdrängung und Vernichtung

Die Reichsvertretung der Deutschen Juden

Konnte sich unter diesen Umständen noch jüdisches Leben entfalten? Trotz aller Bedrängnisse bewiesen die deutschen Juden Kraft und Stärke und behaupteten ihre jüdische Identität gegenüber der NS-Ausschließungspolitik. Vereinzelt schlossen sich Juden den linken Widerstandsgruppen an. Trotz divergierender Zielsetzungen innerhalb des Judentums kam es am 17. September 1933 mit der Gründung der "Reichsvertretung der Deutschen Juden" (RV) zu einer gemeinsamen jüdischen Organisation auf Reichsebene. Vor 1933 waren alle Anläufe in diese Richtung gescheitert, da die Organisation jüdischen Lebens weitgehend bei den Gemeinden und ihren Landesverbänden gelegen hatte. Auch die politischen Formationen, der CV, die Zionistische Vereinigung und der Reichsverband jüdischer Frontkämpfer, taten sich schwer bei dem Zusammenschluss zu einer gemeinsamen Organisation, da sie unterschiedliche Strategien der Selbstbehauptung betrieben: vom Konzept einer Akkulturation trotz aller Schwierigkeiten bis zur ultimativen Forderung der Emigration reichten die Vorschläge. Nur die ultraorthodoxen Verbände sowie der ultrakonservative "Verband nationaldeutscher Juden" schlossen sich der RV nicht an. Obgleich von Staatsseite offiziell zunächst nicht anerkannt, wurde die Reichsvertretung unter ihrem Präsidenten Leo Baeck zur wirksamen Vertretung gegenüber dem Staat und zur effektiven Organisation jüdischen Lebens in dieser harten Zeit.
Bis 1938 konnte die Reichsvertretung recht erfolgreich arbeiten. Unter dem Zwang des NS-Staates wurde sie im Juli 1939 per Gesetz zur "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" umgewandelt. Aus dem bisherigen freiwilligen Zusammenschluss wurde nun eine vom NS-Regime befohlene Zwangsvereinigung, der sich alle jüdischen Organisationen und Gemeinden anzuschließen hatten. Die Leitung der Reichsvereinigung wurde von den NS-Behörden ernannt und war der Kontrolle der Gestapo unterworfen. Sie diente nun gleichsam als Durchsetzungsinstanz der staatlichen Vorgaben. Zwangsmitglieder waren nun alle Juden nach der Definition der Nürnberger Gesetze, also auch die Orthodoxen und die Gruppe, die sich nicht zum jüdischen Glauben bekannte. Die Letztere machte ungefähr 8,5 Prozent der Gesamtgruppe aus.

Jüdische Selbstbehauptung

Die RV konzentrierte sich nach ihrer Gründung auf die Kulturarbeit, die Sozialaufgaben sowie die Auswanderungsprobleme. Einen wichtigen Akt jüdischer Selbstbehauptung stellte die Gründung des Kulturbundes dar. Die durch das Berufsbeamtengesetz arbeitslos gewordenen Künstler schufen im Juli 1933 "mit Genehmigung der Regierungsbehörden" in Berlin den "Kulturbund deutscher Juden". Ab Mai 1935 unterstand er dem Reichspropagandaministerium, das im Ausland die Einrichtung des Kulturbundes als "humanitären Akt" anpries. Mit der Gründung des Kulturbundes wollten dessen Institutionen einmal den von den deutschen Bühnen ausgeschlossenen Künstlern eine Wirkungsstätte schaffen und zum anderen als Alternative zu den immer stärker durch die NS-Propaganda bestimmten Bühnenrepertoires einen Bezug zu jüdischen Themen bieten. Die jüdische Bevölkerung nahm dieses Angebot mit Begeisterung an. Man wurde per Abonnement Mitglied. Im Januar 1934 waren es bereits 20000, die vor allem in Berlin das Theater-, Opern- und Konzertangebot wahrnahmen. Neben Berlin entstanden in anderen Großstädten analoge Organisationen, die auch in der Provinz Vorstellungen anboten. Die begeisterte Aufnahme des explizit auf das Judentum bezogenen Kulturbundangebots zeugt von der Besinnung auf die jüdische Kulturtradition, denn noch waren (bis 1938) Besuche von öffentlichen und allgemeinen Bühnen- und Kinovorstellungen für Juden nicht verboten.
Im Repertoire des Kulturbundes waren primär die Stücke klassischer sowie ausländischer jüdischer Autoren. Nach dem Pogrom 1938 wurden für die Aufführungen des Kulturbundes "arisch"-deutsche Autoren und Komponisten verboten. Gespielt werden durften nur noch jüdische oder ausländische Autoren und Komponisten. Bis zur offiziellen Schließung im August 1939 waren auf den Bühnen des Kulturbundes 56 Autoren aufgeführt worden, davon waren knapp zwei Drittel Nichtjuden. Ab Juli 1939 war der Kulturbund organisatorisch der Reichsvereinigung unterstellt, bevor er im September 1941 durch die Gestapo aufgelöst wurde. Noch im Winter 1940/41 bot der Kulturbund acht große Konzerte reichsweit an, die 18-mal aufgeführt wurden. Von einer Besinnung auf das Judentum zeugt auch der zahlreiche Besuch von Vorträgen zur jüdischen Geschichte und Kultur, die in fast allen jüdischen Gemeinden abgehalten wurden, ferner das breite Angebot jüdischer Verlage zu jüdischen Themen, vor allem zur Geschichte. Bis Ende 1941 förderte die Reichsvertretung die Forschungen zur Geschichte der jüdischen Gemeinden in Deutschland, die in der Reihe "Germania Judaica" publiziert wurden.
Eine große Leistung jüdischer Selbsthilfe stellte die Beschulung jüdischer Kinder dar. Zwar durften diese bis 1938 noch die öffentlichen Schulen besuchen, waren dort aber dem psychischen Druck von Lehrern und Mitschülern ausgesetzt. Deshalb sorgten jüdische Eltern, die bis dahin den Besuch öffentlicher Schulen ihrer Kinder befürwortet hatten, für die Schaffung jüdischer Schulen, in denen ihre Kinder ungestört lernen und sich entfalten konnten. Die Behörden bzw. die einzelnen Schulleiter halfen der Verdrängung jüdischer Schüler aus den öffentlichen Schulen nach, um ihre Schulen "judenfrei" zu bekommen. Besuchten 1933 noch 75 Prozent der jüdischen Kinder öffentliche Schulen, so waren es Ende 1937 nur noch knapp 40 Prozent. Ab 1939 durften jüdische Schüler nur noch jüdische Schulen besuchen.
Die Lehrplan-Vorgaben durch die Reichsvertretung waren zunächst auf eine Erziehung in zwei Kulturkreisen, dem deutschen wie dem jüdischen, abgestellt; doch wurden die Bestimmungen im Lauf der Zeit immer stärker auf das Ziel ausgerichtet, die Kinder als bewusste Juden zu erziehen, "mit allem Stolz und aller Entbehrung, die damit verbunden sind". Mit insgesamt 167 Schulen, etwa 1200 Lehrern und 23 670 Schülern erreichten 1937 die jüdischen Schulen ihren Höhepunkt. Bedingt durch die Emigration reduzierte sich trotz des Verbots, öffentliche Schulen zu besuchen, das alle jüdischen Kinder zum Besuch jüdischer Schulen zwang, Anfang 1939 die Zahl auf 19800. Im Oktober 1939 waren es dann nur noch 9521. Am 30. Juni 1942 mussten die letzten jüdischen Schulen geschlossen werden.
So bedeutend der Bereich Bildung und Kultur nach 1933 für die jüdische Selbstbehauptung war - die noch größeren Leistungen wurden im Bereich Wohlfahrt und Auswanderungsvermittlung erbracht. Die Sozialversorgung bedeutete eine ungeheure Belastung, da über 66 Prozent der noch in Deutschland lebenden Juden über 45 Jahre alt waren und weitgehend von Ersparnissen, Sozialrenten und Wohlfahrtsunterstützung ihren Unterhalt bestreiten mussten. Zur Sozialversorgung gehörte auch die Förderung der Kleinbetriebe, deren wirtschaftliche Existenz immer unsicherer wurde. Sie sollten vor allem jüdische Arbeitslose beschäftigen. Durch ein Arbeitsvermittlungsinstitut der Reichsvereinigung konnten etwa 27000 Stellen vermittelt werden. Da insbesondere die Jüngeren auswanderten, stieg die Zahl der hilfsbedürftigen Alten, die durch die Zentralwohlfahrtsstelle, aber auch durch die noch existierenden Sozialeinrichtungen der Gemeinden versorgt werden mussten. Für die jüdische Winterhilfe mussten deshalb alle jüdischen Lohn- und Gehaltsempfänger zehn Prozent der Lohnsteuer entrichten. Zusammen mit Spenden erbrachte dies 1935 die Summe von etwa 3,7 Millionen Reichsmark. 1937/38 waren ungefähr 21 Prozent der Juden hilfebedürftig. Spenden ausländischer Juden wurden vor allem in der Ausbildung für Auswanderer verwendet.

Auswanderung mit Hindernissen

Die Frage: auswandern oder bleiben? wurde für viele zur lebensentscheidenden Frage. Für die Auswanderer gab es drei Organisationen, die bis 1939 104000 Auswanderungswillige berieten. Am besten organisiert war die zionistische Emigration, die primär auf Palästina ausgerichtet war. Doch wurde die Auswanderungsmöglichkeit nach dort durch die britische Mandatsmacht eingeschränkt, die im Auftrag des Völkerbundes die Region verwaltete. Wegen der wachsenden Konflikte im Mandatsgebiet wollte Großbritannien die Einwanderung gering halten, so dass ein Drittel der Anträge abgelehnt wurde. Insgesamt gelang zwischen 1933 und 1940 55000 Auswanderern aus Deutschland die Einreise nach Palästina. 23000 kamen über ein so genanntes Arbeitszertifikat, das die erhielten, die einen für Palästina wichtigen Beruf ausübten, etwa in der Landwirtschaft. 20000 Auswanderer waren so genannte Kapitalisten: Das bedeutete, sie verfügten über ein Kapital von 1000 Pfund (=12000 RM). Für beide Zertifikate existierte eine Quote zur Begrenzung. Eine besondere Einwanderergruppe bildeten die 5300 Jugendlichen, die ohne Eltern kamen. Sie waren weitgehend in Deutschland auf Arbeitshöfen, so genannten Hachschara-Lehrgütern, auf die Auswanderung nach Palästina vorbereitet worden.
Schon seit 1931 gab es in Deutschland Bestimmungen, die einen freien Kapitalverkehr von Deutschland ins Ausland verhinderten. Nachdem, bedingt durch die Weltwirtschaftskrise, zahlreiche Kredite aus dem Ausland, die in Deutschland festgelegt worden waren, zurückgefordert wurden, führte die Regierung Brüning eine Devisenzwangswirtschaft ein. Diese sollte verhindern, dass auch in Deutschland festgelegtes Privatkapital ins Ausland transferiert würde. Die NS-Regierung behielt nach 1933 die Devisenzwangswirtschaft bei und baute sie noch weiter aus. Das bedeutete, dass die von der britischen Mandatsmacht geforderten 12000 RM nicht ohne Weiteres nach Palästina transferiert werden konnten. Der Jewish Agency, der Vertretung der Juden in Palästina, gelang es, mit der deutschen Regierung ein Transfergeschäft, das so genannte Ha'avara-Abkommen, auszuhandeln: Die Auswanderer zahlten ihre Summe auf ein Sonderkonto ein, für deren Gegenwert die deutsche Wirtschaft Waren nach Palästina lieferte. In Palästina wurde dann die entsprechende Summe an die Einwanderer ausgezahlt. Der Transferverlust, der durch die deutsche Regierung bestimmt wurde, betrug bis 1936 15 Prozent, von 1936 bis 1939 jedoch 70 Prozent. Für andere Auswanderungsländer machte er bereits 1934 60 Prozent aus, 1939 lag der Satz bei fast 100 Prozent. Das heißt, die Auswanderer bekamen im Zielland 15 bzw. 70 Prozent weniger, als sie in RM eingezahlt hatten. Nach 1938 kam für alle Auswanderer, die über 50000 RM besessen hatten, die so genannte Fluchtsteuer in Höhe von einem Viertel des Vermögens hinzu.

Nach Schätzungen emigrierten circa drei Fünftel der Juden, die 1933 im "Altreich", das heißt im Reichsgebiet ohne das 1938 angeschlossene Österreich, wohnten. Das beliebteste Zielland, soweit sich die Möglichkeit eröffnete, waren die USA. Diese nahmen bis 1941 113 260 jüdische Auswanderer aus Deutschland und aus Österreich auf; Palästina folgte mit etwa 70000 bis 80000, Großbritannien mit rund 50000, darunter 10000 Kinder, die 1938 ohne Eltern einreisen durften. Etwa 40000 bis 60000 emigrierten in die südamerikanischen Staaten.

1938 verschärfte sich die NS-Politik gegenüber den Juden. Nach dem "Anschluss" Österreichs im März des Jahres wurde in diesem neuen Reichsteil in wenigen Wochen die totale gesellschaftliche und wirtschaftliche Ausgrenzung der dort lebenden Juden herbeigeführt. Noch vor dem Novemberpogrom im Reich kam es in Österreich zur fast vollständigen "Arisierung" der Betriebe, wovon in erster Linie die Großkonzerne IG Farben und Flick profitierten. Jüdische Großunternehmer wurden als "Faustpfand" in Haft genommen, um sie zum Verkauf ihrer Firma zu zwingen. Die österreichischen Juden reagierten auf diese Gewaltmaßnahmen mit einer forcierten Auswanderung: Die Hälfte der circa 110000 Auswanderer flüchtete in die USA, die ihre Einreisebedingungen gelockert hatten, etwa 15000 nach Shanghai, für das kein Einreisevisum vonnöten war und das auch für viele jüdische Flüchtlinge aus dem "Altreich" bis 1941 zum letztmöglichen Fluchtziel wurde.
Auch aus dem "Altreich" nahm in diesem Jahr die Fluchtbewegung stark zu. Viele gingen in die Tschechoslowakei, die allerdings nach dem Einmarsch der deutschen Truppen im März 1939 von den Deutschen annektiert wurde. Damals lebten dort 118000 Juden, von denen sich bis Juni 1940 über 25000 retten konnten. Noch drängten die NS-Behörden auf Auswanderung der deutschen Juden bei weitgehender Einbehaltung ihres Kapitals, das sie im April 1938 detailliert angeben mussten. Der Nettokapitalertrag ergab die Summe von rund sieben Milliarden RM, die der "deutschen Volkswirtschaft" zugute kommen sollte und offensichtlich für die Wiederaufrüstung verplant wurde. Alle noch existierenden "jüdischen Betriebe" wurden registriert, jüdische Ärzte und Rechtsanwälte wurden in ihrer Berufsausübung auf die Behandlung bzw. Vertretung ausschließlich von Juden beschränkt. Alle Juden erhielten in ihren Pässen ein "J" als Vermerk, ab 1939 mussten sie ihrem Vornamen je nach Geschlecht den Namen Israel bzw. Sara hinzufügen.


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