Dossierbild Jüdisches Leben in Deutschland

5.8.2010 | Von:
Prof. em. Dr. Arno Herzig

1933-1945: Verdrängung und Vernichtung

Vernichtung der Juden

Nach der Abkehr vom Madagaskar-Plan richtete die NS-Regierung "Reservate" im besetzten Polen ein, so im Distrikt Lublin, wohin bereits im Februar 1940 1000 Stettiner Juden deportiert worden waren. Eine planmäßige Ermordung war zu diesem Zeitpunkt offenbar noch nicht vorgesehen, aber ein "schleichender Völkermord" durchaus ins Kalkül gezogen. Einen Führerbefehl zur Ermordung der Juden hat es nicht gegeben, zumindest wurde bisher keiner gefunden. Eine mögliche mündliche Willenserklärung Hitlers zur Ermordung wurde von der NS-Führung bereitwillig aufgenommen und ausgeführt, als nach dem Sieg über Polen und dem Angriff auf die Sowjetunion Millionen von Juden in den nationalsozialistischen Machtbereich gerieten. Die Deutsche Wehrmacht ließ die SS bei der Liquidierung der Juden bereitwillig gewähren, teilweise waren Wehrmachtssoldaten direkt beteiligt.

Die Wannsee-Konferenz

Im Oktober 1941 begann die Deportation von 53000 Juden aus dem Reich in die Ghettos der Städte Lodz, Minsk, Kowno und Riga in den besetzten osteuropäischen Staaten. 6000 wurden nach der Ankunft vor den Massengräbern, die sie zuvor selbst ausheben mussten, erschossen. Auf der Berliner Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 legten Vertreter von einzelnen Ministerien und NS-Bürokratie Strategien fest, die die Koordination und Organisation der "Endlösung der Judenfrage", wie die Nationalsozialisten ihre Vernichtungspolitik verharmlosend bezeichneten, betrafen.



Nachdem die SS-Mordtruppen zunächst die Ermordungen durch Erschießungen bzw. durch Kohlenmonoxidvergiftungen in mobilen Gaswagen durchgeführt hatten, richteten sie im Herbst 1942 die ersten Gaskammern in Auschwitz-Birkenau ein, in denen sie nun mit dem Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B mordeten. Weitere Vernichtungslager waren in Belzec und Chelmno entstanden, ferner in Sobibor (ab Mai 1942), Treblinka (ab Juli 1942) und Majdanek, die im Zuge der "Aktion Reinhardt" errichtet wurden. Dies war der Tarnname für das Vorgehen der NS-Regierung, alle in dem von Deutschland besetzten Polen lebenden Juden und Roma zu ermorden. Der Aktion fielen etwa zwei Millionen Juden und 50000 Roma zum Opfer. Sie erbrachte dem Deutschen Reich zudem große Vermögenswerte in Höhe von circa 18 Millionen Reichsmark aus dem Besitz der Ermordeten - Bargeld, Schmuck, Kleider und Zahngold.
In die deutschen Vernichtungslager im besetzten Polen wurden auch Juden aus dem Reich deportiert. Vielen dieser Deportierten war ihr Schicksal bewusst, die meisten verdrängten es jedoch und glaubten die SS-Lüge von den "Arbeitslagern". Auch in den Konzentrationslagern, die nicht als Vernichtungslager, sondern als angebliche Arbeitslager eingerichtet worden waren, wurden Juden durch schwere Arbeit - wie etwa in den Steinbrüchen des KZ Mauthausen - bewusst getötet. Dies entsprach der in der Wannseekonferenz festgelegten "natürlichen" Vernichtung durch Arbeit. In Mauthausen zum Beispiel kamen über 110000 jüdische Menschen ums Leben. In den Vernichtungslagern wurden die Ankommenden durch SS-Ärzte "selektiert", über 80 Prozent von ihnen gleich nach ihrer Ankunft unter dem Vorwand, in Duschräume geführt zu werden, in den Gaskammern ermordet. Zwischen 3000 und 4000 deutsche Juden begingen vor der Deportation Selbstmord, um diesem Schicksal zu entgehen.

Anfang 1943 gab es im "Altreich" noch circa 51000 Juden. 15000 von ihnen wurden als Zwangsarbeiter eingesetzt und blieben zunächst mit ihren Familien von der Deportation ausgenommen. Doch nur für kurze Zeit. Die Deportationen liefen bis zum Frühjahr 1945. Auch in den Ghettos, wie in Lodz, mussten die Juden für die Wehrmacht arbeiten. Als angebliches Altersghetto richteten die NS-Machthaber in der tschechischen Stadt Terezin/Theresienstadt ein KZ ein. Es galt als "Vorzeigeghetto", als Stadt, die der Führer den Juden "geschenkt" hatte, wie es in einem NS-Propaganda-Film hieß. Hierher wurden ab Mitte 1942 über 65-jährige Juden sowie "prominente Juden" aus dem Reich deportiert. Ein jüdischer "Ältestenrat" "verwaltete" das Ghetto, was nichts anderes für ihn bedeutete, als die Befehle der NS-Machthaber auszuführen, so auch die Zusammenstellung der Listen derjenigen Inhaftierten, die in das Vernichtungslager Auschwitz verbracht wurden. Das betraf im September und Oktober 1944 18400 Menschen. Zu den KZ-Häftlingen in Theresienstadt gehörte auch Leo Baeck, der, von allen geschätzt und geehrt als Rabbiner, Kranke trösten und Sterbende bis zum Tod begleiten konnte. Nur ein Zehntel der in Theresienstadt Inhaftierten erlebte die Befreiung.

Todesmärsche

Mit der herannahenden Front folgte für die Überlebenden in den deutschen Konzentrationslagern im besetzten Polen ein neues tragisches Kapitel, die so genannten Todesmärsche. Diese "Verlegung" kostete viele das Leben.
Als die Rote Armee zu Beginn des Jahres 1945 in die Nähe von Auschwitz vorstieß, wurde am 17. Januar die Evakuierung der Gefangenen beschlossen. Im Lager Auschwitz waren die Gefangenen auch aus den anderen Vernichtungslagern zusammengefasst worden. 58000 Gefangene wurden aus dem Lager weggeführt. Tausende starben auf diesen Märschen durch Entkräftung oder wurden vom SS-Bewachungspersonal erschossen. Manchen gelang auch die Flucht. Die Gefangenen sollten in die KZ, die im Reich lagen, so in Buchenwald, Sachsenhausen, Bergen-Belsen, Groß Rosen und Mauthausen, eingewiesen werden. Da die beiden letzten Lager und ihre Nebenlager überfüllt waren, wurden die Gefangenen nach Dachau, Dora-Mittelbau, Ravensbrück und Bergen-Belsen, zum Teil in offenen Güterwaggons, weitertransportiert. Mit heranrückender Front wurden auch aus den im Deutschen Reich liegenden KZ die Häftlinge auf Todesmärsche geschickt, darunter waren nicht nur jüdische Häftlinge. Man schätzt, dass von den 741000 KZ-Häftlingen, die es Ende 1944 gab, etwas über 200000 durch die Todesmärsche ums Leben kamen.
Im Holocaust wurden ungefähr 160000 deutsche Juden ermordet, ungefähr 8500 wurden aus den Konzentrationslagern befreit, 15000 haben in Verstecken bzw. als Partner in "Mischehen" oder als Kinder aus diesen Ehen überlebt. Ein weiteres Leben im Land der Mörder schien danach für viele von ihnen unvorstellbar.

Dimensionen der Vernichtung

Lebten 1939 über neun Millionen Juden in Europa, so waren es 1945 nur noch weniger als 3,5 Millionen. Das bedeutet, dass fast 5,7 Millionen Juden ihr Leben durch die Verfolgung und die Morde der Nationalsozialisten verloren hatten. Die größten Verluste erlitt die jüdische Bevölkerung Polens mit fast drei Millionen Ermordeten. Diese statistischen Angaben sagen nichts über das ungeheure persönliche Leid der Betroffenen aus. In der Bevölkerung der besetzten Länder Europas, etwa in den Niederlanden, Belgien, Norwegen, Finnland, Bulgarien und Italien, gab es zahlreiche Menschen, die Mitleid mit den verfolgten Juden bewiesen und mit Protesthandlungen und der Rettung jüdischer Verfolgter ihr eigenes Leben riskierten. Auch in Ländern, in denen es einen Antisemitismus gab, fanden sich Menschen in der Bevölkerung, die Juden retteten, wie aus der Memorienliteratur bekannt ist. Es gab zahlreiche Klöster, die jüdische Kinder versteckten und sie so vor der Ermordung bewahrten. Andererseits kamen beispielsweise beim Warschauer Ghetto-Aufstand, bei dem im April 1943 Ghettobewohner unter Führung von Mordechai Anielewicz der Waffen-SS fünf Wochen lang Widerstand leisteten, polnische Widerstandskämpfer den Juden nicht zu Hilfe. 7000 Menschen wurden bei diesem Aufstand getötet.
Wichtig ist die Feststellung, dass die antisemitische Ideologie und die opportunistische Komplizenschaft in West- und Osteuropa - wenn auch nicht im gleichen Ausmaß und vor dem Hintergrund unterschiedlich brutaler Besatzungsregimes - den Nationalsozialisten in die Hände spielten. Das Verhalten dieser Täter, die mit der SS mordeten, bedeutet für Deutsche keine Entschuldigung für die unter Anleitung der Deutschen begangenen Mordtaten. Deutsche haben den Holocaust herbeigeführt und mit diesem eine menschliche Brutalität begangen, die in der Geschichte keine Parallele hat.


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