Dossierbild Afrika - Schwerpunktthemen
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Kontinuität und Wandel in der Gesellschaft


18.9.2009
Afrika ist reich an Sprachen, Kulturen und Religionen. Das traditionelle Sozialgefüge ist immer noch von Bedeutung, verändert sich aber durch den Zuzug in die Städte, in denen die Menschen ihr Auskommen zu sichern suchen. Der Kontinent ist auch durch eine religiöse Vielfalt ausgezeichnet, wobei der Islam eine der am stärksten vertretenen Glaubensrichtungen darstellt, mit Auswirkungen auf Kultur, Gesellschaft und Politik.

Moschee in Agadez aus dem 16. Jahrhundert, Niger/WestafrikaMoschee in Agadez aus dem 16. Jahrhundert, Niger/Westafrika (© Fiehn)

Sprachenvielfalt auf dem Kontinent



Etwa ein Drittel der über 6000 Sprachen der Welt wird von Afrikanern gesprochen. Der Sprachenreichtum auf dem afrikanischen Kontinent ist auch in der immer noch weit verbreiteten Subsistenzwirtschaft begründet, bei der der Einzelne nur in und mit der Gemeinschaft überleben kann. Die gemeinsame Sprache ist sehr bedeutsam für die Schaffung und Erhaltung einer Gruppenidentität. Viele ländliche Gemeinschaften bleiben von nationalen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen und haben nur begrenzt Zugang zu Bildungseinrichtungen. In diesen Lebensumständen spielt die gemeinsame ethnische Sprache eine außerordentlich wichtige Rolle, nicht nur im kulturellen, sondern auch im sozialen und wirtschaftlichen Alltagsleben.

In den Staaten südlich der Sahara werden zwischen 1700 und 2200 Sprachen gesprochen. Präzisere Angaben sind aus zwei Gründen nicht möglich: Zum einen sind viele der afrikanischen Sprachen nicht ausreichend erforscht, zum anderen existiert das grundsätzliche Problem der Entscheidung, ob bestimmte sprachliche Varietäten als unterschiedliche Sprachen oder als Dialekte einer Sprache gelten sollen. Diese Grenzziehung erweist sich vor allem dort als schwierig, wo ein fließender Übergang zwischen Sprachen existiert, und - was für die Mehrzahl der afrikanischen Sprachen gilt - keine standardisierten Schriftformen existieren. Tatsächlich sind es aber nicht diese linguistischen Kriterien, sondern politisch-historische Gründe, die sprachlichen Varietäten den Status von Sprachen verleihen.

Sprachfamilien und ihre Verbreitung

Afrikanische VerkehrssprachenAfrikanische Verkehrssprachen
Der amerikanische Sprachwissenschaftler Joseph Greenberg unterschied ursprünglich vier übergeordnete Sprachfamilien auf dem afrikanischen Kontinent: Niger-Kordofanisch, Afroasiatisch, Nilo-Saharanisch und Khoisan. Die Verbreitung der Niger-Kordofanischen Sprachfamilie reicht vom äußersten Westen des Kontinents bis zum südlichsten Zipfel, und auch in den ostafrikanischen Staaten werden Sprachen dieser Familie gesprochen. Die mit Abstand größte Untergruppe stellen die bis zu 700 Bantu-Sprachen dar, die vorwiegend südlich des Äquators vorkommen und deren bekannteste das Swahili (Ki-Swahili, dt. Suaheli) ist.

Die Mehrzahl der etwa 360 Sprachen der Afroasiatischen Sprachfamilie konzentriert sich überwiegend im Nordosten des Kontinents. Jedoch haben Sprechergemeinschaften dieser Sprachfamilie bereits seit Jahrtausenden in Auswanderungswellen auch große Teile des ostafrikanischen Raums bevölkert. Zur Afroasiatischen Sprachfamilie zählen neben dem nur noch schriftlich überlieferten Ägyptischen und den Amazighsprachen (früher: Berbersprachen) die semitischen Sprachen wie Arabisch, aber auch die äthio-semitischen Sprachen Äthiopiens und Eritreas wie Amharisch und Tigrinya. Oromo in Äthiopien und Somali sind die bedeutendsten Sprachen der kuschitischen Unterfamilie des Afroasiatischen. Die größte Unterfamilie bilden die etwa 120 Tschadischen Sprachen, die im Tschad, in Niger, Kamerun und vor allem in Nigeria gesprochen werden. Zu diesen zählt auch das in weiten Teilen Westafrikas verbreitete Hausa.

Die geographische Verbreitung der Nilo-Saharanischen Sprachfamilie reicht vom Tschad bis in den ostafrikanischen Raum. Ihre nach Sprecherzahlen größten Untergruppierungen sind die nilotischen Sprachen Luo in Kenia und Tansania sowie Dinka im Südsudan.

Die von Greenberg behauptete genetische Verwandtschaft aller Khoisan-Sprachen, das heißt der Sprachen, deren ursprüngliches Lautinventar Schnalze aufweist, gilt heute als nicht beweisbar. Vielmehr geht man nun von mindestens drei nicht-verwandten Khoisan-Familien aus. Die meisten der Khoisan-Sprachen werden von San gesprochen, den Jägern und Sammlern des südlichen Afrika, die früher als "Buschmänner" bezeichnet wurden. Die bei weitem größte Khoisan-sprachige Sprachgemeinschaft sind allerdings die Vieh haltenden Khoekhoe (Nama) in Namibia.

Sprachpolitik

In vielen afrikanischen Staaten wurde und wird Sprachenvielfalt von seiten der Politik noch immer als Bedrohung für die Herausbildung nationaler Einheit gewertet. Sie sehen im Sprachenpluralismus ein Konfliktpotenzial, das jederzeit von separatistischen Bewegungen mobilisiert werden kann, um die staatliche Einheit zu untergraben. Die langjährigen kriegerischen Konflikte in den wenigen sprachlich homogenen afrikanischen Staaten Ruanda, Burundi und Somalia zeigen jedoch, dass eine gemeinsame Sprache staatliche Einheit keineswegs garantiert.

Da die offizielle Anerkennung und Verwendung von afrikanischen Sprachen als konfliktträchtig angesehen wurde, übernahm die Mehrzahl der afrikanischen Staaten bei der Unabhängigkeit die von den Kolonialmächten eingeführten europäischen Sprachen als offizielle Landessprachen. Nur wenige Nationen wagten es, einen eigenen Weg einzuschlagen, indem sie eine einheimische Sprache zur offiziellen Landessprache erklärten, so etwa Äthiopien mit Amharisch, Tansania mit Swahili und Botsuana mit Tswana. Während diese sprachpolitische Entscheidung in Tansania und Botsuana tatsächlich eine Stabilisierung des Staates unterstützte, löste die Dominanz der Amharen und ihrer Sprache in Äthiopien einen 30-jährigen Bürgerkrieg aus, der erst mit der Unabhängigkeit Eritreas im Jahre 1993 und der Anerkennung der übrigen Landessprachen in Äthiopien ein Ende fand.

Zu den politisch begründeten Vorbehalten gegen Sprachenvielfalt treten auch ökonomische Bedenken. Ein sprachlich heterogener Staat sei immer unterentwickelt, lautet eine häufig zitierte Behauptung, die auf der Beobachtung basiert, dass die Mehrzahl der europäischen Industrienationen im Wesentlichen - von der Schweiz und Belgien abgesehen - monolingual ist. Eine eurozentrische Vorstellung von Entwicklung, die nach westlich-kapitalistischem Vorbild eine Einbindung in den Weltmarkt anstrebt, verlangt tatsächlich nach Anpassung der afrikanischen Staaten, nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in sprachlicher Hinsicht. Für den Zugang zum Weltmarkt bringt die Verwendung afrikanischer Sprachen, auch wenn sie nationenweit gesprochen werden, keine Vorteile mit sich. Moderne Kommunikationsformen erfordern vielmehr, dass eine europäische Sprache in der gesamten Bevölkerung verbreitet ist.

Sprachgebrauch im Alltag

Sowohl in den afrikanischen Städten als auch auf dem Lande ist die große Sprachenvielfalt ein wichtiger Faktor im alltäglichen Miteinander. Fast alle Afrikanerinnen und Afrikaner beherrschen mehrere Sprachen und setzen diese in unterschiedlichen Situationen ein. Im Kreis der Verwandten und der Dorfgemeinschaft wird in der Muttersprache kommuniziert. Auf dem Markt, wo Menschen unterschiedlicher Ethnien zusammentreffen, bedienen sie sich einer so genannten Verkehrssprache. Bei Behördengängen oder beim Besuch einer höheren Schule werden häufig die Sprachen der ehemaligen Kolonialmächte gefordert, nämlich Englisch, Französisch oder Portugiesisch. Die Muttersprachen der auf dem Lande lebenden Volksgruppen besitzen üblicherweise das geringste Prestige. Afrikanische Verkehrssprachen oder die eingeführten europäischen Sprachen genießen dagegen ein hohes Ansehen und werden auch von der politischen und wissenschaftlichen Elite in der Öffentlichkeit verwendet.

Afrikanische Verkehrssprachen spielen auf dem Kontinent eine besonders große Rolle, und Swahili ist sicher die wichtigste unter ihnen. In Tansania dominiert diese Sprache in fast allen gesellschaftlichen Bereichen, etwa in den Grundschulen, in den Medien, in der Verwaltung, bei öffentlichen Versammlungen oder in den Kirchen. Eine Grundsatzentscheidung auf dem Weg zum "afrikanischen Sozialismus", den Tansania nach der Unabhängigkeit 1961 unter der Führung Julius Nyereres einschlug, bestand darin, dem Swahili nicht nur nationalen, sondern auch offiziellen Status zu verleihen. Heute verwenden weit über die Grenzen Tansanias hinaus viele Millionen Menschen Swahili als Verkehrssprache. So sprechen etwa 70 Prozent der Kenianer Swahili als Zweitsprache, und auch in Uganda wird es häufig gewählt, wenn Sprecher unterschiedlicher Muttersprachen aufeinandertreffen.

Hausa ist die am weitesten verbreitete Sprache im westlichen Afrika südlich der Sahara und wird von über 40 Millionen Menschen gesprochen, wobei sie für ein Drittel von ihnen Zweitsprache ist. Die Ausdehnung des Hausa geht auf seinen Gebrauch als Sprache der Islamisierung zurück, die diesen Raum im 14. Jahrhundert erreichte, aber auch auf die rege Handelstätigkeit der Hausa. Andere Sprachen mit überregionaler Bedeutung sind beispielsweise das Bambara, das in Mali und allen umgebenden Staaten von insgesamt etwa zehn Millionen Menschen gesprochen wird, oder Lingala und Sango, beides Sprachen, die im zentralen Afrika von mehreren Millionen Menschen als Verkehrssprachen genutzt werden.

Arabisch ist die meist gesprochene aller afrikanischen Sprachen und offizielle Landessprache in sieben nordafrikanischen Staaten. Es breitete sich im Zuge der Islamisierung vor etwa 1400 Jahren über Ägypten bis zum Atlantischen Ozean aus und wurde die neue Muttersprache der vormals Amazigh-sprachigen Bevölkerungen. Nur in Marokko und Algerien haben Amazigh-Sprachgemeinschaften in größerer Zahl ihre Sprachen bis heute beibehalten. Als Verkehrssprache konnte sich Arabisch in nur wenigen Teilen Afrikas durchsetzen, allerdings leben über 60 Prozent der Arabisch-Sprecher auf dem afrikanischen Kontinent.

Nach einer Forderung der UNESCO von 1953 soll jedes Kind die Schulausbildung in seiner Muttersprache beginnen. In Afrika werden bisher jedoch kaum mehr als 200 Sprachen als Unterrichtssprache verwendet, also weniger als zehn Prozent. Die meisten afrikanischen Staaten sind wegen der großen Zahl der Sprachen nicht in der Lage, alle von ihnen in den Schulen zu berücksichtigen. Staaten wie Kenia und Uganda liegen mit mehr als 30 Sprachen im mittleren Bereich, was Sprachreichtum angeht. Nur wenige sind (annähernd) einsprachig, nämlich Lesotho, Swasiland, Burundi, Ruanda und Somalia, sieht man von den arabischsprachigen Staaten im Norden Afrikas ab. Dagegen haben Tansania mit etwa 140, Kamerun mit weit mehr als 200 und Nigeria mit bis zu 500 Sprachen eine enorme Sprachenvielfalt aufzuweisen. Lehrerausbildung sowie das Erstellen von Lehr- und Lernmaterial für die Landessprachen sind für die letztgenannten Staaten aufwändige und kostspielige Unterfangen.

Die Sprachenvielfalt auf dem afrikanischen Kontinent stellt einen kulturellen Reichtum dar, der jedoch zunehmend zu verschwinden droht. Denn immer mehr Sprachgemeinschaften, vor allem kleinere, geben ihre eigene Sprache auf, um die Sprache größerer, einflussreicherer Volksgruppen zu übernehmen. Damit geht nicht nur in Jahrtausenden gesammeltes kultur-spezifisches Wissen verloren, sondern auch die Möglichkeit, die in jeder Sprache jeweils eigenen Formen des menschlichen Denkens zu erhalten.

Es wird oft behauptet, dass die Sprachenvielfalt Afrikas die Kommunikationsmöglichkeiten einschränkt und damit auch die Entwicklung des Kontinents hemmt. Mehrsprachigkeit hat aber in Afrika eine lange Tradition und stellt eine Möglichkeit dar, wie auch ohne die Aufgabe der eigenen Sprache nationale und internationale Kommunikation ermöglicht werden kann. Nicht die Sprachenvielfalt auf dem afrikanischen Kontinent ist das Problem, sondern die Tatsache, dass die Bevölkerung der afrikanischen Staaten bis heute mehrheitlich nicht in der Lage ist, die europäische Sprache zu sprechen und zu verstehen, in der sie regiert und verwaltet wird.

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