Familie und Familienpolitik
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Familienpolitik: Geschichte und Leitbilder


20.3.2009
Familienpolitik setzt nicht nur den ordnungspolitischen Rahmen für Familien, sondern greift auch in deren Binnenstruktur ein. Bereits früh erließ der Staat Regelungen.

Ein Vater schmust mit seiner neugeborenen Tochter.Das Elterngeld ermöglicht es den Vätern, mehr Zeit mit dem Kind zu verbringen. (© AP)

Einleitung



Familie und Staat sind aufeinander angewiesen. Die Familie versorgt den Staat mit Bürgern und Bürgerinnen und leistet zentrale Aufgaben bei der Erziehung von Kindern sowie bei der Betreuung alter, kranker und behinderter Menschen. Der Staat hat daher ein Interesse daran, dass die Familie ihre Aufgaben wahrnehmen kann. Dabei bedarf sie der gesellschaftlichen und politischen Unterstützung. Familienpolitik regelt sowohl dieses gesellschaftliche Unterstützungsverhältnis zwischen Familien und Staat, sie beeinflusst jedoch auch das Binnenverhältnis der Familienmitglieder zueinander. Letzteres kann zum Beispiel durch die Scheidungsrechtsreformen veranschaulicht werden, die sich nachhaltig auf die Stabilität von Ehen auswirkten, oder - aktuell - durch die Einführung des Elterngeldes zum 1. Januar 2007, das - wie erste Wirkungsanalysen zeigen - durch das Angebot der "Vätermonate" Bewegung in die Rollenvorstellungen von jungen Vätern und Müttern gebracht hat.

Objekt staatlicher und rechtlicher Bemühungen



Wenngleich oft zu lesen ist, dass Familienpolitik erst im 20. Jahrhundert in der Form einer systematischen und gezielten Einflussnahme auf die Lebensverhältnisse von Familien entwickelt wurde, haben sich doch bereits seit der Antike fast alle Klassiker mit dem Verhältnis von Familie und Staat beschäftigt. So setzte sich Platon schon im 4. Jahrhundert v. Chr. in der "Politeia" (Staat/Staatswesen) mit der Frage auseinander, welche Folgewirkungen der in Familien vererbte Besitz für die gesellschaftliche Gerechtigkeit mit sich bringt, und in den "Nomoi" (Gesetze) hat er sich intensiv mit der Bedeutung von Erziehung für die Gesellschaft befasst.

Erstmals im Jahr 453 v. Chr. kam es in der Römischen Republik zu einer zusammenfassenden Regelung (Kodifizierung) des Rechtsgebietes Familie. Diese "Zwölf-Tafel-Gesetzgebung" wurde 533 n. Chr. in neu strukturierter und ergänzter Form verabschiedet. Ihr viertes Buch war dem Familienrecht gewidmet. Es enthielt konkrete Vorschriften zur Regelung menschlichen Zusammenlebens, markierte den gesellschaftlichen Standort und die Bedeutung der Familie und definierte deren interne Struktur und Machtverteilung. Insbesondere die Durchsetzung des Christentums trug zur weiteren Entwicklung von verbindlichen Vorstellungen und Vorschriften über Ehe und Familie bei. Das Zusammenleben der Partner wurde durch sie zunehmend in bestimmte, rechtlich festgelegte Bahnen gelenkt. Bei der Missionierung der germanischen Stämme fand man Raubehe, Muntgewalt (das heißt, die Frau unterstand ihrem Vater, ihrem Ehemann oder dem ältesten männlichem Verwandten) sowie Mehrehen vor. Die Kirche setzte dagegen: Inzestverbote, Zölibat, Monogamie, die Unauflösbarkeit der Ehe und ihren Status als Sakrament sowie die Einführung eines einheitlichen kirchlichen Rechts.

Während der Reformation wandten sich führende Reformatoren gegen den Sakramentcharakter der Ehe, und gleichzeitig wurden Forderungen danach laut, dass Ehe- und Familienbelange außer durch die Kirche auch durch den Staat geregelt werden sollten. Beispielhaft veranschaulicht dies der von Martin Luther formulierte "contractus mixtus" (parallele staatliche und kirchliche Eheschließung). Im Anschluss an die Reformation wurde damit begonnen, neben das kirchliche auch ein weltliches Eherecht zu setzen, und im Anschluss an das Konzil von Trient (1545 bis 1563) wurde die staatliche Eheschließung vorangebracht, was in die Einführung der obligatorischen Zivilehe mündete. Gleichzeitig entwickelte sich ein breites Schrifttum, in dem in Ehepredigten, Ehezuchten und Tugendspiegeln Maßstäbe für die idealen ehelichen und familialen Verhaltensweisen beschrieben wurden.

Durch die Einflüsse der Naturphilosophie und der Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert wird der staatlich-gesellschaftliche Umgang mit Ehe und Familie noch einmal geprägt. Die juristische wie die philosophische Literatur dieser Zeit setzten sich mit Fragen des Ursprungs, des Zweckes, der Notwendigkeit und der Natur der Ehe auseinander. Die Rollen von Mann, Frau und Kindern wurden zunehmend auch losgelöst von religiös-moralischen Vorgaben beschrieben. Beispiele dafür finden sich in Jean Jacques Rousseaus "Émile" von 1762 oder im Werk von Joachim Heinrich Campe (1746-1818), der als Begründer der Kinderpsychologie gelten kann.

Diese stark von den Gedanken der Aufklärung geprägten Theoriefragmente fanden Eingang in die ersten modernen Kodifizierungen von Familienrecht im "Code Napoleon" (1804) sowie im Allgemeinen Preußischen Landrecht (1794). Letzteres nahm zwar die Erkenntnisse der Kinderpsychologie auf, regelte aber gleichzeitig im Sinne des (aufgeklärten) Absolutismus "staatsunmittelbar" und im Detail das Binnenverhältnis der Familie. So schrieb es zum Beispiel der Mutter vor, die "Kinder selbst zu säugen" (Paragraph 76 II 2), und forderte von den Eltern, sie seien "schuldig, ihre Kinder zu künftigen brauchbaren Mitgliedern des Staates" zu erziehen und in "einer nützlichen Wissenschaft, Kunst oder (einem) Gewerbe" zu unterweisen (Paragraph 108 II 2). Dies sollte ausdrücklich in Abstimmung mit den Söhnen geschehen (die Töchter waren mangels Gleichberechtigung nicht betroffen).

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte für die Menschen große Herausforderungen mit sich. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Leibeigenschaft abgeschafft worden, der Einsatz von Maschinen in der Agrarwirtschaft verbesserte die Ernährungslage und setzte landwirtschaftliche Arbeitskräfte frei, die Industrialisierung erforderte andere Formen des Arbeitens und Lebens. Die Menschen wanderten in großer Zahl in die neu entstehenden industriellen Zentren ab und lebten dort unter zum Teil sehr schlechten Bedingungen und ohne die zuvor bestehenden sozialen Netzwerke von Feudalherrschaft, Großfamilie und Dorfgemeinschaft.

Zusammen mit den neuen Formen der industriellen Produktionsweise und der politischen Liberalisierung entstand so die "Soziale Frage" des 19. Jahrhunderts, die sich aus der Massenverelendung der Arbeiterschaft ergab. Der Staat reagierte zum Ende des Jahrhunderts mit ersten Maßnahmen der sozialstaatlichen Absicherung gegen die Risiken des Lebens: Krankheit, Unfall, Invalidität und Alter. Mit dieser "Sozialisierung" von Lebensrisiken wurden die Arbeitnehmer und ihre Familien ein Stück weit entlastet.



 

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte. Weiter... 

Gender Mainstreaming soll die Benachteiligungen von Frauen oder Männern in den Bereichen aufzuheben, in denen sie nicht chancengleich partizipieren können.Dossier

Frauen in Deutschland

Regierung und Wirtschaft diskutieren derzeit die Einführung einer gesetzlichen Frauenquote für Führungspositionen. Bisher sind Chefetagen überwiegend von Männern besetzt, obwohl Frauen gleiche oder höhere Abschlüsse, Qualifikationen und Führungskompetenzen besitzen. Weiter...