Lateinamerika
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Entwicklungen im 19. und 20. Jahrhundert


14.11.2008
Im 19. Jahrhundert werden die lateinamerikanischen Staaten politisch unabhängig, in der Gesellschaft überdauern allerdings Einflüsse der feudalen Vergangenheit. Erste Industrialisierungsansätze, aber auch heftige soziale Konflikte entwickeln sich.

Die Arbeiter in den costaricanischen Obstplantagen müssen zumeist ohne arbeitsrechtlichen Schutz und ohne gewerkschaftliche Interessenvertretung arbeiten.Ab Mitte des 19. Jahrhunderts trugen u.a. Bananen dazu bei, dass der Export Lateinamerikas florierte. (© picture-alliance, Robert Harding World Imagery)

Einleitung



Die heutige lateinamerikanische Staatenlandschaft hat ihre Wurzeln in einer dreihundertjährigen Kolonialherrschaft. Nachdem Christoph Kolumbus Lateinamerika 1492 für die Europäer entdeckt hatte, eroberten die Spanier und Portugiesen bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts den gesamten Kontinent. 1494 einigten sich die beiden Seemächte im von Papst Alexander VI.vermittelten Vertrag von Tordesillas auf eine Aufteilung der nichtchristlichen Welt. Das Land westlich einer Trennlinie circa 2200 Kilometer westlich der Kapverdischen Inseln sollte fortan Spanien gehören, das Land östlich dieser Linie Portugal. Damit erhielten die Spanier einen großen Teil des bis dahin noch überwiegend unbekannten Lateinamerika zugesprochen; Portugal bekam einen Teil des südamerikanischen Ostens, der später zur Kolonie Brasilien werden sollte. Ausgehend von Mexiko und Zentralamerika wurde das übrige Lateinamerika von den Conquistadores (Eroberern) für die spanische Krone in Besitz genommen. Die Hochkulturen der Azteken, Maya und Inka wurden dabei militärisch unterworfen. Über 60 Millionen Indígenas (so der spanische Sammelbegriff für die ursprünglichen Bewohner des Kontinents) fielen der Eroberung durch Gewalt, eingeschleppte Krankheiten oder unmenschliche Lebensbedingungen zum Opfer; der Großteil der verbleibenden Indígenas wurde versklavt und zur Arbeit in Gold- und Silberminen sowie in den Haziendas (große landwirtschaftliche Güter, die häufig von Sklavenarbeit abhängig waren) und Plantagen gezwungen. Das spanische Königshaus unterteilte den eroberten Kontinent in Vize-Königreiche und diese wiederum in so genannte Capitanías Generales, die aus den einzelnen Eroberungsfeldzügen hervorgingen.

Die politischen Machthaber waren zunächst Spanier, die vom König eingesetzt wurden, während die Kreolen - die spanischstämmigen, aber in Lateinamerika geborenen Nachfahren der Conquistadores nur geringen politischen Einfluss erlangten. Sie erhielten kaum Anerkennung seitens der spanischen Krone und wurden politisch wie wirtschaftlich benachteiligt. Im 18. Jahrhundert entwickeltensie jedoch ein immer größeres Selbstbewusstsein und eine amerikanische Identität, die zur treibenden Kraft der Unabhängigkeitskämpfe des frühen 19. Jahrhunderts wurde. Dabei erfuhren die Kreolen Unterstützung durch die Handelsmacht England, die zu den Kolonien direkte Wirtschaftsbeziehungen unterhalten wollte. Die Unabhängigkeitskriege der nordamerikanischen Siedler, die sich gegen das englische Königshaus erhoben, die französische Revolution und die Ideen der Aufklärung beeinflussten und bestärkten die Kreolen ideell. Gleichzeitig sank Spaniens militärische und politische Stärke durch verlorene Kriege gegen England und das napoleonische Frankreich, das die iberische Halbinsel 1808 besetzte. Schließlich trieb - vor allem nach einem erfolgreichen Sklavenaufstand in Haiti (1791-1804) - auch die Angst die Kreolen voran, ihre aufkommende Autorität an andere Bevölkerungsgruppen zu verlieren.

Bis 1825 hatten sich fast alle lateinamerikanischen Kolonien - bis auf Kuba und Puerto Rico - von Spanien unabhängig erklärt, und unter kreolischer Führung bildeten sich verschiedene Nationalstaaten, wobei die neuen Staatsgrenzen sich meist an den alten Verwaltungsgrenzen der spanischen Kolonien orientierten. Brasilien, die ehemalige portugiesische Kolonie, erlangte zur selben Zeit die Unabhängigkeit, wurde jedoch keine Republik, sondern Kaiserreich (von 1822 bis 1889), zuerst unter der Herrschaft von Pedro I. - dem Sohn des portugiesischen Königs João VI. - und anschließend unter dessen Sohn Pedro II.. Das geschwächte Spanien konnte der Unabhängigkeit seiner ehemaligen Kolonien nichts entgegensetzen. Die USA hatten zudem in der so genannten Monroe-Doktrin (einer Rede des damaligen Präsidenten Monroe im Dezember 1823) erklärt, eine erneute Kolonisierung der amerikanischen Kontinente durch europäische Mächte nicht mehr zu tolerieren. Die Monroe-Doktrin wurde so zu einer der Grundlagen lateinamerikanischer Unabhängigkeit unter US-amerikanischem Schutz.

Die politische Eigenständigkeit ging aber nicht mit einer wirtschaftlichen Unabhängigkeit einher. Die lateinamerikanischen Republiken waren abhängig von der europäischen Nachfrage nach den in Übersee produzierten Gütern und von den europäischen Handelsgesellschaften, die die Waren über den Atlantik schifften. Der wirtschaftliche Aufstieg der USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bewirkte lediglich eine Verlagerung der Abhängigkeiten.

Feudale Strukturen



Im Unterschied zu den europäischen Siedlungskolonien in Nordamerika und Australien waren die entstehenden lateinamerikanischen Gesellschaften stark von den feudalen Strukturen der iberischen Kolonialmächte geprägt. Dies wurde durch ein zweites Charakteristikum der meisten lateinamerikanischen Gesellschaften erleichtert: Die große Mehrheit der Bevölkerung - Indígenas und schwarze Sklaven bzw. deren Nachfahren - unterschied sich bereits ethnisch von den herrschenden Klassen und wurde von vornherein zu abhängiger Arbeit gezwungen. So entstanden Gesellschaften mit einer großen Kluft zwischen Arm und Reich. Typischerweise ist diese Kluft in denjenigen lateinamerikanischen Gesellschaften, in denen auch die Mittel- und Unterschichten weitgehend europäischen Ursprungs waren, nicht ganz so groß (etwa: Argentinien, Chile, Uruguay, der Süden Brasiliens oder Costa Rica). Hier gab es keine starke indigene Bevölkerung und auch keine Plantagenwirtschaft mit Sklavenarbeit.

Die traditionelle weltwirtschaftliche Ausrichtung Lateinamerikas auf den Export von Rohstoffen (zunächst vor allem Edelmetalle, dann Salpeter, Kupfer und Zinn sowie Agrarprodukte wie Naturfarben, Zucker, Kakao, Tabak, Kaffee und Bananen) förderte die Beibehaltung dieser sozialen Strukturen - Anreize für einen gesellschaftlichen Modernisierungsprozess und die Entwicklung einer verarbeitenden Industrie blieben gering. Die meisten Güter des alltäglichen Bedarfs konnten mit traditionellen landwirtschaftlichen und handwerklichen Methoden lokal hergestellt werden, und die Eliten verfügten über die notwendigen Einnahmen, um den Import ihrer Luxusgüter und notwendige infrastrukturelle Einrichtungen, etwa den Eisenbahnbau, zu finanzieren. Auch ausländische Kreditaufnahme und Investitionen im Rohstoffsektor sowie im Infrastrukturbereich stärkten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die bestehenden gesellschaftlichen Strukturen. Prägend für das Verhalten lateinamerikanischerEliten war die Tatsache, dass wirtschaftlicher Erfolg seit der Kolonialzeit von politischen Privilegien abhängig war. Beispielsweise vergab die spanische Krone und später der jeweilige Staat Export-, Import- und Produktionsrechte. Aus diesen erwuchsen Renten, hier verstanden als wirtschaftliche Einkünfte, die nicht auf produktiven Leistungen beruhen, sondern auf der Verfügung über Grundbesitz oder auf der Macht, politische Entscheidungen entsprechend zu beeinflussen. Die solchermaßen privilegierten Eliten waren daher an der Aufrechterhaltung der überkommenen Rohstoffökonomie und an Staatsinterventionen zur Sicherung ihrer Renteneinnahmen interessiert.

Obwohl die Anführer der Unabhängigkeitsbewegungen, wie zum Beispiel der in Caracas geborene Simón Bolívar, meist bürgerlich-liberale Ideen vertraten, änderte sich durch den Gewinn der politischen Selbstständigkeit weder etwas am fast ausschließlich vorkapitalistischen Charakter der Ausbeutungsbeziehungen in der Exportproduktion - die persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse auf den Haziendas bestanden fort - noch am geringen Interesse der herrschenden Klassen an der Förderung der einheimischen gewerblichen Produktion. Grundlagen bürgerlicher Gesellschaften, so wie sie in Europa seit dem 18. Jahrhundert entstanden waren, gab es in den lateinamerikanischen Staaten noch nicht. Stattdessen versuchten liberale Politiker in Lateinamerika politische Strukturen aufzubauen, denen die materielle Basis in Form eines breiten bürgerlichen Unternehmertums und rasch wachsender städtischer Mittelschichten weitgehend fehlte. Dennoch: Mit der Unabhängigkeit bildeten sich neue politische Räume, innerhalb derer sich die politischen Kräfteverhältnisse in unterschiedlicher Weise äußern konnten. Viele Länder kennzeichnete ein Gegensatz zwischen konservativen und liberalen Parteien, wobei die Konservativen stärker die Positionen eines binnenorientierten Großgrundbesitzes vertraten, die Liberalen eher die Interessen einer weltmarktorientierten Exportoligarchie. Es kam jedoch nirgendwo zum Aufbau stabiler, auf politischem Wettbewerb basierender politischer Systeme. Auch der wirtschaftliche Aufschwung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stärkte meist die vorhandenen staatlichen Strukturen, zum Teil stabile Diktaturen (etwa Porfirio Díaz in Mexiko).

Quellentext

United Fruit Company

1884 schloss die costaricanische Regierung einen Vertrag mit dem US-amerikanischen Unternehmer Minor Cooper Keith über die Fertigstellung einer Eisenbahnstrecke zwischen dem zentralen Hochland und der Karibikküste. Keith erhielt als Gegenleistung für 99 Jahre die Nutzungsrechte über die Eisenbahn, den Atlantikhafen von Limón sowie 300 000 Hektar Land an der Karibikküste. Er begann auf diesem Land mit dem Anbau von Bananen für den Export in die USA, wo seit der Weltausstellung von Philadelphia im Jahre 1876 die Nachfrage nach Bananen rasch gewachsen war. Der Vertrag wurde zum Vorbild für zahlreiche ähnliche Abkommen. Vor allem in Guatemala, Honduras, Costa Rica und Panama wurden in den folgenden Jahrzehnten riesige Ländflächen in Bananenplantagen umgewandelt, deren Besitzer US-amerikanische Firmen waren.
Am 30. März 1899 schlossen Keith und Andrew Preston, der Besitzer der Boston Fruit Company, ihre Unternehmen zur United Fruit Company (UFCo) zusammen. Bis 1929 kaufte die UFCo fast alle Konkurrenten auf, schuf so quasi ein Monopol über den florierenden Bananenanbau, -export und -verkauf und wurde zum mächtigsten Konzern in Zentralamerika.
Riesige Landflächen wurden gerodet, monokulturell bewirtschaftet und aufgegeben, wenn der Boden unfruchtbar geworden war. Die Natur wurde dadurch nachhaltig geschädigt. Für das Land bezahlte die UFCo wenig oder gar kein Geld, und auch Steuern oder Abgaben an die zentralamerikanischen Staaten wurden in der Regel nicht bezahlt. Weder die Bevölkerung, noch die zentralamerikanischen Regierungen profitierten also vom Erfolg des Bananenanbaus.
Die Arbeitskräfte für die Bananenplantagen kamen vielfach von den karibischen Inseln, da die Anbaugebiete zuvor dünn besiedelt waren. In der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre und dem damit einhergehenden Preiseinbruch wurden diese Regionen zu sozialen und politischen Brennpunkten, da die angesiedelten Arbeiter vom Bananenexport und den Löhnen der UFCo abhängig waren. Die UFCo war teilweise der einzige Arbeitgeber und konnte daher sehr niedrige Löhne zahlen, schlechte Arbeitsbedingungen aufrechterhalten und bei Bedarf Arbeiter einstellen oder entlassen. Vor allem in Costa Rica kam es in den 1930er Jahren zu starken und anhaltenden Arbeitskämpfen in den Bananenanbaugebieten. Seit den 1950er Jahren entstanden relativ starke Gewerkschaften im costaricanischen Bananenanbau, wodurch die Erlöse, die im Land blieben, langsam wuchsen.
Traurige Berühmtheit erlangte die UFCo schließlich vor allem auch als politisch mächtiger Akteur. So unterstützten die USA zum Beispiel den Staatsstreich in Guatemala 1954 nicht zuletzt deshalb, weil die Interessen des US-Konzerns betroffen waren. Der sozialistische guatemaltekische Präsident Jacobo Arbenz war den USA wegen seiner potenziellen Nähe zum Kommunismus ohnehin ein Dorn im Auge. Als er aber im Zuge einer Landreform auch Grundeigentum der UFCo verstaatlichte, war dies mit ausschlaggebend dafür, dass ein Putsch finanziell und logistisch unterstützt wurde.
1944 entwarf Dik Browne, der spätere Erfinder der Comic-Figur "Hägar, der Schreckliche", eine Zeichentrickfigur mit dem Namen "Miss Chiquita", die in den USA für die Bananen der UFCo werben sollte. Der Name Chiquita wurde weltweit bald so sehr mit Bananen in Zusammenhang gebracht, dass sich die UFCo, zwischenzeitlich United Brands Company, 1990 in Chiquita Brands International umbenannte.

Sebastian Huhn




Die Aufschwungphase, die Europa in der Zeit zwischen 1850 und 1873 erlebte, hatte auch weitreichende Auswirkungen auf Lateinamerika:

  • Die Ausbreitung industrieller Produktion in ganz Westeuropa führte zu einer rasch steigenden Nachfrage nach Rohstoffen.
  • Revolutionäre Entwicklungen im Bereich von Verkehr und Kommunikation (Eisenbahn und Dampfschifffahrt) verringerten Transportkosten und -zeiten wesentlich. Die Telegrafie reduzierte die Kommunikationszeiten zwischen den an das Telegrafennetz angeschlossenen Orten auf einige Stunden bis wenige Minuten.
Sinkende Transportkosten bewirkten eine deutliche Verbilligung der so genannten Kolonialwaren, wie zum Beispiel Zucker, Kaffee, Tabak oder Bananen. Durch das gleichzeitige rasante Wirtschaftswachstum vieler nordatlantischer Staaten stieg die Nachfrage nach diesen Produkten erheblich. In der folgenden Wirtschaftskrise der "Großen Depression" (1873-1896) investierten europäische und zunehmend auch nordamerikanische Unternehmer vermehrt in Lateinamerika, um am Rohstoffboom teilzuhaben und zurückgehende Gewinnraten in Europa zu kompensieren. Angesichts der florierenden Exportwirtschaft in Lateinamerika und in den Kolonien Asiens und Afrikas boten sich interessierten Unternehmen Möglichkeiten zum Ausbau von Bergwerken mit neuen Technologien, zur Fortsetzung des in Europa weitgehend abgeschlossenen Eisenbahnbaus sowie zum Bau von Häfen und anderen Maßnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur in diesen Regionen.

Quellentext

Zertifizierte Bananen

[...] In der Nacht ist ein dichter Regen heruntergegangen über Sarapiquí, und die Luft ist noch feucht, als Mauricio Salas frühmorgens aufbricht. Der Biologe zertifiziert Bananenplantagen in Costa Rica und anderen lateinamerikanischen Ländern. Damit hat er gut zu tun, seit europäische Supermarktkunden nicht mehr nur normgebogene und billige Ware verlangen, sondern auch mit gutem Gewissen einkaufen wollen. Die Bananen, die Ananas, der Kaffee sollen umweltschonend und zu fairen Löhnen erzeugt werden. Dafür gibt es Menschen wie Mauricio Salas. Sie untersuchen Abwasserkanäle, inspizieren Arbeiterbaracken, checken Pestizid-Listen. Salas arbeitet für "Rainforest Alliance", einen US-Umweltverband, der Kriterien aufgestellt hat, die erfüllt sein müssen, damit die Ware das Siegel mit einem blauen Frosch erhält. Das soll zumindest einen Mindeststandard garantieren.
Ein Kunde der Rainforest Alliance ist Chiquita, der bekannteste Bananenkonzern der Welt. Er ist aus der United Fruit Company hervorgegangen, und diese installierte und stürzte nach Belieben Regierungen in Mittelamerika und scherte sich nicht um den Schutz der Arbeiter oder der Umwelt. Das Treiben des Konzerns begründete dann auch den Begriff "Bananenrepublik". Noch 2007 wurde Chiquita von einem US-Gericht zu einer Strafe in Millionenhöhe verurteilt, weil das Unternehmen in Kolumbien Schutzgeld an Paramilitärs bezahlt hatte. Chiquita hat also ein Imageproblem, und einer wie Mauricio Salas soll dabei helfen, dies zu ändern. [...]
"Wir sind uns der schwarzen Geschichte des Unternehmens bewusst", sagt der für Lateinamerika zuständige Manager Jorge Solergibert. "Wir sind nicht mehr so, aber die Leute sehen uns weiter so. [...] Es gibt bei uns keine Kinderarbeit, [...] wir setzen nur zugelassene Chemikalien ein, jeder unserer Arbeiter verdient mehr als den Mindestlohn." Das koste viel Geld, zahle sich aber aus. Die Chemiekosten seien gesunken durch die Zertifizierung, die Arbeiter gesünder und leistungsfähiger, die Käufer zufriedener. Gewerkschaftsarbeit sei erlaubt. Natürlich sei die Arbeit immer noch hart, aber kein Vergleich zu früher.
[Der Bananengewerkschaftler] Ramón Barrantes ist anderer Meinung. [...] Es habe sich nichts geändert auf den Plantagen, die Arbeitsbedingungen seien unmenschlich, die Umwelt sei verseucht, Gewerkschaftsarbeit werde behindert. "Und diese ganzen Zertifizierungen sind nichts anderes als ein Vollwaschgang fürs Firmenimage", sagt er. [...] Das alles sei ein großes Geschäft, auch für die Zertifizierer.
"Ich wünschte, es wäre so", sagt Chris Wille, Mitbegründer von Rainforest [...]. 2007 habe die Organisation 21 Millionen Dollar eingenommen. Ein Drittel davon stammt aus der Zertifizierung, der Rest aus Spenden und einer Stiftung. Rainforest ist in 61 Ländern tätig und hat 228 Angestellte. [...] Wille erzählt, wie er Anfang der neunziger Jahre aus New York nach Costa Rica kam. In jahrelanger Arbeit habe man die Konzerne überzeugt, dass es ihnen nütze, wenn sie Standards einhielten. Die Abholzung von Wald für Plantagen etwa sei gestoppt. Um seine Unabhängigkeit macht er sich keine Sorgen. "Die Kunden wissen, dass wir es ernst meinen."
Doch Wille stellt auch etwas anderes klar. Wie in Costa Rica Früchte angebaut würden, bestimme letztlich der Markt. [...] Was ein Arbeiter in Mittelamerika verdient, bestimmten somit die Supermärkte. [...]

Sebastian Schoepp, "Schöne, neue Bananenrepublik", in: Süddeutsche Zeitung vom 21. Juli 2008







 

Dossier

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Lateinamerika befindet sich mitten im Umbruch. Demokratische Strukturen haben sich etabliert, doch die soziale Anspannung ist geblieben. Das Dossier schildert die jüngsten politischen Entwicklungen in 19 Staaten. Im Mittelpunkt stehen zudem die sozialen Bewegungen, aber auch Themen wie Bildung, Emanzipation und Menschenrechte. Weiter...