Lateinamerika
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Gesellschaft und Kultur


14.11.2008
Lateinamerika ist reich an Ethnien, Kulturen und Religionen und genießt immense Bedeutung in Literatur, Musik und Sport. Doch breite, sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen bleiben ohne Bildungschancen.

La Paz, Bolivien: Ein 11-jähriger Junge verstaut seine Werkzeuge, mit denen er Passanten die Schuhe putzt. Nach Schätzungen von UNICEF arbeiten in Bolivien circa 800.000 Kinder.La Paz, Bolivien: Ein 11-jähriger Junge verstaut seine Werkzeuge, mit denen er Passanten die Schuhe putzt. Nach Schätzungen von UNICEF arbeiten in Bolivien circa 800.000 Kinder. (© AP)

Die lateinamerikanische Bevölkerung



Von Anika Oettler

Gegenwärtig (2007) leben 6671 Millionen Menschen auf der Erde. Auf Lateinamerika und die Karibik entfallen 572 Millionen, also 8,6 Prozent der Erdbevölkerung. Die demographischen Wachstumsraten sinken zwar seit den 1960er Jahren kontinuierlich, doch die absoluten Bevölkerungszahlen steigen. Es wird geschätzt, dass 2050 775 Millionen Menschen in Lateinamerika leben werden. Dennoch kann dort von einer "entwicklungsländertypischen" Bevölkerungsexplosion nicht die Rede sein. Während die öffentliche Wahrnehmung vom Bild eines jugendlichen "Kontinents der Zukunft" geprägt ist, steht die zunehmende Alterung der lateinamerikanischen Bevölkerung im Zentrum von bevölkerungswissenschaftlichen und -politischen Debatten.

Die Bevölkerungsentwicklung hängt grundsätzlich von der Fertilitätsrate ab, der durchschnittlichen Zahl der Kinder, die zur Welt gebracht werden. Grundsätzlich sind die Zeiten des Baby-Booms vorbei. Hatten lateinamerikanische Frauen im Zeitraum 1970-1975 noch durchschnittlich 5,04 Kinder zur Welt gebracht, wird diese Zahl für 2005-2010 auf 2,37 geschätzt. Es bestehen starke nationale Unterschiede. Die Fertilitätsrate ist in Kuba sowie Trinidad und Tobago mit durchschnittlich 1,6 Kindern sehr gering, in Guatemala mit durchschnittlich 4,6 Kindern sehr hoch. In den Ländern selbst bestehen gravierende Differenzen, die vor allem soziale Ungleichheiten und Benachteiligungen widerspiegeln. So bringen indigene Frauen aus ländlichen Regionen in der Regel deutlich mehr Kinder zur Welt als weibliche Angehörige der Oberschichten.

Die Müttersterblichkeit ist in den vergangenen Jahrzehnten zwar deutlich zurückgegangen, bleibt aber in einigen Ländern und abgelegenen Gegenden ein gravierendes Gesundheitsproblem. Haiti, das "Armenhaus" der Region, weist mit 600/100 000 die höchste Müttersterblichkeitsrate auf. In einigen Ländern (Bolivien, Ecuador, Peru) ist die Müttersterblichkeit eine Folge des fehlenden Zugangs zum Gesundheitssystem, in anderen (etwa in El Salvador und in der Dominikanischen Republik) eher ein Ausdruck der miserablen Qualität des Gesundheitssektors. Auf dem gesamten Kontinent trägt eine Reihe von Faktoren zur Müttersterblichkeit bei, die oftmals eng mit dem Machismo - dem übersteigerten Ausleben dominanter männlicher Heterosexualität - verbunden sind. Dazu zählen Vergewaltigungen, ungewollte Schwangerschaften und physische Gewalt gegen Schwangere. Aufgrund der geringen Verbreitung und Akzeptanz von Verhütungsmitteln zählen Nicaragua, Guatemala, Honduras und El Salvador zuden Ländern, in denen die meisten Schwangerschaften von Minderjährigen registriert werden. Zugleich sind Nicaragua und El Salvador zusammen mit Chile die Länder, in denen ein totales Abtreibungsverbot in Kraft ist.

Diese Situation bietet Angriffsflächen für die Immunschwächekrankheit HIV/AIDS. Die Karibik ist die Weltregion, die von ihr am zweitstärksten betroffen ist. AIDS ist hier die führende Todesursache bei Erwachsenen zwischen 15 und 44 Jahren und hat 2005 schätzungsweise 27 000 Menschenleben gefordert.

Von den 39 Millionen Menschen, die weltweit mit HIV infiziert sind, leben etwa 1,6 Millionen in lateinamerikanischen Ländern (ohne Karibik). Damit stellt die Region zwar nicht einen der Brennpunkte der Epidemie dar, aber durchaus ein Gebiet, in dem die Krankheit immer stärker um sich greift. Während in einigen Ländern (unter anderem Brasilien, Chile, Costa Rica) deutliche Maßnahmen eingeleitet wurden, um die Epidemie einzugrenzen und Behandlungsmöglichkeiten zu schaffen, sind staatliche Initiativen im Andenraum und in den ärmeren zentralamerikanischen Ländern bis dato weitgehend ausgeblieben.

Die bevölkerungsreichsten Länder sind Brasilien (2007:191 Millionen) und Mexiko (110 Millionen), zu den bevölkerungsärmsten - und auch flächenmäßig kleinsten - Ländern gehören, neben den meisten karibischen und zentralamerikanischen Staaten, Paraguay (6,4 Millionen) und Uruguay (3,5 Millionen). Vier lateinamerikanische Städte haben die 10-Millionen-Grenze längst überschritten und sind damit bevölkerungsreicher als viele der letztgenannten Länder: Buenos Aires (13,8 Millionen), Mexiko-Stadt (19,3 Millionen), Rio de Janeiro (15,4 Millionen) und São Paulo (17,9 Millionen) gehören zu den Mega-Cities der Welt.

Zählte Lateinamerika im 19. und frühen 20. Jahrhundert noch zu den Einwanderungsregionen, so hat sich dieser Trend in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts deutlich umgekehrt. Aus wirtschaftlichen und politischen Gründen wandern viele Lateinamerikanerinnen und Lateinamerikaner vor allem in die USA, aber auch nach Europa und Asien ab. In den jüngsten Schätzungen des US-Zensus (2007) wird die Zahl der Einwohnerschaft lateinamerikanischer Herkunft mit 45,5 Millionen angegeben. Eine große Bedeutung haben dabei die Migrationsbewegungen zwischen Mexiko und den USA. Die Weltbank geht davon aus, dass 11,5 Millionen Menschen - oder 10,7 Prozent der mexikanischen Bevölkerung - das Land für einen begrenzten Zeitraum oder aber mit offenem Ende verlassen haben.

Das relative Gewicht der Migration ist von Land zu Land sehr verschieden. Während die 250 628 Surinamesen, die ihr Wohl im Ausland suchen, 56 Prozent der Bevölkerung Surinams ausmachen, entsprechen die 1 135 060 brasilianischen Migrant(inn)en einem Bevölkerungsanteil von 0,6 Prozent. Damit schwankt auch das Ausmaß, in dem die lateinamerikanischen Gesellschaften kulturell und sozial von Migration geprägt sind. Dies ist einerseits ein Verlust - so wandern etwa 89 Prozent der Surinamesen mit tertiärer Bildung ("higher education") ins Ausland ab - und andererseits eine Bereicherung im Sinne einer Einbindung in globale Kulturräume.

Alle lateinamerikanischen Gesellschaften sind mehr oder weniger multikulturell, wobei es jedoch deutliche Differenzen in der Bevölkerungsstruktur gibt, die auf die unterschiedliche historische Entwicklung der einzelnen Regionen und Länder zurückgehen. Eine entscheidende Weichenstellung wurde durch die Kolonialherrschaft gelegt, die in den verschiedenen Regionen mit einem unterschiedlichen Grad der Ausrottung der prähispanischen Bevölkerung und des "Imports" von afrikanischen Sklaven verbunden war. In der Folgezeit brachten die Erfordernisse der Plantagen-, Minen-, Kaffee- und Viehwirtschaftsökonomien, aber auch politische Kämpfe, eine Bevölkerungsstruktur hervor, die von Land zu Land und von Region zu Region unterschiedlich ist. Während etwa der Nordosten Brasiliens als ehemalige Sklavenhaltergesellschaft von einer afrobrasilianischen Mehrheitsbevölkerung geprägt ist, stand die argentinische Bevölkerungsentwicklung unter dem Vorzeichen der europäischen Auswanderung.

Für die wirtschaftlichen und politischen Eliten der meisten Länder sind der US-amerikanische Lebensstil und eine bisweilen imaginäre "europäische" Vergangenheit prägend. Insgesamt zählen christliche Religionen und die spanische Sprache zu den dominanten kulturellen Merkmalen Lateinamerikas, während die Karibik als ehemaliges britisches Kolonialgebiet englischsprachig ist und sich die brasilianische Bevölkerung weltweit zur bedeutendsten Sprachträgerin des Portugiesischen entwickelt hat. Daneben weist Lateinamerika jedoch eine große Vielfalt an indigenen Sprachen, religiösen Zugehörigkeiten und kulturellen Traditionen auf. Auch jüdische, islamische und asiatische Einflüsse haben Eingang in den Bestand an Normen und kulturellen Traditionen gefunden.

Spätestens seit der Eroberung durch die spanischen Konquistadoren zeichnen sich die lateinamerikanischen Gesellschaften durch Herrschaftsverhältnisse aus, die auch, aber nicht nur, auf ethnischen Merkmalen beruhen. Wenn in Lateinamerika von "Mulatten", "Mestizen" und "Indios" die Rede ist, so handelt es sich um tradierte Bevölkerungskategorien aus dem Arsenal der Rassenideologie. "Mulatten" entstehen demzufolge aus einem weißen und einem schwarzen Elternteil und "Mestizen" aus Indigenen und Weißen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind diese Begriffe, wie auch der Begriff "Indios", im deutschen Sprachraum überkommen. Der in Lateinamerika als abwertend aufgefasste Begriff "Indios" wurde in den vergangenen Jahrzehnten von "Indigene" (indígenas) abgelöst. Indigene politische Aktivisten bedienen sich neben der Begriffe der indígenas und originarios auch des Begriffes indio, den sie jedoch in einer kritischen Anlehnung an die Herrschaftsverhältnisse verwenden, die sie überwinden wollen.

Quellentext

Indigene Bevölkerung

[...] Die Bezeichnungen Indio und Indígena (deutsch: Indianer) entstammen der kolonialen Herrschaftsideologie. Sie sind keine präzise Kennzeichnung für bestimmte Kulturen, sondern charakterisieren vielmehr ein politisches und soziales Konstrukt seitens der europäischen Eroberer, mit dem diese die unterworfenen Völker auf dem Subkontinent rechtlich und ideologisch zu einer Gruppe zusammenfassten und in die strenge Gesellschaftshierarchie einordneten, der eine Aufspaltung zwischen den europäischen Kolonialherrn bzw. ihren Nachfahren einerseits und den Eroberten andererseits zugrunde lag. Der indigenen Landbevölkerung wurde der niedrigste Status zugewiesen. [...]
In der Praxis blieben sie Bürger dritter Klasse. In den meisten Ländern unterlag die Indio-Bevölkerung einem gesonderten rechtlichen Status, der sie auf allen gesellschaftlichen Ebenen benachteiligte. So waren noch bis weit in das 20. Jahrhundert hinein in zahlreichen Staaten Analphabeten - und damit ein Großteil der indigenen Landbevölkerung - vom Wahlrecht ausgeschlossen. Auf dem Land gab es kaum Schulen, vielfach unterdrückten Grundherren und Kirche gewaltsam Initiativen der Indios. Zur Legitimierung der Benachteiligung, sozialen Ausgrenzung und Ausbeutung wurde den Indios mit rassistischen Argumenten eine biologische und soziale Minderwertigkeit zugeschrieben. [...]
Die indigene Bevölkerung Lateinamerikas umfasst ca. acht bis zwölf Prozent, das entspricht etwa 40 bis 50 Millionen Menschen. Es gibt über 400 ethnische Gruppen und Völker und 917 gesprochene indigene Sprachen, ein Zeichen der großen kulturellen Vielfalt. Die Anzahl der indigenen Bevölkerung nimmt erkennbar zu. Allerdings sind zahlreiche kleine Gemeinschaften, insbesondere in ökologisch sensiblen Regionen mit wertvollen Naturressourcen, vom Aussterben bedroht, weil ihre Lebensgrundlagen zerstört werden. [...]
Armut und extreme Armut kennzeichnen die Lebensumstände der Mehrheit der indigenen Völker Lateinamerikas, wie Studien, z.B. der Interamerikanischen Entwicklungsbank, belegen. Das gilt für die städtische, mehr noch für die ländliche Bevölkerung. Armut ist zudem nicht nur am Einkommen zu messen. Sie bedeutet auch mangelnde Schulbildung und Gesundheitsversorgung, weitgehenden Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe an Entscheidungen über Ressourcenverteilung und -nutzung. Die jeweiligen nationalen Gesellschaften haben bisher wenig für die grundlegende, reale Verbesserung der Lebensumstände getan - trotz Rechtsreformen, die mehrere Staaten in den 1980er Jahren zugunsten der indigenen Bevölkerung verabschiedet haben. [...]
In verschiedenen Ländern mobilisieren lokale, regionale und nationale Verbände zu Protestmärschen, organisieren Blockaden von strategischen Straßen oder Besetzungen von Erdöl- bzw. Gasbohrstellen und Staudamm-Großprojekten. Mit Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen (NROs) klagen sie öffentlich Umweltzerstörungen, die sozialen Folgen von Großprojekten, illegalen Holzschlag oder Biopiraterie sowie die Komplizenschaft staatlicher Institutionen bei solchen Unternehmungen an. Sie fordern Land- und Ernährungssicherheit, Agrarreformen, Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung sowie selbstverwaltete Territorien. Die Forderung nach Autonomie im Sinne des Rechts auf eine selbstbestimmte Entwicklung, die auf den eigenen kulturellen Werten basiert ("desarrollo con identidad"), nimmt zu. Das schließt ein eigenes Bildungs-, Rechts- und Gesundheitswesen sowie die ökonomische Entwicklung ein. Dabei berufen sich die indigenen Völker auf die Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation ILO über "Rechte indigener und in Stämmen lebender Völker", die von 13 lateinamerikanischen Staaten unterzeichnet, aber kaum umgesetzt wurde. [...]
Im letzten Jahrzehnt hat sich das Spektrum ihrer ganz an den praktischen Bedürfnissen der Bevölkerung ausgerichteten Aktivitäten, die selbstständig oder mit Unterstützung externer Partner - Kirchen, NROs oder entwicklungspolitischen Agenturen - durchgeführt werden, immer weiter ausgedehnt. Es reicht von Bildungsprogrammen der zweisprachigen interkulturellen Erziehung, kulturell angepasster Gesundheitsversorgung oder nachhaltiger Landwirtschaft bis hin zu Rechtshilfe, Förderprogrammen, die sich speziell an Frauen richten, oder Projekten zur Pflege des eigenen kulturellen Erbes, wie etwa die Dorfmuseen. Es geht stets um zwei Ziele: Zum einen will man das eigene kulturelle Wissen erhalten und in der Gemeinschaft weitergeben, um sich innerhalb der nationalen Gesellschaft der eigenen Wurzeln zu vergewissern und das Selbstbewusstsein - die eigene Identität - zu stärken. Zum anderen geht es um die Organisation von Selbsthilfe. [...]

Juliana Ströbele-Gregor, "Indigene Emanzipationsbewegungen in Lateinamerika", in: Aus Politik und Zeitgeschichte 51-52/2006 vom 18. Dezember 2006


Die Zahl der in Lateinamerika gesprochenen indigenen Sprachen wird auf über 900 geschätzt, wobei Aymara, Guaraní, Quechua und Nahuatl zu den meistgesprochenen gehören. In Bolivien, Ecuador, Guatemala und Peru ist der Anteil der indigenen Bevölkerung mit 30 bis 80 Prozent sehr hoch, wobei die Schätzungen je nach Definitionsmerkmal (Muttersprache, Selbstidentifikation) und Quelle (staatliche/nicht-staatliche Institutionen) stark auseinandergehen. In anderen Ländern ist die indigene Bevölkerung weit weniger sichtbar: Sie ist numerisch weniger gewichtig und/oder lebt vornehmlich in einzelnen Regionen des Landes. Beispielsweise siedeln die Kuna in einer autonomen Region Panamas an der Atlantikküste, der Kuna Yala. In Mexikos südlichen Landesteilen sind zahlreiche indigene Bevölkerungsgruppen (Nuahua, Maya, Zapoteco, Mixteco, Otamí) beheimatet. Aber die nicht-indigenen Bevölkerungsgruppen stellen schätzungsweise 85 Prozent der Bevölkerung und dominieren sowohl die Herrschaftsverhältnisse als auch die Kultur des Landes. Der Amazonasraum zeichnet sich durch eine große kulturelle Vielfalt aus, allein in Brasilien sind über 170 indigene Sprachgruppen registriert.

Insgesamt ist Lateinamerika reich an Kulturen und ethnischen Identitäten, es herrscht ein Gemisch von kulturellen Zuschreibungen, die im Miteinander mit anderen Gruppen entstehen und sich im Laufe der Zeit wandeln. Ethnische Grenzziehungen haben zwar in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in einigen Ländern (Peru, Guatemala, Mexiko/Chiapas) eine Bedeutung für die Interpretation von politischen Konflikten gespielt, insgesamt jedoch wird politische Gewalt eher im Kontext von politisch-ideologischen Auseinandersetzungen und sozialen Ungleichheiten ausgeübt.




 

Dossier

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