Lateinamerika
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Lateinamerika in der internationalen Politik


14.11.2008
Traditionell auf die USA und Europa ausgerichtet, blickt Lateinamerika in den letzten Jahren zunehmend auch auf Asien und die Länder der eigenen Region. Zwischen den Staaten bestehen Konkurrenzbeziehungen, aber auch vielfältige Kooperationen.

Boliviens Präsident Evo Morales beim EU-Lateinamerika-Gipfel in Madrid, 2010.Boliviens Präsident Evo Morales beim EU-Lateinamerika-Gipfel in Madrid, 2010. (© picture-alliance/dpa)

Bedeutung und geopolitische Verortung



Von Detlef Nolte

In Lateinamerika spiegeln sich die Kräfteverschiebungen in der Weltwirtschaft wider, und es zeichnen sich die Konturen einer zukünftigen multipolaren (von mehreren Machtzentren geprägten) Weltordnung ab. Noch in den 1990er Jahren galt Lateinamerika als Verlierer der Globalisierung, denn die Volkswirtschaften wiesen überwiegend nur niedrige Wachstumsraten auf, und der Abstand zu anderen Weltregionen (insbesondere zu Asien) vergrößerte sich. Seit der Jahrtausendwende jedoch mehren sich die Anzeichen für eine Neuverortung und einen größeren Einfluss Lateinamerikas - oder einzelner Staaten der Region - in der internationalen Politik. Lateinamerika profitiert von der bislang positiven Konjunkturentwicklung der Weltwirtschaft und einer gestiegenen Nachfrage nach lateinamerikanischen Waren, insbesondere nach Rohstoffen und landwirtschaftlichen Produkten. Durch die sinkende Auslandsverschuldung und die wachsenden Devisenreserven der Regierungen haben internationale Finanzinstitutionen wie die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF), die in der Vergangenheit eine wichtige Rolle in Lateinamerika gespielt hatten, an Einfluss verloren. Seine Politik während der Asienkrise (1997/1998) und der Argentinienkrise (2001/2002) haben den IWF in den Augen vieler Regierungen in Misskredit gebracht. Aber auch der Einfluss der USA und der EU ist zurückgegangen.

Denn für Lateinamerika gewinnt Asien zunehmend an Bedeutung. Die nach Ressourcen hungrige chinesische Volkswirtschaft hat sich für viele lateinamerikanische Staaten zu einem wichtigen Handelspartner entwickelt, und das Wachstumspotenzial ist noch immer beachtlich. Chile hat Freihandelsabkommen mit China, Japan und Südkorea abgeschlossen. Mexiko, Peru und Chile sind Mitglieder des Asia-Pacific Economic Cooperation Forum (APEC), dem die Pazifikanrainerstaaten einschließlich China, Japan, Russland, Australien und den USA angehören. Deren Regierungen kommen jährlich zusammen und haben sich das Ziel gesetzt, die wirtschaftliche und technologische Kooperation zwischen den beteiligten Ländern zu fördern und bis 2020 eine pazifische Freihandelszone zu schaffen.

Die APEC-Jahrestagung in Santiago de Chile im November 2004 verdeutlichte erstmals die wachsende Bedeutung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Lateinamerika und Asien und hier insbesondere China. Stützt man sich auf die lateinamerikanische Presse, so stahl der chinesische Präsident Hu Jintao dem US-Präsidenten George W. Bush eindeutig die Show. Während Bush für vier Tage nach Südamerika reiste, um am APEC-Gipfel teilzunehmen, blieb der chinesische Präsident mit einer Delegation von fast 200 Unternehmern und Regierungsfunktionären zwölf Tage in Lateinamerika und unterzeichnete eine Vielzahl von Abkommen.

Obgleich Chinas Engagement in Lateinamerika vor allem ökonomischer Natur ist, verfolgt die chinesische Regierung auch politische Interessen. Einerseits sucht Peking nach Verbündeten für seine Vision einer multipolaren Weltordnung. In diesem Zusammenhang sieht es Mexiko, Brasilien, Argentinien und Venezuela als strategische Partner an. Andererseits bilden Lateinamerika und die Karibik eine Weltregion, in der zwölf Regierungen - von weltweit 26 - immer noch formale diplomatische Beziehungen zu Taiwan unterhalten (und sich dies finanziell entlohnen lassen). Die chinesische Regierung, die Taiwan als abtrünnige Provinz betrachtet, versucht hier gegenzusteuern.

Für die Zukunft zeichnet sich Indien als weiterer aufstrebender Wirtschaftspartner am Horizont ab. Ähnlich wie China will Indien langfristig seine Versorgung mit Rohstoffen absichern, indische Großkonzerne investieren bereits in Lateinamerika. In den USA wird die wachsende ökonomische Bedeutung Asiens in Lateinamerika als sicherheitspolitische Herausforderung wahrgenommen. Dies gilt vor allem im Hinblick auf den Zugriff auf knappe Rohstoffe (besonders Erdöl). Für manche Kommentatoren ist die chinesische Präsenz in Lateinamerika symptomatisch für die Erosion der Macht und der geopolitischen Position der USA in der Region.



 

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