Internationale Wirtschaftsbeziehungen

27.8.2008 | Von:
Klaus-Peter Kruber
Anna Lena Mees
Christian Meyer

Weltwirtschaftliche Entwicklungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Direktinvestitionen und multinationale Unternehmen

Eine weitere Quelle für das rasche Wachstum des internationalen Kapitalverkehrs ist der längerfristige Kapitalexport in Form von Direktinvestitionen. Als Direktinvestition (Foreign Direct Investments, FDI) wird die Gründung von Tochterfirmen im Ausland oder der Erwerb von beziehungsweise die Beteiligung an ausländischen Unternehmen bezeichnet. Im Unterschied zu Portfolioinvestitionen wird eine Einflussnahme auf die Geschäftspolitik der Unternehmen angestrebt. Direktinvestitionen führen zur Internationalisierung von Unternehmen; sie sind daher ein besonders hervorzuhebendes Element im Globalisierungsprozess der Wirtschaft. Immer mehr Unternehmen errichten Produktionsstätten oder erwerben Tochtergesellschaften im Ausland und sind bestrebt, neue ausländische Absatzmärkte zu erschließen, wodurch weltweite Handelsnetze entstehen.

Die Direktinvestitionen machen einen beträchtlichen Anteil der internationalen Kapitalströme aus. Seit Beginn der 1980er Jahre bis zur Jahrtausendwende sind Investitionen in ausländische Produktionsstätten etwa sechsmal so stark gewachsen wie das Welthandelsvolumen. Schätzungen der Welthandelskonferenz (United Nations Conference on Trade and Development, UNCTAD) zufolge bestreiten multinationale Unternehmen heute bis zu 80 Prozent des Welthandels. Knapp die Hälfte des Handels multinationaler Unternehmen bezieht sich auf den internen Hnadel zwischen Standorten eines multinationalen Konzerns. Es handelt sich dabei um die Vernetzung von Produktionsstätten eines Konzerns in verschiedenen Staaten. Ein Beispiel ist das weltweite Netz von Produktionsstätten großer Automobilunternehmen.

Größte UnternehmenGrößte Unternehmen
Die Geschäfte der multinationalen Unternehmen sind heute aus dem Welthandel nicht mehr wegzudenken: Unter anderem Nahrungsmittelkonzerne wie Unilever, Nestlé oder Coca Cola sind mit ihren im In- oder Ausland erzeugten Markenprodukten Teil unseres Alltags. Multinationale Banken wickeln den größten Teil des internationalen Kapitalverkehrs ab. Entscheidungen in den Führungsspitzen großer multinationaler Unternehmen, zum Beispiel über Produktionsstätten, Innovationen und Marktstrategien spielen eine wichtige Rolle für die wirtschaftliche, soziale und politische Entwicklung von betroffenen Staaten.

Bis zum Ende der 1960er Jahre kamen fast alle multinationalen Unternehmen aus den USA. Seit Mitte der 1970er Jahre geht ihr Wachstum jedoch nicht mehr nur von den Vereinigten Staaten aus, und es sind auch nicht mehr nur Großunternehmen, die international tätig werden. Besonders europäische und japanische Unternehmen entwickelten sich zu multinationalen Unternehmen und dehnten ihre Aktivitäten auch auf den US-amerikanischen Markt aus. Die Bundesrepublik Deutschland, die in den 1960er Jahren beim Aufbau ihrer Wirtschaft stark vom Nettozufluss ausländischer Direktinvestitionen profitiert hatte, investiert heute sehr viel mehr Kapital im Ausland, als von dort hereinströmt.

Investieren in der FerneInvestieren in der Ferne
Die wichtigsten Kapitaltransfers betreffen Investitionen westeuropäischer und nordamerikanischer Firmen in anderen Industrieländern, in den Schwellenländern Lateinamerikas und Südostasiens sowie in den osteuropäischen Transformationsländern. In die ärmeren Entwicklungsländer fließen dagegen weniger Investitionen, weil man sie für wirtschaftlich und politisch krisenanfälliger hält. Nach Angaben des World Investment Report 2007 der UNCTAD (www.unctad.org) wurden 2006 weltweit Direktinvestitionen in Höhe von 1305 Milliarden US-Dollar getätigt. Davon entfielen auf die Industrieländer 857 Milliarden (65,7 Prozent), auf die Entwicklungsländer 379 Milliarden (29,0 Prozent) und auf die Transformationsländer 69 Milliarden (5,3 Prozent). Der Hauptteil der Investitionen in die Entwicklungsländer ging nach China und in die fortgeschrittenen Schwellenländer Ostasiens und Südamerikas. In die 50 am wenigsten entwickelten Länder flossen weniger als zwei Prozent der weltweiten Auslandsinvestitionen.

Bemerkenswert ist die zunehmende Verschiebung der Direktinvestitionen vom industriellen in den Dienstleistungsbereich. Multinationale Unternehmen finden sich nicht mehr nur im primären Sektor (Landwirtschaft und Bergbau) und im sekundären Sektor (Industrie). Auch Handelsunternehmen, Banken, Medienkonzerne, Hotelketten und Werbeagenturen sind heute weltweit mit Niederlassungen vertreten. 2004 wurden 63 Prozent der Direktinvestitionen im tertiären Sektor getätigt.

Die multinationalen Unternehmen und ihre Investitionen sind für Volkswirtschaften von großer Bedeutung. Ausländische Standorte werden immer wichtiger für deutsche Firmen, während die Bundesrepublik nicht in gleichem Maße ausländische Unternehmen anzieht. 2006 investierten deutsche Firmen 45,1 Milliarden Euro im Ausland, ausländische investierten 28,4 Milliarden Euro in Deutschland. Wichtigste Zielländer für deutsche Direktinvestitionen sind die Industriestaaten, in erster Linie die EU-Mitgliedstaaten, in die etwa die Hälfte der deutschen Direktinvestitionen geht. An zweiter Stelle stehen die USA. Relativ geringe Prozentanteile entfallen auf die übrigen Industriestaaten (einschließlich Japan) und die Entwicklungsländer. Von wachsender Bedeutung als Standorte deutscher Direktinvestitionen sind die mittel- und osteuropäischen Transformationsländer. Inzwischen ist besonders China ein bevorzugter Investitionsstandort für deutsche Firmen vor allem aus dem Bereich der Automobilindustrie.

Generell tendieren die wichtigen Kapitalexportländer dazu, in Industriestaaten mit vergleichbarem Entwicklungsniveau in Europa und Nordamerika zu investieren. Hier treffen sie auf kaufkräftige Nachfrage, technologisches Know-how, qualifizierte Arbeitskräfte, Rechtssicherheit und die infrastrukturellen Voraussetzungen für Auslandsengagements wie Verkehrswege, Telekommunikation und eine leistungsfähige öffentliche Verwaltung. Seit Mitte der 1990er Jahre ziehen auch südostasiatische und südamerikanische Entwicklungsländer als Standorte Investitionen, besonders aus Amerika und Japan, an. Deutschland folgte mit etwas Verzögerung.

Motive für Auslandsinvestitionen

Die rasche Entwicklung der multinationalen Unternehmen hat viele Ursachen: Zu nennen sind vor allem die Liberalisierung des Welthandels und des internationalen Kapitalverkehrs zwischen den westlichen Industriestaaten sowie der technologische Fortschritt, der leistungsfähige globale Informations-, Kommunikations- und Transportnetze entstehen ließ.

Im Ausland engagiertIm Ausland engagiert
Unter den betriebswirtschaftlichen Motiven für eine internationale Geschäftstätigkeit steht die Erschließung neuer Absatzmärkte an erster Stelle. Die Nähe zum Kunden macht eigene Vertriebs-, Service- oder gar Produktionsstätten vor Ort erforderlich. Diesem Motiv folgen nicht nur die großen Weltkonzerne, sondern auch immer mehr mittelständische Betriebe, um so wettbewerbsfähig zu bleiben.

Ein weiteres Motiv für Auslandsinvestitionen ist die Ausnutzung von Standortvorteilen, insbesondere von unterschiedlichen Arbeitskosten (durchschnittlicher Stundenlohn plus Lohnzusatzkosten). Deutschland ist seit vielen Jahren ein Hochlohnland und lag im Jahr 2006 mit Arbeitskosten von 32 Euro pro Stunde im verarbeitenden Gewerbe im europäischen Vergleich auf Rang vier. Die Arbeitskosten sind in Ostdeutschland rund 40 Prozent niedriger als in Westdeutschland. Entscheidender Faktor bei der Standortwahl von Unternehmen ist aber nicht die absolute Höhe der Arbeitskosten, sondern die Höhe der Lohnstückkosten, das heißt das Verhältnis von Arbeitskosten und Arbeitsproduktivität. Da auch die Arbeitsproduktivität in Deutschland dank moderner Technologien, effizienter Infrastruktur und hoch qualifizierter Arbeitskräfte internationale Spitzenwerte erreicht, kann diese bei anspruchsvollen Produkten den Nachteil hoher Arbeitskosten teilweise kompensieren. Im Falle von arbeitsintensiven Vorprodukten gelingt dieser Ausgleich häufig nicht. In diesem Fall kann die teilweise Verlagerung der Produktion ins kostengünstigere Ausland die Wettbewerbsfähigkeit auch der inländischen Standorte verbessern. Der Einsatz kostengünstig produzierter Vorprodukte macht in Deutschland hergestellte Fertigprodukte preiswerter.

Arbeitskosten im globalen WettbewerbArbeitskosten im globalen Wettbewerb
Die vergleichsweise hohen Lohnstückkosten bedeuten einen Kostennachteil für den Standort Deutschland. Er löst massiven Rationalisierungsdruck in der Industrie aus und hat zum Abbau von Arbeitsplätzen in vielen Wirtschaftszweigen geführt: Immer häufiger verlagern Unternehmen arbeitsintensive Produktionen oder Teilprozesse in Entwicklungsländer oder nach Osteuropa, und auch bei technisch komplexen Produkten erweisen sich Standorte in anderen EU-Ländern und in den USA als kostengünstiger. Diese besorgniserregende Tendenz hat in den vergangenen Jahren zu einer kontroversen Diskussion über die Zukunft der wirtschaftlichen und sozialstaatlichen Entwicklung Deutschlands geführt.

Ein drittes Motiv für Auslandsinvestitionen neben dem Absatz- und dem Kostenmotiv kann die Sicherung der Rohstoffversorgung (zum Beispiel in der Mineralölwirtschaft oder Stahlindustrie) sein. Von wachsender Bedeutung ist darüber hinaus das Bestreben, Zugang zu neuen Technologien oder zum innovativen Know-how an Hightech-Standorten zu erhalten. Kapitalstarke multinationale Unternehmen übernehmen innovative kleine Unternehmen und sorgen für die breite Einführung der Erfindungen am Markt. Beispiele lassen sich in der EDV-Branche, der Pharma- oder Gentechnik finden.

Weitere Motive für die Standortwahl liefern von Staaten gesetzte Rahmenbedingungen, wie etwa die Höhe der Gewinnbesteuerung. Die Verteilung der Standorte eines multinationalen Unternehmens auf verschiedene Staaten ermöglicht es ihm, durch Festsetzung von internen Verrechungspreisen seine Gewinne dort zu versteuern, wo es für das Unternehmen am günstigsten ist. Diese Praxis ist umstritten, da sie zu einer verstärkten Konkurrenz zwischen einzelnen Staaten um günstigere Unternehmenssteuern und letztlich zu einer geringeren Besteuerung der Unternehmensgewinne führt.

Ebenso können sich starre arbeits- und sozialrechtliche Standards - und damit verbunden hohe Personalzusatzkosten und geringe Flexibilität von Arbeitszeiten, aber auch strenge Umweltschutz- oder Wettbewerbsgesetze negativ auf Standortentscheidungen auswirken. Eine bedeutende Rolle spielen zudem das "soziale Klima" zwischen den Tarifparteien und die politische Stabilität eines Landes. Hohe Streikhäufigkeit, die Gefahr von Enteignung oder Beschränkung des Gewinntransfers in das Heimatland können kostenmäßig vorteilhafte Standorte unattraktiv machen.

Schließlich schafft auch die wirtschaftliche Integration von Staaten Anreize für Direktinvestitionen: Schließen sich Volkswirtschaften zu Wirtschaftsgemeinschaften zusammen, entsteht ein Anreiz für Firmen aus Drittländern, sich durch Gründung oder Erwerb von Betrieben den Marktzugang zu Binnenmarktbedingungen zu sichern. Dieses Motiv spielt besonders für die amerikanischen und japanischen Investitionen in der EU eine wichtige Rolle. Großbritannien ist ein bevorzugter Standort für Firmen aus Japan und den USA, die von dort aus den EU-Binnenmarkt beliefern können. Ähnliches gilt im Falle der NAFTA für europäische und japanische Unternehmen, die sich über Mexiko Zugang zum US-amerikanischen Markt verschaffen. Ein Beispiel ist der Volkswagen-Konzern, der den US-Markt vom mexikanischen Standort Puebla aus beliefert.


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