Internationale Wirtschaftsbeziehungen

27.8.2008 | Von:
Klaus-Peter Kruber
Anna Lena Mees
Christian Meyer

Weltwirtschaftliche Entwicklungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Arbeits- und Armutsmigration

Karikatur: EU - Non-EUKarikatur: EU - Non-EU
Im Zuge der Internationalisierungsprozesse und des Ausbaus weltumspannender Netzwerke nimmt die Arbeitsmigration zu. Zum einen sind durch die grenzüberschreitenden Verflechtungen der Unternehmen auch die Arbeitskräfte mobiler geworden. So ist eine zeitweilige Tätigkeit im Ausland für viele Arbeitnehmer etwa in der Tourismusbranche, im Anlagenbau oder in international tätigen Industriefirmen und Banken selbstverständlich geworden. Internationale Erfahrungen und Fremdsprachenkenntnisse werden zunehmend zu Voraussetzungen für eine erfolgreiche Karriere. Zum anderen führte Fachkräftemangel in einigen Ländern besonders nach der Verwirklichung des europäischen Binnenmarktes zu einer erhöhten Mobilität von qualifizierten Arbeitskräften und Führungsnachwuchs in Europa und weltweit. Der Fachkräftemangel löste auch die Diskussionen über Zuwanderungserleichterungen für qualifizierte Arbeitskräfte in die EU aus.

Quellentext

Umworbene Arbeitskraft

Das Billigfliegerterminal des Warschauer Flughafens platzt aus allen Nähten. Drei lange Schlangen haben sich bis auf den Vorplatz des Terminals "Etude" gestaut. [...] Die Passagiere wollen nur eines: schnell und billig an den Arbeitsplatz. Trondheim, Sheffield und Dortmund werden fast gleichzeitig angeflogen; in den Warteschlangen ist man sich einig: Alle wollen irgendwann zurück nach Polen, doch jetzt noch nicht. "Wenn die Wohnung bezahlt ist", sagt der eine. "Wenn unser Sohn in England eingeschult werden soll", eine junge Mutter. "Wenn ich in Polen gleich viel verdienen werde", ein Dritter.

Und dennoch, Umfragen unter polnischen Arbeitsmigranten im Ausland zeigen, dass sich die Auswanderungswelle seit Polens EU-Beitritt 2004 in diesem Jahr (2008 - Anm. d. Red.) zum ersten Mal abschwächen dürfte. Wie viele Polen ausgewandert sind, weiß niemand. Schätzungen sprechen von 0,7 bis zwei Millionen allein in den vergangenen vier Jahren. Die Mehrheit davon ist zwischen 18 und 34, ein Drittel hat Hochschulbildung. Allein im letzten Jahr haben sie vier Milliarden Euro in die Heimat überwiesen. In Großbritannien, wohin die meisten Polen ausgewandert sind, gaben in einer Umfrage kürzlich 50 Prozent an, in den nächsten Jahren wieder nach Polen zurückkehren zu wollen. Zwölf Prozent planten diesen Schritt für das laufende Jahr. 2007 waren es noch sechs Prozent, etwa 50 000 polnische Gastarbeiter. [...]
Eine vermehrte Rückwanderung könnte den großen Facharbeitermangel in Polen beheben und das Land so wieder attraktiver für ausländische Investoren machen. Die rechtsliberale Regierung von Donald Tusk hat bereits Rückholkampagnen gestartet; sie bietet Heimkehrern auch eine Steueramnestie und Hilfe bei Firmengründungen an. Das Entscheidende aber sei, dass in Polen die Gehälter kräftig angestiegen sind, erklärt Rainer Pauly, der Geschäftsführer der Warschauer Niederlassung der deutschen Personalberatungsfirma PSP-International [...] "Auswanderer sind für uns attraktiv, denn sie haben bewiesen, dass sie sich schnell auf neue Situationen einstellen können", sagt Pauly, der händeringend Handelsvertreter, Bauingenieure, Qualitätsmanager, Produktionschefs und viele weitere Vertreter des mittleren Managements sucht. Bieten kann der Personalberater in Polen nicht selten Löhne von 3000 Euro.
Polnische Ökonomen machen die Lohnsteigerungen von rund 20 Prozent in einem Jahr sowie vor allem den schlechten Pfundkurs für die gestiegene Rückkehrbereitschaft verantwortlich. Eine Umfrage des Interaktiven Marktforschungsinstituts in England hat jedoch ergeben, dass 35 Prozent wegen Heimwehs wieder zurück wollen. Jeder Dritte nannte die beschränkten beruflichen Aufstiegschancen als Grund. Die meisten Polen arbeiten trotz guter Bildung in Großbritannien manuell. Doch nun haben etwa Hotels damit begonnen, massiv einfache polnische Hotelangestellte aus Irland abzuwerben und zu Hause in hohe Positionen zu katapultieren. Wer als Gastarbeiter in Deutschland in der Fahrzeugbranche am Fließband gearbeitet habe, könne in Polen mit einem verantwortungsvollen Posten rechnen, bestätigt Pauly den Trend.
Dennoch warnen Arbeitsmarktforscher vor zu viel Optimismus. Bisher hätten in erster Linie die Erstauswanderungen abgenommen, sagen sie. Auch Personalberater Pauly glaubt nicht an das große Rückkehrerwunder: "Entweder muss Polen seine Produktion künftig nach Osten verlegen oder seine Tore weit für Gastarbeiter der östlichen Nachbarländer öffnen."

Paul Flückiger, "Heim nach Polen", Die Welt vom 30. April 2008

Ebenfalls zugenommen hat die Armutsmigration, die durch das Wohlstandsgefälle zwischen reichen Staaten und Entwicklungsländern ausgelöst wird. Die EU erfährt einen unvermindert anhaltenden Migrationsdruck, der von Afrika, Osteuropa, Asien und der Karibik ausgeht. Ursachen der teilweise illegalen Einwanderungen liegen in Armut und fehlenden Beschäftigungsaussichten, oftmals bedingt durch unzureichende politische Rahmenbedingungen für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Herkunftsländer. Hinzu kommen Menschen, die vor Menschenrechtsverletzungen Zuflucht suchen.

Armuts- und Arbeitsmigration sind häufig Anlass politischer Diskussionen über Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen ausländischer Arbeitskräfte. Das oft zu hörende Vorurteil, ausländische Arbeiter könnten den Inländern die Arbeitsplätze wegnehmen, muss differenziert betrachtet werden. Wenn Einwanderer bereit sind, für weniger Lohn als im Inland üblich zu arbeiten, kann dies zu einem Absinken der Löhne führen. Angesichts des streng regulierten Zugangsrechts zum deutschen Arbeitsmarkt ist diese Sorge nicht generell berechtigt. In Teilen des Niedriglohnsektors, beispielsweise im Reinigungs- und Gaststättengewerbe, ist der verstärkte Konkurrenzdruck jedoch deutlich spürbar. Oftmals übernehmen Ausländer aber auch wichtige Arbeiten, die von Inländern auf dem Arbeitsmarkt nicht besonders nachgefragt werden. Dazu zählen etwa die häusliche Pflege älterer Menschen oder Erntearbeiten. Mit ihren Arbeitsleistungen, ihren Sozialabgaben und Steuern tragen ausländische Beschäftigte zum Bruttoinlandsprodukt bei.


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